{"id":4317,"date":"2009-11-06T08:49:28","date_gmt":"2009-11-06T07:49:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4317"},"modified":"2014-01-23T11:28:33","modified_gmt":"2014-01-23T10:28:33","slug":"die-neuen-sozialliberalen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4317","title":{"rendered":"Die neuen Sozialliberalen?"},"content":{"rendered":"<p>Wer gehofft hatte, Sloterdijks Provokation gegen den Sozialstaat und eine solidarische Gesellschaft in der wirtschaftsliberalen <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub9A19C8AB8EC84EEF8640E9F05A69B915\/Doc~E3E570BE344824089B6549A8283A0933B~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">FAZ<\/a> w&uuml;rde als das Kr&auml;hen eines in die Jahre gekommenen eitlen Gockels abgetan, das allenfalls im Feuilleton ein Echo ausl&ouml;sen w&uuml;rde, hat sich get&auml;uscht. Der Hahn kr&auml;hte offenbar auf einem gro&szlig;en Misthaufen, auf dem sich die selbsternannten Zeitgeistinterpreten wonnig suhlen und den Gestank derJauche als Hauch einer neuen Epoche verk&uuml;nden wollen. Da sind nicht nur die derben Zyniker von Sarrazin bis Buschkowsky, sondern von der <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article5045617\/Sozialstaat-foerdert-Entstehen-der-Unterschicht.html\">&bdquo;Welt&ldquo;<\/a> &uuml;ber die Sendung von Anne Will bis hin in die <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/in_und_ausland\/kultur_und_medien\/feuilleton\/2060312_Debatte-Sloterdijk-Die-neuen-Sozialliberalen.html\">Frankfurter Rundschau<\/a> verteilt sich jetzt der reaktion&auml;re Mief der Ver&auml;chter einer solidarischen Gesellschaft &uuml;ber die Medien. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nNun mischt sich auch der in die Vorstandsetage des Zeitungsverlags DuMont aufger&uuml;ckte ehemalige Chefredakteur des K&ouml;lner Stadt-Anzeigers, Franz Sommerfeld, in der hauseigenen FR in die von Sloterdijk angesto&szlig;ene Kampagne ein:<\/p><p>17 Prozent der unter Drei&szlig;igj&auml;hrigen h&auml;tten bei der Bundestagswahl liberal gew&auml;hlt. Ein genauerer Blick in die Untersuchungen zur Wahl zeige, dass hier keine Generation kaltherziger Neoliberaler heranwachse, sondern junge, durchaus sozial eingestellte Pragmatiker, wenig ideologisch gesteuert und nat&uuml;rlich &ouml;kologisch verantwortungsbewusst. Als &bdquo;neue Sozialliberale&ldquo; werden sie charakterisiert, als ein &bdquo;Milieu von Intellektuellen und Kreativen, die einst gr&uuml;n gew&auml;hlt haben und heute f&uuml;r die FDP votieren.&ldquo; Sie betrieben schnell entstehende und vergehende Unternehmen und m&uuml;ssten sich viertelj&auml;hrlich der Abrechnung ihrer Umsatzsteuervoranmeldung beim Finanzamt widmen. F&uuml;r sie habe der Begriff der &ldquo;Transferleistung&rdquo; eine andere Anschaulichkeit als f&uuml;r den, der monatlich seinen Gehaltszettel abhefte&hellip;&ldquo;Wer unter schwierigen Verh&auml;ltnissen auf seine Leistung stolz ist, hinterfragt den Sinn seiner Abgaben an den Staat naturgem&auml;&szlig; eher&ldquo;, schreibt Sommerfeld.<\/p><p>Die These vom &bdquo;steuerstaatlich zugreifenden Semi-Sozialismus&ldquo; (Sloterdijk) scheint die Stimmungslage der dem Staat wie einem uners&auml;ttlichen Moloch gegen&uuml;ber feindlich gesinnten Sozialstaatsgegner offenbar getroffen zu haben. Nun findet geradezu ein Hahnschrei-Wettkampf statt.<\/p><p>Aus dem banalen Umfrageresultat, dass dreiviertel aller Befragten f&uuml;r Steuersenkungen sind, leitet Franz Sommerfeld gleich einen &bdquo;grundlegender Umschwung des geistigen Klimas im Lande&ldquo; ab. Wer w&auml;re eigentlich nicht etwa auch f&uuml;r eine Senkung des Bierpreises oder gar f&uuml;r Freibier f&uuml;r alle? K&ouml;nnte man daraus den Umschwung Deutschlands zu einem Volk von S&auml;ufern ableiten?<\/p><p>Dass hier eine neue Ideologie oder zumindest eine Oberklassenweltanschauung gepredigt wird, l&auml;sst sich schon damit belegen, dass diejenigen, die den Staat nur noch als (bettelnden und l&auml;stigen) Almosenempf&auml;nger betrachten m&ouml;chten, die Fakten schlicht leugnen.<br>\nDa wird von einem &bdquo;steuerstaatlich zugreifenden Semi-Sozialismus&ldquo; geschwafelt und ignoriert, dass die Staatsquote in Deutschland seit 1996 von 49,3% auf 43,5&nbsp;% im Jahr 2008 <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/320_91936.html\">zur&uuml;ckgegangen ist<\/a>.  In der Eurozone haben nur noch Irland, Spanien und Luxemburg niedrigere Quoten. Da schreibt Sommerfeld vom &bdquo;ausufernden Steuerstaat&ldquo; und leugnet die Tatsache, dass nach offiziellen Angaben des Bundesfinanzministers in der Summe die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, aber auch der Mittelstand in den letzten Jahren um fast 60 Milliarden &euro; entlastet worden sind und unser Land mit <a href=\"?p=3404\">rund 22 % eine der niedrigsten Steuerquoten unter allen Industrienationen hat<\/a>.<\/p><p>Wer behauptet, dass die Ausgaben von Bund und L&auml;ndern in den letzten zehn Jahren zu stark ausgeweitet worden seien, muss sich fragen lassen, ob eine Volkswirtschaft wie Deutschland mit einer noch niedrigeren Staatsquote in der Lage sein kann, eine ausreichende Versorgung mit &ouml;ffentlichen G&uuml;tern, insbesondere im Bereich der Bildung und der Infrastruktur zu gew&auml;hrleisten. Schon heute liegt Deutschland bei diesen zentralen Zukunftsinvestitionen weit unter dem Durchschnitt vergleichbarer L&auml;nder.<\/p><p>Dass 17% der unter Drei&szlig;igj&auml;hrigen FDP gew&auml;hlt haben, hat mit ziemlicher Sicherheit weniger damit zu tun, dass diese Gruppe als junge Unternehmer t&auml;tig ist, sondern viel eher damit, dass sie als &bdquo;Beruf Sohn&ldquo; oder als &bdquo;Beruf Tochter&ldquo; sind und nicht danach fragen m&uuml;ssen, was etwas kostet, sondern ob die Familie bzw. der Vater bezahlt. Die meisten d&uuml;rften n&auml;mlich an &bdquo;Vaters Tropf&ldquo; h&auml;ngend noch einem Studium nachgehen. Es spricht dar&uuml;ber hinaus f&uuml;r ein ziemlich gro&szlig;b&uuml;rgerliches Denken, wenn man so tut, als unterl&auml;gen diejenigen, denen die Steuern vorab vom Lohn abgezogen wird, einer quasi-sozialistischen Dressur, w&auml;hrend der viertelj&auml;hrliche Vorsteuerabzug den Stolz auf die pers&ouml;nliche Leistung verletze. D&uuml;rfen Lohnabh&auml;ngig auf ihre Leistung etwa nicht stolz sein?<\/p><p>Am gleichen Tag an dem das <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Presse\/pm\/2009\/11\/PD09__418__221,templateId=renderPrint.psml\">Statistische Bundesamt<\/a> mitteilt, dass im Jahr 2008 768.000 Personen (darunter 410.000 bed&uuml;rftige Rentner) (das sind 4,8% mehr als im Vorjahr) Leistungen der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung in Anspruch nehmen m&uuml;ssen, um ihre Existenz zu sichern, reden die Claqueure Sloterdijks &uuml;ber den &bdquo;Bruch mit der staatlichen Mangelpflege&ldquo;. In Zeiten, in denen gegen&uuml;ber immer mehr Hartz IV-Beziehende Sanktionen verh&auml;ngt werden (2008 waren geschah dies 780.000 Mal) wird &uuml;ber das angebliche sozialpolitische Motto &bdquo;Zuschauen und Zahlen&ldquo; gespottet.<\/p><p>Da wird nicht eine seit Jahren verfehlte Finanz- und Wirtschaftspolitik kritisiert, die die Arbeitslosigkeit wieder drastisch ansteigen l&auml;sst, sondern der Frage nachgegangen, &bdquo;inwieweit die bisherige Sozialpolitik zur Bildung und Verfestigung&ldquo; der Unterschicht beigetragen habe. Eine derartige Verkehrung von Ursache und Wirkung wird noch unter dem Deckmantel der &bdquo;Philosophie&ldquo; verkauft. In Wirklichkeit ist es blanke Ideologie, die eine Abkehr vom Sozialstaat hin zum karitativen Barmherzigkeitsstaat des Mittelalters propagiert.<br>\n&bdquo;Sozial-liberal&ldquo; hei&szlig;t in diesem Weltbild, dass die Verm&ouml;genden frei sind, den Armen eine soziale Wohltat zukommen zu lassen.<\/p><p>Weil diese uns&auml;gliche Debatte ja um sich greift, soll anl&auml;sslich des Kommentars von Franz Sommerfeld in der FR nochmals an die Sendung von Anne Will vom 1.November erinnert werden. Dazu schrieb uns unser Leser Wieland Hempel: <\/p><p>&bdquo;Anne Will vom letzten Sonntag verdient doch noch eine Nachlese<\/p><ul>\n<li>wegen Norbert Bolz, der den Sloterdijk gab,<\/li>\n<li>wegen des Beifalls, den er f&uuml;r seine aggressive Rhetorik bekam und<\/li>\n<li>wegen der vornehmen Zur&uuml;ckhaltung von Hannelore Kraft.<\/li>\n<\/ul><p>&nbsp;<br>\nDie beiden letzteren Punkte geh&ouml;ren zusammen. Die sachliche Entgegnung auf Bolz, er verbreite Ideologie, kann nur bei Menschen ankommen, die diese Meinung dank eigenen Urteilsverm&ouml;gens ohnehin schon haben. Warum sollte&nbsp; man der wichtigsten Kandidatin des Jahres 2010 nicht raten, diese neoliberalen Lautsprecher offensiv zu attackieren? Oder macht sie sich noch Illusionen &uuml;ber den geistigen Bodensatz im Lande, mit dem die Sloterdijks erfolgreich spielen? Was &ldquo;Ideologie&rdquo; ist, m&uuml;sste plastisch vorgef&uuml;hrt werden, z.B. dass der unterstellte Naturzustand privilegierter Existenz (&ldquo;Der einzige und sein Eigentum&rdquo;) verkennt, dass der Million&auml;r als einzelner verhungern m&uuml;sste, weil er weder Getreide anbauen noch Br&ouml;tchen backen kann, sondern von der gesellschaftlichen Arbeitsteilung lebt; die Verteilung des gesellschaftlich erarbeiteten Reichtums ist deshalb eine gesellschaftliche Frage und die von Rechts ins L&auml;cherliche gezogene Belastung der &ldquo;starken Schultern&rdquo; eine legitime Forderung, zumal in einer Demokratie. Auch das Bundesverfassungsgericht mit seiner Erl&auml;uterung des Menschenbildes des Grundgesetzes m&uuml;sste nicht dezent beschwiegen werden.&ldquo;<\/p><p>Siehe dazu noch einmal: <a href=\"?p=2887\">Wieland Hempel &bdquo;Die schleichende Revolution&ldquo;<\/a>.<\/p><p><strong>Anmerkung:<\/strong> Der Fairness halber soll darauf hingewiesen, dass die FR in dieser Debatte schon etliche kritische Beitr&auml;ge geliefert hat, auf die wir schon hingewiesen haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer gehofft hatte, Sloterdijks Provokation gegen den Sozialstaat und eine solidarische Gesellschaft in der wirtschaftsliberalen <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub9A19C8AB8EC84EEF8640E9F05A69B915\/Doc~E3E570BE344824089B6549A8283A0933B~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">FAZ<\/a> w&uuml;rde als das Kr&auml;hen eines in die Jahre gekommenen eitlen Gockels abgetan, das allenfalls im Feuilleton ein Echo ausl&ouml;sen w&uuml;rde, hat sich get&auml;uscht. Der Hahn kr&auml;hte offenbar auf einem gro&szlig;en Misthaufen, auf dem sich die selbsternannten Zeitgeistinterpreten wonnig<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4317\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[1,41,145,137],"tags":[339,417,328],"class_list":["post-4317","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-kritische-tagebuch","category-medienanalyse","category-sozialstaat","category-steuern-und-abgaben","tag-chauvinismus","tag-sloterdijk-peter","tag-welt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4317","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4317"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4317\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20119,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4317\/revisions\/20119"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4317"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4317"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4317"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}