{"id":43343,"date":"2018-04-08T11:45:36","date_gmt":"2018-04-08T09:45:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43343"},"modified":"2026-01-27T11:27:52","modified_gmt":"2026-01-27T10:27:52","slug":"an-der-diskussion-ueber-eine-umverteilung-wird-man-nicht-vorbeikommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43343","title":{"rendered":"\u201eAn der Diskussion \u00fcber eine Umverteilung wird man nicht vorbeikommen\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180407_trabert.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>&bdquo;Wenn die Politik ernsthaft Armut bek&auml;mpfen will, muss sie den Reichtum in Deutschland problematisieren&ldquo;, sagt der Mediziner <strong><a href=\"http:\/\/www.armut-gesundheit.de\/der-verein\/\">Gerhard Trabert<\/a><\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Aus Sicht des Professors f&uuml;r Sozialmedizin gibt es viele M&ouml;glichkeiten, den Armen zu helfen &ndash; nur m&uuml;sste dann die Politik die Bereitschaft mitbringen, die Strukturen, die Armut erzeugen, aufzubrechen. Im zweiten Teil des Interviews f&uuml;hrt der <a href=\"https:\/\/de-de.facebook.com\/Gerhard-Trabert-1381018888785543\/\"><strong>Mainzer Arzt<\/strong><\/a> aus, wie schwer es aufgrund fehlender Mittel f&uuml;r einkommensarme Menschen ist, sich im Leben zu behaupten und spricht &uuml;ber das soziale Netz in unserer Gesellschaft, das &bdquo;immer grobmaschiger wird&ldquo;. Ein Interview von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1627\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-43343-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180409_Diskussion_ueber_Umverteilung_Teil_2_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180409_Diskussion_ueber_Umverteilung_Teil_2_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180409_Diskussion_ueber_Umverteilung_Teil_2_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180409_Diskussion_ueber_Umverteilung_Teil_2_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=43343-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180409_Diskussion_ueber_Umverteilung_Teil_2_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180409_Diskussion_ueber_Umverteilung_Teil_2_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Dies ist der zweite Teil des NachDenkSeiten-Interviews mit Gerhard Trabert. Den gestern erschienenen ersten Teil <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43341\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p><strong>Wie erkl&auml;ren Sie sich, dass die Parteien, die teilweise ja auch ein &bdquo;C&ldquo; f&uuml;r christlich in ihrem Namen haben, so wenig tun, um wirklich gegen Armut vorzugehen?<\/strong><\/p><p>Dem &bdquo;C&ldquo; oder dem &bdquo;S&ldquo; in ihrem Namen werden diese Parteien nicht gerecht. Da ist der Papst noch progressiver als unsere Parteien. Ich denke, das fehlende Verst&auml;ndnis der Politik gegen&uuml;ber den von Einkommensarmut betroffenen Menschen hat auch mit der sozialen Zusammensetzung im Parlament zu tun. Wir hatten noch nie so viele Politiker im Parlament, die aus der Oberschicht oder oberen Mittelschicht kommen, wie jetzt. Da sind ganz viele Politiker, die eben ihre Politiker-Karriere vorweisen k&ouml;nnen, aber nie richtig gearbeitet haben.<\/p><p><strong>Womit wir wieder bei Spahn w&auml;ren.<\/strong><\/p><p>Ja, der ist wohl ein gutes Beispiel f&uuml;r diesen Typ des Politikers, obwohl ich seine Biographie nicht wirklich kenne. Das Schlimme ist, dass Politiker ja eine hohe Verantwortung haben, aber, und ich komme nochmal auf das zur&uuml;ck, was Spahn gesagt hat, dieser Verantwortung, wenn sie so eine Aussage wie er t&auml;tigen, einfach nicht gerecht werden. Von einem Profi-Politiker erwarte ich, dass er das, was er sagt, gut &uuml;berlegt.<\/p><p><strong>Vielleicht hat Spahn ja auch gut &uuml;berlegt.<\/strong><\/p><p>Das kann nat&uuml;rlich sein. Womit wir bei einer weiteren Kritik sind, die ich anzubringen habe. Wir sehen gerade, wie die CSU versucht, rechts Stimmen zu gewinnen. Aber wir wissen aus der Geschichte, dass das der falsche Weg ist. Die Parteien d&uuml;rfen keinen Schritt, keinen Millimeter Richtung rechts gehen. Sie m&uuml;ssen klare Kante zeigen und m&uuml;ssen sich klar zur AfD abgrenzen. Die AfD macht &uuml;berhaupt nichts f&uuml;r arme Menschen.<\/p><p><strong>Sie suggeriert es aber.<\/strong><\/p><p>Ja, aber wenn man in das Parteiprogramm schaut, findet sich nichts in Sachen Armutsbek&auml;mpfung. Dass aber von anderen, den etablierten Parteien Leistungen unseres Staates in Frage gestellt werden, besonders Beziehern von Arbeitslosengeld II und Sozialhilfe wie auch gefl&uuml;chteten Menschen gegen&uuml;ber, und sie damit diskriminieren und negativ darstellen, ist immer wieder der Versuch, Stimmen von rechts zu bekommen. Das ist falsch, das ist fatal und das wird letztlich den Rechtspopulismus noch st&auml;rken.<\/p><p>Sie kennen bestimmt den Aufsatz &bdquo;Emp&ouml;rt Euch&ldquo; von Stephane Hessel. Er fordert darin, Europa solle sich auf seine grundlegenden Werte besinnen, also auf Humanit&auml;t und auf die Menschenrechte. Das ist die Basis. Hessel bringt es, meines Erachtens, sehr eindrucksvoll auf den Punkt, indem er schreibt: &bdquo;Leistet Widerstand (Anmerkung: einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft gegen&uuml;ber) und schafft Neues, schafft Neues und leistet Widerstand.&ldquo;. Das, was ich hier tue, mit meinem Verein, das ist auch etwas Neues, aber ich m&ouml;chte damit auch Widerstand leisten, Widerstand gegen diesen Trend in unserer Gesellschaft, dass unser soziales Netz immer grobmaschiger wird, dass immer mehr auf sozial benachteiligte Menschen herabgesehen wird. Das hei&szlig;t, es geht darum, nicht nur zu reden, sondern etwas zu tun und dabei aber auch bestimmte Strukturen in Frage zu stellen, die n&auml;mlich verantwortlich sind f&uuml;r Armut.<\/p><p>Meine langj&auml;hrige Erfahrung als Arzt, als Sozialarbeiter, als Mensch im In- und Ausland t&auml;tig, hat mir immer wieder gezeigt, dass in Afrika von Armut betroffene Menschen physisch verhungern, in Europa verhungern sie psychisch, weil sie als wertlos betrachtet werden. Ich habe es ja schon angesprochen: Von Einkommensarmut Betroffenen wird suggeriert, dass sie wertlos sind, weil sie angeblich keine Leistungstr&auml;ger sind. Aber was macht denn Leistung aus? Was ist das f&uuml;r eine enorme Leistung, wenn eine alleinstehende Mutter ihr Kind gro&szlig;zieht!<\/p><p><strong>Das wird &uuml;berhaupt nicht honoriert.<\/strong><\/p><p>Nein, wird es auch nicht. Und diese fehlende Anerkennung setzt den armen Menschen schwer zu. Irgendwann haben sie diese Suggestion, wonach sie nichts wert sind, verinnerlicht. Irgendwann glauben sie tats&auml;chlich, sie k&ouml;nnen nichts, sind f&uuml;r nichts gut usw. Wenn dann auch noch ein bekannter Politiker entsprechende Worte &auml;u&szlig;ert, dann hat das eine zus&auml;tzlich stigmatisierende Wirkung.<\/p><p><strong>Und irgendwann landen die Menschen dann bei Ihnen oder bei den Tafeln?<\/strong><\/p><p>Ja, aber das kann doch nicht sein. Wir wollen doch keine Armutsmedizin etablieren. Wir, d.h. unser Verein ist da, weil der Staat versagt. Deshalb machen wir, was wir machen. Wenn wir &uuml;ber uns selbst und unsere Arbeit nachdenken, dann kommen wir immer wieder zu diesem Ergebnis, dass auch wir, mit unserer Arbeit, zur Aussonderung beitragen. Wir helfen zwar Menschen, aber unsere Hilfe zeigt zugleich auf, dass diese Menschen von anderen getrennt sind. Das d&uuml;rfte nicht sein.<\/p><p>Es ist nicht anders als bei den Tafeln. So gut ich es finde, dass Lebensmittel nicht weggeworfen werden und Bed&uuml;rftigen geholfen wird, aber alleine durch die Existenz der Tafeln manifestiert sich eine Aussonderung. Ohne auch nur ansatzweise zu erkennen, was es &uuml;berhaupt bedeutet, dass in einem reichen Land wie Deutschland Tafeln existieren, stellen sich Politiker hin und sagen: Es funktioniert doch. Es gibt die Tafeln. Es gibt die niedrigschwelligen Gesundheitsversorger. Der Herr Trabert macht das hier bei uns in Mainz. Alles ist prima. Nein, das ist es eben nicht.<\/p><p>Ich habe es schon einige Male erlebt, dass die Jobcenter Menschen zu mir geschickt haben und ihnen dabei mit auf den Weg gegeben haben: Sie haben keine Krankenversicherung? Kein Problem. Gehen Sie zu Doktor Trabert, da bekommen Sie die Medikamente umsonst. Nat&uuml;rlich ist dies absolut inakzeptabel. Ich habe daraufhin den Leiter des Jobcenters angerufen und ihm gesagt, wenn noch einmal das Jobcenter einen Menschen zu mir schickt, dann lege ich eine Beschwerde ein und werde damit an die &Ouml;ffentlichkeit gehen. Es ist die Aufgabe der Jobcenter, Menschen in eine Krankenversicherung zu vermitteln, eine Verankerung im regul&auml;ren Sozialversicherungssystem herzustellen.<\/p><p><strong>Die Situation ist also die, dass Sie als Arzt, der Arme medizinisch versorgt, auch noch die Rolle des Anwaltes &uuml;bernehmen, weil die &Auml;mter bisweilen eine eigenwillige Rechtsauffassung haben?<\/strong><\/p><p>Das ist wirklich so. Wir haben mittlerweile auch intensiven Kontakt zu Juristen mit unserem Verein und wenn die Patienten das m&ouml;chten, helfen wir ihnen auch und prozessieren. Bisher haben wir nahezu jeden Prozess auch gewonnen.<\/p><p>Im Gespr&auml;ch mit den Patienten zeigt sich immer wieder, dass sie auch mit Rechtsverst&ouml;&szlig;en der &Auml;mter und Beh&ouml;rden zu k&auml;mpfen haben. Wenn gerade unsere Sozialarbeiterinnen mit den Betroffenen ins Gespr&auml;ch kommen, stellen wir oft fest, dass die Menschen zutiefst verunsichert sind und Angst davor haben, sich zu wehren oder eben einfach gar nicht Bescheid wissen, was rechtens ist und was nicht. Es geht ja nicht darum, vom guten Willen eines Sachbearbeiters abh&auml;ngig zu sein, den Betroffenen werden ihnen zustehende Rechte verweigert.<\/p><p><strong>Vor einiger Zeit hatte ich eine kleine Diskussion mit einem Pfarrer zum Thema Armut. Er sagte mir, er sei kein Freund davon, die Regels&auml;tze zu erh&ouml;hen. Der Grund: Die Gefahr sei gro&szlig;, dass das Geld f&uuml;r nicht notwendige Konsumartikel ausgegeben werde. F&uuml;r ihn war das Thema Bildung zentral. Nur &uuml;ber Bildung lie&szlig;e sich Armut &uuml;berwinden. Was halten Sie von diesen Aussagen?<\/strong><\/p><p>Bildung im Zusammenhang mit Armut ist ein Lieblingsthema, gerade innerhalb neoliberaler Str&ouml;mungen.<\/p><p>Die Aussage, bist Du gut gebildet, dann bist Du nicht von Armut betroffen, ist absoluter Unsinn. Die OECD best&auml;tigt immer wieder: In keinem Land ist die Bildungskarriere so vom Sozialstatus der Eltern abh&auml;ngig wie in Deutschland. Das hei&szlig;t: Intelligente Kinder von sozial benachteiligten Familien haben schlechtere Chancen. Aber das ist nur das Eine. Hinzu kommt n&auml;mlich auch: Wenn ein intelligentes Kind in einem armen Haushalt lebt, in dem die Eltern Transferleistungen beziehen, dann n&uuml;tzen die besten Bildungsangebote nichts, da das Kind durch den Hartz-IV-Satz und das b&uuml;rokratische Monster des Bildungspaketes Grundlegendes, um sich &uuml;berhaupt Bildung aneignen zu k&ouml;nnen, nicht anschaffen kann. F&uuml;r Nachhilfe, die die Mehrheit der Kinder mittlerweile von den Eltern finanziert bekommt, gibt es &uuml;berhaupt keine finanziellen Ressourcen. Und als Mediziner sage ich zudem: Um den kognitiven Leistungsanforderungen in der Schule entsprechen zu k&ouml;nnen, geh&ouml;rt auch eine entsprechende Ern&auml;hrung, die der Regelsatz ebenfalls nicht erm&ouml;glicht.<\/p><p>Ich erinnere an das, was der Wirtschaftsnobelpreistr&auml;ger Amartya K. Sen in diesem Zusammenhang gesagt hat. Er sprach von capabillities, also von Verwirklichungschancen. Eine freie Gesellschaft, sagt er, muss daf&uuml;r sorgen, dass die Menschen in ihr das, was sie an Bildungskompetenz erworben haben, auch in die Realit&auml;t umsetzen k&ouml;nnen. Nehmen wir mal folgenden Vergleich: Niemand w&uuml;rde sagen, Frauen sind d&uuml;mmer als M&auml;nner. Aber warum sind dann nur sechs Prozent der Frauen in der F&uuml;hrungsschicht von Unternehmen zu finden?<\/p><p><strong>Capabillities!<\/strong><\/p><p>Ja, die Gr&uuml;nde liegen in patriarchalisch gepr&auml;gten Machtstrukturen in unserer Gesellschaft.<\/p><p><strong>Das ist ziemlich leicht zu erkennen: Die Strukturen in unserer Gesellschaft sind gegen Frauen gerichtet.<\/strong><\/p><p>Und genau so ist es bei den Armen. Nur wird das von der Politik und von vielen anderen verleugnet.<\/p><p><strong>Die Armen k&ouml;nnen also das, was sie an Talenten, Wissen und F&auml;higkeiten haben, nicht richtig einsetzen, weil es, ganz simpel, an den notwendigen &ouml;konomischen Mitteln fehlt.<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich, ohne Geld fehlen ihnen wichtige Handlungsm&ouml;glichkeiten. Wichtig w&auml;re auch, dass in Schulen andere Formen von Bildung angeboten werden, als es heute der Fall ist. Es bedarf Bildungsangebote, die den Kompetenzen, die Kindern aus sozial benachteiligten Familien kommen, nicht im Wege stehen. Nehmen wir nur einmal die Sprache. Es ist einfach so, dass die sprachliche Entwicklung sehr wichtig ist. Aber wir wissen aus Untersuchungen, dass in Familien, in denen die Eltern einen geringen Bildungsgrad haben, auch der Sprachcode nicht mit dem Sprachcode harmoniert, der dann in der Schule ben&ouml;tigt wird. Hier m&uuml;sste es zielgruppen- und lebensraumorientierte F&ouml;rderprogramme geben.<\/p><p>Aber um wieder auf Ihre Ausgangsfrage zur&uuml;ckzukommen: Bildung ist kein Garant, aus der Armut zu entkommen. Der Vorschlag &bdquo;Bildung&ldquo; wird als Credo gebraucht, oft ganz im neoliberalen Sinne. Damit wird gesellschaftsstrukturelles Versagen wieder individualisiert.<\/p><p><strong>W&auml;re es nicht endlich f&uuml;r Politiker angebracht, sich zum Thema Armut ehrlich zu machen und anzuerkennen, dass der Armutskreislauf, also die bekannte Vererbung von Armut, nur dann gel&ouml;st werden kann, wenn weitaus mehr Mittel zur Verf&uuml;gung gestellt werden, als es bis jetzt der Fall ist?<\/strong><\/p><p>Absolut. Man kann der Politik nur raten, anzuerkennen, dass es Armut in unserem Land gibt. Und dann differenziert und reflektiert das Armutsph&auml;nomen zu analysieren und zu handeln. Was f&uuml;hrt zur Armut? Wenn ich wei&szlig;, was zur Armut f&uuml;hrt, gilt es Strukturen aufzubauen, die dieser Armut auch tats&auml;chlich entgegenwirken.<\/p><p>Wenn wir heute von Kinderarmut reden, dann sollte uns klar sein: Sowohl bei den Kindern als auch bei den Eltern muss angesetzt werden. Wir brauchen deshalb ganz andere Armutsvermeidungs- und Versorgungskonzepte. Wir m&uuml;ssen in den Lebensraum, ich muss in den sozialen Brennpunkt rein und dort meine Angebote etablieren, wo die Menschen leben. Ich darf nicht warten, bis sie irgendwann in eine Beratungsstelle oder zu einem Amt kommen. Wir haben 1,5 Millionen Kleinwohnungen zu wenig. Der soziale Wohnungsbau, die soziale Stadt: Die wurden gestrichen, diese Konzepte gilt es wieder zu beleben.<\/p><p><strong>Der soziale Wohnungsbau war unter Helmut Kohl als Kanzler schon ein Problem.<\/strong><\/p><p>Das ist jetzt ein anderes Thema, aber es passt doch: In keinem anderen Land gibt es eine so hohe Anzahl an sogenannten ADHS-Erkrankten, also Kindern, denen man die Diagnose Hyperaktivit&auml;tssyndrom zuordnet. Und in keinem anderen Land wird so oft Ritalin, ein Amphetamin, verordnet wie hierzulande. Auch hier wird wieder pathologisiert und individualisiert. Man sagt: Du bist krank!<\/p><p>Diese Verhaltensph&auml;nomene haben mit dem Lebensraum zu tun. Es gibt kaum noch Spielpl&auml;tze, Gr&uuml;nanalagen usw. Man investiert in Luxuswohnungen, die sich arme Menschen nun mal nicht leisten k&ouml;nnen und verdr&auml;ngt diese in Gegenden, wo es keine wohnortnahen Spiel- und Erlebnism&ouml;glichkeiten f&uuml;r die Kinder gibt. Noch schlimmer ist es in den USA. Meine Studenten frage ich &ouml;fter mal: Wisst ihr, wo in den USA die Spielpl&auml;tze in aller Regel sind? Bei McDonalds. Wie sich das auf die Ern&auml;hrung der Kinder auswirkt, brauchen wir nicht weiter zu er&ouml;rtern.<\/p><p>Die Politik &ndash; das ist mein Wunsch &ndash; m&uuml;sste auf allen Ebenen Armutsbek&auml;mpfung mitdenken. Dazu geh&ouml;rt es auch, die Wohnsituation von Einkommensarmut Betroffener zu verbessern.<\/p><p><strong>Aber dann wird man rasch auch &uuml;ber die Finanzierung sprechen m&uuml;ssen.<\/strong><\/p><p>Dar&uuml;ber muss man sprechen. An der Diskussion &uuml;ber eine Umverteilung wird man nicht vorbeikommen und das ist gut so. Dann muss dar&uuml;ber geredet werden, dass Menschen hier im Land immer reicher werden, w&auml;hrend andere v&ouml;llig auf der Strecke bleiben. Nur, wenn die Politik ernsthaft Armut bek&auml;mpfen will, muss sie den Reichtum in Deutschland problematisieren. Das hei&szlig;t: Erh&ouml;hung der Einkommensteuer, Verm&ouml;gensteuer, Erbschaftssteuer usw. Es gibt viele M&ouml;glichkeiten, &uuml;ber eine Umverteilung sozial Benachteiligten die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wieder zu erm&ouml;glichen. Die Politik muss sich dann allerdings wagen, bestimmte Strukturen aufzubrechen.<\/p><p><strong>Das w&uuml;rde allerdings dazu f&uuml;hren, dass die Parteien, die eine &Auml;nderung der Verh&auml;ltnisse herbeif&uuml;hren k&ouml;nnten, Probleme mit ihren W&auml;hlern bekommen.<\/strong><\/p><p>Da bin ich mir nicht so sicher. Die Menschen, die so genannten Normalb&uuml;rger, haben ein feines Gesp&uuml;r f&uuml;r Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit.<\/p><p><strong>Vordergr&uuml;ndig l&auml;sst sich nachvollziehen, warum Parteien wie die CDU vor so einem Schritt zur&uuml;ckschrecken. Aber sie unternehmen ja nicht einmal den Versuch, gegen&uuml;ber ihren W&auml;hlern zu kommunizieren, dass Armutsbek&auml;mpfung auch etwas ist, was letztlich dem ganzen Land irgendwann auch zugutekommen wird.<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich. Wird soziale Gerechtigkeit gesellschaftlich praktiziert, siehe die Untersuchungen von Richard Wilkinson, ist die Lebenserwartung h&ouml;her, ist die Teenagerschwangerschaftsrate niedriger, ist die Kriminalit&auml;t geringer usw. Von einer Gesellschaft, in der Armut weitestgehend abgeschafft ist, w&uuml;rden letztlich alle profitieren.<\/p><p>Die gesellschaftliche Realit&auml;t sieht allerdings so aus, dass die Politik sehr stark vom Lobbyismus gepr&auml;gt und manipuliert wird. Die Armen haben eben keine Lobby. Allerdings m&uuml;sste die Politik doch erkennen, dass es ein gro&szlig;es Bed&uuml;rfnis in unserer Gesellschaft nach sozialer Gerechtigkeit gibt. Die Menschen wollen nicht in Angst leben, in einem System leben, das Armut erzeugt und manifestiert.<\/p><p>Lassen Sie mich einen anderen Gedanken aufgreifen.<\/p><p><strong>Gerne.<\/strong><\/p><p>Als Martin Schulz mit dem Thema soziale Gerechtigkeit antrat, hat die SPD sofort in den Umfragen zugelegt. Warum? Weil es eine Sensibilit&auml;t gegen&uuml;ber dem Thema gibt und die Sehnsucht da ist, dass endlich eine Partei wieder die soziale Gerechtigkeit in den Vordergrund stellt. Rasch hat die SPD dann aber wieder an Zustimmung verloren, weil sie eben nur von sozialer Gerechtigkeit gesprochen, aber nicht geliefert hat. H&auml;tten die Sozialdemokraten den Mut gehabt zu sagen, soziale Gerechtigkeit hei&szlig;t f&uuml;r uns: Wir wollen in den sozialen St&auml;dtebau investieren, wir haben erkannt, dass die Agenda 2010 nicht ausgewogen war, wir erh&ouml;hen die Einkommensteuer, f&uuml;hren eine Verm&ouml;gensteuer ein und sorgen f&uuml;r Umverteilung von oben nach unten, wir investieren in eine gerechte Bildung usw., dann w&auml;re der Hype geblieben.<\/p><p>Ich sehe hier bei meiner Arbeit eine hohe Solidarisierung und sp&uuml;re, dass es ein Bewusstsein f&uuml;r die Armutszust&auml;nde im Land gibt. Menschen wollen helfen, erkl&auml;ren sich solidarisch. Deshalb verstehe ich nicht, warum von politischer Seite nicht der Mut vorhanden ist, das Thema soziale Gerechtigkeit mit ehrlicher Absicht auf die Agenda zu setzen. Auch wenn sie dann vielleicht einige ihrer W&auml;hler verlieren w&uuml;rden, sie w&uuml;rden viele W&auml;hler auch hinzugewinnen. Davon bin ich &uuml;berzeugt.<\/p><p><strong>Als die Agenda 2010 eingef&uuml;hrt wurde, konnte man beobachten, dass es Applaus aus der Mittelschicht gegeben hat. Mittlerweile scheint mir aber, dass viele Menschen auch aus der Mittelschicht erkannt haben: Sie k&ouml;nnten auch irgendwann einmal von Armut betroffen sein und sie w&uuml;rden dann genau in diese Strukturen abrutschen, die sie zuvor noch begr&uuml;&szlig;t haben.<\/strong><\/p><p>Den Menschen im Land wird immer bewusster, wie schnell der soziale Abstieg geschehen kann. Viele haben damals wohl gedacht: Die Agenda 2010 betrifft mich nicht. Aber jetzt, wo die Gefahr, von Einkommensarmut betroffen zu sein, immer n&auml;her r&uuml;ckt, wird das Bewusstsein gegen&uuml;ber den Strukturen, die zu Armut f&uuml;hren, gesch&auml;rft. Armut r&uuml;ckt n&auml;her an viele Menschen heran. Deshalb ist es so wichtig, offen &uuml;ber Armut und die Strukturen, die sie erzeugen, zu reden und nicht zu tabuisieren. Dann w&uuml;rde schnell deutlich: Armut kann mittlerweile sehr viele Menschen pl&ouml;tzlich betreffen. Das hei&szlig;t, hier geht es nicht um ein individuelles Problem, sondern, wie bereits angesprochen, um ein Strukturproblem.<\/p><p>Die Charit&eacute; in Berlin hat Krebspatienten gefragt, wovor sie am meisten Angst haben. Man h&auml;tte erwarten k&ouml;nnen, dass sie sagen w&uuml;rden: vor dem Tod. Aber stattdessen sagten sie, sie h&auml;tten Angst vor sozialem Abstieg. Wer dauerhaft schwer krank ist, kann h&auml;ufig nicht mehr so viel arbeiten, zumindest vor&uuml;bergehend. Er wird weniger Geld verdienen, vielleicht sogar in der Arbeitslosigkeit landen. Und dann ist man eben in dieser Abw&auml;rtsspirale. Krankheit steht an dritter Stelle als Ursache f&uuml;r Verschuldung in unserem Land. Erst danach kommt der Konsum als Ursache. Deshalb, nochmal: Armut kann jeden treffen. Nun ist die Politik gefragt, zu handeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180407_trabert.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>&bdquo;Wenn die Politik ernsthaft Armut bek&auml;mpfen will, muss sie den Reichtum in Deutschland problematisieren&ldquo;, sagt der Mediziner <strong><a href=\"http:\/\/www.armut-gesundheit.de\/der-verein\/\">Gerhard Trabert<\/a><\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. 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