{"id":43121,"date":"2018-03-24T11:45:59","date_gmt":"2018-03-24T10:45:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43121"},"modified":"2019-01-30T11:20:55","modified_gmt":"2019-01-30T10:20:55","slug":"wir-koennen-eine-welt-gestalten-wie-sie-die-welt-noch-nie-gesehen-hat-vor-50-jahren-wurde-rudi-dutschke-opfer-eines-attentats","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43121","title":{"rendered":"\u201eWir k\u00f6nnen eine Welt gestalten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat\u201c &#8211; Vor 50 Jahren wurde Rudi Dutschke Opfer eines Attentats"},"content":{"rendered":"<p>Am Gr&uuml;ndonnerstag, dem 11. April 1968 schoss ein junger Rechtsradikaler auf Rudi Dutschke und verletzte ihn schwer. Dutschke hatte Kopf und Leidenschaft der antiautorit&auml;ren Bewegung verk&ouml;rpert. Der Anschlag auf ihn wurde zum Ausl&ouml;ser der sogenannten Osterunruhen und setzte die Gewaltfrage auf die Tagesordnung. Die Bewegung verlor ihre spielerische Leichtigkeit und Heiterkeit und zerfiel kurz darauf. Das freibeuterische Denken der Revolte und ihr libert&auml;rer Sozialismus wichen einer R&uuml;ckkehr zu einer sterilen Orthodoxie und geschichtlich &uuml;berholten Vorstellungen von Klassenkampf und parteif&ouml;rmiger Organisation. Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die ganze Oppositionsbewegung krankt zurzeit daran, dass sie eine konkrete Utopie noch nicht ausgemalt hat. Das zu tun, ist die wichtigste Aufgabe der kritischen Theorie &ndash; gerade jetzt in der Zeit der sehr, sehr langen und komplizierten &Uuml;bergangsperiode, die bestimmt wird durch den Kampf gegen die bestehende Ordnung.&ldquo;<br>\n<em>(Rudi Dutschke 1967)<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Das Attentat<\/strong><\/p><p>Am 4. April 1968 wurde in Memphis\/USA Martin Luther King von einem Rassisten ermordet. Damit verlor die B&uuml;rgerrechtsbewegung in den USA ihre charismatische Leitfigur und ihren prominentesten Sprecher. In M&uuml;nchen las ein 23-j&auml;hriger rechtsradikaler Hilfsarbeiter namens Josef Bachmann einen Artikel &uuml;ber diesen Mord, schnitt ihn aus und legte ihn zu anderen Zeitungsausschnitten, die er gesammelt hatte. In ihnen wurde mehr oder weniger unverbl&uuml;mt zum Lynchen Rudi Dutschkes aufgefordert. Der Mord an King machte die in Bachmann tickende Bombe scharf und beschleunigte m&ouml;glicherweise die Realisierung seiner schon l&auml;nger gehegten Attentatspl&auml;ne. Er hatte mit einem NPD-Mitglied Schie&szlig;&uuml;bungen durchgef&uuml;hrt und verf&uuml;gte &uuml;ber rege Kontakte ins rechtsradikale Milieu. Er beschloss, nach Berlin zu fahren und dieses &bdquo;dreckige Kommunistenschwein&ldquo; zu erschie&szlig;en. Am 10. April 1968 fuhr er abends mit dem Interzonenzug nach Berlin. Im Gep&auml;ck zwei Pistolen und einen Zeitungsausschnitt aus der neofaschistischen &bdquo;Deutschen National- und Soldatenzeitung&ldquo; vom 22. M&auml;rz 1968 mit der Schlagzeile: &bdquo;Stoppt Dutschke jetzt! Sonst gibt es B&uuml;rgerkrieg&ldquo;. Darunter f&uuml;nf Fotos von Dutschke, angeordnet in Art eines Steckbriefs. Am Morgen des 11. April in Berlin angekommen, fragte er sich nach Dutschkes Adresse durch. Dieser war gerade aus Prag zur&uuml;ckgekehrt, wo er im &uuml;berf&uuml;llten Audimax der Karls-Universit&auml;t &uuml;ber den Prager Fr&uuml;hling und den von Dubcek propagierten &bdquo;Sozialismus mit menschlichem Antlitz&ldquo; gesprochen hatte, dessen Entwicklung Rudi mit kritischer Solidarit&auml;t beobachtete. Rudi hatte sich auf die Feuerbachthesen von Marx bezogen und unter dem Jubel von &uuml;ber 1.000 Studierenden darauf hingewiesen, dass &bdquo;die Erzieher selbst erzogen werden m&uuml;ssen&ldquo;. Am Nachmittag des 11. April war er unterwegs, um im SDS-Zentrum vorbeizuschauen und f&uuml;r seinen kranken Sohn ein Medikament zu besorgen. Man schickte Bachmann schlie&szlig;lich zum SDS-Zentrum am Kurf&uuml;rstendamm. Gegen 16:35 Uhr entdeckte er Rudi Dutschke mit seinem Fahrrad vor dem Geb&auml;ude. Er trat auf ihn zu und fragte: &bdquo;Sind Sie Rudi Dutschke?&ldquo; Als Rudi bejahte, feuerte er drei Kugeln auf ihn ab, zwei in den Kopf und eine in die Brust. Bachmann floh und wurde nach einem Schusswechsel mit der Polizei festgenommen. Bei seiner ersten Vernehmung gab er zu Protokoll: &bdquo;Ich m&ouml;chte zu meinem Bedauern feststellen, dass Dutschke noch lebt. Ich h&auml;tte eine Maschinenpistole kaufen k&ouml;nnen. Wenn ich das Geld dazu gehabt h&auml;tte, h&auml;tte ich Dutschke damit zers&auml;gt.&ldquo;<\/p><p>Warum will Bachmann unbedingt jemanden erschie&szlig;en, der sich zeitlebens f&uuml;r die Erniedrigten und Beleidigten, also f&uuml;r Leute wie ihn, eingesetzt hat? Um der Antwort auf diese Frage n&auml;her zu kommen, muss man die kritische Sozialpsychologie zu Rate ziehen. Das von seinen Erziehern gez&uuml;chtigte und gequ&auml;lte Kind ist dennoch auf deren Wohlwollen und Zuwendung angewiesen. Es muss seine Peiniger lieben, und diese sadomasochistische Verfilzung von Qu&auml;lerei und Liebe bleibt oft ein Leben lang wirksam. Die Erziehung zu Gehorsam und Unterwerfung unter Autorit&auml;ten m&uuml;ndet in eine &bdquo;Identifikation mit dem Angreifer&ldquo;, die einen Menschentyp hervorbringt, der verbissen seine eigene Knechtschaft verteidigt. Die in einem &bdquo;erb&auml;rmlichen geistigen und seelischen Zustand&ldquo; gehaltenen Menschen, schrieb der junge Max Horkheimer in seinem Buch &bdquo;D&auml;mmerung&ldquo;, &bdquo;sind die Affen ihrer Gef&auml;ngnisw&auml;rter, beten die Symbole ihres Gef&auml;ngnisses an und sind bereit, nicht etwa diese ihre W&auml;rter zu &uuml;berfallen, sondern den in St&uuml;cke zu rei&szlig;en, der sie von ihnen befreien will&ldquo;. Diesem, wenn man so will, perversen Mechanismus fielen immer wieder Revolution&auml;re zum Opfer &ndash; von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Kurt Eisner, Gustav Landauer bis Rudi Dutschke. <\/p><p><strong>Kopf und Herz der antiautorit&auml;ren Revolte<\/strong><\/p><p>Wer war dieser Rudi Dutschke, der den Hass dieses jungen Mannes und vieler anderer auf sich gezogen hatte? Er kam 1940 als viertes Kind von Alfred und Elisabeth Dutschke in Sch&ouml;nefeld bei Berlin zur Welt und wuchs im benachbarten Luckenwalde auf. Vater Dutschke war als Soldat im Krieg, so dass die vier S&ouml;hne zun&auml;chst unter der Obhut der Mutter aufwuchsen, die eine tief religi&ouml;se Protestantin war. Rudi wurde Mitglied der &bdquo;Jungen Gemeinde&ldquo; und verweigerte aus christlich-pazifistischen Gr&uuml;nden den Dienst in der Nationalen Volksarmee. Daraufhin wurde er in der DDR nicht zum Studium zugelassen, so dass er gezwungen war, nach West-Berlin auszuweichen. Nach dem Mauerbau im Jahr 1961 blieb er dort und begann, an der Freien Universit&auml;t Soziologie zu studieren. Den rebellischen Geist hatte er in den Westen mitgebracht. 1962 schloss er sich mit seinem damaligen Freund Bernd Rabehl, der ebenfalls in der DDR aufgewachsen war, der &bdquo;Subversiven Aktion&ldquo; an, einer kleinen Gruppe, die sich an der &bdquo;Situationistischen Internationale&ldquo; orientierte und ein undogmatisch-aktionistisches Revolutionsmodell vertrat. 1965 wurden die Beiden Mitglieder des Berliner SDS. Der k&ouml;rperlich eher kleine, aber sehr sportliche Dutschke wurde bald zur Leitfigur des antiautorit&auml;ren Lagers des SDS, das ab 1967 im Verband dominant wurde. Er war ein mitrei&szlig;ender Redner, ohne demagogisch zu sein. Er vermochte auszudr&uuml;cken, was die Leute bewegte und umtrieb. Rudi setzte auf ein Modell von Aufkl&auml;rung durch Aktion, das er in einem Gespr&auml;ch mit G&uuml;nter Gaus, das am 3. Dezember 1967 vom Fernsehen ausgestrahlt wurde, wie folgt erl&auml;uterte: &bdquo;Wir haben angefangen, eine Methode zu entwickeln, die sich dadurch auszeichnet, dass wir Aufkl&auml;rung &uuml;ber gesellschaftliche Tatbest&auml;nde in der ganzen Welt und in der eigenen Gesellschaft verbinden mit Aktionen. In der Vermittlung und in der Verbindung von Aufkl&auml;rung &ndash; systematischer Aufkl&auml;rung &ndash; &uuml;ber das, was geschieht, was uns tagt&auml;glich in den Zeitungen, in den Rundfunkorganen, auch im Fernsehen, vorenthalten wird.&ldquo; Gegen die systematische Hintanhaltung von Informationen gelte es, eine Gegen&ouml;ffentlichkeit zu schaffen, in der &uuml;ber das, was in der Welt geschieht, lebendig diskutiert werden k&ouml;nne. &bdquo;Wir wissen&ldquo;, fuhr Rudi fort, &bdquo;dass im Augenblick nur Minderheiten aufgekl&auml;rt werden k&ouml;nnen, aber Minderheiten, die geschichtlich die Chance haben, Mehrheiten zu werden. Heute sind wir nicht sehr viele. Aber das schlie&szlig;t doch nicht aus, dass immer mehr Menschen &hellip; vielleicht unsere Einsichten als richtige begreifen.&ldquo; <\/p><p><strong>Das Denken der Revolte<\/strong><\/p><p>Wer sich in das Denken Rudi Dutschkes und der antiautorit&auml;ren Revolte einlesen m&ouml;chte, kann das anhand des in der &bdquo;Bibliothek des Widerstands&ldquo; des Hamburger Laika-Verlages erschienenen Bandes &bdquo;Rudi Dutschke. Aufrecht gehen &ndash; 1968 und der libert&auml;re Kommunismus&ldquo; tun. Das Buch liefert keine Biographie Dutschkes im herk&ouml;mmlichen Sinn, sondern so etwas wie eine intellektuelle Biographie der Revolte, f&uuml;r die Dutschke stand und die er verk&ouml;rperte. Das Gespr&auml;ch zwischen Gaus und Dutschke sowie ein Portrait Dutschkes von Wolfgang Venohr aus dem Jahr 1968 sind dem Band als DVDs beigef&uuml;gt. Der einleitende Essay von Helmut Reinicke, einem Mitstreiter von Dutschke und Hans-J&uuml;rgen Krahl, ist nicht einfach zu lesen. Die Sprache und die Begrifflichkeit der Revolte klingen f&uuml;r heutige Ohren fremd und m&uuml;ssen erst wieder erlernt werden. Ohne diese M&uuml;he ist eine Wiederaneignung revolution&auml;rer Traditionen schwer denkbar. Eine Bewegung, die Herrschaft und Ausbeutung &uuml;berwinden will, muss sich auch einer Sprache bedienen, die nicht die Sprache von Herrschaft, Ware und Geld ist. Die heute dominante und von vielen jungen Leuten gesprochene Sprache ist extrem verarmt; es ist die Sprache der digitalen Medien, des Konsums und der Reklame. In ihr l&auml;sst sich das Gegebene nur verdoppeln, aber nicht in Richtung seiner noch &bdquo;ungewordenen M&ouml;glichkeiten&ldquo; (Ernst Bloch) transzendieren. Wer Widerspr&uuml;che nicht zu artikulieren vermag, wird sie irgendwann auch nicht mehr denken k&ouml;nnen. <\/p><p>Rudi selbst hatte sich dieser M&uuml;he unterzogen. Es ging f&uuml;r Rudi und die Linke in der BRD darum, die durch den Faschismus und die Restauration des Kapitals verloren gegangenen Jahre durch die Wiederaneignung der Literatur der Emanzipation zur&uuml;ckzugewinnen. Rudis ber&uuml;hmte schwarze Ledertasche war stets prall mit B&uuml;chern gef&uuml;llt. Er trug sie immer bei sich und las, wann immer er Zeit daf&uuml;r fand. Er arbeitete sich durch die Fr&uuml;hschriften von Marx, die in der DDR verp&ouml;nt gewesen waren; er las Rosa Luxemburg. Ihr Satz von &bdquo;der Freiheit, die immer die Freiheit der Andersdenkenden ist&ldquo;, entsprach seinen Erfahrungen in der DDR, blieb haften und wurde ihm zum Lebensprogramm. Er las Georg Luk&aacute;cs und Karl Korsch, die Repr&auml;sentanten eines westlichen Marxismus. &Uuml;ber Luk&aacute;cs wollte er urspr&uuml;nglich promovieren und er besuchte und befragte ihn in Budapest. Er las Frantz Fanons Buch &bdquo;Die Verdammten dieser Erde&ldquo; mit dem fulminanten Vorwort von Sartre. Er las und diskutierte mit Herbert Marcuse und Ernst Bloch, mit denen er sich anfreundete. Mit Bloch traf er im Februar 1968 auf einer Tagung in Bad Boll zusammen. In der Diskussion ging es um ein ver&auml;ndertes Verh&auml;ltnis von subjektiver und objektiver Dialektik. Auf letztere hatten die Zweite und die Dritte Internationale im Banne eines &ouml;konomistisch reduzierten Marxismus gesetzt. Die objektive Entwicklung der Produktivkr&auml;fte w&uuml;rde von sich aus eine Ver&auml;nderung der gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse hervorbringen. Der Sozialismus  fiele eines Tages wie ein reifer Apfel vom Baum der Geschichte und der Menschheit in den Scho&szlig;. Dutschke: &bdquo;&hellip; das Verh&auml;ltnis von subjektiver und objektiver Dialektik hat sich verkehrt zugunsten der subjektiven Dialektik. Es h&auml;ngt heute mehr denn je von der subjektiven T&auml;tigkeit der Menschen ab als von einer objektiven Dialektik.&ldquo; Geschichte sollte nicht mehr als Kette gesetzm&auml;&szlig;ig ablaufender Ereignisse begriffen werden, sondern als ein Feld von M&ouml;glichkeiten, die sich realisieren lassen, wenn die Menschen sich ihrer bewusst werden und f&uuml;r sie k&auml;mpfen. Er las nat&uuml;rlich auch das Buch, das Johannes Agnoli und Peter Br&uuml;ckner gemeinsam verfasst hatten, das &bdquo;Transformation der Demokratie&ldquo; hie&szlig; und aus dem die Revolte ihre Argumente gegen Parlamentarismus und b&uuml;rgerliche Demokratie bezog. Die 68er-Bewegung erweckte den R&auml;tegedanken und die Idee der Selbstverwaltung zu neuem Leben und versuchte, an die Traditionen und Diskussionen der fr&uuml;hen Weimarer Jahre anzukn&uuml;pfen. Die Literatur der Emanzipation und Revolution wurde peu &agrave; peu zur&uuml;ckgewonnen und f&uuml;r die eigene Theoriebildung fruchtbar gemacht. Die Schriften von Gustav Landauer, Anton Pannekoek, Herman Gorter, Otto R&uuml;hle, Paul Mattick und Karl Korsch und anderen R&auml;te-Theoretikern wurden neu herausgegeben und breit rezipiert. Rudi Dutschke formulierte in einem Gespr&auml;ch mit dem SPIEGEL 1967 programmatisch:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich denke, dass die Parteien und das Parlament nicht mehr die W&uuml;nsche, Interessen und Bed&uuml;rfnisse von vielen Menschen repr&auml;sentieren. Wir haben eine Interessendemokratie. Eine Vielfalt von Interessengruppen trifft sich an der politischen B&ouml;rse und macht in der Anerkennung des bestehenden Staates nur noch einen Scheinkampf um den Anteil am Brutto-Sozialprodukt. (&hellip;) Wir zielen ein System direkter Demokratie an &ndash; und zwar von R&auml;tedemokratie, die es den Menschen erlaubt, ihre zeitweiligen Vertreter direkt zu w&auml;hlen und abzuw&auml;hlen, wie sie es auf der Grundlage eines gegen jedwede Form von Herrschaft kritischen Bewusstseins f&uuml;r erforderlich halten.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Als der traditionalistische Fl&uuml;gel des SDS ein Schulungsprogramm zusammenstellte, das &uuml;ber den Kanon der Klassiker des Marxismus-Leninismus nicht hinausging, stellte Rudi eine eigene Literaturliste zusammen, die bis in die Gegenwart reichte und unter dem Titel &bdquo;Ausgew&auml;hlte und kommentierte Bibliographie des revolution&auml;ren Sozialismus&ldquo; in einer Sondernummer der SDS-Korrespondenz und dann auch im Rotbuch-Verlag erschien. Karl-Heinz Delwo hat sie dankenswerter Weise in den oben bereits erw&auml;hnten Band der &bdquo;Bibliothek des Widerstands&ldquo; aufgenommen und wieder zug&auml;nglich gemacht. <\/p><p>In einer ganzen Generation existierte eine riesige Lesewut und es wurde unglaublich viel gelesen. Alles musste nachgeholt werden. Am meisten lasen sicherlich Rudi Dutschke in Berlin und Hans-J&uuml;rgen Krahl in Frankfurt, die im Jahr 1967 auf der 22. Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt gemeinsam das ber&uuml;hmte &bdquo;Organisationsreferat&ldquo; hielten, das die Hegemonie des antiautorit&auml;ren Fl&uuml;gels untermauern sollte. Auch dieses Referat ist im von Helmut Reinicke eingeleiteten Band enthalten. Wir J&uuml;ngeren, die erst im Laufe der Revolte politisiert wurden, taten uns h&auml;ufig schwer, die Texte der SDS-Gr&ouml;&szlig;en zu verstehen. Aber wir erblickten in unserem Nicht-Verstehen eine Aufforderung, uns auf den Hintern zu setzen und daran zu arbeiten, unsere theoretischen Defizite zu beheben. Wir lasen ganze N&auml;chte hindurch und waren von einem unb&auml;ndigen Drang beseelt zu verstehen, wo unser Ort in der Geschichte war und was um uns herum geschah. Theorie galt uns als eine Art rauchverzehrende Lampe, die den Nebel vertrieb, der &uuml;ber den Verh&auml;ltnissen lag und den Einblick in ihre Struktur verwehrte. Aus Rudi Dutschkes kommentierter Bibliographie k&ouml;nnen Wissensdurstige auch heute noch wichtige Literaturhinweise beziehen. <\/p><p><strong>&bdquo;BILD hat mitgeschossen&ldquo; <\/strong><\/p><p>W&auml;hrend Rudi noch auf dem Operationstisch lag und die &Auml;rzte zwei Kugeln aus seinem Kopf entfernten, brach drau&szlig;en ein Sturm der Entr&uuml;stung los. Im Audimax der TU versammelten sich circa 2.500 Menschen, um auf Nachrichten aus dem Krankenhaus zu warten und zu beraten, was nun zu tun sei. Alle hatten das Gef&uuml;hl, dass die Kugeln auch ihnen gegolten hatten. Man war sich einig, dass BILD mitgeschossen hatte. Springer hatte zwar nicht selber den Finger am Abzug gehabt, aber ohne die in den Monaten vor dem Attentat von der Springer-Presse entfesselte Hetzkampagne gegen die rebellierenden Studenten und vor allem die Person Rudi Dutschkes w&auml;re die Tat von Bachmann kaum m&ouml;glich gewesen. Es zeugt vom Reifegrad der Bewegung, dass sie das Problem nicht personifizierte und an Josef Bachmann festmachte. Als <em>verantwortungslose St&ouml;rer, b&ouml;sartige Krawallmacher, Rowdies, rote SA, Kriminelle<\/em> und als <em>Sch&auml;dlinge der Gesellschaft<\/em> hatten die <em>Springer<\/em>-Zeitungen die Studenten beschimpft, nur weil sie von einem Grundrecht Gebrauch gemacht und gegen den Vietnamkrieg, Pressekonzentration, Notstandsgesetze und die Gro&szlig;e Koalition demonstriert hatten. Die <em>Springer<\/em>-Bl&auml;tter erkl&auml;rten die Studenten zu Freiwild und forderten zur Selbstjustiz auf: &bdquo;Man darf auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern &uuml;berlassen&ldquo;, hie&szlig; es zum Beispiel in der <em>Bild<\/em>-Zeitung vom 7.2.68. In der Person von Josef Bachmann hatte Springers Aufforderung ihren Vollstrecker gefunden. Das war keineswegs an den Haaren herbeigezogen. Vor Gericht r&auml;umte Bachmann sp&auml;ter ein, dass er sich tats&auml;chlich von hetzerischen Berichten in der <em>Bild<\/em>-Zeitung zu seiner Tat hatte anregen lassen. <\/p><p>Gegen 21 Uhr str&ouml;mte alles nach drau&szlig;en und setze sich in Richtung Springer-Haus in Bewegung, um den Versuch zu unternehmen, die Auslieferung der dort gedruckten Zeitungen zu verhindern. In dieser Nacht flogen die ersten Molotowcocktails &ndash; zur Verf&uuml;gung gestellt von Peter Urbach, einem Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, wie sich sp&auml;ter herausstellte. Die sogenannten Osterunruhen hielten nicht nur Westberlin, sondern die ganze BRD in Atem. Tausende belagerten die Springer-Druckereien und versuchten, die Auslieferung von <em>BILD<\/em> und <em>Welt<\/em> zu verhindern. Da es in Gie&szlig;en keine f&uuml;r Springer arbeitende Druckerei gab, beschlossen die Gie&szlig;ener Linken, nach Frankfurt zu fahren und sich an der Blockade der <em>Societ&auml;tsdruckerei<\/em> zu beteiligen, in der die regionale Ausgabe der Bild-Zeitung gedruckt wurde. Dort lieferten sich &uuml;ber 2000 Demonstranten tagelang Stra&szlig;enschlachten mit der Polizei. In einem gegen einen Gie&szlig;ener Demonstranten wegen dieser Blockade angestrengten Strafverfahren trat im November 1969 der Hannoveraner Psychologie-Professor Peter Br&uuml;ckner vor dem Landgericht Frankfurt als Sachverst&auml;ndiger auf und f&uuml;hrte in seinem Gutachten den Nachweis, dass die Springer-Presse eine Pogromstimmung erzeugt und sich der &bdquo;Volksverhetzung&ldquo; schuldig gemacht habe. Das auch heute noch lesenswerte Gutachten Br&uuml;ckners findet sich in dem 1983 im Wagenbach-Verlag erschienenen Band &bdquo;Die Zerst&ouml;rung des Gehorsams&ldquo;. Br&uuml;ckner f&uuml;hrte gegen Ende seiner gr&uuml;ndlich recherchierten Expertise aus, dass man bei n&uuml;chterner Betrachtung sagen m&uuml;sse, &bdquo;dass sich Rudi Dutschke sp&auml;testens vom Ende Februar 1968 an in Lebensgefahr befand&ldquo;. Damals waren bei einer vom Senat organisierten und der Springer-Presse propagandistisch vorbereiteten Demonstration gegen den vom SDS veranstalteten Vietnamkongress 80.000 &bdquo;anst&auml;ndige Berliner&ldquo; erschienen, die dort mal ordentlich die Sau rauslassen konnten. Sie br&uuml;llten &bdquo;Raus mit Dutschke, Teufel, Kunzelmann&ldquo;, &bdquo;Volksfeind Nr. 1 Rudi Dutschke&ldquo;, &bdquo;Politische Feinde ins KZ&ldquo; und &auml;hnliches mehr. Ein Mann, den die Menge mit Rudi Dutschke verwechselte, konnte einer Lynchmeute nur mit knapper Not entkommen. Mit Rufen wie &bdquo;Lyncht die Sau!&ldquo;, &bdquo;Schlagt ihn tot!&ldquo;, &bdquo;Kastriert das Judenschwein!&ldquo; jagten sie den jungen Mann durch die Stra&szlig;en. Am 24. Dezember 1967 wurde Rudi, als er die in der Ged&auml;chtniskirche versammelten Christen am Heiligen Abend an die Realit&auml;t des Vietnam-Kriegs erinnern wollte, von einem Kirchenbesucher mit seiner Kr&uuml;cke niedergeschlagen. Wenige Tage vor der Gro&szlig;demonstration wurde ein Auto, in dem Dutschke mit einigen Begleitern sa&szlig;, von einem Dutzend Taxis eingekreist. Als die Fahrer ausstiegen und sich dem Wagen bedrohlich n&auml;herten, konnte der Fahrer Rudi und seine Mitfahrer durch ein rasantes Man&ouml;ver gerade noch aus der Gefahrenzone bringen. <\/p><p><strong>Rudis Weg nach dem Attentat<\/strong><\/p><p>Rudi erholte sich langsam von den Folgen des Attentats. Aber die Sch&uuml;sse auf ihn hatten der Bewegung einen Knacks versetzt. Er hatte es verstanden, die Gemeinsamkeiten zu formulieren, der Bewegung Ziele zu geben und sie zusammenzuhalten. Er verk&ouml;rperte Theorie und Moral der Befreiung und fehlte nun an allen Ecken und Enden. Im Fr&uuml;hjahr 1970, wenige Wochen nach Krahls Unfalltod, l&ouml;ste sich der SDS auf. Mit Hans-J&uuml;rgen Krahl hatte die antiautorit&auml;re Bewegung eine weitere Integrationsfigur und einen brillanten Theoretiker verloren. Die Bewegung zerfiel in konkurrierende Parteien und Gruppierungen, die in verschiedene traditionalistische Sackgassen marschierten. Eine davon war der Weg in den bewaffneten Kampf und f&uuml;hrte zum Aufbau der RAF. All jene, die nun seit Jahrzehnten von der Studentenbewegung als &bdquo;geistigem N&auml;hrboden des Terrorismus&ldquo; schwadronieren, seien daran erinnert, dass die Gewaltfrage vom Staat und seinen medialen Sprachrohren auf die Tagesordnung gesetzt worden war. &bdquo;Der Spa&szlig; hat aufgeh&ouml;rt&ldquo;, schrieb Ulrike Meinhof nach dem Attentat auf Rudi in der Zeitschrift &bdquo;konkret&ldquo;. Sie selbst hatte gro&szlig;en Anteil daran, dass nun der blutige Ernst begann. Rudi Dutschke hatte in der Gewaltfrage stets eine klare Position bezogen. Lange bevor einige seiner Genossinnen und Genossen versuchten, die Methoden des bewaffneten Kampfes von Lateinamerika nach Westeuropa zu &uuml;bertragen, hatte er 1967 in einem <em>Spiegel<\/em>-Gespr&auml;ch betont, dass in den Metropolen kein Mensch mehr zu hassen und der bewaffnete Kampf als Mittel des politischen Kampfes abzulehnen sei. Die Herrschenden und ihre Politiker seien &bdquo;b&uuml;rokratische Charaktermasken&ldquo;, die er ablehne und bek&auml;mpfe, aber nicht hassen k&ouml;nne &ndash; wie Diktatoren in der Dritten Welt. Gegen Konzepte einer von Minorit&auml;ten angezettelten und durchgef&uuml;hrten Revolution setzte Rudi immer auf eine Revolution durch die Mehrheit und ihre Selbstt&auml;tigkeit. Nach dem Mord an Buback und seinen Begleitern &auml;u&szlig;erte er sich 1977 zusammen mit Herbert Marcuse und Heinrich B&ouml;ll in der Wochenzeitung <em>DIE ZEIT<\/em> noch einmal zur Gewaltfrage: &bdquo;Als Sozialist bek&auml;mpfe ich die Vertreter der herrschenden Klasse politisch und den au&szlig;erparlamentarischen und parlamentarischen M&ouml;glichkeiten gem&auml;&szlig; &ndash; nicht mit der sich von der Bev&ouml;lkerung abwendenden Methode des individuellen Terrors.&ldquo; Jenseits aller strategisch-taktischen Erw&auml;gungen war Rudi grunds&auml;tzlich davon &uuml;berzeugt, dass Hass das Antlitz der Revolution entstellte und die emanzipatorischen Ziele kompromittierte. In seiner Auseinandersetzung mit einem Text von Che Guevara hatte er betont, dass jeder Form des Hasses die Gefahr des Umschlags von militantem Humanismus, wie Rudi ihn vertrat, in verselbst&auml;ndigten Terror innewohne. <\/p><p>Rudi Dutschke arbeitete sich &ndash; mit der ihm eigenen Disziplin und tatkr&auml;ftiger Unterst&uuml;tzung einiger Freunde und vor allem seiner Frau Gretchen &ndash; ins Leben zur&uuml;ck, lernte wieder zu sprechen, zu denken und zu schreiben. Die Familie emigrierte &uuml;ber die Schweiz, Italien, England nach D&auml;nemark, wo sie sesshaft wurde. Rudi wurde beinahe wieder der Alte, promovierte und nahm Lehrauftr&auml;ge an verschiedenen Universit&auml;ten wahr. Doch etwas fehlte, wie es bei Brecht hei&szlig;t. Seine politische Verortung war weggebrochen; die Fl&uuml;sse, die er befahren hatte, f&uuml;hrten kein Wasser mehr. Er sa&szlig; auf dem Trockenen und begann, nach einem Ersatz f&uuml;r den verlorengegangenen SDS zu suchen. Rudi beteiligte sich an der Parteigr&uuml;ndungsdiskussion, die ab Mitte der 1970er Jahre in der undogmatischen Linken gef&uuml;hrt wurde. Er engagierte sich bei den sich bildenden Gr&uuml;nen und wurde Mitglied von deren Bremer Ortsgruppe. Er wurde zum Delegierten f&uuml;r den Gr&uuml;ndungsparteitag auf Bundesebene gew&auml;hlt, der im Januar 1980 stattfinden sollte. Da erlitt er am Heiligen Abend 1979 in Aarhus einen epileptischen Anfall &ndash; eine Folge des Attentats &ndash; und ertrank in der Badewanne. Anfang Januar 1980 wurde er in Berlin-Dahlem beerdigt, nicht weit von der Freien Universit&auml;t, die sein Bet&auml;tigungsfeld gewesen war und an der er seine gr&ouml;&szlig;ten Triumphe gefeiert hatte.<\/p><p>Ich gehe davon aus, dass Rudi die <em>Gr&uuml;nen<\/em> sp&auml;testens nach deren Einsatz f&uuml;r eine deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg verlassen h&auml;tte. Die erste deutsche  Kriegsteilnahme seit 1945 w&auml;re mit Rudis moralischen und politischen Grund&uuml;berzeugungen nicht vereinbar gewesen. Nicht zuletzt seine protestantische Pr&auml;gung hinderte ihn daran, seinen Mantel nach jedem Wind zu h&auml;ngen und Grundprinzipien dem politischen Tagesgesch&auml;ft zu opfern. Auch das Einschwenken der Gr&uuml;nen in den neoliberalen Mainstream  und die Marktverg&ouml;tterung waren sicher nicht in seinem Sinne. Er w&auml;re heute vermutlich ein Einzelk&auml;mpfer &ndash; das, was Peter Br&uuml;ckner als &bdquo;einsam wandelndes Nashorn&ldquo; bezeichnet hat. Entmutigt w&auml;re er wahrscheinlich dennoch nicht. Im Gespr&auml;ch mit Gaus hatte er gesagt: &bdquo;Es gibt keine Sicherheit f&uuml;r die Zukunft, dass wir nicht scheitern. Aber wenn die freie Gesellschaft sehr unwahrscheinlich ist, bedarf es umso gr&ouml;&szlig;erer Anstrengungen, die historische M&ouml;glichkeit zu verwirklichen, ohne die Sicherheit zu haben, dass es wirklich gelingen wird. Es h&auml;ngt vom Willen der Menschen ab, dass sie es schaffen, und wenn wir es nicht schaffen, dann haben wir eine historische Periode verloren. Als Alternative steht vielleicht Barbarei!&ldquo;<\/p><p><strong>Das unabgegoltene Erbe der Revolte<\/strong><\/p><p>Wir werden gegenw&auml;rtig von unseren Gegnern dar&uuml;ber belehrt, dass der Klassenkampf nach wie vor gef&uuml;hrt und ausgetragen wird. Die politische Rechte bl&auml;st zum finalen Angriff auf die Errungenschaften der Revolte. &bdquo;F&uuml;nfzig Jahre nach 1968 wird es Zeit f&uuml;r eine b&uuml;rgerlich konservative Wende in Deutschland&ldquo;, schrieb Alexander Dobrindt von der CSU unl&auml;ngst in der Zeitung <em>Die Welt<\/em>, und J&ouml;rg Meuthen von der AfD sagte bereits im Jahr 2016: &ldquo;Wir wollen weg vom links-rot-gr&uuml;n-versifften 68er-Deutschland und hin zu einem friedlichen, wehrhaften Nationalstaat.&ldquo; Der Angriff der Rechten richtet sich nicht nur gegen Bastionen vermeintlich linker Meinungsmache und den im links-liberalen Milieu beheimateten Multikulturalismus, sondern zielt letztlich auf die M&ouml;glichkeit der Revolution selbst. Die Erinnerung daran, dass eine menschliche Welt m&ouml;glich ist, soll getilgt werden. Ein gro&szlig;es Vergessen soll sich breitmachen und jede Alternative schon im Ansatz erstickt werden. <\/p><p>Ein Blick auf den Zustand der j&uuml;ngeren Generation zeigt, dass dieses Vorhaben bereits weit vorangekommen ist. Das gilt leider auch f&uuml;r das Gros der heutigen Studierenden. Sie unterwerfen sich den Anforderungen einer zur Lernfabrik verkommenen Universit&auml;t und lassen sich widerspruchs- und widerstandslos zu &bdquo;Kopflangern&ldquo; (Brecht) des digitalisierten Kapitals herrichten. Sie begeben sich auf ein Reise-nach-Jerusalem-Spiel um gutbezahlte Jobs und verfahren nach dem altgriechischen Motto: &bdquo;Gl&uuml;ck ist, wenn der Pfeil (der Arbeitslosigkeit) den Nebenmann trifft&ldquo;. Konkurrenz und Ellenbogeneinsatz statt Solidarit&auml;t und gegenseitiger Hilfe. Sie pfeifen sich leistungssteigende Medikamente rein, verg&ouml;ttern Markt und Effizienz, rennen wie Somnambule hinter ihren Smartphones her und trinken auf dem Weg zur Uni einen <em>Coffee to Go<\/em>. Statt sich in den Kampf zu st&uuml;rzen, jagen sie Pok&eacute;mons und tanzen nach der digitalen Pfeife. Insgeheim ahnen oder wissen sie, dass sie keine Perspektiven haben. Das macht sie latent w&uuml;tend und gereizt. Deswegen besaufen sie sich regelm&auml;&szlig;ig und trinken oder kiffen sich weg aus einer frustrierenden Realit&auml;t. Dass sie diese &auml;ndern k&ouml;nnten, ist ein Gedanke, der ihnen fremd ist. Von Revolution ist blo&szlig; noch die Rede, wenn es um eine neue Gesch&auml;ftsidee oder die Gr&uuml;ndung eines Start-up-Unternehmens geht. Ihr Traum, den sie leben wollen &ndash; wie ein g&auml;ngiger Werbeslogan hei&szlig;t &ndash; ist ganz von dieser Welt: reich sein, Karriere machen und dabei Spa&szlig; haben. <\/p><p>Aber auch viele ehemalige Linke haben sich von der Idee des Klassenkampfes und der Revolution l&auml;ngst verabschiedet und ihren Frieden mit den herrschenden Verh&auml;ltnissen gemacht. Sie haben sich in deren privilegierten Zonen h&auml;uslich eingerichtet; sie w&auml;hlen vielleicht noch gr&uuml;n, haben die <em>taz<\/em> abonniert und kaufen ihre Lebensmittel im Bioladen. Gerade ehemalige 68er haben ein B&uuml;&szlig;ergewand &uuml;bergezogen und ihren ehemaligen Zielen abgeschworen. Sie zeihen die 68er-Bewegung totalit&auml;rer Absichten und halten es inzwischen f&uuml;r ein Gl&uuml;ck, dass die Bewegung mit ihren Forderungen nicht durchgekommen ist. Die herrschenden Medien tun alles, um diesen Eindruck zu best&auml;rken und fahren jede Menge sogenannter Zeitzeugen auf, die ins gleiche Horn blasen. Dabei ist es eine &uuml;ble Geschichtsklitterung, das Wesen der 68er-Revolte habe sich in der RAF offenbart. Die RAF war eines der zahlreichen Spalt- und Zerfallsprodukte einer Revolte, auf die wir mit Stolz zur&uuml;ckblicken k&ouml;nnen und auf deren Gehalte wir uns gerade heute zur&uuml;ckbesinnen sollten. Die Revolte war vor allem darin bahnbrechend, dass sie die in der &Auml;ra nach Marx zerbrochene dialektische Einheit von Ver&auml;nderung der Umst&auml;nde und Selbstver&auml;nderung wiederhergestellt hat. Marx und Rimbaud kamen endlich zusammen: die Welt ver&auml;ndern und das Leben ver&auml;ndern. Die Revolutionierung der gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse und die Revolutionierung der menschlichen Psyche galten als zwei Seiten ein und desselben Prozesses. Was die Revolte auf ihrem bewegten H&ouml;hepunkt f&uuml;r knapp zwei Jahre gl&uuml;cklich umklammert hatte, entmischte sich Anfang der 1970er Jahre wieder. Von Marcuse f&uuml;hrte der Weg innerhalb weniger Wochen zu Lenin. Die sogenannte &bdquo;proletarische Wende&ldquo; verfehlte die Wirklichkeit der BRD; die Bewegung fiel zur&uuml;ck auf das Niveau der Klassenk&auml;mpfe im Russland zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit dem Marsch in die Traditionalisierung nahm die zerfallende Bewegung ihre Zerschlagung in eigene Regie.<\/p><p>Dagegen hatte sich das antiautorit&auml;re Lager in vielen Belangen wirklich auf der H&ouml;he der Zeit befunden. In seinem &bdquo;wilden Denken&ldquo; hatte es alle bis heute existentiellen Fragen angerissen: vom versklavenden Konsum, sinnloser Arbeit, langweiliger Freizeit, medialer Massenmanipulation und einem letztlich ungelebten Leben bis hin zu Fragen der Erziehung, Partnerschaft und Sexualit&auml;t. Gegen einen ausgeh&ouml;hlten und verselbst&auml;ndigten parlamentarischen Betrieb und verkn&ouml;cherte Parteistrukturen, die die Menschen zu Objekten der Apparate degradieren und unf&auml;hig sind, den Willen der Menschen zum Ausdruck zu bringen, setzte die Revolte auf die Wiederbelebung der Idee einer von unten nach oben aufgebauten und durchl&auml;ssigen R&auml;tedemokratie. Angesichts des aktuell grassierenden &Uuml;berdrusses an den etablierten Systemen der Repr&auml;sentation t&auml;te die Linke gut daran, den R&auml;tegedanken zeitgem&auml;&szlig; wiederzubeleben. Wenn wir, die libert&auml;ren Linken, das verbreitete Unbehagen nicht aufgreifen, tun es andere. Die Rechten eignen sich seit Jahren diesen Rohstoff an und setzen das verbreitete Unbehagen nach r&uuml;ckw&auml;rts in Richtung &bdquo;Volksgemeinschaft&ldquo; in Gang. Am politisch-gesellschaftlichen Horizont ziehen dunkle Wolken auf und wir m&uuml;ssen uns ranhalten, wenn sich nicht das gesellschaftliche Ganze erneut verfinstern soll.<\/p><p>Ich schlie&szlig;e mich Didier Eribon an, der k&uuml;rzlich davon sprach, dass wir, wenn wir sowohl die neoliberale Technokratie als auch den fremdenfeindlichen Nationalismus bek&auml;mpfen wollen, dringend ein neues linkes Denken und eine neue linke Praxis entwickeln m&uuml;ssen. Die seit Jahren andauernde Krise und Paralyse des linken Denkens lasse sich nur &uuml;berwinden, &bdquo;wenn wir uns den Geist von 68 wieder zu eigen machen.&ldquo; Die Revolte hatte ein Bewusstsein davon, dass man die Revolution nicht macht, weil man den historischen Materialismus durchsetzen m&ouml;chte, sondern, wie Rudi Dutschke es ausgedr&uuml;ckt hat, aus &bdquo;existentiellem Ekel&ldquo; an Formen b&uuml;rgerlichen Lebens oder Nicht-Lebens und weil einem die entfremdeten Lebensbedingungen die Luft zum Atmen nehmen. Die Revolte hat auf ihrem H&ouml;hepunkt die Idee einer Revolution hervorgebracht, deren Hauptsorge nicht mehr der Steigerung der Produktion galt, sondern der Entfaltung der menschlichen M&ouml;glichkeiten und des Gl&uuml;cks. <\/p><p>Im bereits erw&auml;hnten Gespr&auml;ch mit Gaus sagte Rudi:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir k&ouml;nnen es &auml;ndern. Wir sind nicht hoffnungslose Idioten der Geschichte, die unf&auml;hig sind, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Das haben sie uns jahrhundertelang eingeredet. &hellip; Wir k&ouml;nnen eine Welt gestalten, wie sie die Welt noch nie gesehen hat, eine Welt, die sich auszeichnet, keinen Krieg mehr zu kennen, keinen Hunger mehr zu haben, und zwar in der ganzen Welt. Das ist unsere geschichtliche M&ouml;glichkeit &hellip;&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte lang als Gef&auml;ngnispsychologe. In der &raquo;Edition Georg-B&uuml;chner-Club&laquo; erschien im Juli 2016 unter dem Titel &raquo;Zwischen Arbeitswut und &Uuml;berfremdungsangst&laquo; der zweite Band seiner &raquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&laquo;. Der erste Band &raquo;Zwischen Amok und Alzheimer&laquo; ist 2015 im Verlag Brandes und Apsel erschienen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Gr&uuml;ndonnerstag, dem 11. April 1968 schoss ein junger Rechtsradikaler auf Rudi Dutschke und verletzte ihn schwer. Dutschke hatte Kopf und Leidenschaft der antiautorit&auml;ren Bewegung verk&ouml;rpert. Der Anschlag auf ihn wurde zum Ausl&ouml;ser der sogenannten Osterunruhen und setzte die Gewaltfrage auf die Tagesordnung. Die Bewegung verlor ihre spielerische Leichtigkeit und Heiterkeit und zerfiel kurz darauf.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43121\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[124,212,165,161],"tags":[352,1276,2156,1904,1437,1759,2082,1544,2252,866,2105,2283,2132,271],"class_list":["post-43121","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-demokratie","category-gedenktagejahrestage","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-wertedebatte","tag-68er","tag-attentat","tag-biographie","tag-direkte-demokratie","tag-dutschke-rudi","tag-entsolidarisierung","tag-eribon-didier","tag-kampagnenjournalismus","tag-klassenkampf","tag-konkurrenzdenken","tag-raf","tag-revolution","tag-sozialismus","tag-springer"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43121","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=43121"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43121\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48876,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43121\/revisions\/48876"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=43121"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=43121"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=43121"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}