{"id":4337,"date":"2009-11-16T09:19:48","date_gmt":"2009-11-16T08:19:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4337"},"modified":"2014-01-23T11:13:54","modified_gmt":"2014-01-23T10:13:54","slug":"gleichschaltung-auch-bei-kleinen-details-hier-wachstumsraten-im-quartalsvergleich-und-im-vergleich-mit-der-eu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4337","title":{"rendered":"Gleichschaltung auch bei kleinen Details. Hier: Wachstumsraten im Quartalsvergleich und im Vergleich mit der EU"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Europa driftet auseinander. W&auml;hrend Deutschlands Wirtschaft wieder w&auml;chst, verharren andere L&auml;nder in der Rezession.&ldquo; So machte die Berliner Zeitung am 13. November ihren Wirtschaftsteil auf. Und weiter: Schneller als erwartet erhole sich die deutsche Konjunktur von der schwersten Krise, im dritten Quartal um 0,7 % BIP-Zuwachs im Vergleich zum Vorquartal. &Auml;hnlich die Berliner Morgenpost: &bdquo;Deutschlands Konjunktur erneut gestiegen.&ldquo; Und der Berliner Tagesspiegel: &bdquo;Sie w&auml;chst. In Deutschland ist die Wirtschaft gewachsen &ndash; st&auml;rker als im Rest der Eurozone.&ldquo; Diese Kommentierung ist durch nichts gerechtfertigt, allenfalls durch die Notwendigkeit, aus konjunkturpolitischen Gr&uuml;nden in Optimismus zu machen. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nDas waren die Meldungen von drei Zeitungen aus Berlin. Bundesweit lagen die Meldungen &auml;hnlich. Die Daten, die das Statistische Bundesamt am 13. November pr&auml;sentiert hatte (siehe Anlage 1), geben die in den deutschen Medien verk&uuml;ndeten Interpretationen nicht her. Auch nicht der Vergleich mit anderen L&auml;ndern der Europ&auml;ischen Union und mit der EU insgesamt. (Siehe Anlage 2) Es sind abenteuerliche bis kindische Interpretationen. Dass sie nahezu gleich lautend ver&ouml;ffentlicht wurden, l&auml;sst auf die Arbeit von Spindoktoren einschlie&szlig;lich derer des Statistischen Bundesamtes schlie&szlig;en. Im einzelnen:<\/p><ol>\n<li><strong>Ma&szlig;los &uuml;bertriebene Interpretation der Quartalszahlen und Ver&auml;nderungen des Bruttoinlandsproduktes (BIP) real.<\/strong>\n<p>Das BIP stieg in Deutschland im dritten Quartal um 0,7 %. Das nennt man &bdquo;kr&auml;ftiges&ldquo; Wachstum (zum Beispiel Berliner Zeitung), obwohl schon im n&auml;chsten Absatz zugegeben wird, dass damit nur ein Viertel der Produktionsverluste wettgemacht wird, die Deutschland in der Rezession zwischen 2008 und 2009 erlitten hat. Das Bruttoinlandsprodukt wird in Deutschland im Jahre 2009 voraussichtlich um 5 % real unter dem Wert von 2008 liegen. Es handelt sich also um einen Anstieg von 0,7 % aus einem tiefen Keller. &ndash;<br>\nSelbst wenn die deutsche Volkwirtschaft nicht so massiv abgest&uuml;rzt w&auml;re wie zwischen 2008 und 2009, w&auml;ren 0,7 % plus im Quartal nicht viel. Das sind, einfach gerechnet aufs Jahr bezogen gerade mal 2,8 %. Das ist selbst unter diesen Umst&auml;nden nur ein schwaches Wachstum. Und dennoch werden solche kleinen Wachstumsraten kontinuierlich in den deutschen Medien auf dem Hintergrund von entsprechenden Aussagen der Spindoktoren als kr&auml;ftiger Aufschwung und sogar wie in den Jahren 2006 und 2007 als Boom interpretiert.<\/p><\/li>\n<li><strong>Der Vergleich mit der Europ&auml;ischen Union l&auml;sst auch die zitierte Interpretation, Deutschland sei eine Lokomotive in der EU, nicht zu.<\/strong>\n<p>Die EU-L&auml;nder der Eurozone zum Beispiel sind von 2008 auf 2009 um 4 %, also um weniger als Deutschland, abgest&uuml;rzt. Schon angesichts dieses Basisunterschieds kann man als erwachsener Mensch ernsthaft eine prognostizierte Wachstumsdifferenz f&uuml;r 2010 von 1,2 % f&uuml;r Deutschland und 0,7 % f&uuml;r die Europ&auml;ische Union nicht als Beleg daf&uuml;r interpretieren, dass Deutschland den Rest der EU aus der Rezession herausziehe. Das stimmt erstens nicht, weil mit diesem j&auml;mmerlichen Wachstumsraten sowohl Deutschlands als auch der EU die Rezession nicht &uuml;berwunden ist, und zweitens nicht, weil die Differenz von 0,7 zu 1,2 % minimal ist und schon fast im Bereich der Fehlerwahrscheinlichkeit von Prognosen liegt.<br>\nAuch der Vergleich mit einigen Nachbarl&auml;ndern belegt die Willk&uuml;rlichkeit der am 13. November ver&ouml;ffentlichten Interpretationen: Belgien zum Beispiel ist durch die Wirtschaftskrise nur um 2,9 % geschrumpft und erholt sich nach der Prognose im Jahr 2010 um 0,6 %. Damit liegt es immer noch &uuml;ber dem deutschen Niveau. Frankreich zum Beispiel ist um 2,2 % % eingebrochen und erholt sich nach der Prognose wie Deutschland um 1,2 % im Jahre 2010. D&auml;nemark zum Beispiel ist um 4,5 %, also fast soviel wie Deutschland, eingebrochen und erholt sich laut Prognose mit 1,5 % mehr als Deutschland.<\/p><\/li>\n<\/ol><p>Dies alles deutet darauf hin, dass wir es mit einer willk&uuml;rlichen Interpretation der statistischen Ergebnisse und der Prognosen zu tun haben, wenn davon geschw&auml;rmt  wird, &bdquo;Deutschlands Konjunktur sei erneut gestiegen&ldquo; (Berliner Morgenpost) oder &bdquo;Europa driftet auseinander&ldquo; (Berliner Zeitung).<\/p><p>Der Vorgang als solcher ist nicht von gro&szlig;er Bedeutung; wir weisen dennoch darauf hin:<\/p><ul>\n<li>Weil mit &auml;hnlich minimalen Ver&auml;nderungen immer wieder der angebliche Erfolg der Wirtschafts- und &bdquo;Reform&ldquo;politik behauptet wurde und wird. Mit &auml;hnlich kleinen Fortschritten der Volkswirtschaft wurde der angebliche Erfolg der Agenda 2010 und der Hartzgesetze &bdquo;begr&uuml;ndet&rdquo;.<\/li>\n<li>Weil man an den zitierten Meldungen auch ganz gut die Methoden der Irref&uuml;hrung studieren kann: In den einzelnen Artikeln werden immer wieder Experten zitiert, teilweise ohne Namensnennung. &bdquo;Wie Experten sagen&ldquo; &ndash; hei&szlig;t es dann. Auch die in Kapitel 10 meines Buch <a href=\"?page_id=4080\">&ldquo;Meinungsmache&rdquo;<\/a> beschriebene Methode, mit einer Botschaft B die eigentliche Botschaft A transportieren zu wollen, wird in den Texten angewandt: Man behauptet, Deutschland ziehe die EU aus der Krise. Das ist Botschaft B. Damit wollen die Spindoktoren im Hintergrund jedoch die Botschaft A transportieren: Deutschland kommt aus der Krise, die Bundesregierung macht das richtig und ist erfolgreich.<\/li>\n<\/ul><p>Wenn Sie diese Methoden durchschauen, dann werden Sie sich besser gegen solche kleinen wie auch gegen gr&ouml;&szlig;ere Manipulationen sch&uuml;tzen k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Anlage 1:<\/strong><\/p><p><strong>Statistisches Bundesamt &ndash; Pressemitteilung Nr.430&nbsp;vom 13.11.2009<\/strong><\/p><p><strong>Bruttoinlandsprodukt im 3. Quartal 2009 w&auml;chst um 0,7% gegen&uuml;ber Vorquartal<\/strong><\/p><p>WIESBADEN &ndash; Die deutsche Wirtschaft erholt sich weiter: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) war &ndash; preis-, saison- und kalenderbereinigt &ndash; im dritten Vierteljahr 2009 um 0,7% h&ouml;her als im Vorquartal, teilt das Statistische Bundesamt (Destatis) mit. Nach dem starken Einbruch im Winterhalbjahr scheint sich der leichte Aufw&auml;rtstrend der Wirtschaft aus dem zweiten Quartal (+ 0,4%) fortzusetzen.<br>\n&nbsp;<br>\nIm Vorjahresvergleich ist das Ausma&szlig; der Wirtschaftskrise allerdings noch deutlich erkennbar: Das preisbereinigte BIP ging im Vergleich zum dritten Quartal 2008 um 4,7% zur&uuml;ck (kalenderbereinigt &ndash;&nbsp;4,8%). Das Minus fiel damit etwas schw&auml;cher aus als noch im zweiten Quartal 2009 (&ndash;&nbsp;7,0%, kalenderbereinigt &ndash;&nbsp;5,8% gegen&uuml;ber dem Vorjahresquartal). &hellip;<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Presse\/pm\/2009\/11\/PD09__430__811,templateId=renderPrint.psml\">Statistisches Bundesamt<\/a><\/p><p><strong>Anlage 2:<\/strong><\/p><p><strong>Wachstumsrate des realen BIP &ndash; Wachstumsrate des BIP-Volumens &ndash; prozentuale Ver&auml;nderung relativ zum Vorjahr &ndash; im EU Vergleich<\/strong><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/epp.eurostat.ec.europa.eu\/tgm\/table.do?tab=table&amp;init=1&amp;language=de&amp;pcode=tsieb020&amp;plugin=1\">Eurostat<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Europa driftet auseinander. W&auml;hrend Deutschlands Wirtschaft wieder w&auml;chst, verharren andere L&auml;nder in der Rezession.&ldquo; So machte die Berliner Zeitung am 13. 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