{"id":43196,"date":"2018-03-28T08:39:34","date_gmt":"2018-03-28T06:39:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43196"},"modified":"2019-04-25T15:12:37","modified_gmt":"2019-04-25T13:12:37","slug":"was-macht-die-linke-falsch-eine-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43196","title":{"rendered":"Was macht die Linke falsch? \u2013 Eine Rezension"},"content":{"rendered":"<p>Im Westend-Verlag ist ein neues Buch erschienen, das die Frage untersucht, warum seit Jahren rechte politische Positionen immer mehr Zulauf bekommen und f&uuml;r linke Alternativen keine Mehrheiten zustande kommen. Autor ist der Journalist <strong>Roberto J. De Lapuente<\/strong>, der unter anderem f&uuml;r das Neue Deutschland schreibt. Sein Buch hat den Titel &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/rechts-gewinnt-weil-links-versagt\/\">Rechts gewinnt, weil Links versagt. Schlammschlachten, Selbstzerfleischung und rechte Propaganda<\/a>&ldquo;. <strong>Udo Brandes<\/strong> hat es f&uuml;r die NachDenkSeiten gelesen.<br>\n<!--more--><br>\nDe Lapuentes Standpunkt lautet zusammengefasst etwa so: Das Image linker Politik wird massiv &uuml;berschattet von linken Sektierern, die fundamentalistisch in Schwarz-\/Wei&szlig;-Kategorien denken, eine reine Lehre predigen und sich meilenweit von den realen Problemen der gro&szlig;en Mehrheit entfernt haben. Diese Sektierer sind nicht zufrieden mit konkreten, einzelnen Verbesserungen, die Schritt f&uuml;r Schritt &bdquo;das System&ldquo; evolution&auml;r verbessern, sondern vertreten die Position des &bdquo;Alles oder nichts&ldquo;. Entweder man beseitigt das kapitalistische System komplett und schafft ein neues, gerechtes System oder man begeht Verrat an der guten Sache, weil man korrupt ist und sich auf Kompromisse mit den Repr&auml;sentanten des Systems einl&auml;sst. Treffend schildert er diese Haltung als eine Form narzisstischen Hochmutes und als eine Strategie zum Zwecke sozialer Abgrenzung und moralischer Selbsterh&ouml;hung: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die sinnliche Wahrnehmung ist es jedenfalls nicht, die in diesem Lager von narzisstischer Bedeutung ist (De Lapuente bezieht sich hier auf das Tragen von Markenkleidung oder das Schminken; UB). Womit man sich in die Selbstbewunderung st&uuml;rzt, ist ein idealistischer Ansatz: Man will ein guter, weil ein gescheiter Mensch sein. Die Moral ist hier nicht nur Steckenpferd, es ist exklusive Gesellschaft. &Uuml;ber Moral grenzt man sich zu anderen ab und sch&ouml;nt das eigene Dasein. Moralische H&auml;sslichkeit den anderen, dem System, den unbedarften B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern zu unterstellen &ndash; ob berechtigt oder nicht, ob aus Anlass oder unvermittelt &ndash;, damit erhebt man sich tagt&auml;glich in den Rang eines moralisch einwandfreien Menschen&ldquo; (S. 86).\n<\/p><\/blockquote><p>Dar&uuml;ber hinaus seien viele Linke stark postmaterialistisch und idealistisch orientiert und viel zu wenig an harten, materialistischen Verteilungsfragen interessiert.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Linker Protest gegen Rassismus, Homophobie oder rechte Alternativen sind ja ganz ohne Frage und Zweifel gut und mit v&ouml;lliger Sicherheit notwendig. Man muss den Anf&auml;ngen wehren. Einerseits. Es ist andererseits jedoch zu wenig, wenn linker Geist sich in Gegendemonstrationen ersch&ouml;pft. Die Krise der Linken, so scheint es zuweilen, ist ihr Idealismus. (&hellip;) Und das ist meines Erachtens tats&auml;chlich das gro&szlig;e Dilemma, in das sich die Linke &ndash; nicht unbedingt die Linkspartei, die meine ich an dieser Stelle eher nicht &ndash; begeben hat. Sie f&uuml;hrt sich als Ideal auf. Nicht als handfeste Alternative im Verteilungskampf&ldquo; (S. 40).\n<\/p><\/blockquote><p>Die Ursache sieht De Lapuente darin, dass viele Linke gutb&uuml;rgerliche Wohlstandskinder seien: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Geschichte der westdeutschen Linken, so k&ouml;nnte man auch sagen, ist eine Geschichte von Wohlstandsproblemen. Was die Kritiker des neuen linken Geistes innerhalb des kapitalistischen Sektors der Welt (&hellip;) schon in Zeiten ihrer Entstehung als Vorwurf vorbrachten, n&auml;mlich dass es sich um ein Schaulaufen wohlsituierter junger M&auml;nner und Frauen handelte, stimmte zum Teil durchaus&ldquo; (S. 38).\n<\/p><\/blockquote><p>Was ist De Lapuentes Empfehlung f&uuml;r die Linke? Wie k&ouml;nnte die Linke seiner Meinung nach wieder mehr Einfluss in der Gesellschaft bekommen? Zusammengefasst lautet sein Standpunkt so: Werdet bodenst&auml;ndiger, pragmatischer und vor allem: materialistischer. Orientiert euch an konkreten Verbesserungen f&uuml;r die Bev&ouml;lkerung, insbesondere f&uuml;r die unteren Einkommensschichten, die besonders unter den Verh&auml;ltnissen zu leiden haben, wie zum Beispiel die Leiharbeiter und Niedrigl&ouml;hner. Sorgt f&uuml;r bezahlbare Wohnungen, eine sichere Rente usw. In De Lapuentes Worten: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Was allerdings heute n&ouml;tig w&auml;re: ein sozialdemokratisches Konzept des Reformismus. Sozialdemokratisch im besten Sinne des Wortes. Sozialdemokratisch meint hier nicht die neoliberalen Leute um den gerade aktuellen SPD-Obmann, sondern die alte Idee dieses L&ouml;sungsansatzes. Die bewirkt tats&auml;chlich keine Wunder und st&ouml;&szlig;t an Grenzen. Aber welche Wahl hat die Linke denn sonst in einem Zeitalter, in dem die Menschen offensichtlich keinen Sinn f&uuml;r revolution&auml;re Umst&uuml;rze haben?&ldquo; (S. 194).\n<\/p><\/blockquote><p>Vollkommen zu Recht betont De Lapuente mehrfach, dass eine starke Linke nur entstehen und etwas ver&auml;ndern kann, wenn sie realpolitisch und machtpolitisch denkt. Dies habe einen Preis, der gezahlt werden m&uuml;sse: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Realpolitik bedeutet, nicht immer im Einklang mit seinen Wertvorstellungen leben zu k&ouml;nnen&ldquo; (S. 182).\n<\/p><\/blockquote><p>Ein richtiger Gedanke, den ich f&uuml;r ausgesprochen wichtig halte. De Lapuente zitiert in diesem Zusammenhang auch aus Willy Brandts Rede anl&auml;sslich der Verleihung des Friedensnobelpreises an ihn. In der Rede sagte Brandt: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wer sich im Besitze der ganzen Wahrheit glaubt, wer das Paradies nach seinen Vorstellungen heute und hier haben will, der zerst&ouml;rt nur zu leicht den Boden, auf dem eine menschenw&uuml;rdige Ordnung wachsen kann. Auch in der Tradition der europ&auml;ischen Demokratie lebt neben einem humanit&auml;ren ein doktrin&auml;rer Zug, der zur Tyrannis f&uuml;hrt; Befreiung wird dann zur Knechtschaft&ldquo; (S. 178).\n<\/p><\/blockquote><p>Ein sehr sch&ouml;nes Zitat, das bis heute hochaktuell ist, ist doch der moralische Rigorismus unter Linken und vermeintlich Fortschrittlichen sehr verbreitet und kann einem Angst und Bange machen. Vor allem wenn man sieht, wie schnell grundlegende rechtsstaatliche Prinzipien mal so eben &uuml;ber den Haufen geworfen werden. Ein Beispiel daf&uuml;r ist die metoo-Berichterstattung der Zeit, die eine F&uuml;lle von Behauptungen und Anschuldigungen gegen den Filmregisseur Dieter Wedel zu Ereignissen, die Jahrzehnte zur&uuml;ckliegen und nicht beweisbar sind, als Dokumentation von Fakten und Tatsachen darstellt.<\/p><p>De Lapuente bringt es auf den Punkt, wenn er &uuml;ber Willy Brandts Linkssein schreibt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Dem naiven Humanismus erteilt Brandt in dieser Rede mehrfach eine Abfuhr. Man sp&uuml;rt noch heute, wenn man den Redetext liest, dass er auf einem realpolitischen Boden stand, politische Verantwortung trug und &uuml;ber die Jahre zu der Anschauung gereift war, dass Dogmatismus und sittenreiner Moralismus keine Grundlagen zur Ver&auml;nderung sind, sondern deren Gegenteil&ldquo; (S. 178).\n<\/p><\/blockquote><p>Sein Res&uuml;mee:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Mit einem R&uuml;ckzug in die Unantastbarkeit der Theorie, mit moralischer Bevormundung und perspektivischer Vermessenheit, die Menschen an die eigene Systemvorstellung anpassen will und nicht andersherum, sch&auml;rft man jedenfalls keine Kontur f&uuml;r ein linkes Alternativangebot. (&hellip;) Man muss die Welt annehmen, wie sie ist und dann peu &agrave; peu ver&auml;ndern. Wir leben nicht mehr in Zeiten, da die Menschen nur Ketten zu verlieren haben&ldquo; (S. 214).\n<\/p><\/blockquote><p>Mit diesem Res&uuml;mee und dem sachlichen Kern des Buches stimme ich &uuml;berein, wenn ich auch inhaltlich an manchen Stellen anderer Meinung bin und die Einsch&auml;tzungen De Lapuentes nicht teile. <\/p><p>Trotzdem kann ich das Buch von De Lapuente nicht empfehlen. Es enth&auml;lt zwar wie gesagt im sachlichen Kern einige interessante Gedanken und vern&uuml;nftige Vorschl&auml;ge. Leider hat der Autor das Buch jedoch in einer Sprache geschrieben, die man nicht anders als mit dem Wort &bdquo;Zumutung&ldquo; bezeichnen kann. Seine Sprache ist eine Mischung aus schnoddriger, bem&uuml;ht origineller Umgangssprache und bem&uuml;ht angestrengter Intellektuellensprache. Dabei dr&uuml;ckt er sich oft unklar aus und schreibt geschw&auml;tzig. Mir ging es bei der Lekt&uuml;re oft so, dass ich drei Seiten gelesen hatte und mich fragte: Was hat er eigentlich gesagt oder will er jetzt sagen? Streckenweise ist sein Buch ein Sammelsurium von assoziativen Gedanken vom Hundertsten zum Tausendsten. So kommt er beispielsweise von Jutta Ditfurths Kreuzzug gegen den Rechten J&uuml;rgen Els&auml;sser zur Frauenbewegung und von dort zu der Fragestellung, ob das Private politisch sei. Was aber wirklich unangenehm auff&auml;llt und in einem politischen Buch nun wirklich nichts zu suchen hat, sind seine sexualisierten Sprachbilder, f&uuml;r die De Lapuente offenbar eine Vorliebe hat. In dem genannten Zusammenhang schreibt er zum Beispiel folgenden Satz: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wenn ich dem trunkenen Gatten seine Grobheiten unterw&uuml;rfig mit Fellatio vergelte, darf ich mich als Frau nun wirklich nicht wundern, als politisches Subjekt nicht wahr- oder ernst genommen zu werden&ldquo; (S. 137).\n<\/p><\/blockquote><p>An anderer Stelle schreibt er: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die Gesellschaft ist auch nicht deswegen fairer und demokratischer geworden, weil wir heute alle ohne schlechtes Gewissen wichsen k&ouml;nnen&ldquo; (S. 188).\n<\/p><\/blockquote><p>Eine Seite weiter hei&szlig;t es:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Nur weil gefickt wird, ist die Demokratie kein Selbstl&auml;ufer&ldquo; (S. 189).\n<\/p><\/blockquote><p>Offenbar fehlt es De Lapuente an dem Gef&uuml;hl, was in einem solchen politischen Buch sprachlich angemessen ist und was nicht. Es ist mir ein R&auml;tsel, wie dieser Text das Lektorat ungeschoren passieren konnte. Ich kann das Buch deshalb beim besten Willen nicht empfehlen. Aber das ist mein subjektives Urteil. Deshalb hier auch noch einmal das ausf&uuml;hrliche Inhaltsverzeichnis, damit sich jeder selbst ein Bild machen kann, ob er die 18 Euro, die das Buch kostet, investieren will. <\/p><p><strong>Inhalt<\/strong><\/p><ul>\n<li><strong>Vorwort<\/strong><\/li>\n<li><strong>Einleitung: Alerta, alerta Antifa!<\/strong><\/li>\n<li><strong>Kein Gespenst geht um<\/strong><br>\nDer J&uuml;rgen oder Warum er trotzdem Merkel w&auml;hlte<br>\nDSDWWL: Deutschland sucht den wirklich wahrsten Linken<br>\nDer Postmaterialismus, das Fressen und die Moral<br>\nDer dritte Weg: ABM f&uuml;r die Linke<br>\nWeiter so?<\/li>\n<li><strong>Fundis: Besonders linke Linke<\/strong><br>\nDer zeitlose Klassiker f&uuml;r jede Demo: Die Antifas<br>\nDeutschland, Deutschland unter alles: Die Antideutschen<br>\nWas f&uuml;rs Herz: Fantifas und Kolleginnen<br>\nDie anonymen Aphoristiker: In der K-Gruppentherapie.<br>\nGeh doch wieder nach dr&uuml;ben!<\/li>\n<li><strong>Mit Narzissmus gegen Nazismus<\/strong><br>\nDie Moralkeule von der Geschicht&rsquo;<br>\nDer wahre Wert: Ein Warenwert<br>\nMal die Luft anhalten: Ein adoleszentes Trotzverhalten<br>\nMikrokosmische Selbstisolation<br>\nKeine Meinung haben ist keine Meinung<\/li>\n<li><strong>Linker Generationenvertrag: Altersstarrsinn sucht jugendlichen Leichtsinn<\/strong><br>\nDie Alternativlose: Jutta Ditfurth und ihr avantgardistisches Gesch&auml;ftsmodell<br>\nGar kein Materialismus ist auch keine L&ouml;sung<br>\nDas Nichtige wichtig, das Wichtige nichtig<br>\nAlles entpolitisiert<br>\nDie verlorene Deutungshoheit oder Geriatischer Radikalismus<\/li>\n<li><strong>Die Linke schafft (sich) ab<\/strong><br>\nKapitalismus abschaffen?<br>\nHartz IV abschaffen?<br>\nNATO und EU abschaffen?<br>\nDen schlechten Menschen abschaffen?<br>\nEine Brandtrede: &Uuml;ber naiven Humanismus<\/li>\n<li><strong>Und schon wieder Marx<\/strong><br>\nZeiten &auml;ndern dich: Alter Hut Neue Linke<br>\n&hellip;ging im Evoluzzerschritt mit den Revoluzzern mit&hellip;<br>\nRealos light oder Hunde, wollt ihr ewig opponieren?<br>\nKreativer Sozialismus: Der Rheinische Kapitalismus w&auml;re doch ein guter Ansatz<br>\nFrugaler, unaufgeregter, entspannter: Attraktiv f&uuml;r J&uuml;rgen werden<\/li>\n<li><strong>Weil links und rechts eben doch keine &uuml;berkommenen Kategorien sind<\/strong><\/li>\n<li><strong>Nachwort<\/strong><\/li>\n<li><strong>Anmerkungen<\/strong><\/li>\n<\/ul><p><em><strong>Roberto J. De Lapuente<\/strong>: Rechts gewinnt, weil Links versagt, Schlammschlachten, Selbstzerfleischung und rechte Propaganda, Westend Verlag, 222 Seiten, 18,00 Euro.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Westend-Verlag ist ein neues Buch erschienen, das die Frage untersucht, warum seit Jahren rechte politische Positionen immer mehr Zulauf bekommen und f&uuml;r linke Alternativen keine Mehrheiten zustande kommen. Autor ist der Journalist <strong>Roberto J. De Lapuente<\/strong>, der unter anderem f&uuml;r das Neue Deutschland schreibt. 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