{"id":43313,"date":"2018-04-05T11:39:22","date_gmt":"2018-04-05T09:39:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43313"},"modified":"2018-12-27T10:42:30","modified_gmt":"2018-12-27T09:42:30","slug":"der-mord-in-kassel-2006-ist-nicht-aufgeklaert-weder-juristisch-noch-politisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43313","title":{"rendered":"Der Mord in Kassel 2006 ist nicht aufgekl\u00e4rt \u2013 weder juristisch, noch politisch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wolf Wetzel<\/strong> setzt sich in seiner NSU-VS-Recherche mit dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss\/PUA in Hessen auseinander. Erst im Mai 2014 konnte mit den Stimmen der SPD und der Partei &bdquo;DIE LINKE&ldquo; doch noch ein PUA eingesetzt werden. CDU, Gr&uuml;ne und FDP hielten diesen f&uuml;r &bdquo;nicht zielf&uuml;hrend&ldquo; und enthielten sich der Stimme. Nun liegt ein erster Entwurf des Abschlussberichtes vor.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7617\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-43313-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180410_Der_Mord_in_Kassel_2006_ist_nicht_aufgeklaert_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180410_Der_Mord_in_Kassel_2006_ist_nicht_aufgeklaert_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180410_Der_Mord_in_Kassel_2006_ist_nicht_aufgeklaert_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180410_Der_Mord_in_Kassel_2006_ist_nicht_aufgeklaert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=43313-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180410_Der_Mord_in_Kassel_2006_ist_nicht_aufgeklaert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180410_Der_Mord_in_Kassel_2006_ist_nicht_aufgeklaert_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die vorausgegangenen Beitr&auml;ge finden sich hier:<\/p><ul>\n<li><strong>Das unwahrscheinliche Ende des NSU | Eisenach 2011<\/strong><br>\n<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=35857\">NachDenkSeiten vom 17.November 2016<\/a><\/li>\n<li><strong>Der Mordanschlag auf Polizisten in Heilbronn 2007<\/strong><br>\n<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36047\">NachDenkSeiten vom 30. November 2016<\/a><\/li>\n<li><strong>Der 11. Tatort im NSU-VS-Komplex: Bundesamt f&uuml;r Verfassungsschutz\/BfV in K&ouml;ln<\/strong><br>\n<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36493\">NachDenkSeiten vom 4. Januar 2017<\/a><\/li>\n<li><strong>Der NSU-VS-Komplex aus Sicht polizeilicher Ermittlungsmethoden<\/strong><br>\n<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36957\">NachDenkSeiten vom 9. Februar 2017<\/a><\/li>\n<li><strong>Kassel 2006 &ndash; Der Mord an Halit Yozgat und der Zufallsgenerator<\/strong><br>\n<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=37786\">NachDenkSeiten vom 14. April 2017<\/a><\/li>\n<li><strong>Das &bdquo;massive Beh&ouml;rdenversagen&ldquo; in Sachen &bdquo;NSU&ldquo; macht Karriere<\/strong><br>\n<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43045\">NachDenkSeiten vom 19. M&auml;rz 2018<\/a><\/li>\n<\/ul><p><strong>Vorgeschichte<\/strong><\/p><p>Der neunte Mord, der der neonazistischen Terrorgruppe NSU zugeordnet wird, fand 2006 in Kassel statt. Dort wurde Halit Yozgat in seinem Internetcaf&eacute; mit zwei Sch&uuml;ssen in den Kopf &bdquo;hingerichtet&ldquo;. Die Polizei nahm die Ermittlungen auf und stie&szlig; dabei auf einen Zeugen, der sich nicht gemeldet hatte: Ein Mann, der sich im Internetcaf&eacute; als &bdquo;J&ouml;rg Schneeberg&ldquo; ausgab, und im wirklichen Leben Geheimdienstmitarbeiter des hessischen Landesamtes f&uuml;r Verfassungsschutz war, unter dem Decknamen Alexander Thomsen.<\/p><p>Die Polizei ermittelte gegen ihn, h&ouml;rte seine Telefonanschl&uuml;sse wochenlang ab und bekam heraus, dass er V-Mann-F&uuml;hrer war und u.a. einen Neonazi &bdquo;f&uuml;hrte&ldquo;. In der Folgezeit warfen sich alle Vorgesetzten, vom Chef des hessischen Verfassungsschutzes bis hin zum damaligen Innenminister Volker Bouffier vor ihn und sch&uuml;tzten ihn. An diesem Schutzschild scheiterte die au&szlig;erordentlich gut arbeitende Mordkommission: Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wurden eingestellt und die &bdquo;D&ouml;nermord&ldquo;-Losung hatte wieder freie Fahrt.<\/p><p>Nachdem sich der NSU im Jahre 2011 selbst bekannt gemacht hatte, war die Aufregung gro&szlig;. Was elf Jahre lang als &bdquo;D&ouml;nermorde&ldquo; ausgegeben wurde, stellte sich nun als eine neonazistische Mordserie heraus. Der Mord in Kassel 2006 war dabei der neunte und letzte Mord aus rassistischen Motiven.<\/p><p>&Uuml;berall wurden parlamentarische Untersuchungsaussch&uuml;sse eingerichtet &ndash; nur in Hessen nicht. Die Regierungsparteien sprachen sich gegen einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss aus. Schlie&szlig;lich war nach dem Willen der politisch Verantwortlichen alles &bdquo;ausermittelt&ldquo;, zu Deutsch: nichts herausgekommen, au&szlig;er &hellip; einem unguten Gef&uuml;hl, das aber auch in Hessen nicht strafbar ist.<\/p><p>Schlie&szlig;lich wurde im Mai 2014 mit den Stimmen der SPD und der Partei &bdquo;DIE LINKE&ldquo; doch noch ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss\/PUA eingesetzt. CDU, Gr&uuml;ne und FDP hielten diesen f&uuml;r &bdquo;nicht zielf&uuml;hrend&ldquo; und enthielten sich der Stimme.<\/p><p>Nachdem die Einrichtung eines PUA nicht mehr verhindert werden konnte, gab es massive Versuche, vor allem von Seiten des aktuellen Regierungslagers, den Untersuchungsauftrag zu unterminieren, gerade in Hinblick auf die Fragen: Welche Rolle spielen staatliche Beh&ouml;rden bei der Sabotage der Aufkl&auml;rung? Welche Rolle spielt der Verfassungsschutzmitarbeiter Temme, der einen Neonazi als V-Mann f&uuml;hrte, der zum Netzwerk des NSU geh&ouml;rte (Benjamin G&auml;rtner)?<\/p><p>Monatelang wurde dar&uuml;ber gestritten, welche Akten aus dem PUA in Berlin, aus dem Prozess in M&uuml;nchen angefordert werden sollen. Aber es ging auch um die fortgesetzte Verschleierung von Beweismaterial:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Derzeit wird &uuml;ber die Geheimhaltung hessischer Akten gestritten, die aus Berlin zur&uuml;ckgekehrt sind. Nach geltendem Recht m&uuml;sse ein hessischer U-Ausschuss sie noch einmal einstufen, sagt Bellino. Die Akten seien schon klassifiziert, sagt Linken-Obmann Hermann Schaus. Er bef&uuml;rchtet, dass noch mehr Papiere den Stempel geheim bekommen. Dann darf in &ouml;ffentlicher Sitzung nicht mehr daraus zitiert werden.&ldquo; (Die Welt vom 7.1.2015)\n<\/p><\/blockquote><p>Seit dem 14. M&auml;rz 2018 liegt ein vom Gr&uuml;nen-Abgeordneten J&uuml;rgen Fr&ouml;mmrich verfasster Entwurf f&uuml;r den Abschlussbericht des parlamentarischen Untersuchungsausschusses\/PUA zum NSU-Komplex in Hessen vor. Einen partei&uuml;bergreifenden Abschlussbericht wird es nicht geben. Unter anderem &bdquo;kommen in den Augen von SPD und Linken die Erkenntnisse des Ausschusses &uuml;ber die rechtsextreme Szene in Hessen viel zu kurz. So hatte das Gremium herausgefunden, dass die rechte Szenefrau Corryna G&ouml;rtz mehrfach das Internetcaf&eacute; des sp&auml;teren Mordopfers Halit Yozgat aufgesucht hatte. &sbquo;Die Akten von Frau G&ouml;rtz sind 2009 vom Landesamt f&uuml;r Verfassungsschutz vernichtet worden. Dar&uuml;ber steht kein Wort drin&lsquo;, bem&auml;ngelte der Linke Schaus.&ldquo; (FR vom 13.3.2018)<\/p><p>Die Frankfurter Rundschau fasste die zentralen Ergebnisse dieses Entwurfes zusammen:<\/p><blockquote><p>\nAndreas Temme, ein V-Mann-F&uuml;hrer des LfV in Hessen, der den Neonazi Benjamin G&auml;rtner aus dem NSU-Netzwerk f&uuml;hrte, habe &ndash; so gut wie &ndash; nichts mit dem Mord an den Internetbesitzer Ismail Yozgat zu tun: &bdquo;Die Frage, ob Temme an der Tat beteiligt oder ob er gar selbst der T&auml;ter war, kann auch der Untersuchungsausschuss nicht mit letzter Sicherheit beantworten. Allerdings h&auml;lt es der Ausschuss, ebenso wie es die Staatsanwaltschaften in den Jahren 2007 und 2012 sahen, f&uuml;r wahrscheinlicher, dass Temme nicht daran beteiligt war &hellip; Als Temme das Internetcaf&eacute; betrat, versuchte er nicht, sich oder seine Identit&auml;t zu verbergen &hellip; Eine sichere Feststellung, dass Temme nicht der T&auml;ter war, lassen diese Erw&auml;gungen aber nicht zu.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dass sich Andreas Temme dort als &bdquo;J&ouml;rg Schneeberg&ldquo; eingeloggt hatte, wertet dieser Abschlussbericht demnach als mangelhafte Tarnung. Aber vielleicht musste sich Andreas Temme um eine perfekte Tarnung gar keine so gro&szlig;en Sorgen machen, da er darauf setzen konnte, im &bdquo;Ernstfall&ldquo; mit allen Mitteln gedeckt zu werden. <\/p><p>Im NSU-Bundestagsuntersuchungsausschuss in Berlin wurde Gerhard Hoffmann, leitender Kriminaldirektor des Polizeipr&auml;sidiums Nordhessen und damaliger Leiter der &bdquo;SOKO Caf&eacute;&ldquo; im Juni 2012 befragt. <\/p><p>Aus dem Ged&auml;chtnis gibt Mely Kiyak, die die besten Kolumnen in der Frankfurter Rundschau ver&ouml;ffentlichte, folgenden Dialog zwischen Mitgliedern des Untersuchungsausschusses (UA) und dem SOKO-Chef Gerhard Hoffmann (GH) wieder:<\/p><blockquote><p>\nGH: <em>Innenminister Bouffier hat damals entschieden: Die Quellen von Herrn T. k&ouml;nnen nicht vernommen werden. Als Minister war er f&uuml;r den Verfassungsschutz verantwortlich.<\/em><br>\nUA: Er war doch auch Ihr Minister! Ist Ihnen das nicht komisch vorgekommen? Jedes Mal, wenn gegen V-M&auml;nner ermittelt wurde, kam einer vom Landesamt f&uuml;r Verfassungsschutz vorbei, stoppt die Ermittlung mit der Begr&uuml;ndung, der Schutz des Landes Hessen ist in Gefahr. Aus den Akten geht eine Bemerkung hervor, die meint, dass man erst eine Leiche neben einem Verfassungssch&uuml;tzer finden m&uuml;sse, damit man Auskunft bekommt. Richtig?<br>\nGH: <em>Selbst dann nicht &hellip;<\/em><br>\nUA: Bitte?<br>\nGH: <em>Es hei&szlig;t, selbst wenn man eine Leiche neben einem Verfassungssch&uuml;tzer findet, bekommt man keine Auskunft.<\/em><br>\n(FR vom 30.6.2012)\n<\/p><\/blockquote><p>Dem Abschlussbericht zufolge stehe auch fest, dass der Neonazi, den Andreas Temme &bdquo;f&uuml;hrte&ldquo;, weder vom NSU etwas wusste noch von den Tatvorbereitungen. Das wei&szlig; man aufgrund einer &bdquo;Befragung&ldquo;, die der Verfassungsschutz selbst durchgef&uuml;hrt hatte, nachdem der damalige Innenminister Volker Bouffier zum Wohle des Landes verf&uuml;gt hatte, dass es der Polizei untersagt sei, den Neonazi und V-Mann zu vernehmen. Ob das stimmt oder eine Notwendigkeit war, sich nicht selbst zu belasten, w&auml;re leicht zu &uuml;berpr&uuml;fen: Man m&uuml;sste nur die Protokolle auswerten, die zwei Telefonate zum Inhalt haben, die Andreas Temme mit dem V-Mann Benjamin G&auml;rtner am Mordtag gef&uuml;hrt hatte, das erste um 13:06 Uhr und ein weiteres um 16:10 Uhr, also knapp eine Stunde vor der Mordtat. Doch genau diese Wortprotokolle sind nicht mehr vorhanden, wodurch ein wichtiges Beweismittel beseitigt wurde.<\/p><p>Ein &auml;hnliches Schicksal widerfuhr den &bdquo;Treffberichten&ldquo;, die Andreas Temme als V-Mann-F&uuml;hrer verfasst hatte. Ausgerechnet die Treffberichte aus dem Jahr 2006 fehlen. Der &bdquo;gr&uuml;ne &ldquo;Abschlussbericht wei&szlig; noch mehr zu berichten und zu begraben: Das Ermittlungsergebnis der Polizei, wonach Andreas Temme nach dem Mord zu dem Tisch gegangen war, um dort ein Geldst&uuml;ck abzulegen, also den Toten habe sehen m&uuml;ssen, ist falsch &ndash; oder feiner formuliert &bdquo;obsolet&ldquo;:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die zwischenzeitlich vorherrschende These, wonach Temme an seinem PC gesessen habe, als die Sch&uuml;sse fielen, l&auml;sst sich (&hellip;) nicht mehr aufrechterhalten. Die dieser These zugrundeliegende analytische Aufbereitung des Tathergangs durch die BAO Bosporus wurde von ihrem Verfasser f&uuml;r ,obsolet&rsquo; erkl&auml;rt &hellip;&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Ermittlungen und Ergebnis passten einfach nicht (mehr) zusammen. Das wollen die polizeilichen Ermittler aus freien St&uuml;cken selbst erkannt und nun ein- und ausger&auml;umt haben. In Wirklichkeit steht nur eines zweifelsfrei fest: Der Zeitpunkt, als Andreas Temme sich am Computer abgemeldet hatte: 17:01 Uhr. Da der Todeszeitpunkt nicht minutengenau bestimmt werden kann, ist und bleibt das Ergebnis von BAO Bosporus nicht &bdquo;obsolet&ldquo;, sondern gleicherma&szlig;en wahrscheinlich. Was jedoch mit dieser Revision gelungen ist, ist un&uuml;bersehbar: Nun passen die L&uuml;gen von Andreas Temme und das &bdquo;gr&uuml;ne&ldquo; Ergebnis des PUA auch zusammen.<\/p><p>Dass die CDU im Jahr 2006 in Hessen allein regiert hatte, danach B&uuml;ndnisse mit der FDP und seit 2014 mit den GR&Uuml;NEN eingegangen ist, also im PUA die Mehrheit stellt, ist auch wahr &hellip; und hat keinen Einfluss auf das Ermittlungsergebnis. Das glaubt nur jemand, der ausblendet, dass Inhalt und Umfang des Ermittlungsauftrages von der politischen Mehrheit diktiert werden.<\/p><p><strong>Fazit:<\/strong> Dieser Abschlussbericht best&auml;tigt in allen zentralen Punkten genau das, was das Gericht in M&uuml;nchen schon seit fast f&uuml;nf Jahren wei&szlig;. Einen ganz kleinen Trostpreis h&auml;lt dieser &bdquo;gr&uuml;ne&ldquo; Abschlussbericht doch noch bereit: Er &ouml;ffnet einem anderen Tatgeschehen einen Spalt weit die T&uuml;r, wenn man der Ausf&uuml;hrung folgt: <em>&bdquo;Eine sichere Feststellung, dass Temme nicht der T&auml;ter war, lassen diese Erw&auml;gungen aber nicht zu.&ldquo;<\/em><\/p><p>Nutzen wir also diese Chance und machen uns anhand der &ouml;ffentlich zug&auml;nglichen Fakten daran, einen Geschehensablauf zu rekonstruieren, in dem Andreas Temme ein (Mit-)T&auml;ter ist.<\/p><p>Andreas Temme verlie&szlig; tats&auml;chlich das Internetcaf&eacute;, bevor Halit Yozgat erschossen wurde. Er verlie&szlig; dieses, als er den g&uuml;nstigen Zeitpunkt f&uuml;r ausgemacht hielt. Drau&szlig;en &uuml;bergab er dem M&ouml;rder eine Plastikt&uuml;te. Eine solche sah ein Zeuge, als sich Andreas Temme zu seinem Internetplatz begab. Und &uuml;ber diese machte sich auch seine Frau lustig, in einem abgeh&ouml;rten Telefonat. Laut Telefonprotokoll hat sie ihrem Mann gesagt:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Willst du nicht mal auf mich h&ouml;ren? Ich sage noch, ne, nimm keine Plastikt&uuml;te mit!&ldquo; (tagesspiegel.de vom 8.6.2015)\n<\/p><\/blockquote><p>M&ouml;glicherweise wartete er noch im Auto, bis der M&ouml;rder wieder herauskam, damit dieser die Waffe samt zerschossener Plastikt&uuml;te und eingefangener Patronenh&uuml;lsen durchs offene Fenster werfen konnte, um so die Tatwaffe sicher zu &bdquo;entsorgen&ldquo;. Wer w&uuml;rde im Zweifelsfall einen Geheimdienstagenten anhalten und durchsuchen?<\/p><p>Das h&ouml;rt sich verr&uuml;ckt an, wie in einem Mafiafilm, in dem Geheimdienstagenten und Mafia Hand in Hand arbeiten. Wenn man jedoch die &bdquo;Beweislage&ldquo; dagegenh&auml;lt, die f&uuml;r eine T&auml;terschaft der beiden NSU-Mitglieder angef&uuml;hrt wird, dann st&uuml;tzt sich diese alternative Version auf einen &bdquo;Berg&ldquo; von Beweismitteln. Denn so sehr man diesen Neonazis diesen Mord zutraut, so sehr er ihrer rassistischen Logik entspricht: Es existiert kein einziger Beweis vor Ort, keine einzige Zeugenschaft, die die offizielle Version st&uuml;tzen k&ouml;nnte.<\/p><p>Mehr noch: Der offiziellen Version zufolge haben die beiden NSU-Mitglieder Uwe Mundlos und Uwe B&ouml;hnhardt die Tat alleine begangen, ohne jede Art der Unterst&uuml;tzung. Sie sind folglich &bdquo;blind&ldquo; in das Internetcaf&eacute; gegangen, ohne zu wissen, ob sich neben Halit Yozgat noch weitere Personen in dem Vorraum aufhalten, wo sich die Kasse befand. Dass dies genauso gewesen sein m&uuml;sste, ergibt sich aus Zeugenaussagen der im Internetcaf&eacute; Anwesenden. Keiner der sechs Kunden (einschlie&szlig;lich Andreas Temme) hat einen Mann oder gar zwei M&auml;nner kurz vor der Mordtat gesehen, um die &Ouml;rtlichkeiten auszusp&auml;hen, mit dem Ziel, unter allen Umst&auml;nden zu vermeiden, dass es einen unmittelbaren Zeugen des Mordes gibt. Das w&uuml;rde jedoch g&auml;nzlich dem professionellen und umsichtigen Verhalten widersprechen, das man den beiden NSU-Mitgliedern attestiert hatte.<\/p><p>Welcher Tathergang also wahrscheinlicher ist, welcher von mehr Indizien getragen wird, entscheidet sich bei Anwendung g&auml;ngiger Ermittlungsmethoden nicht an der Frage, wem man einen solchen Mord zutraut, sondern einzig und allein am Gewicht der Indizien, an der Beweisdichte.<\/p><p>Ganz sicher machen Andreas Temme seine Anwesenheit am Tatort, sein Versuch, diese zu leugnen, seine Kontakte zu einem Neonazi am Mordtag, seine eigene rassistische Gesinnung verd&auml;chtig. Deshalb wurde er auch von der Mordkommission lange als Tatverd&auml;chtiger gef&uuml;hrt. F&uuml;r diesen etwas anderen Tatverlauf gibt es zudem eine sehr ungew&ouml;hnliche und unfreiwillig glaubw&uuml;rdige Zeugin: Temmes Frau selbst!<\/p><p>Man mag es kaum glauben, dass genau sie das gesagt hat: die Ehefrau, die sich bis heute aufopferungsbereit vor ihren Mann stellt und ihn zum Opfer ungl&uuml;cklicher Umst&auml;nde stilisiert. Sehr wahrscheinlich dachte sie nicht einmal im Traum daran, dass ihr Telefon abgeh&ouml;rt wird. Doch genau das wurde gemacht, so auch das Gespr&auml;ch mit ihrer Schwester, in dem sie &ndash; ihren Mann vor Augen &ndash; sagte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Interessiert es mich denn, wen der heute wieder niedergemetzelt hat? Solange er sich die Klamotten nicht schmutzig macht!&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Daraufhin lachten Eva Temme und ihre Schwester herzhaft und zwanglos. Diese Aussage, die sie bis jetzt noch nicht zur&uuml;ckgenommen hat, passt so gar nicht in die Trottelversion, die sich Staatsanwaltschaft, Gericht und nun auch die Mehrheit des PUA in Hessen teilen: &bdquo;Klein Adolf&ldquo;, eine tragische Figur, am falschen Ort, zur falschen Zeit.<\/p><p>Einer, der nicht einmal auf seinen Schutzengel, den Geheimschutzbeauftragten des hessischen LfV, Gerald-Hasso Hess, h&ouml;rte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich sach ja jedem, &auml;h, wenn er wei&szlig;, dass irgendwo so etwas passiert: Bitte nicht vorbeifahren! Ja, es ist sch &hellip; Ja, wie sieht es bei Ihnen aus, wie f&uuml;hlen Sie sich?&ldquo; (Telefonat mit Andreas Temme am 9. Mai 2006)\n<\/p><\/blockquote><p>Als man den Geheimschutzbeauftragten des LfV Hessen mit diesem abgeh&ouml;rten Telefonat konfrontierte und von T&auml;terwissen ausging, winkte Herr Hess ab. Das sei nur ein Scherz gewesen. So witzig wie der mit den Blutspritzern auf dem von Eva Temme so glatt geb&uuml;gelten Hemd.<\/p><p><em>Wolf Wetzel<\/em><\/p><p><em>Der NSU-VS-Komplex. Wo beginnt der Nationalsozialistische Untergrund &ndash; wo h&ouml;rt der Staat auf? 3. Auflage, Unrast Verlag 2015<\/em><\/p><p><em>Zahlreiche Recherchen zum Komplex Kassel 2006 finden sich unter dem Stichwort &sbquo;Kassel&lsquo; im Blog: <a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/wolfwetzel.wordpress.com\">wolfwetzel.wordpress.com<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Wolf Wetzel<\/strong> setzt sich in seiner NSU-VS-Recherche mit dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss\/PUA in Hessen auseinander. Erst im Mai 2014 konnte mit den Stimmen der SPD und der Partei &bdquo;DIE LINKE&ldquo; doch noch ein PUA eingesetzt werden. CDU, Gr&uuml;ne und FDP hielten diesen f&uuml;r &bdquo;nicht zielf&uuml;hrend&ldquo; und enthielten sich der Stimme. Nun liegt ein erster Entwurf des<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43313\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,125,166],"tags":[2034,1443,901,2129,955,1266],"class_list":["post-43313","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-rechte-gefahr","category-terrorismus","tag-aktenvernichtung","tag-bouffier-volker","tag-geheimdienste","tag-geheimhaltung","tag-neonazismus","tag-nsu"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43313","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=43313"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43313\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48013,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43313\/revisions\/48013"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=43313"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=43313"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=43313"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}