{"id":4352,"date":"2009-11-21T13:57:49","date_gmt":"2009-11-21T12:57:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4352"},"modified":"2014-01-23T11:02:10","modified_gmt":"2014-01-23T10:02:10","slug":"mieses-spiel-bei-der-linken-wie-am-anfang-des-niedergangs-der-spd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4352","title":{"rendered":"Mieses Spiel bei der Linken &#8211; wie am Anfang des Niedergangs der SPD."},"content":{"rendered":"<p>Ob die Partei Die Linke Teil und Tr&auml;ger der so notwendigen politischen Alternative zu Schwarz-Gelb werden wird, das h&auml;ngt auch von ihrer inneren Entwicklung ab. Dort gibt es offensichtlich jedoch &auml;hnlich fremdbestimmte Kr&auml;fte wie beginnend vor 37 Jahren bei der SPD. Vorgestern waren es genau 37 Jahre nach dem gr&ouml;&szlig;ten Wahlsieg der SPD mit 45,8 % im Jahr 1972. Willy Brandt musste nach gewonnener Wahl wegen gesch&auml;digter Stimmb&auml;nder ins Krankenhaus. Seine Stellvertreter Herbert Wehner und Helmut Schmidt begannen trotzdem mit den Koalitionsverhandlungen. Albrecht M&uuml;ller. Mehr.<br>\n<!--more--><br>\nSie f&uuml;hrten die Verhandlungen zu einem Ergebnis, das &uuml;ber weite Strecken dem Koalitionspartner FDP inhaltlich und mit einer &auml;u&szlig;erst gro&szlig;z&uuml;gigen Zuteilung von Ministern entgegenkam. Sie zerbrachen damit die im Wahlkampf entstandene Aufbruchstimmung und die Hoffnung vieler Sympathisanten Willy Brandts und der damaligen SPD. Herbert Wehner, dem Willy Brandt f&uuml;r die Koalitionsverhandlungen detaillierte handschriftliche Leitlinien &uuml;bergeben hatte, &bdquo;verga&szlig;&ldquo; &uuml;brigens diese Notizen in seiner Aktentasche. Willy Brandt stand, nachdem er das Krankenhaus im Dezember 1972 verlassen hatte, vor vollendeten Tatsachen. Damit war das Ende seiner Kanzlerschaft eingel&auml;utet. <\/p><p>Vorgestern musste Lafontaine ins Krankenhaus. Einer seiner Nachfolger-Aspiranten, der th&uuml;ringische Oppositionsf&uuml;hrer Ramelow befeuert gleichzeitig unger&uuml;hrt die Diskussion um die Nachfolge Oskar Lafontaines als Parteivorsitzendem der Linken.<\/p><p>Ich will die Parallelen nicht &uuml;berstrapazieren. Aber sie sind nicht &uuml;bersehbar. Der Wahlsieg von 1972 war wesentlich den Millionen von SPD-Anh&auml;ngern und Sympathisanten Willy Brandts zu verdanken, die sich mit ihrem Bekenntnis zur Politik Willy Brandts in vielf&auml;ltiger Weise in den Wahlkampf eingemischt hatten. Die konservative Meinungsforscherin Noelle-Neumann vom Allensbach-Institut hatte damals in besonders angelegten Forschungsversuchen herausgefunden, dass dieses Engagement der SPD-Sympathisanten den Wahlkampf beherrschte und wahlentscheidend war. Siehe dazu &ndash; und zu vielen anderen durchaus aktuellen Erkenntnissen &ndash; meine Dokumentation und Analyse <a href=\"?p=2381\">&bdquo;Willy w&auml;hlen &rsquo;72&ldquo;<\/a>. Das Schlusskapitel dieses wichtigen Dokuments wird in den n&auml;chsten Tagen in den NachDenkSeiten eingestellt.<br>\nDarin skizziere ich den Umgang der SPD-Spitze mit dem Hauptwahlsieger jener Wahl und den &ndash; wie ich finde &ndash; schamlosen Missbrauch der Krankheit Willy Brandts. In den Geschichtsb&uuml;chern kommt dies kaum vor, weil es nicht in das Schema der meist von konservativen Historikern geschriebenen Geschichte passt.<br>\nAm Ende der Koalitionsverhandlungsprozedur und der davon gepr&auml;gten Regierungserkl&auml;rung im Januar 1973 waren jedenfalls die im Wahlkampf aufgebauten Engagements ern&uuml;chtert und zertr&uuml;mmert. Darunter, unter der damit begonnenen programmatischen Entleerung und unter dem weiteren Druck auf Willy Brandt leidet die SPD bis heute.<\/p><p>Oskar Lafontaine hat zwar keine direkt vergleichbare Mobilisierung von Menschen erreicht. Die Dimension ist eine andere. Aber auch von ihm kann man sagen, dass das gute Ergebnis der Linkspartei allgemein und insbesondere im Westen und noch mehr im Saarland ohne ihn nicht m&ouml;glich geworden w&auml;re.<br>\nWie bei Willy Brandt wurden auch bei Oskar Lafontaine angebliche Frauengeschichten in die politische Debatte eingespielt. Auch hier wie bei Willy Brandt gab es scheinheilige Erkl&auml;rungen der Medien und der instrumentalisierten oder sich instrumentalisieren lassenden Parteifreunde. Der th&uuml;ringische Fraktionschef Ramelow rief seine Partei auf, <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/politik\/deutschland\/prostatakrebs-linke-streitet-ueber-lafontaine-nachfolge-1522814.html\">berichtete stern.de am 18. November<\/a>, sich im kommenden Jahr gezielt auf die Zeit nach einem Ausscheiden Lafontaines vorzubereiten. W&ouml;rtlich: &bdquo;Es muss ohne Lafontaine gehen&ldquo;, so Ramelow in der &bdquo;Leipziger Volkszeitung&ldquo;.<br>\nUnd dann scheinheilig laut Focus vom 18. November: &sbquo;Ramelow betonte: &bdquo;Ich gehe davon aus, dass sich Oskar Lafontaine nach seiner Operation so gut erholt, dass er in den kommenden zwei Jahren weiterhin den Vorsitz f&uuml;hrt.&ldquo; Lafontaine habe mit dem Vorschlag, dass die Partei eine Doppelspitze brauche, selbst die Programm- und Personaldebatte er&ouml;ffnet. &bdquo;Das ist angesichts seines Alters von 66 Jahren auch vern&uuml;nftig, damit er nicht wie Franz M&uuml;ntefering auf dem Parteitag nicht mehr wei&szlig;, wie er aus der Sache rauskommt.&ldquo;<\/p><p>Diese Einlassungen inklusive des Hinweises auf das (vergleichsweise jugendliche) Alter und den Vergleich mit Franz M&uuml;ntefering, der seine Partei ruiniert hat, haben in etwa die &bdquo;Qualit&auml;t&ldquo; dessen, was ich beginnend vor 37 Jahren im Umgang mit Willy Brandt erlebt habe. <\/p><p>Der th&uuml;ringisches Oppositionsf&uuml;hrer Ramelow macht seinen Vorschlag, &uuml;ber die Nachfolge Lafontaines nachzudenken, ausdr&uuml;cklich nicht an der Krankheit, sondern am Alter von Oskar Lafontaine fest. Nun gut, wenn man gen&uuml;gend junge Leute hat, die f&auml;hig sind, dann kann man es sich leisten, Personen vom Schlage Oskar Lafontaines beiseite zu schieben. Ob der sich selbst ins Spiel gebrachte potentielle Nachfolger Ramelow die notwendigen Qualit&auml;ten aufweist, kann man sich durchaus fragen. Ramelow ist, wenn er sich wie zitiert &auml;u&szlig;ert, geistig vermutlich sehr viel &auml;lter als Lafontaine mit seinen 66 Jahren.<\/p><p>Das Netzwerk der Unterst&uuml;tzer Ramelows in den Medien funktioniert schon &ndash; &auml;hnlich konstruiert und verlogen wie bei der Niedermache von Willy Brandt. Die f&uuml;r die Vorsitzendenwahl entscheidenden Funktion&auml;re und Mitglieder der Linken bekommen zum Beispiel Nachhilfeunterricht von einer der &bdquo;gro&szlig;en&ldquo; Publizistinnen der Hauptstadt. Brigitte Fehrle schrieb einen einschl&auml;gigen Kommentar in der Berliner Zeitung vom 20. November.<br>\nUnter der &Uuml;berschrift <a href=\"http:\/\/www.berlinonline.de\/berliner-zeitung\/archiv\/.bin\/dump.fcgi\/2009\/1120\/meinung\/0156\/index.html\">&bdquo;Lafontaine, Macht und Piet&auml;t&ldquo;<\/a> schreibt sie so tolle S&auml;tze wie: &bdquo;Bodo Ramelow ist kein brutaler Mensch. Als einer der wenigen in der Linkspartei praktiziert er aktiv den evangelischen Glauben und setzt sich f&uuml;r die Verst&auml;ndigung seiner Partei mit den Kirchen ein. Als der fr&uuml;here th&uuml;ringische Ministerpr&auml;sident Althaus nach einem Skiunfall, infolgedessen eine junge Frau starb, in den Wahlkampf zur&uuml;ckkam, war es Bodo Ramelow, der dies niemals gegen ihn verwendete. Wenn er also jetzt die Piet&auml;tlosigkeit besitzt und die Krankheit seines eigenen Parteichefs Oskar Lafontaine f&uuml;r eine Nachfolgedebatte nutzt, so liegt das nicht an seiner B&ouml;sartigkeit. Zu vermuten ist eher, dass es in der Partei einen immensen Druck gibt, die F&uuml;hrungsfrage zu diskutieren. Und dass Ramelow, mehr unbewusst als bewusst, diesem Druck nachgegeben hat.&ldquo; Der arme Ramelow.<br>\nDas ist eine geradezu tolle Besch&ouml;nigung, obendrein wunderbar verpackt von christlich verbr&auml;mter N&auml;chstenliebe.<br>\nDann geht es bei Brigitte Fehrle weiter mit einem schon im Wahlkampf immer wieder hoch stilisierten angeblichen Konflikt in der Linkspartei. Fehrle w&ouml;rtlich:<br>\n&bdquo;Seit Oskar Lafontaine und Gregor Gysi die Linkspartei zusammengeschmiedet haben, qu&auml;lt sich die Partei mit ihrer F&uuml;hrung. Lafontaine hat die Linke im Westen zu H&ouml;henfl&uuml;gen gef&uuml;hrt. Mit ihm an der Spitze konnte bei Landtagswahlen im Westen die F&uuml;nf-Prozent-Marke &uuml;bersprungen werden. Mit Verweis darauf wurde in der Partei eine Debatte &uuml;ber Lafontaines F&uuml;hrungsstil, seine politischen Positionen und die Nachfolge unterbunden. Eine Debatte, die sich aufzw&auml;ngt, bedenkt man, dass Lafontaine inzwischen 66 Jahre alt ist, Lothar Bisky 68 und auch Gysi nicht mehr der J&uuml;ngste. Will die Linke aber ihre Macht langfristig festigen, ist die Debatte &uuml;ber neue K&ouml;pfe nicht piet&auml;tlos, sie ist &uuml;berlebenswichtig.&ldquo;<\/p><p>In diesem Kommentar finden sie einen Teil der Botschaften, die sich die Gegner der Linken ausgedacht haben. <\/p><p>Es gibt auch andere Kommentare, <a href=\"http:\/\/www.stern.de\/politik\/deutschland\/lafontaine-hat-krebs-viel-glueck-oskar-1522572.html\">hier im Stern vom 17.11. z.B.<\/a>: &bdquo;Lafontaine hat Krebs: Viel Gl&uuml;ck, Oskar!<br>\nWas ist nicht alles spekuliert worden &uuml;ber Oskar Lafontaine nach der Landtagswahl im Saarland. Alles nur haltlose Verd&auml;chtigungen und Ger&uuml;chte. Das Ausma&szlig; dieses medialen Skandals ist erschreckend. Ein Kommentar von Hans Peter Sch&uuml;tz&ldquo;<\/p><p>Man kann nur hoffen, dass die Funktionstr&auml;ger der Linken aus der Geschichte lernen. Andernfalls, wenn sie ihre Partei &auml;hnlich fremdbestimmen lassen, wie das mit der SPD zwischen 1972 und 2009 geschehen ist, dann haben sie ihre historische Mission, die Alternative zu Schwarz-Gelb wesentlich zu tragen und mit zu organisieren, verspielt. Ramelow arbeitet schon an der Dauerherrschaft von Schwarz-Gelb.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob die Partei Die Linke Teil und Tr&auml;ger der so notwendigen politischen Alternative zu Schwarz-Gelb werden wird, das h&auml;ngt auch von ihrer inneren Entwicklung ab. Dort gibt es offensichtlich jedoch &auml;hnlich fremdbestimmte Kr&auml;fte wie beginnend vor 37 Jahren bei der SPD. Vorgestern waren es genau 37 Jahre nach dem gr&ouml;&szlig;ten Wahlsieg der SPD mit 45,8<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4352\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[195,191,11],"tags":[329,330,385,386],"class_list":["post-4352","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-linke","category-spd","category-strategien-der-meinungsmache","tag-brandt-willy","tag-lafontaine-oskar","tag-ramelow-bodo","tag-wehner-herbert"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4352","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4352"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4352\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20098,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4352\/revisions\/20098"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4352"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4352"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4352"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}