{"id":4340,"date":"2009-11-17T08:56:32","date_gmt":"2009-11-17T07:56:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4340"},"modified":"2014-01-23T11:10:44","modified_gmt":"2014-01-23T10:10:44","slug":"foederales-absurdistan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4340","title":{"rendered":"F\u00f6derales Absurdistan"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Bildung ist eine gesamtstaatliche Aufgabe&ldquo;, hei&szlig;t es im schwarz-gelben Koalitionsvertrag. Da der Bund nach der F&ouml;deralismusreform aber kaum noch bildungspolitische Zust&auml;ndigkeiten hat, muss die Bundesregierung unter Einschaltung von nichtstaatlichen Mittlern die L&auml;nder umgehen, wenn sie Bildungsprojekte anschieben und f&ouml;rdern will. Ein Musterbeispiel f&uuml;r diese absurde Umgehungsstrategie ist das &bdquo;Programm des Bundes f&uuml;r lebensbegleitendes Lernen&ldquo;. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>&bdquo;Bildung ist eine gesamtstaatliche Aufgabe und bedarf einer engen Partnerschaft aller Verantwortlichen entlang der gesamten Bildungskette. Wir streben daher eine Bildungspartnerschaft von Bund, L&auml;ndern und Kommunen unter Wahrung der jeweiligen staatlichen Zust&auml;ndigkeit an.&ldquo;<br>\n&bdquo;Wir werden vor Ort Bildungsb&uuml;ndnisse aller relevanten Akteure &ndash; Kinder- und Jugendhilfe, Eltern, Schulen, Arbeitsf&ouml;rderung sowie Zivilgesellschaft &ndash; f&ouml;rdern, die sich mit diesem Ziel zusammenschlie&szlig;en.&ldquo; So hei&szlig;t es im schwarz-gelben <a href=\"?p=4286\">Koalitionsvertrag<\/a>. <\/p><p>Wie solche &bdquo;Bildungspartnerschaften&ldquo; und &bdquo;Bildungsb&uuml;ndnisse&ldquo; mit der Zivilgesellschaft aussehen, l&auml;sst sich am &bdquo;Programm des Bundes f&uuml;r lebensbegleitendes Lernen&ldquo; exemplarisch beobachten:<\/p><p>&bdquo;60 Millionen Euro f&uuml;r bessere Bildung in den Kommunen<br>\nStartschuss f&uuml;r das gr&ouml;&szlig;te Programm des Bundes f&uuml;r lebensbegleitendes Lernen \/ Einzigartige Partnerschaft von Bund, Kommunen und Stiftungen&ldquo;, lautet die &Uuml;berschrift einer <a href=\"http:\/\/www.bmbf.de\/_media\/press\/pm_20091110-266.pdf\">Pressemitteilung des Bundesministeriums f&uuml;r Bildung und Forschung vom 10.11.2009 [PDF &ndash; 123 KB]<\/a> :<br>\n&ldquo;Mit &lsquo;Lernen vor Ort&rsquo; beginnt eine neuartige &ouml;ffentlich-private Bildungspartnerschaft aus Bund, Kommunen und Stiftungen, um ein abgestimmtes Bildungssystem auf kommunaler Ebene zu entwickeln: von der fr&uuml;hkindlichen Bildung bis hin zur Erwachsenenbildung.&rdquo;<\/p><p>Nichts gegen ein Vorhaben zur F&ouml;rderung lebensbegleitenden Lernens, doch wenn man sich die Organisationsstruktur dieses Projekts ansieht, dann kann einem um die &bdquo;Bildungsrepublik Deutschland&ldquo; (so Merkel) nur angst und bange werden.<\/p><p>Da wird also von der EU, genauer vom Europ&auml;ischen Sozialfonds Geld zur Verf&uuml;gung gestellt. Diese Millionen d&uuml;rfen aber weder die EU noch der Bund, noch nicht einmal der Bund zusammen mit den L&auml;ndern in einem gemeinsam definierten und getragenen Bildungsprojekt einsetzen, das verbietet n&auml;mlich die Alleinzust&auml;ndigkeit der L&auml;nder vor allem im schulischen Bereich. <\/p><p>Also sucht der Bund nach nichtstaatlichen &bdquo;zivilgesellschaftlichen&ldquo; Akteuren und organisiert einen <a href=\"http:\/\/www.lernen-vor-ort.info\/de\/147.php\">Stiftungsverbund<\/a>, an dem bisher 26 Stiftungen beteiligt sind. Der Verbund der beteiligten Stiftungen reicht von der Achterkerke Stiftung f&uuml;r Kinder in Heringsdorf bis zur Volkswagenstiftung in Hannover. Mit dabei sind nat&uuml;rlich auch die Bertelsmann Stiftung, die Deutsche Bank Stiftung oder die Stiftungen der Deutschen BP, der Telekom, der BMW AG, der RheinEnergie, von Roland Berger, der Software AG, der TUI, der Vodafone  oder der Stiftung der Deutschen Wirtschaft e.V. etc.<\/p><p>Wie viel Geld diese privaten Stiftungen zus&auml;tzlich zu den 60 Millionen aus &ouml;ffentlichen Mitteln beisteuern, ist nirgendwo erw&auml;hnt. Sie sollen &ndash; laut Programm &ndash;  auch nur <a href=\"http:\/\/www.lernen-vor-ort.info\/de\/155.php\">&bdquo;lokale Grundpatenschaften&ldquo;<\/a> f&uuml;r Kommunen beim Aufbau eines koh&auml;renten kommunalen Bildungswesens &uuml;bernehmen. Und sie sollen als &bdquo;unabh&auml;ngige&ldquo; Moderatoren wirken, Expertisen einbringen oder bei der Anbahnung weiterer &ouml;ffentlich-privater Partnerschaften helfen. Als konkrete Stiftungsleistungen ist etwa an die Teilnahme an Arbeits- und Steuerungstreffen, an die Bereitstellung von Personalkapazit&auml;ten oder von Publikationen, an die Unterst&uuml;tzung von &ouml;rtlichen Veranstaltungen oder an die Nutzbarmachung von Expertenwissen gedacht.  <\/p><p>Und weil die Bundesbildungsministerin mangels Zust&auml;ndigkeit nat&uuml;rlich auch kein passendes Fachpersonal hat, muss die komplexe Koordination des Projektes mit so vielen und unterschiedlichen Beteiligten nat&uuml;rlich von einem externen Koordinator &uuml;bernommen werden.<br>\nProjekttr&auml;ger sind so bildungsnahe Einrichtungen wie das &bdquo;Deutsche Zentrum f&uuml;r Luft- und Raumfahrt&ldquo; und die Gesch&auml;ftsstelle des Stiftungsverbundes.<\/p><p>Ziel dieser &bdquo;einzigartigen &ouml;ffentlich-rechtlichen Partnerschaft&ldquo; ist es, die &bdquo;Weichen f&uuml;r lebenslanges Lernen in den Kommunen neu zu stellen&ldquo; und Anreize f&uuml;r ein &bdquo;kommunales Bildungsmanagement&ldquo; zu entwickeln, das &bdquo;Bildung f&uuml;r alle&ldquo; in allen Phasen des Lebens erm&ouml;glichen soll. Die Einzelnen sollen &bdquo;fit&ldquo; gemacht werden &bdquo;f&uuml;r die Herausforderungen einer globalisierten und schnelllebigen Zeit&ldquo; und dar&uuml;ber hinaus soll das Projekt zum &bdquo;Erhalt der Wettbewerbsf&auml;higkeit einer jeden Kommune&ldquo; beitragen. Das hei&szlig;t also &bdquo;Lernen vor Ort&ldquo;.<\/p><p>Bisher wollen sich 40 Kommunen und Kreise quer durch die Republik beteiligen.<\/p><p>So sollen also k&uuml;nftig die von der neuen Regierungskoalition angestrebten &bdquo;Bildungsb&uuml;ndnisse&ldquo; und &bdquo;Bildungspartnerschaften&ldquo; aussehen. <\/p><p>Der Bund darf sich inhaltlich nicht einmischen und stellt das Geld der EU zur Verf&uuml;gung und die L&auml;nder m&uuml;ssen sich drau&szlig;en halten, weil sie sich ja ansonsten in ihrer Zust&auml;ndigkeit f&uuml;r die Bildung verletzt sehen m&uuml;ssten. Die sog. &bdquo;Zivilgesellschaft&ldquo; bestimmt, wo es l&auml;ngs gehen soll.<br>\nBildung als &bdquo;gesamtstaatliche Aufgabe&ldquo; wird mangels gesamtstaatlicher Verankerung der Verantwortung, d.h. konkret mangels Bundes-Zust&auml;ndigkeit in die zivilgesellschaftliche Verantwortung von Stiftungen &uuml;bergeben, um damit die Zust&auml;ndigkeit der L&auml;nder f&uuml;r die Bildung zu umgehen zu k&ouml;nnen. Dazu m&uuml;ssen Umwege gefunden und  riesige Verb&uuml;nde mit Stiftungen aufgebaut werden, deren bildungspolitische Kompetenz h&ouml;chst zweifelhaft oder &ndash; wie nicht nur bei der Bertelsmann Stiftung &ndash; h&ouml;chst fragw&uuml;rdig ist. Statt bei der Koordination dieses b&uuml;rokratischen Unget&uuml;ms auf etablierte und erfahrene Einrichtungen der Bildungsplanung zur&uuml;ckgreifen zu k&ouml;nnen &ndash; wie es fr&uuml;her einmal die Bund-L&auml;nder-Kommission f&uuml;r Bildungsplanung (BLK) war &ndash; muss nun gar noch eine Raumfahrtbeh&ouml;rde die Koordination f&uuml;r diese bildungsplanerische &bdquo;Mondfahrt&ldquo; &uuml;bernehmen.<br>\nDas nenne ich f&ouml;derales Absurdistan.<\/p><p>Nun war die F&ouml;deralismusreform ja politisch erw&uuml;nscht.  Eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag und Bundesrat folgte dem Glauben, dass der Wettbewerb zwischen den L&auml;ndern in der Bildung auch das gesamtstaatliche Wohl am &bdquo;effizientesten&ldquo; f&ouml;rdern w&uuml;rde.<br>\nDie Kleinstaaterei in der Bildungspolitik feiert seither fr&ouml;hlich Urst&auml;nd und das Bildungschaos nahm seinen Lauf. Die Fehlende Gemeinsamkeit wird bestenfalls noch auf Bildungsgipfeln beklagt.<\/p><p>Die Bundesregierung will nun die fehlende gesamtstaatliche Koordination dadurch ausf&uuml;llen, dass sie eben auf diese zivilgesellschaftlichen Bildungsb&uuml;ndnisse und Bildungspartnerschaften baut und sie finanziert. Wer aber meint, hier w&uuml;rde aus der Not (der mangelnden Zust&auml;ndigkeit) eine (bildungspolitische) Tugend gemacht, der t&auml;uscht sind gr&uuml;ndlich. Hinter diesem Leitbild des zivilgesellschaftlichen Engagements steht die knallharte Ideologie &bdquo;freiheitlichen offenen&ldquo; Gesellschaft, wie sie dem <a href=\"?p=4286\">Koalitionsvertrag vorweg gestellt wurde<\/a>.<\/p><p>In welche (bildungspolitische) Richtung das &bdquo;gr&ouml;&szlig;te Programm des Bundes&ldquo; n&auml;mlich zielt, dazu braucht man sich nur die Stiftungen und deren Missionen genauer anzusehen. Es sind &uuml;berwiegend die Stiftungen des &bdquo;gro&szlig;en Geldes&ldquo;, die die &bdquo;Patenschaften&ldquo; f&uuml;r die Kommunen &uuml;bernehmen werden. Diese Stiftungen gelten zwar als &bdquo;gemeinn&uuml;tzig&ldquo;, aber sie haben alle ihren Stiftungszweck. Und die Missionen der jeweiligen Stifter sollen also k&uuml;nftig das lokale Bildungsmanagement vor Ort entwickeln. <\/p><p>Die Politik, die Parlamente, die Kultusbeh&ouml;rden ziehen sich so aus ihrer Verantwortung zur&uuml;ck und &uuml;berlassen die Abstimmung und Verzahnung der Bildungsangebote f&uuml;r lebensbegleitendes Lernen den Selbsthilfekr&auml;ften &bdquo;zivilgesellschaftlichen&ldquo; Engagements. Demokratisch legitimierte Verantwortung wird so durch die private Macht geldm&auml;chtiger (und durch ihre Gemeinn&uuml;tzigkeit steuerlich gef&ouml;rderter) Stifter zur&uuml;ckgedr&auml;ngt. Anders als im demokratischen Modell mit seinem Mehrheitsprinzip wird die gro&szlig;e Mehrheit der weniger wohlhabenden Bev&ouml;lkerung von der Gestaltung des &bdquo;Lernens vor Ort&ldquo; ausgeschlossen. Timokartie &ndash; also die Herrschaft der Besitzenden &ndash; l&ouml;st die Demokratie ab.<\/p><p>Die Mittel sind zum Gl&uuml;ck begrenzt und das finanzielle Engagement der Stifter d&uuml;rfte sich in engen Grenzen halten. Das Programm ist zudem zun&auml;chst nur auf drei Jahre angelegt, planerische Kontinuit&auml;t ist also in diesem knappen Zeitraum kaum zu erwarten. Es wird schon viel Zeit vergehen, bis sich die Zielvorstellungen der Vielzahl der Beteiligten koordinieren lassen &ndash; wenn sie sich &uuml;berhaupt koordinieren lassen. Diese Art von &bdquo;Lernen vor Ort&ldquo; im Sinne der Mission der Stifter d&uuml;rfte also noch auf sich warten lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Bildung ist eine gesamtstaatliche Aufgabe&ldquo;, hei&szlig;t es im schwarz-gelben Koalitionsvertrag. Da der Bund nach der F&ouml;deralismusreform aber kaum noch bildungspolitische Zust&auml;ndigkeiten hat, muss die Bundesregierung unter Einschaltung von nichtstaatlichen Mittlern die L&auml;nder umgehen, wenn sie Bildungsprojekte anschieben und f&ouml;rdern will. Ein Musterbeispiel f&uuml;r diese absurde Umgehungsstrategie ist das &bdquo;Programm des Bundes f&uuml;r lebensbegleitendes Lernen&ldquo;. 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