{"id":4338,"date":"2009-11-16T09:56:49","date_gmt":"2009-11-16T08:56:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4338"},"modified":"2014-01-23T11:12:41","modified_gmt":"2014-01-23T10:12:41","slug":"spd-auf-der-suche-nach-einer-neuorientierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4338","title":{"rendered":"SPD auf der Suche nach einer Neuorientierung"},"content":{"rendered":"<p>Schon nach dem <a href=\"?p=4326\">Leitantrag, den der SPD-Parteivorstand dem Bundesparteitag<\/a> vorgelegt hatte, war klar, dass Dresden bestenfalls eine Zwischenetappe auf dem Weg zu einer Neuorientierung und vor allem zu einer Selbstvergewisserung sozialdemokratischer Politik sein wird. Es wird viel Zeit brauchen, bis die SPD wieder ein glaubw&uuml;rdiges Profil gefunden hat, das deutlichere Akzente gegen&uuml;ber dem bisherigen Kurs erkennen l&auml;sst. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nSigmar Gabriel sagte am Anfang seiner <a href=\"http:\/\/www.spd.de\/de\/pdf\/091113_rede_gabriel_bpt09.pdf\">Bewerbungsrede f&uuml;r den Parteivorsitz [PDF &ndash; 173 KB]<\/a>:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Am Anfang steht die &Uuml;berpr&uuml;fung unserer eigenen Politik. &Uuml;berpr&uuml;fen hei&szlig;t, zu unterscheiden zwischen dem, was richtig war, was gut war und was das Land in den letzten elf Regierungsjahren der SPD weitergebracht hat, und dem, was nicht richtig war, was nicht so gut war und wo wir etwas falsch eingesch&auml;tzt haben. Lasst uns dabei nicht in allzu leichte Erkl&auml;rungen fl&uuml;chten: dass es nur daran gelegen habe, dass uns die Menschen nicht richtig verstanden h&auml;tten oder wir es nicht richtig erkl&auml;rt h&auml;tten. Wer ein derartiges Wahlergebnis bekommt, der hat mehr als nur ein Kommunikationsproblem.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Eine wirkliche Bestandsaufnahme oder gar eine inhaltliche Kritik der elfj&auml;hrigen Regierungszeit hat Gabriel mit seiner Rede nicht geleistet. Er hat eine geschickte Rede aus einer Mischung von Demut und Aufbruch gehalten, die offenbar bei den Delegierten ankam. Mit 94,2 Prozent wurde Gabriel zum Parteivorsitzenden gew&auml;hlt. <\/p><p>Doch was hei&szlig;t das eigentlich bei den bekannt disziplinierten Parteitagsdelegierten schon? Auch seine Vorg&auml;nger, etwa Platzeck, er erhielt 92,2 Prozent, Kurt Beck, 95,45 Prozent, und selbst Franz M&uuml;ntefering erhielt nach dem Sturz von Beck bei seiner Wiederwahl immerhin noch 85 Prozent der Stimmen. <\/p><p>Ohne eine ver&auml;nderte Politik haben die jeweils begeistert gefeierten Personalwechsel den Abstieg der Partei nicht aufgehalten. Eine klare Korrektur oder eine Neubestimmung des Kurses hat Gabriel nicht vorgenommen, daf&uuml;r liegt vielleicht der Abschied der SPD aus der politischen Verantwortung einfach noch nicht weit genug zur&uuml;ck. Weil er eine ungeschminkte Fehleranalyse vermied und klare Festlegungen auf kommende, j&auml;hrliche Arbeitsparteitage verschob, geriet seine Rede auch sehr lang.<\/p><p>Zwar hat er anders als seine Vorg&auml;nger, f&uuml;r die Wahlniederlagen immer nur Betriebsunf&auml;lle waren, endlich zur Kenntnis genommen, dass die SPD seit 1998 10 Millionen W&auml;hlerinnen und die H&auml;lfte ihrer Anh&auml;ngerschaft verloren hat, aber Gabriel sucht die Ursache daf&uuml;r in einem fehlenden &bdquo;sichtbaren Profil&ldquo; und &uuml;berdeckt damit, dass die SPD vom Profil der Union in der Gro&szlig;en Koalition kaum mehr unterscheidbar war.<\/p><p>Gabriel fragt zu Recht: <em>Warum hat die SPD ausgerechnet in dieser Zeit der gr&ouml;&szlig;ten Finanz- und Wirtschaftskrise die Wahlen verloren, die, wie gesagt, geradezu nach sozialdemokratischen Antworten schreit?<\/em> Er rettet sich damit aber nur &uuml;ber die entscheidende Frage hinweg, wo denn die sozialdemokratischen Antworten vor der Krise geblieben sind, und er sagt keinen Satz dar&uuml;ber, wie die sozialdemokratischen Finanzminister den Finanzspekulationen T&uuml;r und Tor ge&ouml;ffnet haben.<\/p><p>Er sieht mit Verweis auch auf den Niedergang der anderen sozialdemokratischen Parteien in Europa in den <em>&bdquo;schwierigen Beschl&uuml;ssen&ndash; zur Arbeitsmarktreform, zur Leiharbeit, zur Rente &ndash;, die uns so sehr von unserer W&auml;hlerschaft entfernt haben&ldquo;<\/em> nur <em>&bdquo;Symptome&ldquo;<\/em> und nicht die eigentlichen Ursachen f&uuml;r Abfuhr durch die W&auml;hler. Er umschifft dabei die Tatsache, dass auch die Sozialdemokraten in den Niederlanden, in Frankreich, in Italien und in Gro&szlig;britannien vor allem deshalb im Niedergang sind, weil sie (vor allem ausgehend von Tony Blair und seinen ideologischen Beratern) die herrschenden wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Lehren als sozialdemokratische Erneuerung ausgegeben haben.<\/p><p>Immerhin gesteht Sigmar Gabriel ein, dass die SPD <em>&bdquo;eben in der Anpassung an die herrschende Lehre, die wir f&uuml;r die Mitte gehalten haben, auch Politikkonzepte entwickelt (hat), die schon gro&szlig;e Teile unserer Mitgliedschaft innerlich nicht akzeptiert haben und die unsere W&auml;hlerschaft in ihrem Bed&uuml;rfnis nach sozialer Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit verletzt haben und bei ihnen nicht etwa Aufstiegsfreude, sondern Abstiegs&auml;ngste geweckt haben.&ldquo;<\/em><br>\nDoch auch solche Teileingest&auml;ndnisse sind eben keine Distanzierung, sondern nach wie vor der Versuch, die &bdquo;&Auml;ngste&ldquo; und die &bdquo;verletzten Bed&uuml;rfnisse&ldquo; auf das Unverst&auml;ndnis der Mitglieder und der W&auml;hlerschaft zu schieben.<\/p><p>Man m&uuml;sse das, was der SPD dort an Kritik entgegengekommen ist, jetzt in der Partei erst einmal debattieren. <em>&bdquo;Aber ich sage euch: Es hilft auch nichts, wenn wir aus der Zahl 67 eine 65 machen oder wenn wir sagen, wir gehen zur&uuml;ck auf &bdquo;Los&ldquo;. Es geht doch eigentlich darum, dass wir uns jetzt die Zeit nehmen, um das Verh&auml;ltnis von Arbeit und sozialen Sicherungssystemen zu kl&auml;ren. Wir m&uuml;ssen die Frage kl&auml;ren, wie einer, der gearbeitet hat und der vielleicht mit 62 schon nicht mehr kann, ohne dramatische Einkommens- und Rentenverluste bis ins Rentenalter kommt.&ldquo;<\/em> <\/p><p><em>&bdquo;Meine Mutter ist Krankenschwester gewesen, und ich kenne keine Krankenschwester, die mit 67 noch einen Patienten heben kann&ldquo;<\/em>, ruft Gabriel aus. Wie eine solche Krankenschwester mit 62 Jahren ins Rentenalter kommen soll, ohne 5 mal 3,6, also 18 Prozent Renteneinbu&szlig;e hinnehmen zu m&uuml;ssen, darauf gibt Gabriel leider keine Antwort.<\/p><p>Auf der abstrakten Ebene des politischen Koordinatensystems waren neue T&ouml;ne zu h&ouml;ren: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Die politische Mitte in Deutschland war nie ein fester Ort, nie eine bestimmte Gruppe in der Gesellschaft oder in der W&auml;hlerschaft. Die politische Mitte definiert sich nicht durch Einkommens- oder Berufsgruppen und &uuml;brigens auch nicht durch bestimmte politische Einstellungen, denen man sich anzupassen habe. Die politische Mitte Willy Brandts war etwas ganz anderes. Sie war kein fester Ort, sondern sie war die Deutungshoheit in der Gesellschaft. Die politische Mitte in einem Land hat der gewonnen, der in den Augen der Mehrheit der Menschen die richtigen Fragen und die richtigen Antworten bereith&auml;lt.<br>\nAber Willy Brandt und die SPD haben nicht ihre Antworten angepasst, sondern sie haben um die Deutungshoheit in dieser Gesellschaft gek&auml;mpft.<br>\nIhre Fragen, die Fragen und Antworten der SPD und die Anfragen und Antworten Willy Brandts, waren emanzipatorisch, aufkl&auml;rerisch und damit eben links&hellip; Das Konzept der politischen Mitte, wie es seit ein paar Jahren in Deutschland interpretiert wird, ist etwas ganz anderes. Wir haben uns einreden lassen &ndash; und mit uns viele andere in der Sozialdemokratie Europas -, die politische Mitte sei etwas Festgelegtes, an das man sich anpassen m&uuml;sse, wenn man Wahlen gewinnen will. Der Politologenglaube, man m&uuml;sse sich einer vermeintlich festgelegten Mitte ann&auml;hern, wenn man noch Wahlen gewinnen will, statt sie mit eigenen Antworten und Konzepten wieder f&uuml;r sich zu gewinnen, ist &ndash; so glaube ich &ndash; die eigentliche Ursache f&uuml;r unsere Wahlverluste.<br>\nStatt die Mitte zu ver&auml;ndern, haben wir uns ver&auml;ndert. Wir haben uns schrittweise der damals herrschenden Deutungshoheit angepasst, und mit uns viele andere sozialdemokratische Parteien in Europa.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Wenigstens beim Streben in die &bdquo;politische Mitte&ldquo; r&uuml;ckt Gabriel vom schlichten <a href=\"?p=4264\">W&auml;hlermarktmodell<\/a> etwa von Steinmeier und Steinbr&uuml;ck ab.<\/p><p>Auch zur innerparteilichen Demokratie schl&auml;gt Gabriel neue T&ouml;ne an. Die SPD m&uuml;sse <em>&bdquo;mehr Politik wagen&ldquo;<\/em>, eine <em>&bdquo;Politikwerkstatt f&uuml;r gesellschaftlichen Fortschritt&ldquo;<\/em> sein. Es sollen j&auml;hrliche &bdquo;Arbeitsparteitage&ldquo; durchgef&uuml;hrt werden und &bdquo;eine st&auml;ndige Konferenz der Kommunalpolitiker&ldquo; eingerichtet werden. Zu wichtigen politischen Entscheidungen sollen Urwahlen durchgef&uuml;hrt werden.<br>\nDass in der Partei ein Bed&uuml;rfnis besteht sich einzumischen, zeigte die sechsst&uuml;ndige Generaldebatte um den Leitantrag. Zum ersten Mal seit langer Zeit wurde auf einem Parteitag wieder um Formulierungen gerungen. Zu wesentlichen &Auml;nderungen oder gar zu einem Alternativantrag kam es allerdings nicht. Ob die Kr&auml;fte in der SPD noch stark genug sind, eine Neuorientierung durchzusetzen, ist auch nach diesem Parteitag eine offene Frage. Zu viele Mitglieder, die an der SPD verzweifelten, sind abgewandert. Das schwache Abschneiden von Andrea Nahles zur Wahl als Generalsekret&auml;rin (mit 69,6 Prozent) l&auml;sst unterschiedliche Interpretationen zu: Es k&ouml;nnte die Rache der im Seeheimer Kreis organisierten Parteirechten ausdr&uuml;cken, es k&ouml;nnten aber wegen Nahles anpasserischer Haltung auch viele Parteilinken in ihr keine Hoffnungstr&auml;gerin mehr gesehen haben.<\/p><p>Gabriels Beschreibung, was heute linke Politik ist, k&ouml;nnte man durchaus folgen: <em>&bdquo;Links hei&szlig;t, dass man f&uuml;r Gesellschaften eintritt, die gerecht sind, weil Freiheit und Verantwortung, Freiheit und Solidarit&auml;t, Freiheit und Gerechtigkeit aneinander gebunden sind. Diese Grund&uuml;berzeugung ist das, was f&uuml;r mich und f&uuml;r die Sozialdemokratie links ist.&ldquo;<\/em> Doch um sich blo&szlig; vor dem Vorwurf eines &bdquo;Linksrutsches&ldquo; zu sch&uuml;tzen schr&auml;nkt Gabriel gleich wieder ein: <em>&bdquo;Wenn wir links so verstehen, dann m&uuml;ssen wir uns doch nicht nach links &ouml;ffnen, sondern wir m&uuml;ssen unsere politischen Konzepte daraufhin &uuml;berpr&uuml;fen, ob sie diesem Anspruch auf Freiheit und Verantwortung gerecht werden.&ldquo;<\/em> Wenn es konkret wird, dann gibt es eben nur Pr&uuml;fauftr&auml;ge.<\/p><p>Interessant ist auch, dass Gabriel die Formel &bdquo;Innovation und Gerechtigkeit&ldquo; aus dem Schr&ouml;der\/Lafontaine-Wahlkampf des Jahres 1998 wieder aufgriff und bedauerte, dass man diese &bdquo;Mehrheitsformel&ldquo; aus dem Blick verloren habe. Aber statt den Blick wieder auf die damalige Programmatik zu richten, bezieht er sich als Grundlage auf den sog. <a href=\"?p=4108\">&bdquo;Deutschlandplan&ldquo;<\/a> von Frank-Walter Steinmeier. Von einer die Unternehmenslogik sprengenden <a href=\"?p=4114\">makro&ouml;konomischen Wirtschafts- oder von Konjunkturpolitik liest man dort kaum etwas<\/a>. Der Plan malt ein Wolkenkuckucksheim, aber kein neues Konzept aus der Krise, und schon gar keine Antwort findet man dort darauf, wer f&uuml;r die Krise bezahlen soll. Dort fehlt dar&uuml;ber hinaus jegliche Vision f&uuml;r einen Ausbau des Sozialstaats. Dabei soll doch nach Gabriel der Sozialstaat gerade das <em>&bdquo;Kernprojekt der Sozialdemokratie&ldquo;<\/em> sein. <\/p><p>Immerhin will die SPD im Jahr 2010 ein neues Steuerkonzept vorlegen. Gabriel erkl&auml;rt sich zum Vorsitzenden des <em>&bdquo;Fanclubs der Verm&ouml;gensteuer&ldquo;<\/em>, er spricht die <em>&bdquo;B&ouml;rsenumsatzsteuer&ldquo;<\/em> an und nennt die ungerechte Verm&ouml;gensverteilung beim Namen &ndash; doch gleichzeitig will er den Bock zum G&auml;rtner machen und sich auf Rat von <a href=\"http:\/\/www.derwesten.de\/nachrichten\/nachrichten\/2009\/11\/15\/news-140928601\/detail.html\">Peer Steinbr&uuml;ck st&uuml;tzen<\/a>.<br>\nImmerhin haben die 500 Delegierten bei der Verm&ouml;gensteuer gegen die Empfehlung der Parteispitze entschieden.<\/p><p><em>&bdquo;Ja, wir wollen soziale Marktwirtschaft. Aber wir wollen noch mehr: Wir wollen soziale Demokratie in Deutschland &hellip; Das ist mehr als nur Spielregeln f&uuml;r die Unternehmen&ldquo;<\/em>, ruft Gabriel aus. Und als wichtigste Richtungsfrage erkennt er: <em>&bdquo;Wer bestimmt die Regeln, die &Ouml;konomie oder die Politik?&ldquo;<\/em> Gabriel sieht in der Privatisierung das <em>&bdquo;Gegenmodell zur Solidarit&auml;t&ldquo;<\/em>: <em>&bdquo; Wer privatisiert, der zerst&ouml;rt Solidarit&auml;t und betreibt Klientelpolitik. Das m&uuml;ssen wir bek&auml;mpfen.&ldquo;<\/em><br>\nEin neuer Tonfall auch bei der Lohnpolitik: <em>&bdquo;Produktivit&auml;tssteigerung und Inflationsrate gibt mehr Lohn.&ldquo;<\/em> Er kritisiert die Auswirkungen der F&ouml;deralismusreform f&uuml;r die Bildungspolitik und verlangt deutlich mehr Geld f&uuml;r die Bildung. Wollte man den Wert der OECD-Staaten erreichen, br&auml;uchte man j&auml;hrlich 20 bis 25 Milliarden. <em>&bdquo;F&uuml;r Sozialdemokraten muss Bildung kostenfrei sein, vom Kindergarten bis zur Universit&auml;t&ldquo;<\/em>.<\/p><p>Nicht mehr als Wischi-Waschi jedoch wiederum bei der Afghanistan-Politik: <em>&bdquo;Dort zu bleiben, ist ganz schlimm, rausgehen ist auch ganz schlimm zurzeit. Also lasst uns in den n&auml;chsten Wochen dar&uuml;ber in der Partei diskutieren.&ldquo;<\/em><\/p><p>Auf dem Parteitag wurde in der Sache nichts Neues beschlossen, und schon gar nicht wurden alte Entscheidungen aus der sozialdemokratischen Mitregierung korrigiert oder gar zur&uuml;ckgenommen. Keine Mehrheit erhielt ein Antrag auf R&uuml;cknahme der Rente mit 67. Wie man da, wie der neue CDU-Generalsekret&auml;r Gr&ouml;he, von einer &bdquo;Flucht in die linke Ecke&ldquo; reden kann, zeigt eigentlich nur, wie weit nach rechts die politischen Koordinaten in Deutschland schon verschoben sind. <\/p><p>Gabriels Rede setzte gewiss neue Akzente und gab auch Anst&ouml;&szlig;e f&uuml;r eine Neuausrichtung der SPD, die Konkretisierung verschob er auf die zuk&uuml;nftigen &bdquo;Arbeitsparteitage&ldquo;, auf &bdquo;Politikwerkst&auml;tten&ldquo; und auf mehr &bdquo;&Ouml;ffnung zur Gesellschaft&ldquo;. Das ist immerhin ein Angebot an die Partei und wurde auf dem Parteitag begeistert aufgenommen. Man wird aber abwarten m&uuml;ssen, ob das Versprechen nach mehr Demokratie eingehalten wird, und was die Partei aus diesem Angebot macht.<\/p><p>Soviel sollte sie jedenfalls aus Steinmeiers <a href=\"?p=4004\">mythomanischem Auftritt nach der Europawahl<\/a> inzwischen auch gelernt haben: Allein die Begeisterung f&uuml;r eine Rede auf einem Parteitag kann die SPD nicht aus ihrem Tief herausf&uuml;hren. <\/p><p>Ein paar neue Leichtfeuer sind gesetzt, ob der &bdquo;Tanker SPD&ldquo; aber seinen Kurs darauf einschlagen wird, das wird davon abh&auml;ngen, ob diejenigen auf der Kommandobr&uuml;cke lieber vorw&auml;rts fahren oder nur nach r&uuml;ckw&auml;rts blicken wollen und vor allem auch, ob die Mannschaft der SPD zu neuen Ufern aufbrechen kann. Schaut man sich auf der neuen <a href=\"http:\/\/www.vorwaerts.de\/artikel\/spd-parteivorstand-nach-wahl-komplett\">F&uuml;hrungsebene<\/a> nach wirtschafts-, energie- oder sozialpolitischer Kompetenz um, so sieht es etwa nach dem Ausscheiden der Sozialpolitikerin <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/karriere-management\/management\/:portraet-ursula-engelen-kefer-mit-dem-kopf-durch-die-wand\/76070.html\">Ursula Engelen-Kefer<\/a> oder des Energieexperten Hermann Scheer ziemlich duster aus. Ein gestandener Wirtschaftspolitiker ist nicht ausmachbar. Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern in dem um eine Stelle erweiterten engeren Vorstand ist nach wie vor auf dem Feld der Sozialpolitik ein unbeschriebenes Blatt.<\/p><p>Im Gegensatz zu Schr&ouml;der, der als Parteivorsitzender die Partei mit seinem Amt erpressen konnte, und im Unterschied zu M&uuml;ntefering, der in diesem Amt immerhin noch Disziplin mit R&uuml;cksicht auf die Regierungsbeteiligung einfordern konnte, ist allerdings Gabriel mit einer SPD in der Opposition auf die Zustimmung der Basis der Partei angewiesen, wenn er sein Amt als Parteivorsitzender verteidigen will. <\/p><p>Schon die Landtagswahl im Mai in Nordrhein-Westfalen wird die Nagelprobe daf&uuml;r sein, ob die Signale, die der Parteitag in Dresden gesetzt hat, ausreichen, um wieder Vertrauen schaffen zu k&ouml;nnen. Und Glaubw&uuml;rdigkeit erreicht man bekanntlich am besten, indem man sagt, was man tun will, und dann auch tut, was man sagt.<\/p><p>Der neue Fraktionsvorsitzende Steinmeier hat sich bei <a href=\"http:\/\/www.spd.de\/de\/aktuell\/pressemitteilungen\/2009\/11\/Rede-Frank-Walter-Steinmeier-auf-dem-SPD-Bundesparteitag-14-November-2009-in-Dresden.html?pg=1&amp;y=2009&amp;m=0&amp;pmtype=0\">seiner Rede<\/a> anders als im Vorfeld des Parteitags mit seinen Verteidigungsreden auf die Agenda 2010 deutlich zur&uuml;ckgehalten. Aber er konnte das Loblied auf sein vorausgegangenes politisches Handeln doch nicht ganz lassen: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Wir wissen, dass eine Partei, die nicht zu ihrer Geschichte steht, auch keine Zukunft gewinnen kann. Dabei vergessen wir nicht, dass wir dieses Land aus dem schwarz-gelben Muff der 90er-Jahre geholt haben, dass wir dieses Land ge&ouml;ffnet haben und dass wir dieses Land nach vorne gebracht haben.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>&Uuml;ber das Festhalten an seiner eigenen Geschichte gestand er immerhin zu: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Das hei&szlig;t nat&uuml;rlich Bereitschaft zu einer ehrlichen, offenen und fairen Diskussion. Diese Bereitschaft haben wir, und wir diskutieren.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Ansonsten arbeitete in seiner Parteitagsrede an seinem Profil als Oppositionsf&uuml;hrer und kritisierte den Koalitionsvertrag von Schwarz-Gelb wie schon im Bundestag. <\/p><p>M&uuml;ntefering hatte einen <a href=\"http:\/\/www.spd.de\/de\/aktuell\/pressemitteilungen\/2009\/11\/Rede-Franz-Muentefering-in-Dresden-am-13-November-2009.html\">matten Abgang<\/a>. Dass es sich als noch amtierender Parteivorsitzender geh&ouml;rt dem Kanzlerkandidaten zu danken, ist eine Frage der H&ouml;flichkeit. Steinmeier und damit auch sich selbst zu versichern, man habe kein Wort zur&uuml;ckzunehmen und man habe im Wahlkampf viel Zustimmung erfahren, sind eher Anzeichen von Altersstarrsinn.<\/p><p>M&uuml;ntefering bekennt allerdings: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Die Dimension der Niederlage ist das Erschreckende. So etwas bildet sich nicht in einem Jahr und nicht einmal in einer Legislaturperiode heraus. Der Wille und die Bereitschaft, genauer hinzusehen, tiefer nach den Gr&uuml;nden zu sch&uuml;rfen, ist deshalb verst&auml;ndlich und n&ouml;tig.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Aber diese Bereitschaft, genauer hinzuschauen, ist bei M&uuml;ntefering offenbar nach wie vor kaum vorhanden. So verteidigt er mit alten, oft widerlegten Argumenten seine Rentenpolitik und das &bdquo;F&ouml;rdern und Fordern&ldquo; der Agenda-Politik. Es sei gut gewesen <em>&bdquo;f&uuml;r unser Land und gut f&uuml;r uns als Partei&ldquo;<\/em>, seit 1998 regiert und mitregiert zu haben. Er belegte das weniger mit konkreten Fakten als mit allgemeinen Betrachtungen &uuml;ber die Ver&auml;nderung der <em>&bdquo;gesellschaftlichen Bedingungen f&uuml;r Politik&ldquo;<\/em>.<\/p><p>Er arbeitete sich merkw&uuml;rdigerweise an der FDP-Formel &bdquo;Leistung muss sich wieder lohnen&ldquo; ab, und versuchte, dieser Kampfparole der Liberalen f&uuml;r Steuer- und Abgabensenkungen eine sozialdemokratische Interpretation entgegen zu stellen: <em>&bdquo;Leistung muss sich lohnen, das hei&szlig;t f&uuml;r uns: Garantie gibt es nicht, aber alle m&uuml;ssen die Chance haben. Alle m&uuml;ssen die Chance haben, etwas zu leisten und daf&uuml;r eine gerechte Belohnung zu bekommen.&ldquo;<\/em> <\/p><p>Mit dieser Definition von Chancengerechtigkeit l&auml;sst sich allerdings eine klare Abgrenzung zu den liberalen Positionen nur schwer begr&uuml;nden: <em>&bdquo;Da wir den Aufstieg nicht leichtfertig und massenhaft versprechen und den so definierten Abstieg nicht &uuml;berall verhindern k&ouml;nnen, betrachten uns potenzielle Aufsteiger als uninspiriert und uninteressant, und die, die sich vor Abstieg f&uuml;rchten, als nicht hinreichend sozial. Die Aufkl&auml;rung dazu ist uns bisher nicht hinreichend gelungen, die Debatte auch nicht.&ldquo;<\/em> So einfach mit der Gerechtigkeit sei es eben nicht. <\/p><p>M&uuml;ntefering f&auml;llt nicht viel mehr ein, als die Berufung auf Helmut Schmidts <em>&bdquo;pragmatisches Handeln zu sittlichen Zwecken&ldquo;<\/em>, und er sieht damit offenbar den von ihm wesentlich bestimmten Kurs f&uuml;r gerechtfertigt an. <\/p><p>F&uuml;r M&uuml;ntefering liegt der Hauptgrund f&uuml;r die Niederlage nach wie vor darin, dass die Partei diesen Kurs nicht wirklich akzeptiert habe: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Eine Partei, die SPD, beschlie&szlig;t 2005 ihr Wahlprogramm fast einstimmig, dann auf einem Parteitag den Koalitionsvertrag&nbsp;auch fast einstimmig, sie akzeptiert die Logik der Situation und sagt Ja zum Regieren. Aber sie ist im Herzen ungl&uuml;cklich und kritisiert, dass sich die Handelnden an Beschl&uuml;sse halten, die man auf dem Parteitag gemeinsam gefasst hat. Was nun? &ndash; Kein Wunder jedenfalls, dass die W&auml;hlerinnen und W&auml;hler das alles, vor allem aber uns selbst, nicht recht verstehen, liebe Genossinnen und Genossen! So ist es.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Dass schon mit Schr&ouml;ders die SPD v&ouml;llig &uuml;berraschenden Ausrufung der Agenda 2010, mit dessen Neuwahl-Coup im Jahr 2005 und danach mit der Zustimmung zur Gro&szlig;en Koalition die Parteitage gar keine M&ouml;glichkeit mehr hatten, ihre Zustimmung zu verweigern, l&auml;sst M&uuml;ntefering nach wie vor nicht gelten. Deshalb mokiert er sich auch &uuml;ber den Vorwurf, er sei <em>&bdquo;ein autorit&auml;rer Knochen&ldquo;<\/em>: Er sei <em>&bdquo;diesbez&uuml;glich unerkannt durch die lange Zeit der &Auml;mter gekommen.&ldquo;<\/em> <\/p><p>Das kann man nur noch als den ignoranten und selbstbezogenen Abschied eines Politikers verstehen, der als Generalsekret&auml;r der SPD, als Fraktions- und zweimaliger Parteivorsitzender und auch als Vizekanzler seine Rolle als &bdquo;Parteisoldat&ldquo; immer nur als diejenige eines &bdquo;Unteroffiziers&ldquo; zur Durchsetzung von politischen Positionen in der SPD verstanden hat &ndash; von Positionen, die &uuml;ber die K&ouml;pfe der Partei hinweg entwickelt und entschieden wurden. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon nach dem <a href=\"?p=4326\">Leitantrag, den der SPD-Parteivorstand dem Bundesparteitag<\/a> vorgelegt hatte, war klar, dass Dresden bestenfalls eine Zwischenetappe auf dem Weg zu einer Neuorientierung und vor allem zu einer Selbstvergewisserung sozialdemokratischer Politik sein wird. Es wird viel Zeit brauchen, bis die SPD wieder ein glaubw&uuml;rdiges Profil gefunden hat, das deutlichere Akzente gegen&uuml;ber dem bisherigen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4338\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[1,146,191],"tags":[401],"class_list":["post-4338","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-das-kritische-tagebuch","category-soziale-gerechtigkeit","category-spd","tag-gabriel-sigmar"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4338","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4338"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4338\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20107,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4338\/revisions\/20107"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4338"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4338"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4338"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}