{"id":43424,"date":"2018-04-12T09:15:58","date_gmt":"2018-04-12T07:15:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43424"},"modified":"2019-07-03T11:17:19","modified_gmt":"2019-07-03T09:17:19","slug":"norman-paech-die-militarisierung-der-eu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43424","title":{"rendered":"Norman Paech: Die Militarisierung der EU"},"content":{"rendered":"<p>Der Autor schreibt an die NachDenkSeiten:  &bdquo;Etwas abseits der gegenw&auml;rtigen Aufgeregtheiten biete ich den Nachdenkseiten einen Beitrag an, den ich in k&uuml;rzerer Form auf einem Symposium in Erinnerung meines Kollegen Herbert Schui an der HWP in Hamburg im Dezember vergangenen Jahres &uuml;ber &sbquo;Die Militarisierung der EU&lsquo; gehalten habe. Das ist ein Thema, welches in der ganzen Diskussion um die EU in der vergangenen Zeit keine Rolle gespielt hat. Es gibt einige Spezialstudien von IMI und der Linksfraktion, doch ohne Resonanz. Auch jetzt st&ouml;&szlig;t es zumeist auf Unkenntnis und ungl&auml;ubiges Erstaunen.&ldquo; &ndash; Soweit der Autor <strong>Norman Paech<\/strong>. Hier ist sein emp&ouml;render Text. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Norman Paech zur Militarisierung der EU<\/strong><\/p><p>Europa wird in den politischen Reden immer noch als Sehnsuchtsort einer besseren Zukunft gehandelt, als historisch notwendiger und letztlich gegl&uuml;ckter Fort-Schritt auf eine h&ouml;here Stufe gesellschaftlicher Entwicklung. Dabei spielen die durchaus nachweisbaren Erfolge der europ&auml;ischen Integration auf &ouml;konomischer und politischer sowie kultureller Ebene eine wichtige Rolle. Die Europ&auml;ische Union wird als  Wirtschafts- und politische Union wahrgenommen, nicht aber als &bdquo;Verteidigungsunion&ldquo;, wie sie Ministerin Ursula von der Leyen j&uuml;ngst nannte. Und wer von der &bdquo;Militarisierung&ldquo; der EU spricht, st&ouml;&szlig;t zumeist auf Unverst&auml;ndnis oder wird der Provokation bezichtigt. Wer aber von der Krise der EU spricht, darf diese nicht nur an dem unbestreitbaren demokratischen Defizit, dem b&uuml;rokratischen Aufwuchs der Exekutive, dem neoliberalen Grundkonsens der Kommission und der B&uuml;rgerferne der Institutionen festmachen. Er muss auch von der zunehmenden Militarisierung der EU trotz und neben der NATO sprechen.<\/p><ol>\n<li><strong>Von den unbemerkten Anf&auml;ngen&hellip;<\/strong>\n<p>Dies begann praktisch schon 1999, als auf den Ratsgipfeln in K&ouml;ln und Helsinki im Rahmen der &bdquo;Gemeinsamen Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik&ldquo; (GASP) die Aufstellung einer EU-Interventionstruppe, die European Rapid Reaction Force,  beschlossen wurde. Das machte f&uuml;r die Einsatz- und Kriegsplanung die Einrichtung u.a. eines Milit&auml;rausschusses notwendig, die 2000 erfolgte, und den Entwurf einer &bdquo;Europ&auml;ischen Sicherheitsstrategie&ldquo;, die 2003 verabschiedet wurde. 2004 wurden die sog. Battlegroups beschlossen und die Europ&auml;ische Verteidigungsagentur (EDA) eingerichtet. Sie soll sog. F&auml;higkeitsl&uuml;cken identifizieren, die eine effektive Kriegsf&uuml;hrung behindern, und R&uuml;stungsprojekte EU-weit anregen und entwerfen. <\/p>\n<p>Parallel zu diesem Aufbau milit&auml;rischer F&auml;higkeiten erfolgte die Expansion der EU vor allem nach Osten, welche die Anzahl der Mitgliedstaaten von 15 auf jetzt 28 ansteigen lie&szlig;. Seit 2004 wurde mit der &bdquo;Europ&auml;ischen Nachbarschaftspolitik&ldquo; der Einfluss der EU auf 15 L&auml;nder von Nordafrika bis zum Kaukasus ausgedehnt. Mittels sog. Assoziationsabkommen werden die Staaten einer neoliberalen Renovierung unterzogen und der europ&auml;ischen Wirtschaftszone ohne Beitrittsangebot angegliedert. Nachbarschaftspolitik bedeutet allerdings weitaus mehr als nur &ouml;konomische Beteiligung. Mit ihr ist der Anspruch der EU als Ordnungsmacht mit milit&auml;rischen Befugnissen verbunden. Was der damalige Bundespr&auml;sident Gauck, Au&szlig;enminister Steinmeier und Verteidigungsministerin von der Leyen auf der Sicherheitskonferenz in M&uuml;nchen 2017 mit der gestiegenen Verantwortung der Bundesrepublik in den Konflikten der Welt meinten, hatte die ehemalige EU-Au&szlig;enbeauftragte Catherine Ashton bereits 2013 deutlicher formuliert, n&auml;mlich &bdquo;dass Europa mehr Verantwortung f&uuml;r seine eigene Sicherheit und die seiner Nachbarschaft &uuml;bernehmen muss&hellip;Die Union muss in der Lage sein, als Sicherheitsgarant &ndash; mit Partnern so m&ouml;glich, autonom wenn n&ouml;tig &ndash; in ihrer Nachbarschaft entschieden zu handeln, dies schlie&szlig;t direkte Interventionen ein. Strategische Autonomie muss sich zuerst in der Nachbarschaft der Europ&auml;ischen Union materialisieren.&ldquo;[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p>\n<p>Obwohl das ganze Projekt etwas ins Stocken geriet, als Franzosen und Niederl&auml;nder den 2003 verabschiedeten EU-Verfassungsvertrag in ihren Referenden 2005 scheitern lie&szlig;en, hat die Bundeswehr ihre Soldaten in 12 Milit&auml;reins&auml;tze von Mazedonien bis in die Zentralafrikanische Republik entsandt. Hinzu kommen sog. Ert&uuml;chtigungsinitiativen der Ausbildung und des Trainings in Irak, Jordanien, Tunesien, Mali und Nigeria. Sie werden &uuml;berwiegend als Ma&szlig;nahmen der Entwicklungshilfe aus dem Entwicklungshilfe-Haushalt finanziert. Das Finanzierungsverbot des Art. 41 II EU-Vertrag wird so umgangen unter Berufung auf die &bdquo;Armutsbek&auml;mpfung&ldquo;, die gem. Art. 208 des &bdquo;Vertrags &uuml;ber die Arbeitsweise der Europ&auml;ischen Union&ldquo; (AEUV), &bdquo;ein Hauptziel in diesem Bereich (Entwicklungszusammenarbeit)&bdquo; sein soll. Milit&auml;rausbildung als Armutsbek&auml;mpfung &ndash; f&uuml;r Juristen kein Argumentationsproblem. Um den R&uuml;stungshaushalt zu entlasten, werden auch andere Ma&szlig;nahmen mit milit&auml;rischer Bedeutung aus dem EU-Budget finanziert. So etwa aus dem Stabilit&auml;tsinstrument (bis 2020 2,33 Mrd. Euro) oder aus dem Forschungsetat (bis 2020 ca. 2 Mrd. Euro). Aus ihm wird z.B. die Entwicklung von Drohnen mitfinanziert, und aus dem Agrarhaushalt sollen bis 2020 rund 11,3 Mrd. Euro zur Finanzierung der Satellitensysteme Galileo\/Kopernikus, die auch milit&auml;risch genutzt werden sollen, flie&szlig;en. Die &bdquo;African Peace Facility&ldquo; erh&auml;lt so seit 2004 1,9 Mrd. Euro aus dem &bdquo;Europ&auml;ischen Entwicklungsfonds&ldquo; nicht etwa f&uuml;r zivile Entwicklungs- und Friedensprojekte, sondern f&uuml;r den Aufbau afrikanischer Interventionstruppen und die Milit&auml;reins&auml;tze der AU. Im September 2016 hatte EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker seinen Vorschlag f&uuml;r einen &bdquo;Europ&auml;ischen Verteidigungsfonds&ldquo; mit den Worten angek&uuml;ndigt: &bdquo;Europa muss H&auml;rte zeigen. Dies gilt vor allem in unserer Verteidigungspolitik. Eine starke europ&auml;ische Verteidigung braucht eine innovative europ&auml;ische R&uuml;stungspolitik. Deshalb werden wir noch vor Jahresende einen Europ&auml;ischen Verteidigungsfonds vorschlagen, der unserer Forschung und Innovation einen kr&auml;ftigen Schub verleiht.&ldquo;<\/p><\/li>\n<li><strong>&hellip; zu den Verpflichtungen des Lissabon-Vertrages.<\/strong>\n<p>Was 2003 mit der EU-Verfassung nicht gelang, wurde 2009 mit dem Lissabon-Vertrag nachgeholt. Hier sind jetzt im Abschnitt 2 &bdquo;Bestimmungen &uuml;ber die Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik&ldquo; in weitgehend identischem Wortlaut mit dem gescheiterten Vertrag jene Ziele und Vorhaben festgeschrieben, die den weiteren Ausbau der milit&auml;rischen Kapazit&auml;ten und F&auml;higkeiten garantieren. So hei&szlig;t es in Art. 42 EUV: &bdquo;Die Mitgliedstaaten verpflichten sich, ihre milit&auml;rischen F&auml;higkeiten schrittweise zu verbessern&ldquo;. Im Protokoll 10 des Vertrages wird pr&auml;zisiert, was das bedeutet: die Verteidigungsf&auml;higkeit ausbauen und sich an den wichtigsten europ&auml;ischen R&uuml;stungsprogrammen zu beteiligen, die sog. Battlegroups aufstellen und gegebenenfalls Truppen in Kriegseins&auml;tze der EU entsenden.<\/p>\n<p>Zwei sehr unterschiedliche Ereignisse in den Folgejahren gaben dem Milit&auml;rprojekt neuen Schub. Der Krieg gegen Libyen 2011, in dem die USA den Europ&auml;ern die F&uuml;hrung &uuml;berlie&szlig;en, offenbarte, dass Gro&szlig;britannien und Frankreich als Repr&auml;sentanten der NATO allein nicht in der Lage waren, die komplexen Aufgaben und Anforderungen einer solchen Milit&auml;rintervention, die weit &uuml;ber den vom Sicherheitsrat in seiner Resolution 1973 gesetzten Rahmen hinausging, zu bew&auml;ltigen. Sodann wurde mit der Austrittsentscheidung Gro&szlig;britanniens aus der EU auch offen ausgesprochen, dass die Engl&auml;nder &uuml;ber viele Jahre hinweg die Militarisierung der EU blockiert hatten &ndash; ganz offensichtlich im Interesse der USA, die auf die NATO setzten. Verteidigungsministerin von der Leyen fiel ein Stein vom Herz: &bdquo;Wir haben lange R&uuml;cksicht nehmen m&uuml;ssen auf Gro&szlig;britannien, weil Gro&szlig;britannien konsequent diese Themen nicht wollte.&ldquo;[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p>\n<p>Unmittelbar danach im Juni 2016 nahm der EU-Rat eine neue EU-Globalstrategie an, die die bisherige Europ&auml;ische Sicherheitsstrategie von 2003 ersetzte. Ihr Rahmen ist in der Tat jetzt global definiert und hat mit der klassischen Verteidigung, wie sie noch im Grundgesetz und NATO-Vertrag verankert ist, nichts mehr zu tun: &bdquo;Die EU wird zur weltweiten maritimen Sicherheit beitragen und dabei auf ihre Erfahrungen im Indischen Ocean und im Mittelmeer zur&uuml;ckgreifen und die M&ouml;glichkeiten f&uuml;r den Golf von Guinea, das S&uuml;dchinesische Meer und die Stra&szlig;e von Malakka pr&uuml;fen.&ldquo;[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] Mit seinem &bdquo;Implementierungsplan zur Sicherheit und Verteidigung&ldquo; konkretisierte der Rat seine Vorstellungen davon, wie diese Globalstrategie umgesetzt werden sollte: durch eine generelle Erh&ouml;hung der Milit&auml;rkapazit&auml;ten. Dazu war es notwendig, die R&uuml;stungsforschung mit 500 Mio. &euro; zu forcieren und die Beschaffung von R&uuml;stungsg&uuml;tern mit 5 Mrd. &euro; anzukurbeln. Notwendig waren diese Ma&szlig;nahmen deswegen, weil der EU-Vertrag die Verwendung von EU-Geldern f&uuml;r Milit&auml;rausgaben untersagt.<\/p><\/li>\n<li><strong>Die &bdquo;St&auml;ndige Strukturierte Zusammenarbeit&ldquo; &ndash; PESCO<\/strong>\n<p>Eine der Strukturentscheidungen, die Gro&szlig;britannien immer blockiert hatte, ist die &bdquo;St&auml;ndige Strukturierte Zusammenarbeit&ldquo; (SSZ). Sie war schon im Lissabon-Vertrag von 2009 vorgesehen und Jean-Claude Juncker hatte auf ihre Realisierung gedr&auml;ngt. Denn mit ihr h&auml;tte das Konsensprinzip durchbrochen werden k&ouml;nnen. Wichtige Teile der Milit&auml;rpolitik, wie die Beteiligung an Milit&auml;reins&auml;tzen und an den relevanten R&uuml;stungsprojekten, w&uuml;rden dann durch eine kleine Gruppe mit Mehrheitsentscheidung schneller und effizienter erledigt werden. Diesem immer umstrittenen &bdquo;Europa der zwei Geschwindigkeiten&ldquo; ist man nun im November 2017 zumindest im Bereich &bdquo;Sicherheit und Verteidigung&ldquo; mit der Unterschrift (Notifizierung) von 23 der 28 EU-Staaten unter ein Dokument zur engeren milit&auml;rischen Kooperation mit dem K&uuml;rzel PESCO (Permanent Structured Cooperation)[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] n&auml;her gekommen. Damit m&ouml;chte man der Union mehr &bdquo;strategische Autonomie&ldquo; verschaffen, was vor allem milit&auml;rische Unabh&auml;ngigkeit von und Selbst&auml;ndigkeit gegen&uuml;ber den USA hei&szlig;t. Das Dokument formuliert 20 konkrete Teilnahmebedingungen wie die regelm&auml;&szlig;ige Erh&ouml;hung der Verteidigungsausgaben, die Beteiligung an gemeinsamen R&uuml;stungsprojekten, die Bereitstellung von Soldaten f&uuml;r die Krisenreaktionskr&auml;fte etc. Alle Mitglieder haben &uuml;ber die Realisierung dieser Bedingungen und ihren genauen Beitrag zur engeren Kooperation einen Plan vorzulegen. Er soll regelm&auml;&szlig;ig &uuml;berpr&uuml;ft werden. Das ist zwar noch nicht die von Ursula von der Leyen anvisierte &bdquo;Sicherheits- und Verteidigungsunion&ldquo; mit einer eigenen Europa-Armee, aber der Weg ist vorgezeichnet.<\/p>\n<p>Auch dieses Dokument ist wiederum ohne Mitwirkung der jeweiligen Parlamente von den Exekutiven erarbeitet und verabschiedet worden &ndash; ein weiteres Beispiel des bedenklichen Demokratiedefizits in der EU. Aber ebenso wie seinerzeit die Klage gegen die Entscheidung der NATO-Staatschefs im April 1999, die NATO von einem Verteidigungs- in ein Interventionsb&uuml;ndnis umzuwandeln, vom Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom 22. November 2001 verworfen worden ist, w&uuml;rde auch eine Klage gegen PESCO dort keine Chance haben. Denn das Bundesverfassungsgericht hielt die Umwandlung der NATO, f&uuml;r die die Beteiligung des Bundestages mit der Klage eingefordert wurde, lediglich f&uuml;r eine Erweiterung des Aufgabengebietes im Rahmen des NATO-Vertrages. Im Wortlaut: &bdquo;Zwar enth&auml;lt das Konzept 1999 die im Ursprungsvertrag nicht implizierte Erweiterung auf Krisenreaktionseins&auml;tze au&szlig;erhalb des B&uuml;ndnisgebiets. Hier ist das Konzept 1999 gegen&uuml;ber dem NATO-Konzept von 1991 wesentlich ver&auml;ndert worden&hellip; Dennoch ist eine objektive Vertrags&auml;nderung nicht festzustellen, es handelt sich um eine Fortentwicklung und Konkretisierung der offen formulierten Bestimmungen des NATO-Vertrages: Der Nordatlantikrat erkl&auml;rt ausdr&uuml;cklich, Zweck und Wesen des B&uuml;ndnisses blieben unver&auml;ndert.&ldquo;[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Nicht nur dem Laien mag es nicht recht einleuchten, dass die Umwandlung der NATO von einem Verteidigungs- in ein Interventionsb&uuml;ndnis zwar eine &bdquo;wesentliche Ver&auml;nderung&ldquo; bedeutet, nicht aber eine &bdquo;objektive Vertrags&auml;nderung&ldquo;, die die Zustimmung des Parlaments erfordert h&auml;tte. Die Wege auch des obersten Gerichts sind oft unerforschlich, doch so viel l&auml;sst sich feststellen, dass seine Rechtsprechung &bdquo;exekutivlastig&ldquo; ist und erkennen l&auml;sst, wie es einer Klage auf Parlamentsbeteiligung gegen PESCO ergehen w&uuml;rde. Denn PESCO baut die Interventionsf&auml;higkeit der EU nur aus, versucht das milit&auml;rische Potential zu st&auml;rken und den effektiveren Einsatz zu organisieren. Das ist in den Augen des Bundesverfassungsgerichts allein Aufgabe der Exekutive, bei der die Legislative keine Mitwirkung beanspruchen kann. Im Rahmen der EU ist die Stellung der Parlamente zudem noch schlechter als in der Bundesrepublik. Wie Artikel 42 AEUV bestimmt, kann das Parlament zwar Fragen stellen und Empfehlungen geben, jedoch nicht mitentscheiden.<\/p>\n<p>Im Koalitionsvertrag von Union und SPD hie&szlig; es 2013 noch: &bdquo;Wir streben einen immer engeren Verbund der europ&auml;ischen Streitkr&auml;fte an, der sich zu einer parlamentarisch kontrollierten europ&auml;ischen Armee weiterentwickeln kann.&ldquo; Auf dem Weg zu einer europ&auml;ischen Streitmacht hat die Koalition schon entscheidende Schritte gemacht. Die l&uuml;ckenhafte parlamentarische Kontrolle hat sie jedoch offensichtlich f&uuml;r ausreichend erachtet und deshalb auch im neuen Koalitionsvertrag nicht mehr erw&auml;hnt.<\/p>\n<p>Wichtiger als die demokratische Kontrolle ist ihr zweifellos die St&auml;rkung der milit&auml;rischen F&auml;higkeiten f&uuml;r die zuk&uuml;nftigen Eins&auml;tze im neokolonialen Bogen ihrer Interessen vom Mittleren Osten bis nach Westafrika und gegen&uuml;ber der neuen &bdquo;Bedrohung&ldquo; aus dem Osten. Bei der Verlegung US-amerikanischer Truppen nach Polen und in die Baltischen Staaten hatte sich gezeigt, dass der Transit derartiger Einheiten mit schwerem Milit&auml;rger&auml;t nicht nur durch unzureichende Infrastruktur (Br&uuml;cken, Stra&szlig;en, Unterf&uuml;hrungen), sondern auch durch b&uuml;rokratische Genehmigungs- und Zollverfahren behindert und verz&ouml;gert wird. Deshalb hat die EU einen Aktionsplan zur Verbesserung der milit&auml;rischen Mobilit&auml;t erarbeitet. Ziel ist der Ausbau der Transportinfrastruktur, um die NATO-Truppen schnell und ungehindert an die &bdquo;Ostfront&ldquo; bringen zu k&ouml;nnen. Dabei soll das &bdquo;Transeurop&auml;ische Transportnetzwerk&ldquo; (Trans-European Network for Transport, TEN-T) mit seinem Netz von Verkehrskorridoren, welches sich durch alle Staaten der EU zieht und Stra&szlig;en, Schienen, Wasserwege, H&auml;fen und Flugh&auml;fen umfasst, auch milit&auml;risch genutzt werden. Die EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc will der milit&auml;rischen Nutzung sogar Vorrang einr&auml;umen: &bdquo;Wir brauchen eine Priorit&auml;t f&uuml;r den milit&auml;rischen Bedarf, schon bei der Planung neuer Verbindungen.&ldquo;[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] Dazu geh&ouml;rt dann auch der Aufbau eines neuen Hauptquartiers, das die bessere Mobilit&auml;t organisieren und garantieren soll, und um das sich Deutschland bewirbt.<\/p><\/li>\n<li><strong>Was treibt die EU an?<\/strong>\n<p>Kommen wir zum Schluss und zu der Frage, was die europ&auml;ische Politik dazu treibt, neben der NATO eine weitere Streitmacht mit eigenen Institutionen, eigenem Budget und eigenem Personal aufzubauen. Sie soll im Ernstfall mit der NATO kooperieren, beide Streitm&auml;chte sollen sich erg&auml;nzen und unterst&uuml;tzen, aber gleichzeitig strebt die EU nach strategischer Autonomie. Die Unabh&auml;ngigkeit von den USA, die Gro&szlig;britannien immer verhindern wollte, ist zweifellos einer der Hauptgr&uuml;nde, die insbesondere die &bdquo;Beinfreiheit&ldquo; der beiden dominierenden Milit&auml;rm&auml;chte in der EU, Frankreich und Deutschland, erweitern w&uuml;rde. Dazu mag auch z&auml;hlen, dass eine Neugr&uuml;ndung unter der Marke EU seine Eins&auml;tze relativ unbelastet vom negativen Image einer Interventionsarmee (NATO in Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Libyen etc.) planen kann. Die herrschende Wahrnehmung der EU als zivile politische und &ouml;konomische Organisation und die angestrebte Verkn&uuml;pfung milit&auml;rischer Aktionen mit der Entwicklungshilfe m&ouml;gen als Schafspelz &uuml;ber der Wolfsgestalt die wahren strategischen Interessen verdecken. Entscheidend ist aber auch die Konstruktion eines &auml;u&szlig;eren Feindbildes mit einem Bedrohungsszenarium, welches aus einer Kombination von realen Entwicklungen und imaginierten Projektionen neue unmittelbare Gefahren heraufbeschw&ouml;rt. Beispielhaft zitiert Andreas Wehr eine Studie des Pariser B&uuml;ros der Friedrich-Ebert-Stiftung, in der es hei&szlig;t: &bdquo;Der strategische Kontext, in dem sich die Europ&auml;ische Union befindet, ist in den letzten zehn Jahren deutlich angespannter geworden. Im Osten hat die wiedererstarkende Macht Russlands zu zwei Konflikten mit seinen Nachbarn gef&uuml;hrt: erst 2008 in Georgien, dann 2014 in der Ukraine. Im S&uuml;den folgten auf die Hoffnungen des &sbquo;arabischen Fr&uuml;hlings&rsquo; von 2010 Konflikte in Libyen und Syrien, deren Folgen sich nun auch in der Fl&uuml;chtlingskrise niederschlagen, mit der Europa konfrontiert ist. Der islamistische Terrorismus (&hellip;) hat sich auf die Sahelzone und anschlie&szlig;end auf den Irak und Syrien ausgeweitet. Zu diesen Bedrohungen in der unmittelbaren Nachbarschaft kommen noch weitere beunruhigende geopolitische Entwicklungen hinzu, wie die Spannungen im Chinesischen Meer oder das Risiko einer Destabilisierung durch die Verbreitung von Kernwaffen in Nordkorea und im Iran.&ldquo;[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Es ist schon seltsam, mit welcher Chuzpe die Autoren die EU in der Rolle des Opfers sehen, ohne die aktive Verantwortung der EU-Staaten z.B. bei der Einkreisung Russlands durch die NATO oder die Verantwortung f&uuml;r die Destabilisierung des Nahen und Mittleren Ostens in den Blick zu bekommen. Die permanente Zuspitzung der milit&auml;rischen und diplomatischen Situation geh&ouml;rt offensichtlich zum Konzept, um die EU in eine &bdquo;Sicherheits- und Verteidigungsunion&ldquo; (von der Leyen) zu verwandeln. Es ist relativ gleichg&uuml;ltig, ob die Triebfeder in der &Uuml;berwindung innenpolitischer Schwierigkeiten liegt, wie Theresa Mays Probleme mit der Umsetzung des Brexit, in der Sicherung der alten kolonialen Claims, wie f&uuml;r Frankreich in Westafrika oder in der Angst, bei der Verteilung der Beute nach Beendigung der Kriege leer auszugehen, wie im Mittleren Osten von Afghanistan &uuml;ber Irak bis Syrien. Die europ&auml;ische Beteiligung an diesen Kriegen oder ihre Inszenierung erfordert nicht nur verbale europ&auml;ische Solidarit&auml;t, sondern aktiven milit&auml;rischen Beistand. Darin waren sich der damalige Au&szlig;enminister Gabriel und die Verteidigungsministerin von der Leyen auf der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz im Februar 2018 einig. &bdquo;Europa braucht &hellip; eine gemeinsame Machtprojektion in die Welt&ldquo;, meinte Gabriel, bei der man &bdquo;&ldquo;auf das Milit&auml;rische &hellip; nicht &hellip; verzichten&ldquo; d&uuml;rfe. Und von der Leyen bekr&auml;ftigte, dass zu den milit&auml;rischen &bdquo;F&auml;higkeiten und Strukturen&ldquo;, die man aufgebaut habe, nun nur noch &bdquo;der gemeinsame Wille&ldquo; hinzukommen m&uuml;sse, &bdquo;das milit&auml;rische Gewicht auch tats&auml;chlich einzusetzen&ldquo;.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] Das ist das Gebot f&uuml;r eine eigene Streitmacht auch der EU, wie sie immer deutlicher entsteht. Sie wird aber wohl kaum zur &Uuml;berwindung der Krise der EU durch die &bdquo;Einheit von Frieden und Sozialem&ldquo; beitragen.<\/p><\/li>\n<\/ol><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Catherine Ashton, Preparing the December 2013 European Council on Security and Defence, Brussels, 15. October 2013, S. 2.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Pany, Th., Nach Brexit: Von der Leyen f&uuml;r mehr milit&auml;rische EU-Zusammenarbeit, Telepolis, 14. Juli 2016. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Gemeinsame Vision, gemeinsames Handeln: Ein st&auml;rkeres Europa, Br&uuml;ssel 28. Juni 2016.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Permanent Sructured Cooperation &ndash; PESCO. Deepening Defence Cooperation among EU Member States. Eeas.europa.eu, 19. Oktober 2017; Rat der Europ&auml;ischen Union, Schlussfolgerungen zu Sicherheit und Verteidigung im Kontext der Globalen Strategie der EU, 14190\/17, v. 13. November 2017.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] BVerfg Urteil v. 22. November 2001, 2BvE 6\/99, Pressemitteilung Nr. 105\/2001 v. 22. November 2001.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Detlev Drewes, Panzerstra&szlig;en f&uuml;r Europa, sz-online.de 11. November 2017.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] <a href=\"http:\/\/augengeradeaus.net\/2016\/09\/dokumentation-deutsch-franzoesische-Initiative-fuer-europaeische-Verteidigung\/\">Erneuerung der GSVP &ndash; hin zu einer umfassenden, realistischen und glaubw&uuml;rdigen Verteidigung in der EU<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Zitate aus den Reden der beiden Ministern am 1. Feburar Und 17. Februar 2018. Vgl. german-foreign-policy.com &ndash; <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/7535\/\">Die Machtprojektion der EU<\/a> &amp; german-foreign-policy.com &ndash; <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/7475\/\">Der Start der Milit&auml;runion<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Autor schreibt an die NachDenkSeiten: &bdquo;Etwas abseits der gegenw&auml;rtigen Aufgeregtheiten biete ich den Nachdenkseiten einen Beitrag an, den ich in k&uuml;rzerer Form auf einem Symposium in Erinnerung meines Kollegen Herbert Schui an der HWP in Hamburg im Dezember vergangenen Jahres &uuml;ber &sbquo;Die Militarisierung der EU&lsquo; gehalten habe. 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