{"id":4339,"date":"2009-11-16T17:02:56","date_gmt":"2009-11-16T16:02:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4339"},"modified":"2014-01-23T11:11:38","modified_gmt":"2014-01-23T10:11:38","slug":"geschichtsfaelschungsversuche-von-angela-merkel-und-union-kleinkariert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4339","title":{"rendered":"Geschichtsf\u00e4lschungsversuche von Angela Merkel und Union. Kleinkariert."},"content":{"rendered":"<p>Wo war eigentlich Egon Bahr am Tag, als Angela Merkel Gorbatschow und den Polen Walesa begr&uuml;&szlig;te? War er eingeladen? Egon Bahr ist der entscheidende noch lebende Kopf jener gewandelten Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik, die mit der Bundeskanzlerschaft Willy Brandts die verkrustete Konfrontation zwischen Ost und West aufl&ouml;ste. Obwohl Willy Brandt und Egon Bahr einen wesentlichen Teil der Vorarbeit zum Fall der Mauer geleistet haben, war Egon Bahr offensichtlich nicht eingeladen. Und Willy Brandt, Merkels Vor-Vor-Vorg&auml;nger und Tr&auml;ger der neuen Friedenspolitik kam in Merkels Jubil&auml;umsreden kein einziges Mal vor. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Wandel durch Ann&auml;herung<\/strong><br>\nWilly Brandt hatte ein Jahr nach dem Mauerbau, im Jahr 1962, einen engen Kreis von Mitarbeitern in ein politisch unverd&auml;chtiges Arbeiterwohlfahrtshaus nach Kladow, einen Teil Westberlins, eingeladen, zum Gespr&auml;ch &uuml;ber die Konsequenzen des Mauerbaus f&uuml;r die weitere Politik Berlins, der Bundesrepublik und des Westens. Mit dabei Egon Bahr und zwei weitere Berliner Politiker, die noch leben: Klaus Sch&uuml;tz, sp&auml;terer Regierender B&uuml;rgermeister von Berlin und Horst Grabert, sp&auml;ter Bundessenator Berlins und Kanzleramtschef bei Willy Brandt.<br>\nEgon Bahr hat 1963 auf einer Tagung in Tutzing &ouml;ffentlich ge&auml;u&szlig;ert, was sich Willy Brandt und seine Mitarbeiter in Kladow und schon davor ausgedacht hatten, um die Trennung Deutschlands menschlich ertr&auml;glicher zu machen und letztlich zu &uuml;berwinden: die neue Ostpolitik, die Vertrags- und Friedenspolitik, wie man die damalige neue Politik zur Abl&ouml;sung der Ost-West-Konfrontation nannte. <\/p><p>Egon Bahrs Formel von Tutzing hie&szlig;: Wandel durch Ann&auml;herung (Siehe Anlage 1). Brandt und seine Mitarbeiter, Egon Bahr war damals sein Pressesprecher, hatten erkannt, dass die Konfrontation in eine Sackgasse gef&uuml;hrt hat. Der Mauerbau im Jahre 1961 war die in Beton gegossene Kapitulation f&uuml;r den Osten und den Westen. Und sie hat den von der Trennung betroffenen Menschen weder im Westen noch im Osten geholfen. Das Konzept &bdquo;Wandel durch Ann&auml;herung&ldquo; zielte darauf, durch Abbau der Konfrontation und der Feindseligkeiten einen inneren Wandel in den Staaten des Warschauer Paktes in Gang zu setzen und so das Leben der Menschen dort zu erleichtern.<br>\nEs blieb nicht blo&szlig; beim Konzept. Willy Brandt hat gleich im Dezember 1966, als er Vizekanzler und Au&szlig;enminister in der ersten Gro&szlig;en Koalition geworden war, mit der neu konzipierten Entspannungspolitik Ernst gemacht. Er versicherte sich der Unterst&uuml;tzung der westlichen Partner auf einer Konferenz der NATO-Au&szlig;enminister in Reykjavik. Es folgten eine Reihe von Vertr&auml;gen mit Polen, mit der Sowjetunion, mit Tschechien, mit der DDR.<br>\nDiese Vertr&auml;ge und die gesamte neue Ostpolitik wurde von gro&szlig;en Teilen der Union &ndash; nicht von allen &ndash; massiv bek&auml;mpft und begleitet von &uuml;blen Verd&auml;chtigungen gerade gegen&uuml;ber Brandt und Bahr.<br>\nAber die Regierung Brandt und die Regierung Schmidt hat diese Entspannungspolitik auch gegen diese Widerst&auml;nde durchgesetzt. Von nachhaltigem Erfolg war auch die damit verbundene KSZE, die Konferenz &uuml;ber Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die wesentlich von Willy Brandts Nachfolger im Kanzleramt, von Helmut Schmidt, getragen wurde.<br>\nDiese Zusammenarbeit zielte auf Wandel im Innern der mittel- und osteurop&auml;ischen Staaten, auch in der DDR. Wandel durch Ann&auml;herung. Wandel durch Abbau der Konfrontation. Dieses Konzept ist &uuml;ber weite Strecken aufgegangen. Gorbatschow und seine Politik w&auml;ren ohne diese ver&auml;nderte Politik des Westens nicht m&ouml;glich gewesen. <\/p><p><strong>In Merkels Reden zum Mauerfall kommen jene, die f&uuml;r den Abbau der Spannungen zwischen Ost und West hart gearbeitet haben, nicht vor &ndash; weder Brandt noch Schmidt noch Bahr und die andern.<\/strong><\/p><p>Eigentlich w&auml;re es logisch, konsequent und fair gewesen, wenn bei den Feiern zum 20. Jahrestag des Mauerdurchbruchs auch dieser Initiatoren gedacht worden w&auml;re. Aber dies ist offensichtlich nicht im Interesse der konservativen Kr&auml;fte in Deutschland. Merkel erw&auml;hnte bei den einschl&auml;gigen Reden neben Gorbatschow, Vaclav Havel, der Solidarnosc und den demonstrierenden B&uuml;rgern in der DDR vor allem Helmut Kohl und Hans Dietrich Genscher. Willy Brandt kommt in keiner ihrer Reden vor. Nebenbei: Die Erw&auml;hnung Genschers ist besonders apart, weil dieser damalige FDP-Vorsitzende n&auml;mlich beim Versuch einer Koalitionsschmiede mit Kohl im April 1980 die Entspannungspolitik als beendet erkl&auml;rt hat. Ich wei&szlig; noch sehr genau, wie Helmut Schmidts Redenschreiber und FDP-Mitglied Breitenstein zwei Tage nach der von der FDP verlorenen Wahl in Nordrhein-Westfalen, die die Friedenspolitik zum Hauptgegenstand hatte, in die morgendliche Lage des Bundeskanzleramtes kam und feixend erkl&auml;rte, das FDP-Pr&auml;sidium habe in seinem Beisein am Abend vorher bei einer Wahlanalyse beschlossen, jetzt wieder f&uuml;r die Entspannungspolitik zu sein. <\/p><p>Es ist an Angela Merkels Reden und Verhalten deutlich erkennbar, dass die CDU\/CSU und die sie tragenden Kr&auml;fte versuchen, den Anteil der Friedenspolitik an der Ann&auml;herung zwischen Ost und West und damit am Wandel und am Mauerfall vergessen zu machen. Helmut Kohl ist nach dieser Geschichtsversion der alleinseligmachende Einheitskanzler. Die Vor-Arbeiter werden vergessen gemacht.<br>\nZu Ehren von Westerwelle bleibt anzumerken, dass immerhin eher in der Bundestagsdebatte vom 10. November Willy Brandt und den fr&uuml;heren FDP-Vorsitzenden und Bundespr&auml;sidenten Walter Scheel erw&auml;hnt.<br>\nZur Unehre von Steinmeier bleibt anzumerken, dass dieser Fraktionsvorsitzende der so genannten SPD bei seiner Replik auf Merkel am 10. November unf&auml;hig oder unwillig war, die Bundeskanzlerin mit ihrer Geschichtsf&auml;lschung zu konfrontieren. Auch bei ihm kommt weder Brandt noch Schmidt noch Bahr im Zusammenhang mit dem Mauerfall vor.<br>\nZur Unehre einiger B&uuml;rgerrechtler bleibt noch anzumerken, dass sie das Spiel der christdemokratischen Geschichtsf&auml;lschung decken.<\/p><p><strong>Auch die Vers&ouml;hnung mit unseren Nachbarn versuchen die konservativen Kreise sich ans Revers stecken.<\/strong><\/p><p>Willy Brandt und seine Mitstreiter haben nicht nur die Konfrontation abgebaut und Vertr&auml;ge geschlossen. Sie haben auch Wesentliches daf&uuml;r geleistet, dass es zur Vers&ouml;hnung zwischen den Deutschen und unseren Nachbarn, die unter dem Zweiten Weltkrieg ma&szlig;los gelitten hatten, kam. Der Kniefall von Warschau ist ein Symbol daf&uuml;r. Aber eben nur ein Symbol f&uuml;r Brandts Ausstrahlung in praktisch alle Nachbarl&auml;nder. Weil Willy Brandt aus Hitler-Deutschland nach Norwegen und Schweden geflohen war, wof&uuml;r er hierzulande gerade von Konservativen und Christdemokraten &uuml;belst gescholten wurde, war er bei unserer Nachbarn besonders glaubw&uuml;rdig. Auch andere f&uuml;hrende Sozialdemokraten haben viel zur Vers&ouml;hnung mit unseren Nachbarn beigetragen. Zu nennen w&auml;re an erster Stelle Gustav Heinemann, Bundespr&auml;sident von 1969 bis 1974.<\/p><p>So als habe es diese Vers&ouml;hnungsleistungen nicht gegeben, wurde dann sp&auml;ter immer wieder neu auf diesem Klavier gespielt. Westerwelle tat jetzt bei seinem Besuch in Polen so, als w&uuml;rde er dort mit der Vers&ouml;hnung beginnen. Helmut Kohl hielt mit Mitterrand die Hand &uuml;ber deutschen und franz&ouml;sischen Gr&auml;bern, so als w&auml;re lange vor ihm nichts zur Vers&ouml;hnung zwischen Frankreich und Deutschland geschehen. Usw.<\/p><p>Ein besonders eklatantes Beispiel dieser dreisten Neubesetzung der Vers&ouml;hnungsleistung habe ich bei der offiziellen Volkstrauerfeier des Landes Nordrhein-Westfalen im K&ouml;lner G&uuml;rzenich erlebt. Dort hielt am 13. November die Pr&auml;sidentin des Landtags von Nordrhein-Westfalen, Regina van Dinther, die Gedenkrede. Sie begann mit einer ausf&uuml;hrlichen R&uuml;ckerinnerung auf die Feiern zum 20. Jahrestag des Mauerdurchbruchs und schloss diese Passagen mit der Feststellung ab, erst mit dem Fall der Mauer h&auml;tte die Friedensarbeit mit den anderen V&ouml;lkern begonnen werden k&ouml;nnen. Das ist ein Beispiel f&uuml;r die immer wiederkehrende Geschichtsf&auml;lschung von Seiten christdemokratischer und rechtskonservative Seiten in Deutschland. Hier wird beil&auml;ufig und immer wieder Meinung gemacht, mit der man letztlich die Geschichtsschreibung bestimmen will. Die bedeutende Rolle der Friedenspolitik und Vers&ouml;hnungspolitik Willy Brandts soll aus der Geschichte hinaus komplementiert werden.<\/p><p>Ich schlie&szlig;e ab mit dem Beginn des daf&uuml;r einschl&auml;gigen Kapitel 6 von <a href=\"?page_id=4080\">&bdquo;Meinungsmache&ldquo;<\/a>. Dort habe ich mehrere Beispiele daf&uuml;r beschrieben, wie durch Beeinflussung der &ouml;ffentlichen und der ver&ouml;ffentlichten Meinung Geschichte geschrieben und umgeschrieben wird:<\/p><p><strong>Kapitel 6<br>\nMeinungsmache bestimmt das Bild der Geschichte<\/strong><\/p><p>&raquo;Das wird die Geschichtsschreibung erweisen&laquo;, sagen wir gelegentlich, wenn wir uns untereinander nicht einig werden, wie ein gesellschaftlicher, ein kultureller oder ein politischer Vorgang einzuordnen sind. In dieser Feststellung schwingt das Vertrauen mit, dass Geschichtsschreibung die Geschehnisse trotz allem Zwang zur Auswahl und zur Bewertung objektiv abbildet. Sobald man jedoch Selbsterfahrenes als Folie auf die niedergeschriebenen historischen Abhandlungen legt, kommt man zu ziemlich anderen Schl&uuml;ssen. &Uuml;ber beachtlich weite Strecken ist die Geschichtsschreibung offenbar davon bestimmt, was zur Zeit des Geschehens &ouml;ffentliche und ver&ouml;ffentlichte Meinung war:<\/p><ol>\n<li>Es wird schon seit 1990 fortw&auml;hrend gesagt, Helmut Kohl sei der Kanzler der deutschen Einheit, der Einheitskanzler &ndash; und am Ende wird in den Geschichtsb&uuml;chern vor allem h&auml;ngenbleiben, dass wir die deutsche Vereinigung fast ausschlie&szlig;lich ihm verdanken, vielleicht noch George Bush senior und Michail Gorbatschow. Helmut Kohl war in der Zeit der deutschen Vereinigung Bundeskanzler. Er hat in dieser Phase vieles f&uuml;r die Einheit Wichtige klug und beherzt angepackt. Aber dass die von Willy Brandt und seinen Freunden eingeleitete und dann von Brandt als Au&szlig;enminister und Bundeskanzler betriebene und bei heftigem Widerstand eines gro&szlig;en Teils von CDU und CSU durchgesetzte Entspannungspolitik &uuml;berhaupt erst die Grundlagen daf&uuml;r schuf, wird mehr und mehr beiseitegeschoben. Auch Geschichtsschreibung wird gemacht, und wer mehr publizistische Macht hat und &uuml;ber die gr&ouml;&szlig;ere Meinungsmacht verf&uuml;gt, macht eben mehr Geschichtsschreibung.<\/li>\n<li>Es wird schon seit den siebziger Jahren notiert, Bundeskanzler Brandt sei ein &raquo;Au&szlig;enkanzler&laquo; gewesen, von Wirtschaftspolitik habe er nicht viel verstanden, und er habe sich auch sonst um Fragen der Innenpolitik kaum gek&uuml;mmert &ndash; und siehe da: Heute hat sich dieses Urteil festgesetzt, unabh&auml;ngig von den gegens&auml;tzlichen Fakten einer gerade wirtschafts- und gesellschaftspolitisch erfolgreichen Kanzlerschaft. Usw. &hellip;<\/li>\n<\/ol><p><strong>Anlage 1<br>\nWandel durch Ann&auml;herung <\/strong><br>\nIn einem Diskussionsbeitrag auf einer Tagung der Evangelischen Akademie in Tutzing am 15. Juli 1963 verwendet Egon Bahr &ndash; Pressesprecher und enger Berater von Willy Brandt &ndash; die Formel &bdquo;Wandel durch Ann&auml;herung&ldquo;. Dahinter steckt das Konzept f&uuml;r eine neue Ost- und Deutschlandpolitik, wie sie Brandt schon seit den f&uuml;nfziger Jahren entwickelt. Die bisherige Politik gegen&uuml;ber dem Osten, so Egon Bahr, habe auf das &bdquo;Alles oder Nichts&ldquo; einer deutschen Wiedervereinigung gezielt und sei gescheitert. Einen praktikablen Weg zum Sturz des Regimes gebe es nicht. Die Bundesrepublik m&uuml;sse vielmehr durch eine Ausweitung der Handelsbeziehungen auf Erleichterungen und materielle Verbesserungen f&uuml;r die Menschen in der DDR hinarbeiten. Davon erwartet Bahr eine entspannende Wirkung im innerdeutschen Verh&auml;ltnis, die es der Ost-Berliner F&uuml;hrung erlauben w&uuml;rde, einer Lockerung des Grenzregimes zuzustimmen, weil das Risiko f&uuml;r sie ertr&auml;glich werde. Die Thesen Bahrs sorgen f&uuml;r betr&auml;chtlichen Wirbel. In Teilen der SPD, aber vor allem bei den Christdemokraten gibt es harsche Kritik. Man sieht die &bdquo;gemeinsame Frontstellung gegen den Kommunismus&ldquo; gef&auml;hrdet.<br>\nDie Ausf&uuml;hrungen Bahrs entsprechen dem ostpolitischen Konzept Willy Brandts. Der Berliner Pressechef hat unmissverst&auml;ndlich ausgesprochen, was sein Chef bisher sehr vorsichtig umschrieben hatte. Brandt bef&uuml;rchtet allerdings, dass die Formulierung &bdquo;Wandel durch Ann&auml;herung&ldquo; als beabsichtigte Ann&auml;herung an das kommunistische System missverstanden werden k&ouml;nnte.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.bwbs.de\/bwbs_biografie\/Wandel_durch_Annaeherung_B109.html\">Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung<\/a><\/p><p><strong>Anlage 2:<br>\nSicherheit und Zusammenarbeit: Konferenz &uuml;ber Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE)<\/strong><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.hdg.de\/lemo\/html\/DasGeteilteDeutschland\/NeueHerausforderungen\/SicherheitUndZusammenarbeit\/ksze.html\">Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo war eigentlich Egon Bahr am Tag, als Angela Merkel Gorbatschow und den Polen Walesa begr&uuml;&szlig;te? War er eingeladen? Egon Bahr ist der entscheidende noch lebende Kopf jener gewandelten Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik, die mit der Bundeskanzlerschaft Willy Brandts die verkrustete Konfrontation zwischen Ost und West aufl&ouml;ste. 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