{"id":43483,"date":"2018-04-14T11:45:05","date_gmt":"2018-04-14T09:45:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43483"},"modified":"2026-01-27T11:29:28","modified_gmt":"2026-01-27T10:29:28","slug":"essen-ist-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43483","title":{"rendered":"Essen ist Politik"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180414_keller.jpg\" alt=\"Franz Keller\" title=\"Franz Keller\"><\/div><p><strong>Franz Keller<\/strong> ist einer der hochdekoriertesten K&ouml;che in Deutschland. Er lernte sein Handwerk unter anderem bei dem gro&szlig;en franz&ouml;sischen Koch Paul Bocuse, kochte f&uuml;r die englische K&ouml;nigin, und konzipierte als einer der Ersten die &bdquo;Neue Deutsche K&uuml;che&ldquo;. Doch irgendwann kam der Sinneswandel: Keller verzichtete auf die begehrten Michelin-Sterne und kehrte dem &bdquo;&uuml;bertriebenen Teller-Ikebana der Sternek&uuml;che&ldquo; den R&uuml;cken. Zur&uuml;ck zu den Wurzeln, darum ging es ihm. Im Interview mit den NachDenkSeiten erkl&auml;rt Keller, warum Essen Politik ist und was in unserer Gesellschaft in Sachen Essen alles falsch l&auml;uft. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Keller, sagen Sie bitte unseren Lesern: Was hat Essen mit Politik zu tun?<\/strong><\/p><p>Wo soll ich da anfangen? Nehmen Sie doch nur bestimmte Volkskrankheiten, wie Diabetes oder Fettleber, die durch falsche Ern&auml;hrung entstehen. Wenn diese Ern&auml;hrung indirekt auch noch durch Subventionen erst erm&ouml;glicht wird, sind wir schnell auf der politischen Ebene. Oder denken Sie an die Kosten, die jedes Jahr durch falsche Ern&auml;hrung entstehen und unser Gesundheitssystem schwer belasten. <\/p><p><strong>Wie sind Sie &uuml;berhaupt darauf gekommen, dass Essen Politik ist? Gab es ein bestimmtes Erlebnis?<\/strong><\/p><p>Es war eher die Vielzahl aller Erfahrungen, die ich im Laufe meines Lebens als jemand, der jeden Tag mit Essen und mit Nahrungsmitteln zu tun hat, gesammelt habe.  <\/p><p><strong>Sie meinten es damals ziemlich ernst. Sie haben einen Brief an Michelin geschrieben.<\/strong><\/p><p>Das war vor 20 Jahren. Damals habe ich an Michelin und meine etwa 900 Stammg&auml;ste geschrieben, dass ich auf die so begehrten Sterne verzichte. <\/p><p><strong>Warum dieser Schritt?<\/strong><\/p><p>Ich wollte wieder frei sein. Durch die Sterne musste man dann ja sozusagen auch gewisse Vorgaben und Erwartungen erf&uuml;llen, wodurch das Essen zu einem Luxusprodukt und immer teurer wurde. Statt auf das &uuml;bertriebene Teller-Ikebana der Sternek&uuml;che habe ich meinen Fokus auf die Qualit&auml;t der Grundprodukte gelegt, die ich in meiner K&uuml;che verarbeite. Das ist mir wichtig. Gutes Essen sollte f&uuml;r mich immer etwas Allt&auml;gliches, aber auch erschwinglich sein.<\/p><p><strong>War dieser Schritt wirklich n&ouml;tig?<\/strong><\/p><p>Auf jeden Fall. Warum sollte man sich den Sternen unterwerfen? Diese K&uuml;che ist letztlich auch f&uuml;r die Gastronomen sehr teuer, man kann kaum davon leben und braucht dazu in aller Regel Sponsoren. <\/p><p><strong>Wie sehen Sie heute das Essen und die Art und Weise, wie wir Menschen damit umgehen?<\/strong><\/p><p>Wir gehen auf eine schrecklich unsensible Weise damit um. Essen ist heute f&uuml;r Viele zu einer Nebensache geworden und meist eher als reines &bdquo;Futter fassen&ldquo; zu bezeichnen. Das ist manchmal gar nicht weit entfernt vom reinen &bdquo;Fressen&ldquo; der Tiere.<\/p><p><strong>K&ouml;nnen Sie einige der Probleme, die Ihnen auffallen, anf&uuml;hren?<\/strong><br>\n<strong>Es geht damit los, dass wir offensichtlich kaum noch Zeit zum Kochen finden, oder?<\/strong><\/p><p>Klar, Zeit spielt eine sehr gro&szlig;e Rolle. Unsere Gesellschaft will von allem immer mehr haben. Nur beim Essen und der notwendigen Zeit, die man zur Zubereitung eines ausgewogenen Mahls ben&ouml;tigt, wird gespart, wo es nur geht. Fast Food, vorgegart, fix und fertig f&uuml;r die Microwelle oder einfach kochendes Wasser drauf und fertig. Das Essen verkommt zur schnellen, aber leider notwendigen Nahrungsaufnahme. Die Konsumenten k&ouml;nnen kaum noch Qualit&auml;t erkennen oder definieren. Grundprodukte in vorverarbeiteten Lebensmitteln haben immer billiger zu werden, spielen angeblich kaum noch eine Rolle. Es gibt immer mehr Haushalte, in denen kaum noch richtig gekocht wird. H&ouml;chstens mal ausnahmsweise, an besonderen Tagen, zu besonderen Anl&auml;ssen.<\/p><p><strong>Die Art, wie wir heute mit dem Essen umgehen, hat also auch Auswirkungen, die viel tiefer gehen, als es uns vielleicht bewusst ist?<\/strong><\/p><p>Multiresistente Keime in B&auml;chen und Seen, mit Nitrat verseuchtes Grundwasser oder das gro&szlig;e Insektensterben &ndash; all das sind Folgen unserer pervertierten Nahrungsmittelproduktion und Massentierhaltung. Vom Boden- bis zum Grundwasserschutz werden wir weitreichende Sch&auml;den zu beseitigen haben, wenn das &uuml;berhaupt noch m&ouml;glich sein wird. Nat&uuml;rlich interessiert das alles nur mal kurz und nebenbei, wenn wir vielleicht mal auf die ein oder andere Schlagzeile sto&szlig;en. Aber dann vergessen wir das alles schnell wieder und behalten unsere sch&auml;dlichen Essensgewohnheiten bei. <\/p><p><strong>Was bedeutet es noch, wenn wir uns viel zu oft mit der Tiefk&uuml;hlpizza zufriedengeben?<\/strong><\/p><p>Essen hat neben der Versorgung mit N&auml;hrstoffen eine wichtige soziale Funktion. Was ich kritisiere ist, dass das gemeinsame Kochen und Essen, das zum Beispiel in der Familie eine wichtige Basis f&uuml;r ein echtes Zusammenleben bildet, durch industrielle Lebensmittel unterlaufen wird. Sie sehen: Die Art, wie wir essen, hat in der Tat weitreichende Folgen. Wie soll ein gesundes famili&auml;res und gesellschaftliches Leben m&ouml;glich sein, wenn jeder nur noch f&uuml;r sich die Tiefk&uuml;hlpizza in den Ofen schiebt? Fertiggerichte machen uns &ndash; wie der Name schon sagt &ndash; auf Dauer fertig.<\/p><p><strong>Gibt es weitere Kritik?<\/strong><\/p><p>Ja, die betrifft wieder die Politik. Der Staat hat die Pflicht, seine B&uuml;rger zu sch&uuml;tzen. Es kann zum Beispiel nicht sein, dass es seit langer Zeit Zusatzstoffe in verarbeiteten Lebensmitteln gibt, aber zust&auml;ndige &Auml;mter viele Jahre sp&auml;ter immer noch nicht viel &uuml;ber diese Stoffe wissen und noch nicht mal in der Lage sind, sie nachzuweisen. Mit solchen Produkten wie zum Beispiel Fleisch und Wurstwaren, die mit Zusatzstoffen so manipuliert sind, dass sie bis zu 20 Prozent mehr Wasser im Produkt binden k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Wir haben uns jetzt mit den Menschen auseinandergesetzt. Aber da gibt es noch andere Lebewesen, die in Sachen Essen eine Rolle spielen: die Tiere.<\/strong><br>\n<strong>Wenn man Ihr Buch liest, hat man das Gef&uuml;hl, Sie werden richtig w&uuml;tend, wenn es darum geht, wie heute mit den Tieren, die uns als Nahrungsquelle dienen, umgegangen wird.<\/strong><\/p><p>Obwohl wir vom Fleisch, den Proteinen und der Energie der Tiere leben, behandeln wir sie in der industriellen Massentierhaltung wie den letzten Dreck. Und warum? Weil in der Fleischherstellung nur die rein wirtschaftliche Optimierung z&auml;hlt und Fleisch vor allem billig sein muss. Deshalb werden rund 70 Prozent aller in Deutschland verwendeten Antibiotika in der Tiermast eingesetzt. Das ist pervers. Im Durchschnitt isst der Deutsche doppelt soviel Fleisch, wie ihm eigentlich gut tut &ndash; Volkskrankheiten sind das Ergebnis dieses Konsums. <\/p><p><strong>Wie war das denn fr&uuml;her bei Ihnen zu Hause? Sie sind mit Schweinen, Rindern und Kaninchen aufgewachsen.<\/strong><\/p><p>Ein Wort wie &bdquo;Tierwohl&ldquo; gab es in meiner Kindheit in den f&uuml;nfziger Jahren noch nicht. Die Tiere wurden sicher nicht immer liebevoll behandelt, aber mit Respekt. Das war einfach ein normaler Zustand, in &uuml;berschaubaren Dimensionen und ist mit der heutigen Intensivmast in keiner Weise zu vergleichen.<\/p><p><strong>Sie k&ouml;nnen sicherlich viel dazu sagen, was wir heute unseren Tieren antun. Was ist denn f&uuml;r Sie am Schlimmsten?<\/strong><\/p><p>Mast ohne oder mit wenig Bewegungsm&ouml;glichkeiten. Aber auch die Futterstoffe, die weder beim Nutztier noch beim Konsumenten besonders positive Auswirkungen haben. F&uuml;r das genetisch ver&auml;nderte Soja, das in unseren Mastfabriken verf&uuml;ttert wird, werden in Argentinien riesige Monokulturen angebaut und Regenw&auml;lder abgeholzt. Das muss man sich als Verbraucher klar machen. Genauso brutal sind die langen Transportwege, die eine Qual f&uuml;r die Tiere sind oder die Arbeitsprozesse in den gro&szlig;en Schlachth&ouml;fen. Auch hier geht es immer nur um Effizienz und Gewinnmaximierung, aber bestimmt nicht um Lebensmittelqualit&auml;t.<\/p><p><strong>Wo k&ouml;nnte man denn ansetzen, um diese Verh&auml;ltnisse zu ver&auml;ndern? Was sollten K&ouml;che tun, die ein eigenes Restaurant haben?<\/strong><\/p><p>K&ouml;che k&ouml;nnten vieles bewirken, zum Beispiel indem sie G&auml;sten wieder den echten, unverf&auml;lschten Geschmack der Nahrungsmittel aufzeigen. Aber auch Verbraucher und Konsumenten sind genauso gefragt, wenn es um ein anst&auml;ndiges Essen geht. Wir m&uuml;ssen im Alltag die Kontrolle &uuml;ber unser Essen wieder selbst in die Hand nehmen und so oft wie m&ouml;glich selber kochen, weil wir dann automatisch auf unverarbeitete Lebensmittel zugreifen. Statt unsere Grundschulen und Kinderg&auml;rten zu digitalisieren, sollten wir in Schulk&uuml;chen investieren und unseren Kindern Wert und Wesen einer guten Ern&auml;hrung n&auml;herbringen. F&uuml;r mich ist deshalb Kochen die Schl&uuml;sseltechnologie f&uuml;r unsere Zukunft. <\/p><p><em>Lesetipp: Franz Keller: Vom Einfachen das Beste. Essen ist Politik oder Warum ich Bauer werden musste, um den perfekten Genuss zu finden. Westend Verlag,  April 2018.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180414_keller.jpg\" alt=\"Franz Keller\" title=\"Franz Keller\"\/><\/div>\n<p><strong>Franz Keller<\/strong> ist einer der hochdekoriertesten K&ouml;che in Deutschland. Er lernte sein Handwerk unter anderem bei dem gro&szlig;en franz&ouml;sischen Koch Paul Bocuse, kochte f&uuml;r die englische K&ouml;nigin, und konzipierte als einer der Ersten die &bdquo;Neue Deutsche K&uuml;che&ldquo;. 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