{"id":43341,"date":"2018-04-07T11:45:49","date_gmt":"2018-04-07T09:45:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43341"},"modified":"2026-01-27T11:27:55","modified_gmt":"2026-01-27T10:27:55","slug":"einem-politiker-wie-spahn-moechte-ich-am-liebsten-sagen-sei-doch-einfach-ruhig-wenn-du-keine-ahnung-von-dem-thema-hast","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43341","title":{"rendered":"\u201eEinem Politiker wie Spahn m\u00f6chte ich am liebsten sagen: Sei doch einfach ruhig, wenn Du keine Ahnung von dem Thema hast.\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180407_trabert.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>&bdquo;Leid. Ich sehe viel Leid&ldquo;, sagt der Mainzer Mediziner <strong><a href=\"https:\/\/de-de.facebook.com\/Gerhard-Trabert-1381018888785543\/\">Gerhard Trabert<\/a><\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten zum Thema Armut. Der Professor f&uuml;r Sozialmedizin, der seit vielen Jahren die &Auml;rmsten in der Gesellschaft medizinisch versorgt, findet klare Worte zu dem Verhalten der Politik, wenn es um Armut im eigenen Land geht. Trabert sagt, so mancher Politiker, der sich berufen f&uuml;hlt, etwas zum Thema Armut zu sagen, solle erst einmal selbst unter realen Bedingungen erfahren, was es hei&szlig;t, arm zu sein. Ein Interview &uuml;ber den &bdquo;Armutseisberg&ldquo; und die Realit&auml;tsferne der Politik. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6499\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-43341-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180406_Zu_Spahn_Sei_einfach_ruhig_wenn_Du_keine_Ahnung_hast.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180406_Zu_Spahn_Sei_einfach_ruhig_wenn_Du_keine_Ahnung_hast.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180406_Zu_Spahn_Sei_einfach_ruhig_wenn_Du_keine_Ahnung_hast.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180406_Zu_Spahn_Sei_einfach_ruhig_wenn_Du_keine_Ahnung_hast.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=43341-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180406_Zu_Spahn_Sei_einfach_ruhig_wenn_Du_keine_Ahnung_hast.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180406_Zu_Spahn_Sei_einfach_ruhig_wenn_Du_keine_Ahnung_hast.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Gerhard Trabert wei&szlig;, wovon er redet. Er kennt Armut. Er war als Mediziner in den &auml;rmsten L&auml;ndern dieser Welt und hat gesehen, welche extremen Ausformungen Armut annehmen kann. Er wei&szlig; aber auch: Armut existiert nicht nur weit au&szlig;erhalb von Deutschland. Auch hier im Land, mitten unter uns, leben Menschen, die Armut ausgesetzt sind. Dagegen k&auml;mpft Trabert an. Seit 1997 existiert sein Verein &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.armut-gesundheit.de\/der-verein\/\">Armut und Gesundheit in Deutschland<\/a>&ldquo;, der ihm und seinem Team dazu dient, direkt und unb&uuml;rokratisch Hand anzulegen und den &Auml;rmsten in unserer Gesellschaft medizinische Hilfe zukommen zu lassen. In einem zweiteiligen Interview berichtet der Mediziner von seinen Erfahrungen im Umgang mit den Armen und spricht &uuml;ber die Schieflagen in der aktuellen Armutsdiskussion.<\/p><p><strong>Herr Trabert, wir sitzen hier in einem schicken Caf&eacute; in Mainz, einer Stadt mit vielen sch&ouml;nen Geb&auml;uden, der Rheinpromenade und teuren Hotels. Das sieht, oberfl&auml;chlich betrachtet, doch ganz nett aus hier. Aber wie sieht es mit der Armut aus? Gibt es die hier in Mainz?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich. Wie in jeder Stadt gibt es auch in Mainz Armut. Sichtbar wird Armut in St&auml;dten h&auml;ufig durch das Wahrnehmen von obdachlosen Menschen, Obdachlosigkeit ist die sichtbare Spitze des Armutseisberges in Deutschland. Viele Kommunen, so teilweise auch die Stadt Mainz, versuchen Obdachlose von &ouml;ffentlichen Pl&auml;tzen zu vertreiben.<\/p><p><strong>Finden Sie diese Vertreibungspolitik in Ordnung?<\/strong><\/p><p>Nein. Die Stadt geh&ouml;rt allen. Auch Menschen, die ohne Obdach sind.<\/p><p><strong>Wir waren beim Bild des Eisbergs.<\/strong><\/p><p>Wie wir wissen, ist der gr&ouml;&szlig;te Teil des Eisbergs unter Wasser, er ist also nicht sichtbar. So &auml;hnlich ist es mit von Armut betroffenen Menschen. Die Obdachlosen sehen wir. Da wissen wir mit einem Blick: Hier ist Armut. Aber es gibt viele Menschen, deren Armut nicht so leicht sichtbar ist. Das sind Menschen, die von sozialen Transferleistungen leben. Menschen, die unter Altersarmut leiden. In unsere Poliklinik &bdquo;Ohne Grenzen&ldquo; kommen immer mehr Menschen, die nicht krankenversichert sind, EU-B&uuml;rger, die legal bei uns leben, alte Menschen, ehemals privat Versicherte, die die Beitr&auml;ge nicht mehr zahlen k&ouml;nnen, oder auch illegalisierte Menschen ohne jeglichen Zugang zu einer Krankheitsbehandlung. Aber auch gefl&uuml;chtete Menschen, Asylbewerber, die zwar anerkannt sind, aber nur einen eingeschr&auml;nkten Krankenversicherungsschutz haben.<\/p><p><strong>Was hei&szlig;t das, eingeschr&auml;nkter Versicherungsschutz?<\/strong><\/p><p>Das hei&szlig;t, dass nur akute Erkrankungen und Schmerzzust&auml;nde behandelt werden d&uuml;rfen, was in meinen Augen ein Versto&szlig; gegen die Menschenrechte ist. Was ich sagen m&ouml;chte, ist: Wir sind im niedrigschwellig konzipierten Gesundheitsversorgungsbereich mit einer ganzen Reihe von Menschen konfrontiert, die von Armut betroffen sind. Gesundheitsversorgung ist ein Menschenrecht!<\/p><p><strong>Bevor wir gleich n&auml;her auf die Ursachen dieser Armut zu sprechen kommen: Wir erleben jetzt gerade, dass das Thema Armut auch mal wieder auf der politischen Ebene eine Rolle spielt. Es gab zum Beispiel die &Auml;u&szlig;erung von Jens Spahn, wonach die Menschen, die von Hartz-IV lebten, nicht hungern m&uuml;ssten. Wie haben Sie diese Aussage aufgenommen?<\/strong><\/p><p>Was Spahn gesagt hat, macht mich traurig und w&uuml;tend zugleich. Einem Politiker wie Herrn Spahn m&ouml;chte ich am liebsten sagen: &bdquo;Sei doch einfach ruhig, wenn Du keine Ahnung von dem Thema hast.&ldquo; Mit so einer Aussage stigmatisiert und diskriminiert er die Menschen, die von Transferleistungen leben m&uuml;ssen. Wir kennen das von Sarrazin, wir kennen das von Ursula von der Leyen, die sich auch auf eine stigmatisierende Art und Weise ge&auml;u&szlig;ert haben. Von der Leyen sagte, als es um das Bildungspaket ging, sinngem&auml;&szlig;, warum solle man den vorgesehenen Betrag innerhalb des Regelsatzes auszahlen, das werde doch von den Empf&auml;ngern nur vertrunken oder in Pauschalreisen investiert.<\/p><p><strong>Aber diese Gedanken sind, l&auml;ngst nicht nur bei Politikern, ziemlich vorherrschend, wenn es um die Armen geht. Man unterstellt den Armen auf klassistische Weise, dass sie mit Geld nicht umgehen k&ouml;nnen und es f&uuml;r Alkohol und Tabak ausgeben.<\/strong><\/p><p>Das ist schlicht eine Unversch&auml;mtheit. Es gibt wissenschaftliche Expertisen, aus denen klar hervorgeht, dass Eltern in einer Armutssituation f&uuml;r ihre Kinder an das eigene Budget gehen und lieber das Geld f&uuml;r ihre Kinder ausgeben als f&uuml;r sich selbst. Mein Kollege, Werner W&uuml;stend&ouml;rfer, hat dies in mehreren wissenschaftlichen Expertisen sehr gut belegen k&ouml;nnen. Wenn ich jedenfalls solche Aussagen wie von Spahn oder von der Leyen h&ouml;re, dann denke ich mir: Die Herren und Damen m&ouml;gen mal bitte f&uuml;r ein halbes Jahr von Hartz IV leben.<\/p><p><strong>Dann aber bitte unter realen Bedingungen, das hei&szlig;t, eingebettet in eine marode &bdquo;Infrastruktur&ldquo;, wie es bei den &Auml;rmsten eben der Fall ist: Ohne finanzielles Polster, in einer alten Wohnung, in einer heruntergekommenen Gegend lebend (mit all dem Stress und den Problemen, die das bereitet), mit Gebrauchsgegenst&auml;nden, die allesamt dabei sind, kaputt zu gehen, mit Schulden, mit dem Gerichtsvollzieher vor der T&uuml;r usw.<\/strong><\/p><p>Genau, darum geht es: So mancher Politiker, der sich &uuml;ber die Armen ausl&auml;sst, m&uuml;sste unter realen Bedingungen erfahren, was es hei&szlig;t, hier in dieser Gesellschaft arm zu sein.<\/p><p>Gerade auch die Wohnsituation f&uuml;hrt bei sozial benachteiligten Menschen zu vielen Problemen. Wo leben die Menschen denn? Sie leben dort, wo die Mieten billig sind. Und wo sind die Mieten billig? Nat&uuml;rlich in stressausl&ouml;senden Wohnlagen, wie zum Beispiel direkt an einer vielbefahrenen Stra&szlig;e oder in den Einflugschneisen von Flugh&auml;fen. In Vortr&auml;gen frage ich &ouml;fter mal: Wissen Sie, was eine alleinerziehende Mutter mit ihrem f&uuml;nfj&auml;hrigen Kind pro Tag f&uuml;r ihr Kind f&uuml;r Fr&uuml;hst&uuml;ck, Mittagessen und Abendessen zur Verf&uuml;gung hat, wenn sie von Hartz IV lebt? Gerade einmal 2,80 Euro.<\/p><p>Wenn man sich diese Zahl vor Augen f&uuml;hrt, dann wird einem klar, was es hei&szlig;t, von so einem Budget zu leben. Ich selbst habe vier Kinder. Wenn Sie im Sommer mit Ihrem Kind durch die Stadt gehen, dann m&ouml;chte es das, was andere Kinder auch wollen: ein Eis. Eine Kugel Eis kostet 1 Euro oder mehr. Wie wollen Sie diese Ausgabe von 2,80 Euro stemmen? Das geht einfach nicht.<\/p><p>Worauf ich hinaus m&ouml;chte, ist: Die Kinder von Eltern, die in Einkommensarmut leben, erfahren schon fr&uuml;h, dass sie ausgegrenzt sind. Sie k&ouml;nnen an dem, was in unserer Gesellschaft an Angeboten vorhanden ist, nicht teilhaben.<\/p><p><strong>Sie sind w&uuml;tend, wenn Sie dar&uuml;ber sprechen.<\/strong><\/p><p>Ja, und ich werde zunehmend w&uuml;tender, wenn ich mir vor Augen f&uuml;hre, dass Politiker, die aus der Oberschicht stammen, keine Ahnung von der Lebenswirklichkeit der betroffenen Menschen haben. Sie wissen nicht, wie es sich anf&uuml;hlt, wenn man durch Armut stigmatisiert ist. Sie kennen das Gef&uuml;hl nicht, das Menschen sp&uuml;ren, wenn sie sich viele Male beworben haben und nur Absagen erhalten. Als Student habe ich mal ein Experiment gemacht &ndash; in einer Obdachlosensiedlung.<\/p><p><strong>Erz&auml;hlen Sie uns bitte davon.<\/strong><\/p><p>Ich habe damals Sozialarbeit studiert und bin dann f&uuml;r 6 Wochen in eine Obdachlosensiedlung gezogen, um zu erfahren, was dieses Leben dort bedeutet. Ich habe dann mit meiner Vita Bewerbungen verschickt. Aber als Adresse war die Obdachlosensiedlung angegeben. Das Ergebnis war: Ich habe keinen Job bekommen. Kurzum: Nicht meine Qualifikation war entscheidend, sondern die Anschrift. Das ist jetzt nur ein Beispiel daf&uuml;r, wie die Lebensumst&auml;nde in Armut zur Ausgrenzung f&uuml;hren. Und dann kommt ein Politiker wie Spahn daher und nimmt sich heraus, etwas &uuml;ber sozial benachteiligte Menschen sagen zu k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Im Gegensatz zu Herrn Spahn sind Sie durch Ihre Arbeit ja sehr nahe dran an den armen Menschen. Was sehen Sie?<\/strong><\/p><p>Leid. Ich sehe viel Leid. Was glauben Sie, wie solche Aussagen wie die von Herrn Spahn oder von Frau von der Leyen am Selbstwertgef&uuml;hl der Menschen nagen? Ich kann bei meiner Arbeit beobachten, wie Menschen sich immer mehr aufgeben, weil die &auml;u&szlig;eren Umst&auml;nde einfach brutal sind. Arbeitslose Menschen haben im &Uuml;brigen eine 20-mal h&ouml;here Suizidrate als Erwerbst&auml;tige.<\/p><p><strong>Ulrich Schneider hat vor einiger Zeit im Vorwort zu seinem Buch &bdquo;Kampf gegen die Armut&ldquo; bemerkt, dass die Sprache, mit der &uuml;ber arme Menschen geredet werde, furchtbar sei. Er hat eine empathielose, kalte Sprache identifiziert.<\/strong><\/p><p>Jesper Juul, ein d&auml;nischer Familientherapeut, hat im Zusammenhang der Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern den Begriff der Gleichw&uuml;rdigkeit gepr&auml;gt. Diesen Begriff, den es in unserer Sprache nicht gibt, verwende ich gerne und sage, dass er die Basis unserer Kommunikation zu benachteiligten, armen Menschen sein muss. Man muss diesen Menschen mit W&uuml;rde begegnen, ihnen W&uuml;rde zur&uuml;ckgeben und ihnen so auch dabei helfen, wieder den Glauben an sich selbst, an das Wertvolle in ihnen, an die eigenen Ressourcen zur&uuml;ckzufinden. Manchmal habe ich das Gef&uuml;hl, dass dieser Teil unserer Arbeit, wenn wir zum Beispiel zu wohnungslosen Menschen gehen und sie &auml;rztlich versorgen, viel wichtiger ist als die Behandlung einer Krankheit oder eines k&ouml;rperlichen Gebrechens.<\/p><p><strong>Warum wird oft so abwertend und mit so einer Geringsch&auml;tzung &uuml;ber die Armen geredet?<\/strong><\/p><p>Das ist eine Frage, die ich mir auch schon oft gestellt habe. Ich glaube, das hat sehr viel mit unserem System, mit unserer kapitalistischen Demokratie zu tun. Es geht immer nur um Leistung, Leistung, Leistung. Nur wer, definiert nach kapitalistischen Kriterien, in dieser Gesellschaft etwas leistet, bekommt Anerkennung. Wohnungslose Menschen, Menschen die sich diesem Leistungsdenken nicht unterwerfen, stellen dieses Leistungsparadigma in Frage. Das macht sie gef&auml;hrlich f&uuml;r das Funktionieren anderer Menschen in dieser Leistungsgesellschaft. Also auch daher kommt vielleicht diese Absch&auml;tzigkeit im Verhalten gegen&uuml;ber sozial benachteiligter Menschen.<\/p><p><strong>Was f&auml;llt Ihnen bei der aktuellen Armutsdiskussion auf?<\/strong><\/p><p>Das Erste, was mir in den Kopf kommt, ist: In der Diskussion wird &uuml;ber Objekte, nicht &uuml;ber Subjekte gesprochen. Die Hintergr&uuml;nde, die dazu gef&uuml;hrt haben, dass Menschen abgest&uuml;rzt sind, ihr Leben, wie man allgemein so sagt, nicht auf die Reihe bekommen, interessiert in der Diskussion kaum jemanden. Bei einer Untersuchung unter Obdachlosen bin ich einmal der Frage nachgegangen, was die Gr&uuml;nde daf&uuml;r sind, dass Menschen obdachlos geworden sind. Als Hauptgr&uuml;nde wurden angegeben: Verlust der Arbeit und Lebensereignisse, die dramatisch waren, also: Tod des Partners, Tod von Kindern, schwere Krankheit.<\/p><p>In den 25 Jahren meiner Arbeit sind mir diese schweren Krisen bei wohnungslosen Menschen, mit denen ich zu tun habe, immer wieder begegnet. Und ich habe mich gefragt: Wie w&uuml;rde ich eigentlich damit umgehen, wenn mir so etwas zusto&szlig;en w&uuml;rde? Wenn ich kein soziales Umfeld h&auml;tte, das mich tr&auml;gt, dann w&uuml;rde es mir vielleicht genauso gehen und ich w&uuml;rde auch obdachlos werden. Vielleicht w&uuml;rde ich auch meine Motivation, zu funktionieren, zu arbeiten, zu leisten, verlieren. Wenn man sich so den Biographien von unter Einkommensarmut betroffener Menschen n&auml;hert, dann sind diese vielleicht bisweilen so fremd wirkenden Menschen einem n&auml;her und vertrauter und man erkennt, dass man genauso gut auf der anderen Seite stehen k&ouml;nnte, wenn das Leben einem so mitgespielt h&auml;tte.<\/p><p>Die Diskussion um die Armen ist oft von Schuldzuweisungen gepr&auml;gt. &bdquo;Die&ldquo; sind doch selbst schuld an ihrer Misere, hei&szlig;t es dann. Aber ich habe gelernt, dass die Schuldfrage nicht hilfreich und wenig sinnvoll ist. Ich muss bei der Begegnung dieser Menschen versuchen, ihr Selbstwertgef&uuml;hl zu st&auml;rken, darf sie nicht mit Schuldzuweisungen &uuml;berh&auml;ufen.<\/p><p><strong>Aber das Gegenteil ist der Fall?<\/strong><\/p><p>So ist es. Ich beobachte aber immer wieder, dass von Armut betroffene Menschen Strukturen ausgesetzt sind, die genau das Gegenteil tun und bewirken. Ob Jobcenter, Sozial&auml;mter, Krankenkassen: Diese Einrichtungen sind oft Hindernisse, sie sind Steine im Weg der Menschen zur&uuml;ck in die Gesellschaft. Das hei&szlig;t, zu ihrem bereits sehr steinigen Weg werden von diesen &Auml;mtern und Beh&ouml;rden noch weitere Steine dazugelegt, &uuml;ber die sie dann zu gehen haben.<\/p><p><strong>Wie geschieht das?<\/strong><\/p><p>Die Beh&ouml;rden stellen oft administrative H&uuml;rden auf, die sozial benachteiligte Menschen aufgrund ihrer fehlenden Kraft gar nicht mehr nehmen k&ouml;nnen. Au&szlig;erdem beraten sie beispielsweise nicht rechtskonform. Hinzu kommt, dass neben den b&uuml;rokratischen H&uuml;rden auf den &Auml;mtern oft den Menschen auch noch vermittelt wird, dass sie selbst schuld sind, keinen Wert haben usw. Zudem sind Antragsformulare in einer Sprache verschriftlicht, die kaum verstehbar ist.<\/p><p><strong>Sie haben gerade von den Steinen gesprochen, die den Armen in den Weg gelegt werden. Kann es sein, dass die Rutschbahn, die nach unten f&uuml;hrt, ziemlich glattpoliert ist? Nehmen wir doch nur mal die Sanktionsma&szlig;nahmen, gerade auch gegen j&uuml;ngere Transferleistungsbezieher.<\/strong><\/p><p>Die Agenda 2010 war f&uuml;r viele Menschen eine Katastrophe. Die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes ist auf dem R&uuml;cken der Armen geschehen. Mit der Agenda haben wir tats&auml;chlich, wie sie sagen, eine Art Rutschbahn installiert, die in die Armut f&uuml;hrt. Gerade das Mittel der Sanktionen tr&auml;gt zum Absturz von Menschen bei. Die Politik spricht von einem F&ouml;rdern und Fordern. Da wird &uuml;berhaupt nicht bedacht, in welchen Lebenssituationen die Menschen sind. Die Betroffenen sind mit dem, was von ihnen gefordert wird, oft &uuml;berfordert. Sie k&ouml;nnen nicht erf&uuml;llen, was die &Auml;mter von ihnen verlangen. Diese Bringleistung ist oft, meines Erachtens, so intransparent und hochschwellig, dass ein Scheitern, ein Nichterf&uuml;llen strukturell gewollt ist. Ich halte von diesen Sanktionen absolut nichts.<\/p><p><strong>Die Sanktionen bewegen sich, p&auml;dagogisch betrachtet, auf einer Ebene mit dem Konzept der Pr&uuml;gelstrafe.<\/strong><\/p><p>Absolut. Aber seien wir nicht naiv: Diejenigen, die die Agenda 2010 samt den darin enthaltenen Sanktionsma&szlig;nahmen ausgearbeitet haben, waren ja keine Dummk&ouml;pfe. Es gibt nat&uuml;rlich ein Kalk&uuml;l hinter den Sanktionsma&szlig;nahmen. Man arbeitet hier mit Abschreckung, anstatt ernsthaft Armut zu bek&auml;mpfen. Nehmen Sie nur den aktuellen Koalitionsvertrag. Wo wird darin wirklich Armut bek&auml;mpft?<\/p><p><em>Hier geht es <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43343\">zum zweiten Teil des Interviews mit Gerhard Trabert.<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180407_trabert.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>&bdquo;Leid. Ich sehe viel Leid&ldquo;, sagt der Mainzer Mediziner <strong><a href=\"https:\/\/de-de.facebook.com\/Gerhard-Trabert-1381018888785543\/\">Gerhard Trabert<\/a><\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten zum Thema Armut. Der Professor f&uuml;r Sozialmedizin, der seit vielen Jahren die &Auml;rmsten in der Gesellschaft medizinisch versorgt, findet klare Worte zu dem Verhalten der Politik, wenn<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43341\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,140,209,132,161],"tags":[1550,635,881,373,998,1055,928,217,1141,214,307,1174,408,389,1798,827,1365,218,2313,626],"class_list":["post-43341","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-interviews","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wertedebatte","tag-agenda-2010","tag-altersarmut","tag-armut","tag-oekonomisierung","tag-buerokratie","tag-fluechtlinge","tag-gesundheit","tag-kinderarmut","tag-obdachlosigkeit","tag-regelsatz","tag-sanktionen","tag-segregation","tag-soziale-herkunft","tag-sozialrassismus","tag-spahn-jens","tag-stigmatisierung","tag-suizid","tag-teilhabe","tag-trabert-gerhard","tag-von-der-leyen-ursula"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43341","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=43341"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43341\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":87941,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43341\/revisions\/87941"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=43341"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=43341"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=43341"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}