{"id":4326,"date":"2009-11-10T08:58:15","date_gmt":"2009-11-10T07:58:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4326"},"modified":"2014-01-23T11:18:39","modified_gmt":"2014-01-23T10:18:39","slug":"zum-parteitag-der-spd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4326","title":{"rendered":"Zum Parteitag der SPD"},"content":{"rendered":"<p>In wenigen Tagen, vom 13. bis zum 15. November wird die SPD ihren ersten Bundesparteitag nach der Bundestagswahl in Dresden abhalten. Der designierte Parteivorsitzende Sigmar Gabriel k&uuml;ndigte eine kritische Debatte &uuml;ber die vergangenen elf Regierungsjahre der SPD und eine &bdquo;Neuorientierung&ldquo; der Partei an. Dazu hat der Parteivorstand der SPD einen Leitantrag vorgelegt, der mit einigen &bdquo;Versch&auml;rfungen&ldquo; verabschiedet worden ist (siehe PDF: <a href=\"http:\/\/www.spd.de\/de\/pdf\/pt-beschluessse\/091021_Antragsbuch_BPT_2009.pdf\">&ldquo;Antr&auml;ge zum ordentlichen Bundesparteitag der SPD&rdquo;<\/a>). Dieser Parteitag soll und wird die k&uuml;nftige Ausrichtung der SPD und damit die politische Debatte in Deutschland wesentlich bestimmen, deshalb lohnt sich eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Beschlussvorschlag. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die SPD l&uuml;gt sich weiter in die Tasche<\/strong><br>\n<em>&bdquo;Wir blicken auf elf Jahre zur&uuml;ck, in denen wir in Deutschland erfolgreich Regierungsverantwortung wahrgenommen haben &ndash; keine leichte Zeit, sondern eine, die gepr&auml;gt war von schweren und wichtigen Entscheidungen &hellip;<br>\nNach den 16 Jahren Reformstau der Regierung Kohl haben wir viel bewegt, auf das wir stolz sein k&ouml;nnen. Bundeskanzler Gerhard Schr&ouml;der, die Vizekanzler Franz M&uuml;ntefering, Frank-Walter Steinmeier, unsere Ministerinnen und Minister sowie die sozialdemokratische Bundestagsfraktion haben viel f&uuml;r unser Land erreicht&hellip;&ldquo;<\/em>, hei&szlig;t es in den einleitenden S&auml;tzen.<\/p><p>Es ist verst&auml;ndlich, dass eine Partei ihre elfj&auml;hrige Regierungsverantwortung nicht einfach beiseite schieben kann und ihre verantwortlichen Politiker nicht in Bausch und Bogen kritisieren kann, aber wenn eine kritische Aufarbeitung mit der <a href=\"?p=2132\">L&uuml;gengeschichte vom angeblichen &bdquo;Reformstau&ldquo;<\/a> beginnt, dann begibt man sich von Anfang an in ein falsches Fahrwasser. <\/p><p><strong>Die L&uuml;gengeschichte vom &bdquo;Reformstau&ldquo;<\/strong><br>\nEs ist schlicht falsch, dass seit dem <a href=\"?p=346\">Lambsdorff-Papier<\/a> im Jahre 1982 und der geistig moralischen Wende durch die Regierung Kohl nicht eine &bdquo;Reform&ldquo; nach der anderen erfolgte: Allein 8 Gesundheitsreformen gab es und auch die Steuern wurden am laufenden Band &bdquo;reformiert&ldquo; , dazu m&uuml;sste man sich nur einmal die &Uuml;bersicht &uuml;ber die Steuerrechts&auml;nderungen des Bundesministerium der Finanzen in den letzten Jahrzehnten anschauen (siehe PDF: <a href=\"upload\/pdf\/091104_Steueraenderungen_seit_1964.pdf\">&ldquo;Steuer&auml;nderungen seit 1964&rdquo;<\/a>). Schon zum Ende der &Auml;ra von Bundeskanzler Helmut Schmidt wurde das Land entsprechend der aus den USA und Gro&szlig;britannien her&uuml;berschwappenden neoliberalen Lehren mit systemver&auml;ndernden Reformen &uuml;berzogen und ein Kurswechsel vom sozialen Wohlfahrtsstaat zur liberalen Marktgesellschaft vollzogen. Richtig ist allerdings, dass mit Schr&ouml;ders Agenda 2010 ein so radikaler Schritt zum Abbau der sozialen Sicherungssysteme getan wurde, wie ihn die konservativen Helmut Kohl oder Norbert Bl&uuml;m nie gewagt h&auml;tten. <\/p><p><strong>&bdquo;Moderner, liberaler, weltoffener&ldquo;?<\/strong><br>\n<em>&bdquo;Deutschland ist moderner, liberaler und weltoffener geworden&ldquo;<\/em>, hei&szlig;t es in der Erfolgsbilanz.<br>\n&bdquo;Modernisierung&ldquo; und &bdquo;Weltoffenheit&ldquo; das waren Lieblingsbegriffe von Gerhard Schr&ouml;der. Mit dieser besch&ouml;nigenden Umschreibung war aber nichts anderes als die Anpassung an die neoliberale Globalisierung gemeint, n&auml;mlich &bdquo;die &Ouml;konomisierung (fast) aller Gesellschaftsbereiche, deren Restrukturierung nach dem Marktmodell und die Generalisierung seiner betriebswirtschaftlichen <a href=\"?p=1884\">Effizienzkriterien und Konkurrenzmechanismen.&ldquo; (Christoph Butterwegge)<\/a>. F&uuml;r Schr&ouml;der war die marktradikale Globalisierung geradezu der Hebel, um eine soziale Gestaltung des Marktgeschehens als &uuml;berholt und traditionalistisch zu desavouieren. <\/p><p>In der Tat &bdquo;liberaler&ldquo; ist das Land geworden, aber leider nicht im Sinne der St&auml;rkung der liberalen B&uuml;rgerrechte gegen den &Uuml;berwachungsstaat, sondern es ist nur &bdquo;wirtschaftsliberaler&ldquo; geworden &ndash; sozialer jedenfalls nicht.<\/p><p><em>&bdquo;Wir haben mehr Rechte f&uuml;r zuvor an den Rand gedr&auml;ngte Gruppen erk&auml;mpft.&ldquo;<\/em> Damit kann eigentlich nur gemeint sein, dass durch die Hartz-Reformen die vorher so genannten &bdquo;Sozialhilfeempf&auml;nger&ldquo; und die Alg-II-Empf&auml;nger als Bed&uuml;rftige gleichgestellt wurden. Dass  mit der Parole vom &bdquo;F&ouml;rdern und Fordern&ldquo; gleichzeitig ein Gesinnungswandel eingeleitet wurde, mit dem Langzeitarbeitslose als Schmarotzer und Dr&uuml;ckeberger abgestempelt wurden, wird geleugnet. Wo sind mehr Rechte f&uuml;r Billigl&ouml;hner, Ein-Euro-Jobber, Zeitarbeiter etc.? Sind inzwischen nicht nur einzelne Gruppen an den Rand gedr&auml;ngt, ist nicht vielmehr eine ganze &bdquo;Unterschicht&ldquo; entstanden?<\/p><p><em>&bdquo;Wir haben die Arbeitslosigkeit erfolgreich reduziert, auch wenn wir sie nicht besiegt haben. Von 2005 an sank &ndash; auch bedingt durch die anziehende Konjunktur &ndash; die Arbeitslosigkeit.&ldquo;<\/em> Interessant ist die nachtr&auml;gliche Einf&uuml;gung <em>&bdquo;auch bedingt durch die anziehende Konjunktur&ldquo;<\/em>. Durch diesen Einschub, wurde die Legende, dass die &bdquo;Arbeitsmarktreformen&ldquo; zu mehr Besch&auml;ftigung beigetragen h&auml;tten, wenigstens ein St&uuml;ck weit relativiert.<\/p><p><strong>Von einer &bdquo;offenen und ehrlichen&ldquo; Bilanz noch weit entfernt<\/strong><br>\nIn den Zeitungen konnte man lesen, die SPD-F&uuml;hrung habe den urspr&uuml;nglichen Entwurf des Leitantrags <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/_em_cms\/_globals\/print.php?em_ssc=MSwwLDEsMCwxLDAsMSww&amp;em_cnt=2062577&amp;em_loc=1231&amp;em_ref=\/in_und_ausland\/politik\/aktuell\/&amp;em_ivw=fr_polstart\">deutlich versch&auml;rft<\/a>. Die Versch&auml;rfung sieht dann z.B. so aus:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Wir haben uns der Krise des Sozialstaates gestellt (&hellip;).(Neu hinzugef&uuml;gt wurde:) <strong>Wir haben die sozialen Sicherungssysteme gegen den Druck nach zunehmender Privatisierung verteidigt und so daf&uuml;r gesorgt, dass Rentnerinnen und Rentner in der Krise um ihre Alterseink&uuml;nfte nicht bangen m&uuml;ssen.<br>\nWir haben die Arbeitnehmerrechte verteidigt und insbesondere die M&ouml;glichkeiten der betrieblichen Mitbestimmung gest&auml;rkt.<br>\n(&hellip;) Wir haben die Investitionen in Bildung und Forschung deutlich erh&ouml;ht und damit nach Jahren der Stagnation eine Trendwende eingeleitet. Durch zwei BAf&ouml;G-Reformen, den Hochschulpakt und die Hochschulprogramme sowie das Ganztagsschulprogramm haben wir f&uuml;r mehr Chancengleichheit gesorgt.<\/strong>&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>In Wirklichkeit m&uuml;sste es hei&szlig;en: Wir haben mit der Riester-Rente und den Zusatzbeitr&auml;gen bei der Krankenversicherung der zunehmenden Privatisierung den Weg ge&ouml;ffnet. Die SPD hat doch die Hemmschwellen beseitigt und die schwarz-gelbe Koalition braucht mit der Teilprivatisierung der Pflegeversicherung und der weiteren &Uuml;bernahme von Gesundheitskosten durch die Krankenversicherten diesen Systemwechsel nur noch voran zu treiben. <\/p><p>Mit dem Hinweis, dass die Rentner in der Krise nicht um ihre Alterseink&uuml;nfte bangen m&uuml;ssen, ist wohl die von Olaf Scholz eingebrachte sog. &bdquo;Rentengarantie&ldquo; gemeint. Lassen wir einmal au&szlig;er Acht, dass der damalige Finanzminister Steinbr&uuml;ck mit seiner heftigen Kritik daran seiner Partei mitten im Wahlkampf <a href=\"?p=4062\">in den R&uuml;cken fiel<\/a>.<br>\nTatsache ist, dass mit der &bdquo;Rentengarantie&ldquo; die Rentenk&uuml;rzungen der vorausgegangenen Jahre allenfalls vor&uuml;bergehend eingefroren wurden und dass Teile der diesj&auml;hrigen Rentenerh&ouml;hung ab 2011 wieder zur&uuml;ckgefordert werden, so dass auf Jahre &ldquo;Nullrunden&rdquo; vorprogrammiert sind.<br>\nGlaubt man immer noch daran, dass die Betroffenen nicht bemerkt haben, dass es von 2004 bis 2006 keinerlei Rentenanpassungen gab und dass seit 1998 die Anpassungen st&auml;ndig unterhalb der Inflationsrate lagen (Das gilt auch f&uuml;r den minimalen Anstieg um 0,54 % im Jahre 2007 und um 1,1 % zum Juli 2008.) Denkt man wirklich, dass die Senkung des Rentenniveaus seit 2001 durch die verschiedenen Rentenreformen um mehr als 17 % auf ein Niveau von 48 % vom durchschnittlichen Bruttoeinkommen, von den versicherten Arbeitnehmern nicht registriert wurde, obwohl ihnen doch ihre Rentenversicherungsanstalt alle paar Monate vorrechnet, dass sie sich dringend zus&auml;tzlich privat versichern m&uuml;ssten, wenn sie nicht um ihre Alterseink&uuml;nfte bangen wollten?<br>\nWill man die Menschen immer noch dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen, dass die Rente mit 67 in Wirklichkeit ein drastisches Rentenk&uuml;rzungsprogramm (in der Mehrzahl der F&auml;lle um mindestens 7,2 %) darstellt? <\/p><p>Bei aller Anerkennung der lang hinausgeschobenen BAf&ouml;G-Reform, dem Ganztagsschulprogramm, dass aber die Investitionen in Bildung und Forschung &bdquo;deutlich&ldquo; erh&ouml;ht worden seien, geht schlicht an den Tatsachen vorbei. Der Anteil der Bildungsausgaben am BIP ging von 6,9% im Jahr 1995 auf 6,3% im Jahr 2005 und auf 6,2% im Jahr 2006 zur&uuml;ck.<br>\nDie Ziele in der Bildungspolitik sind im &Uuml;brigen &auml;u&szlig;erst d&uuml;rftig, neben der richtigen Forderung nach einer integrierten Bildung mit Geb&uuml;hrenfreiheit vom Kindergarten bis zu den Hochschulen f&auml;llt der SPD nicht viel anderes ein, als die Zielvorgabe von Schwarz-gelb zu best&auml;tigen, n&auml;mlich dass auch sie an dem Ziel fest h&auml;lt, <em>&bdquo;mindestens sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Bildung und mindestens drei Prozent des BIP in Forschung und Entwicklung zu investieren.&ldquo;<\/em> <\/p><p><strong>Von einer Korrektur der &bdquo;Fehler&ldquo; und &bdquo;Schw&auml;chen&ldquo; ist nicht die Rede<\/strong><br>\nMan k&ouml;nnte diese &bdquo;Erfolgsbilanz&ldquo; noch an vielen anderen Punkten hinterfragen, von der selbst eingeforderten <em>&bdquo;offenen und ehrlichen&ldquo;<\/em> Bilanz ist dieser Leitantrag jedenfalls weit entfernt. Dar&uuml;ber helfen auch einige selbstkritische S&auml;tze nicht hinweg:<br>\n<em>&bdquo;Also: viel erreicht und noch viel zu tun. Zugleich k&ouml;nnen wir nicht behaupten, alles richtig gemacht zu haben. Unsere Politik hat auch Schw&auml;chen und Fehler gehabt. Wir blicken am Ende dieser elf Jahre auf ein Wahlergebnis, das mit 23 Prozent der W&auml;hlerstimmen das schlechteste aller bisherigen Bundestagswahlen war.&ldquo;<\/em><\/p><p>Welche Schw&auml;chen und Fehler zum schlechtesten Bundestagswahlergebnis gef&uuml;hrt haben, liest man nirgends und noch viel entscheidender ist, wo und wie diese Schw&auml;chen und Fehler korrigiert werden sollen, wird nirgendwo gesagt. Es wird nur darauf verwiesen, dass <em>die Ursachen all dieser Entwicklungen&hellip; unter Beteiligung der Gliederungen der Partei&ldquo;<\/em> noch &bdquo;ergr&uuml;ndet&ldquo; werden m&uuml;ssten. Dabei liegen die Ursachen doch offen zu Tage. <\/p><p>Die Gliederungen der Partei sollen dem Parteivorstand ihre Erfahrungen und Bewertungen zur Bundestagswahl  zuleiten und die Ergebnisse sollen dann zu Beginn des Jahres 2010 vorgestellt werden. Politische Schlussfolgerungen sollen erst danach auf einen Parteitag zu beraten sein.<br>\nDoch was soll dann der Parteitag in Dresden an diesem Wochenende?<\/p><p><strong>Die SPD will die Menschen immer noch davon &uuml;berzeugen, dass sie sich irren<\/strong><br>\nIn dem Leitantrag werden vor allem durch die nachtr&auml;glichen Erg&auml;nzungen viele richtige Fragen gestellt und Gr&uuml;nde f&uuml;r die Wahlniederlage angedeutet:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Die Arbeitsmarktreformen haben in weiten Teilen der Arbeitnehmerschaft Furcht vor sozialem Abstieg durch Arbeitslosigkeit ausgel&ouml;st. Leistungsk&uuml;rzungen in der gesetzlichen Rentenversicherung haben zu einem erheblichen Akzeptanzverlust sozialdemokratischer Alterssicherungspolitik gef&uuml;hrt. Die Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre wird bei vielen Besch&auml;ftigten als direkter Eingriff in die pers&ouml;nliche Lebensplanung wahrgenommen. Die Sorge vor Altersarmut ist gewachsen. <\/p>\n<ul>\n<li>Im Ergebnis wurde der SPD angelastet, dass sie sich von zentralen Sicherungsversprechen des Sozialstaates, der Absicherung bei Arbeitslosigkeit und im Alter, verabschiedet habe. Die SPD hat in ihren Kernkompetenzen Arbeit und Soziales deutlich an Vertrauen und Glaubw&uuml;rdigkeit verloren.<\/li>\n<li>Wir sind in der Regierungsverantwortung Kompromisse eingegangen, die an unserer Glaubw&uuml;rdigkeit gezehrt haben. Dies gilt insbesondere f&uuml;r die Anhebung der Mehrwertsteuer und die Anhebung des Renteneintrittsalters.<\/li>\n<li>Prek&auml;re und atypische Besch&auml;ftigung, insbesondere Arbeit zu Armutsl&ouml;hnen, Leiharbeit, Befristungen und geringf&uuml;gige Besch&auml;ftigung, haben in den letzten zwei Jahrzehnten massiv zugenommen.<\/li>\n<li>Es gelang nicht, die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung an dem seit 2005 einsetzenden wirtschaftlichen Aufschwung angemessen teilhaben zu lassen. Trotz Wachstums stagnierten oder sanken die Realeinkommen vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die damit verbundene Zunahme der Einkommens- und Verm&ouml;gensungleichheit verletzte das Gerechtigkeitsempfinden.&ldquo;<\/li>\n<\/ul>\n<\/blockquote><p>Das h&ouml;rt sich zun&auml;chst durchaus selbstkritisch an, liest man aber etwas genauer, so erkennt man die Verteidigungsstrategie, die seit Jahren angewandt wird. Die &bdquo;Reformen&ldquo; werden als richtig und notwendig verteidigt, sie h&auml;tten nur (bedauerlicher- und f&auml;lschlicherweise) &bdquo;Furcht&ldquo; und &bdquo;Sorge&ldquo; ausgel&ouml;st, h&auml;tten deshalb zu &bdquo;Akzeptanzverlust&ldquo; gef&uuml;hrt. Man tut als in Wirklichkeit weiter so, als sei es nur nicht gelungen die &bdquo;Reformen&ldquo; zu vermitteln oder richtig zu kommunizieren. Die SPD bleibt damit nach wie vor die einzige Partei, die ihre W&auml;hler davon &uuml;berzeugen will, dass sie sich irren.<\/p><p>Man tut gerade zu beleidigt, dass der SPD &bdquo;angelastet&ldquo; wird, dass sie sich von zentralen Sicherungsversprechen des Sozialstaats verabschiedet habe. Wer zu lesen versteht, kann daraus doch nur folgern, dass diese Partei nach wie vor der Auffassung ist, dass das Gegenteil der Fall ist, dass sie mit Hartz IV die Arbeitslosigkeit abgesichert und mit den Rentenreformen und der von Franz M&uuml;ntefering durchgedr&uuml;ckten Rente mit 67 zur Absicherung im Alter beigetragen habe. Der Selbstbetrug geht also weiter, obwohl die gro&szlig;e Mehrheit der Betroffenen die Wirklichkeit ganz anders sp&uuml;rt. Angesichts dieses Auseinanderklaffens zwischen der eigenen Wahrnehmung (oder sollte man besser von Autosuggestion sprechen) und der davon weit abweichenden konkreten Erfahrung des Verlusts an Sicherheit bei Arbeitnehmern, Arbeitslosen und Rentnern wird es kaum m&ouml;glich sein &bdquo;Glaubw&uuml;rdigkeit&ldquo; zur&uuml;ck zu gewinnen.<br>\nUnd dabei soll sich doch <em>&bdquo;sozialdemokratische Politik &hellip; sich insbesondere an den Interessen der breiten Arbeitnehmerschaft ausrichten. Die Arbeitnehmerschaft bildet die Basis der SPD und ihrer Mehrheitsf&auml;higkeit.&ldquo;<\/em> <\/p><p><strong>Die Menschen wissen nur zu genau, wof&uuml;r die SPD gestanden hat<\/strong><br>\nWas ist es denn anderes als Selbstbetrug, wenn man den Kompetenzverlust der SPD auf nahezu allen Feldern, damit abtut, dass die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger den Eindruck bekommen h&auml;tten: <em>&bdquo;Wir wissen nicht, wof&uuml;r ihr derzeit steht&ldquo;<\/em>? Nach elf Jahren Regierungs(mit)verantwortung, haben die Leute doch wohl ausreichend Erfahrung gesammelt, um zu wissen, wof&uuml;r die SPD steht. Man kann jedenfalls auf Dauer auch durch die beste politische Rhetorik nicht &uuml;ber das einzig Konkrete hinwegt&auml;uschen, das bei den Menschen ankommt, n&auml;mlich &uuml;ber das politische Handeln.<\/p><p>Das programmatische Gefangensein in der Agenda-Politik und die Verteidigung des vorausgegangenen Tuns kann man auch an der Kritik des Koalitionsvertrages der neuen schwarz-gelben Regierung ablesen. Da werden etwa das &bdquo;Weiter so&ldquo; nach der Finanzkrise und die Steuersenkungen auch f&uuml;r Unternehmen und Verm&ouml;gende oder die schrittweise Privatisierung bei der Gesundheits- und Pflegepolitik angeprangert. Doch zu einem Gegenkonzept reicht es nicht. Die SPD ist bisher auch als oppositionelle Kraft gel&auml;hmt, weil Vieles was Schwarz-Gelb jetzt plant nur die h&auml;rtere Variante der Fortsetzung des von ihr selbst eingeschlagenen politischen Kurses ist. Das gilt f&uuml;r die Agenda 2010, f&uuml;r Afghanistan, f&uuml;r die Privatisierung der Bahn, f&uuml;r die Politik der einseitigen Steuersenkung f&uuml;r Unternehmen und Besserverdienende, f&uuml;r die F&ouml;rderung spekulativer T&auml;tigkeit auf den Finanzm&auml;rkten, f&uuml;r die Einf&uuml;hrung der Privatvorsorge usw.<br>\nEine <em>&bdquo;konsequente Opposition&ldquo;<\/em> ist auf der bisherigen Linie jedenfalls kaum denkbar.<\/p><p><strong>Die vorhandenen Programme reichen nicht f&uuml;r eine Neuorientierung<\/strong><br>\nImmerhin befreit der Leitantrag die SPD von der selbst gew&auml;hlten Einmauerung gegen linke B&uuml;ndnisoptionen: <em>&bdquo;Die SPD wird ihre Zusammenarbeit mit anderen demokratischen Parteien von politischen Inhalten und Verl&auml;sslichkeit in der Zusammenarbeit und in der Regierungsbildung abh&auml;ngig machen. Weder schlie&szlig;en wir bestimmte Koalitionen aus Prinzip aus noch streben wir aus Prinzip bestimmte Koalitionen an.&ldquo;<\/em><\/p><p><em>&bdquo;Die Grundlagen unserer Arbeit sind das Hamburger Grundsatzprogramm, das beschlossene Regierungsprogramm f&uuml;r die neue Legislaturperiode und der von Frank-Walter Steinmeier vorgelegte Deutschlandplan &bdquo;Arbeit von morgen&ldquo;.&ldquo;<\/em> Ob das ausreichen wird um eine Neuorientierung zu gewinnen, muss bezweifelt werden. Ich will das Grundsatzprogramm gar nicht in Bausch und Bogen kritisieren, doch ist letztlich dort &ndash; sicherlich auch der damaligen Regierungsbeteiligung geschuldet &ndash; eine die <a href=\"?p=1999\">Quadratur des Kreises<\/a> versucht worden: Das Programm will die Richtigkeit des Regierungskurses unter Kanzler Schr&ouml;der best&auml;tigen, es will m&ouml;glichst wenig Angriffspunkte zum Kurs der Gro&szlig;en Koalition liefern und sollte gleichzeitig Perspektiven f&uuml;r eine &bdquo;soziale Demokratie&ldquo; aufzeigen. So l&auml;sst jede Aussage, die dort getroffen wurde, ein oder manchmal sogar mehrere Hintert&uuml;rchen offen, um wieder entwischen zu k&ouml;nnen. Dem von Steinmeier vorgelegte Regierungsprogramm und sein Deutschlandplan haben doch eigentlich schon die W&auml;hler eine deutliche Abfuhr erteilt, weil sie den Versprechen nicht mehr geglaubt haben.<\/p><p>Es gibt durchaus Ans&auml;tze f&uuml;r eine inhaltliche Neuorientierung so etwa bei den Konsequenzen aus der Finanzkrise, beim Pl&auml;doyer f&uuml;r die Erhaltung eines handlungsf&auml;higen Staates oder bei der Schaffung von Arbeit von morgen. Aber auch hier fehlt eine klare Ansage, welche Fehler aus der Regierungszeit man zu korrigieren bereit ist vor allem fehlt ein alternatives wirtschaftspolitisches Gesamtkonzept, das abweicht von der herrschenden &ouml;konomischen Lehre, die nichts anderes bietet als <a href=\"?p=4147\">simple Unternehmenslogik<\/a>.<\/p><p><strong>&Uuml;berholte Mythen<\/strong><br>\nImmerhin wurde beim Thema soziale Sicherheit noch nachtr&auml;glich hinzugef&uuml;gt: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Wir werden unsere Alterssicherungspolitik am Ziel der Lebensstandardsicherung orientieren und uns f&uuml;r eine solidarische gesetzliche Rentenversicherung stark machen. Dies schlie&szlig;t selbstverst&auml;ndlich die Pr&uuml;fung der rentenpolitischen Ma&szlig;nahmen seit 2001 ein.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Doch nach wie vor h&auml;lt die SPD an den alten Mythen fest:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Wir waren in den letzten Jahren vollauf damit besch&auml;ftigt, zu verhindern, dass unser Sozialstaat unter dem Druck von Globalisierung und demografischer Entwicklung in die Knie geht. Diesen Megatrends haben wir unter Schwierigkeiten getrotzt und uns dabei als soziale Marktwirtschaft modernisiert.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Solange man die ideologische Gefangenschaft in einer wirtschaftsliberalen Globalisierung und das eindimensionale Schielen auf die demografische Entwicklung nicht aufgibt und nicht erkennt, dass das Wachstum der Wirtschaft, die tats&auml;chliche Erwerbsquote und die Steigerung der Produktivit&auml;t viel entscheidender sind als die &auml;lter werdende Gesellschaft, wird man der Logik des &bdquo;G&uuml;rtel-enger-schnallens&ldquo; nicht entkommen.<\/p><p><strong>Viele richtige Fragen, aber wenig &uuml;berraschende Antworten<\/strong><br>\nImmerhin, der Leitantrag stellt viele richtige Fragen, aber die Antworten bieten keine &Uuml;berraschungen. Das d&uuml;rfte auch der Grund daf&uuml;r sein, dass ihm au&szlig;erhalb der Partei selbst keine gro&szlig;e Aufmerksamkeit geschenkt wurde. H&auml;tte er &Uuml;berraschendes geboten, so k&ouml;nnte man sicher sein, dass es wieder lautstarke Warnungen vor einem Linksruck gegeben h&auml;tte (was dann auch immer als &bdquo;links&ldquo; angesehen worden w&auml;re). <\/p><p><strong>Mein Fazit<\/strong> lautet, der bevorstehende Parteitag d&uuml;rfte bestenfalls eine Zwischenetappe sein. Es wird viel Zeit brauchen, bis sich die SPD wieder ein Profil geben kann, das deutlichere Akzente gegen&uuml;ber dem bisherigen Kurs erkennen l&auml;sst. Der Wechsel an der F&uuml;hrungsspitze der Partei er&ouml;ffnet bestenfalls eine Chance, dass die Parteibasis k&uuml;nftig wieder mehr zu Wort kommt, ob das auch dort ankommen wird, wo auch k&uuml;nftig der Alltag der Politik stattfinden wird, n&auml;mlich in der Bundestagsfraktion, ist eine offene Frage. Mit Steinmeier als Lordsiegelbewahrer der Schr&ouml;derschen Agenda sind da gro&szlig;e Zweifel angebracht. <\/p><p><strong>Neue Perspektiven sind unverzichtbar<\/strong><br>\nWenn die SPD sich wirklich von CDU\/CSU und FDP (und Gr&uuml;nen) unterscheiden wollte und eine Neuorientierung ernsthaft in Angriff nehmen wollte, so w&auml;ren aus meiner Sicht folgende Perspektiven unverzichtbar:<\/p><ul>\n<li>Die SPD m&uuml;sste u.a. eine neue Friedenspolitik entwickeln, die erkennbar wieder auf Kooperation statt auf Konfrontation setzt. Statt die Nato zu einer weltweiten Interventionsarmee zur Sicherung amerikanisch-europ&auml;ischer &ouml;konomischer und geostrategischer Interessen auszubauen, m&uuml;sste eine Kooperationspolitik (auch unter Einbeziehung Russlands) und ein neues kollektives Sicherheitssystem angestrebt werden.<\/li>\n<li>Die SPD m&uuml;sste eine andere, lebendige politische Kultur innerhalb der Partei und dar&uuml;ber hinaus in der Gesellschaft anzusto&szlig;en. Sie m&uuml;sste den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern wieder das Gef&uuml;hl geben, dass ihre Meinung z&auml;hlt und nicht mehr l&auml;nger so tun, als w&uuml;sste die Parteif&uuml;hrung besser was f&uuml;r sie gut und richtig ist, gerade so als w&uuml;rden die Menschen &uuml;ber ihre Wirklichkeit einem permanenten Irrtum unterliegen.<\/li>\n<li>Die SPD m&uuml;sste eine andere Fiskalpolitik vertreten, die erkennt, dass in konjunkturell schwachen Zeiten zu sparen nur zu noch mehr Verschuldung f&uuml;hrt. Sie m&uuml;sste konkrete Vorschl&auml;ge machen, wie diejenigen, die vor der Finanzkrise profitiert haben, zur Kasse gebeten werden. Sie m&uuml;sste die Umverteilung von unten nach oben auch &uuml;ber eine andere Steuerpolitik stoppen.<\/li>\n<li>Die SPD m&uuml;sste einen &ouml;kologischen Umdenkungsprozess f&ouml;rdern, der die Rohstoffe und das Klima schont. Sie m&uuml;sste wieder klare Konturen f&uuml;r ein qualitativen Wachstums entwickeln.<\/li>\n<li>Die SPD m&uuml;sste vor allem einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaftspolitik vollziehen. Eine Makro&ouml;konomie die nicht mehr nur eindimensional der einzelwirtschaftlichen Unternehmenslogik folgt und ausschlie&szlig;lich die Angebots(oder Investitions)bedingungen im Blick hat, sondern eine gesamtwirtschaftliche Perspektive einnimmt und vor alle auch auf die Nachfrageseite achtet. Denn nur eine aktive Wirtschaftspolitik schafft Arbeit und kann deswegen auch sozial sein.<\/li>\n<li>Die SPD m&uuml;sste ein neues Leitbild des Sozial- und Wohlfahrtsstaates entwerfen, dem ein anderes Menschenbild als der Agenda 2010 zugrunde liegt, in dem die Menschen, die ohne eigene Schuld in Not geraten, nicht l&auml;nger als Almosenempf&auml;nger oder gar als schmarotzende Leistungsverweigerer betrachtet werden, sondern als &bdquo;B&uuml;rger&ldquo; die einen Rechtsanspruch auf soziale Sicherheit haben.<\/li>\n<li>Die SPD m&uuml;sste den Menschen wieder das Vertrauen geben, dass die &bdquo;Reformen&ldquo; der &bdquo;Sozialdemokratie&ldquo; f&uuml;r die Mehrheit das Leben ein St&uuml;ck menschlicher, sozial gerechter und chancengleicher und damit freier macht, so dass wieder mehr Hoffnung in die Funktionsf&auml;higkeit der Demokratie erw&auml;chst.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In wenigen Tagen, vom 13. bis zum 15. 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