{"id":4322,"date":"2009-11-09T09:19:30","date_gmt":"2009-11-09T08:19:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4322"},"modified":"2014-01-23T11:24:49","modified_gmt":"2014-01-23T10:24:49","slug":"darf-man-als-politiker-den-kampagnenjournalismus-kritisieren-nein-meint-sogar-zapp-schade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4322","title":{"rendered":"Darf man als Politiker den Kampagnenjournalismus kritisieren? Nein, meint sogar Zapp. Schade."},"content":{"rendered":"<p>Gestern lief die medienkritische Sendung Zapp des NDR wieder in der ARD. Das ist ein Fortschritt. Dennoch geh&ouml;ren Fragezeichen hinter das St&uuml;ck zu des Medienmoguls Murdoch Kampagne gegen Obama und Obamas Reaktion. Hier der <a href=\"http:\/\/www3.ndr.de\/sendungen\/zapp\/archiv\/medien_politik\/obama302.html\">entsprechende Sendeteil<\/a>.<br>\nDer Vorgang ist interessant und beispielhaft, weil bei uns solche Kampagnen auch laufen. Zapp vermittelt den Eindruck , dass Politiker, die sich gegen eine solche Kampagne wehren, immer verlieren. Das ist eine sehr fragw&uuml;rdige Einsch&auml;tzung. Oft haben die betroffenen Politiker nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Wenn sie sich wehren, k&ouml;nnen sie immerhin den Schaden minimieren. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nDer Reihe nach:<\/p><p>Zapp bringt in diesem sehenswerten St&uuml;ck Ausz&uuml;ge aus der massiven Hetzkampagne von Fox News. Hier der Text aus der Vorank&uuml;ndigung der Sendung:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Rechte Propaganda &ndash; Obamas Kampf gegen Fox. Barack Obama ist ein Rassist. Obama ging als Kind auf eine Koranschule. Obama ist ein schlechter Patriot. Und: ist er &uuml;berhaupt amerikanischer Staatsb&uuml;rger? Mit diesen und anderen &uuml;blen Nachreden, versucht der amerikanische Nachrichtensender Fox News, Barack Obama mehr und mehr in Misskredit zu bringen.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Der interviewte Medien- und Politikwissenschaftler Kleinsteuber wie auch die Zapp Redaktion nennen diese Kampagne geh&auml;ssig, voller Hetze, L&uuml;gen und Niedertr&auml;chtigkeiten. Die wiedergegebenen &Auml;u&szlig;erungen von Kommentatoren auf Fox sind erschreckend. Fox ist die Propagandamaschine der Konservativen, im konkreten Fall dargestellt an Obamas Versuch zur Reform der Krankenversicherung.<\/p><p>Dann berichtet Zapp weiter, dass sich das Wei&szlig;e Haus wehrt: &bdquo;Doch Obama schl&auml;gt zur&uuml;ck und Amerika befindet sich in einem neuen Krieg &ndash; im &sbquo;war on Fox&rsquo;.&ldquo; <strong>Anita Dunn<\/strong>, Kommunikationschefin des <strong>Wei&szlig;en Hauses<\/strong>, verk&uuml;ndete: &ldquo;Wir werden sie so behandeln, wie wir einen Gegner behandeln w&uuml;rden.&ldquo; Auch Obama pers&ouml;nlich l&auml;sst sich auf diesen &bdquo;Kleinkrieg&ldquo; ein, meint Zapp und weiter: Einen gr&ouml;&szlig;eren Gefallen h&auml;tte das Wei&szlig;e Haus dem Murdoch Sender Fox nicht erweisen k&ouml;nnen. Es nutze nichts, es rechne sich nicht, mit einem Sender in den Krieg zu gehen, meinen Zapp und der zitierte Wissenschaftler Kleinsteuber. Die Einschaltquoten von Fox steigen an, die Beliebtheit von Obama sinkt. Hanni H&uuml;sch von ARD\/USA dem Sinne nach: Noch nie habe ein Pr&auml;sident den Kampf gegen die Medien gewonnen. Das Fazit: Lege dich nie mit einem Medium an, das 24 h rund um die Uhr auf Sendung ist oder auf andere Weise die Szene beherrscht.<\/p><p><strong>Eine oberfl&auml;chliche Behandlung eines gravierenden und wachsenden Problems<\/strong><\/p><p>Das klingt alles sehr logisch, l&auml;sst aber au&szlig;er acht, welches gro&szlig;e Problem auf uns und die Substanz unserer demokratisch gedachten politischen Verh&auml;ltnisse zukommen, wenn wir einen solch defensiven Umgang mit Kampagnenmedien wie Murdochs Fox oder mit der Bild-Zeitung bei uns empfehlen.<br>\nEs f&auml;ngt schon damit an, dass die Redaktion von Zapp wie auch Professor Kleinsteuber den Ernst der Lage nicht erkannt haben. Der Autor des Films nennt die Kampagne von Fox einen &bdquo;Kleinkrieg&ldquo;. Wenn sie sich die von Zapp dankenswerterweise wiedergegebenen Teile dieses Krieges anschauen, dann erkennen Sie, dass dies nicht nur ein Kleinkrieg ist. Es ist erkennbar der Versuch konservativer Kr&auml;fte, Wahlergebnisse, wenn sie ausnahmsweise der rechtskonservativen Seite nicht passen, durch massive Kampagnen zu korrigieren. Hier zeichnet sich der Beginn einer Kampagne ab, die die Wiederwahl Obamas verhindern soll und in jedem Fall politische Entscheidungen wie bei der Krankenkassenreform, die den Konservativen nicht passen, nicht m&ouml;glich machen soll.<br>\nWenn Zapp empfiehlt, sich gegen solche Kampagne nicht zu wehren, dann empfiehlt diese Redaktion die &Uuml;berlassung der politischen Macht an die rechtskonservativen Kr&auml;fte und an jene, die &uuml;ber viel Geld und publizistische Macht verf&uuml;gen. Sie pr&auml;gen mit ihrer Meinungsmache das politische Geschehen.<br>\nWeil wir meinen, dass man als Demokrat dies auf keinen Fall hinnehmen darf, haben wir die NachDenkSeiten ins Leben gerufen. Deshalb habe ich auch in meinem neuen Buch <a href=\"?page_id=4078\">&bdquo;Meinungsmache&ldquo;<\/a> geschildert, welche zerst&ouml;rerische Wirkung solche Kampagnen haben. Im Kapitel 21 &bdquo;Das Verschwinden der Medien als kritische Instanz&ldquo; wird skizziert, wie die Medien auch in Deutschland zusehends versagen. Das ist eine wirkliche Bedrohung der Demokratie. Kampagnenjournalismus macht die Demokratie kaputt. Und gerade die Empfehlung, sich einem weltweit und demn&auml;chst vermutlich auch bei uns st&auml;rker auftretenden Medienkonzern wie Murdoch zu beugen, ist oberfl&auml;chlich und gef&auml;hrlich.<\/p><p>Eigentlich m&uuml;sste eine medienkritische Sendung wie Zapp Obama und das Wei&szlig;e Haus ermuntern, sich gegen die Kampagne von Murdoch zu wehren. Stattdessen wird mit einer schon beachtlichen H&auml;me konstatiert, dass sich dieses Wehren angeblich nicht auszahlt. Dieses Urteil ist oberfl&auml;chlich, weil es au&szlig;er Acht l&auml;sst, dass Politiker dann, wenn sie einer solch massiven Kampagne wie im konkreten Fall gegen&uuml;ber stehen, oft nur die Wahl zwischen zwei schlechten L&ouml;sungen haben. Ein Politiker wie zum Beispiel Obama kann sich ducken und die Kampagne ohne Gegenwehr &uuml;ber sich ergehen lassen. Dann l&auml;uft er Gefahr, dass nicht nur die Anh&auml;nger seiner politischen Gegner und das neutrale Mittelfeld dieser Kampagne Glauben schenken. Er l&auml;uft auch Gefahr, dass die eigenen Anh&auml;nger unsicher, beeindruckt, unt&auml;tig und kleinlaut werden. Und dann ist am Ende das Ergebnis oft schlimmer, als wenn man sich gewehrt h&auml;tte. Ich habe das in meiner Zeit als Wahlkampfplaner der SPD, als Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt, dann als Bundestagsabgeordneter und auch in der letzten Zeit immer wieder und in verschiedenen Varianten erlebt.<\/p><p><strong>Erstes und j&uuml;ngstes Beispiel:<\/strong> Oskar Lafontaine und Teile der Linkspartei haben im Sommer 2009 begonnen, das Thema Medienbarriere\/Kampagnenjournalismus zu thematisieren. (Wir hatten am 7. Juni auf das Dilemma <a href=\"?p=3991\">hingewiesen<\/a>) Die Gegenwehr hat eindeutig entlastet. Wenn das nicht geschehen w&auml;re, w&auml;ren die Anh&auml;nger und potentiellen W&auml;hler noch viel st&auml;rker verunsichert worden, die Stigmatisierung h&auml;tte vollends funktioniert.<\/p><p><strong>Zweites Beispiel:<\/strong> Die SPD insgesamt hat die Kampagne von Bild, Spiegel und anderen wichtigen Medien gegen die damalige hessische Spitzenkandidaten und ihren Versuch, ein Linksb&uuml;ndnis zu schmieden, nicht thematisiert und sich nicht geschlossen gewehrt. Die Gegenwehr der Betroffenen und ihrer Anh&auml;nger selbst hat 2008 immerhin noch zu einem einigerma&szlig;en guten Ergebnis bei den damaligen Wahlen gef&uuml;hrt. Nach Zusammenbruch der Gegenwehr war das Ergebnis der folgenden Wahl ein Desaster.<\/p><p><strong>Drittes Beispiel<\/strong>, der klassische Fall: Im <a href=\"?p=2381\">Wahlkampf 1972<\/a> intervenierten anonyme Gruppen mit viel Geld und &uuml;ber 100, meist anonymen Anzeigen gegen Willy Brandt und SPD, auch damals im Verbund mit den Springer-Bl&auml;ttern. Wir haben diese Kampagne selbst zu einem gro&szlig;en Thema gemacht, damit die eigenen Anh&auml;nger stabilisiert und viele neue W&auml;hler, die den Kampagnencharakter aufgrund der Gegenwehr erkannten, hinzugewonnen. Nach der g&auml;ngigen Vorstellung, dass man sich mit m&auml;chtigen Medien m&ouml;glichst nicht anlegt, h&auml;tte die SPD verlieren m&uuml;ssen. Aber die g&auml;ngige Meinung der herrschenden Parteienforscher und Politikwissenschaftler wie auch der Medien ist eben viel zu simpel gestrickt, um das komplexe Problem zu erfassen. Damals wie heute. Daran hat sich nichts ge&auml;ndert, wie man am Beispiel der Sendung von Zapp zu Obama sieht.<\/p><p><strong>Viertes Beispiel:<\/strong> der Umgang zum Beispiel mit Bild. Es gab eine Phase zu Beginn der Siebzigerjahre, als die Glaubw&uuml;rdigkeit der Bild-Zeitung auch bei Arbeitnehmern tief ersch&uuml;ttert war. Das war die Folge dessen, dass in der &Ouml;ffentlichkeit zum Beispiel von Gewerkschaftern immer wieder gegen die Bild-Zeitung mobil gemacht wurde und dass die SPD-Spitze ihren Spitzenpolitikern empfohlen hatte, der Bild-Zeitung keine Interviews zu geben, um der dortigen Hetze nicht auch noch Glaubw&uuml;rdigkeit zu verleihen. Die Gegenwehr war, solange sie einigerma&szlig;en einheitlich verfolgt wurde, erfolgreich. Heute ist das v&ouml;llig anders. Die Konsequenz ist klar. Die Bild-Zeitung ist ein einflussreicher Machtfaktor.<\/p><p><strong>Mein Fazit aus dieser Erfahrung:<\/strong> Es ist ausgesprochen gef&auml;hrlich, sich gegen auch klar erkennbare Kampagnen in den Medien zu wehren, weil diese immer wieder nachlegen k&ouml;nnen und weil die Gefahr einer Solidarisierung zwischen den Medien besteht. Aber wer sich wehrt, hat am Ende doch noch bessere Karten als ohne Gegenwehr. Allerdings muss man sich dessen einigerma&szlig;en sicher sein, dass die eigene Seite ob dieser Abwehr einer Kampagne nicht auseinanderf&auml;llt. Ein Hin und Her wie im konkreten Fall von Obama ist vermutlich die schlechteste aller M&ouml;glichkeiten.<\/p><p><strong>Nachtrag zum Korpsgeist der Medien<\/strong><\/p><p>Unter Medien herrscht offensichtlich ein Korpsgeist, der keine Grenzen kennt. Dieser Korpsgeist ist ja durchaus richtig und angemessen, wenn es um die Bedrohung der Pressefreiheit geht. Im konkreten Fall geht es aber selbst nach Aussagen der Redaktion von Zapp und der zitierten Experten um einen Hetzsender, der mit L&uuml;gen und Niedertr&auml;chtigkeiten arbeitet und erkennbar ein Ziel hat: der Politiker im Visier soll fertig gemacht, eine politische Entscheidung der W&auml;hlerschaft soll mittels Medienmacht korrigiert werden.<br>\nUnd dies soll man einfach laufen lassen, meint ein kritisches Medienmagazin?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern lief die medienkritische Sendung Zapp des NDR wieder in der ARD. Das ist ein Fortschritt. Dennoch geh&ouml;ren Fragezeichen hinter das St&uuml;ck zu des Medienmoguls Murdoch Kampagne gegen Obama und Obamas Reaktion. Hier der <a href=\"http:\/\/www3.ndr.de\/sendungen\/zapp\/archiv\/medien_politik\/obama302.html\">entsprechende Sendeteil<\/a>.<br \/> Der Vorgang ist interessant und beispielhaft, weil bei uns solche Kampagnen auch laufen. Zapp vermittelt den Eindruck ,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4322\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,41],"tags":[1544,314,1548],"class_list":["post-4322","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienanalyse","tag-kampagnenjournalismus","tag-murdoch-rupert","tag-ndr"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4322","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4322"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4322\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20116,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4322\/revisions\/20116"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4322"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4322"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4322"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}