{"id":4353,"date":"2009-11-21T14:07:38","date_gmt":"2009-11-21T13:07:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4353"},"modified":"2014-01-23T11:00:58","modified_gmt":"2014-01-23T10:00:58","slug":"warum-die-qualitaet-im-journalismus-abnimmt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4353","title":{"rendered":"\u201eWarum die Qualit\u00e4t im Journalismus abnimmt"},"content":{"rendered":"<p>L&auml;ngst nicht alles, was heute als qualitativer, faktenorientierter Journalismus verkauft wird, ist dies auch tats&auml;chlich. Der Einfluss von Unternehmen und Institutionen auf scheinbar unabh&auml;ngige Journalisten nimmt immer weiter zu.&ldquo;<br>\nDiesen <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/hintergrundpolitik\/1073740\/\">Hintergrundbeitrag<\/a> der Medienjournalistin und <a href=\"http:\/\/www.freischreiber.de\/\">&bdquo;Freischreiberin&ldquo;<\/a> Brigitte Baetz &uuml;bernehmen wir, weil er interessant und NachDenkSeiten-einschl&auml;gig ist, in die NDS-Rubrik Andere interessante Beitr&auml;ge.<br>\n<!--more--><br>\nHintergrund<br>\n20.11.2009 &middot; 18:40 Uhr<br>\n<strong>Warum die Qualit&auml;t im Journalismus abnimmt<\/strong><br>\nVon Brigitte Baetz<\/p><p><strong>L&auml;ngst nicht alles, was heute als qualitativer, faktenorientierter Journalismus verkauft wird, ist dies auch tats&auml;chlich. Der Einfluss von Unternehmen und Institutionen auf scheinbar unabh&auml;ngige Journalisten nimmt immer weiter zu.<\/strong><\/p><p>Der beste Job der ganzen Welt: einmal f&uuml;r sechs Monate ein Internet-Tagebuch f&uuml;hren. Auf Hamilton Island vor der K&uuml;ste Australiens. Mit einem Gehalt von umgerechnet 78.000 Euro. Der Sieger aus &uuml;ber 35.000 Bewerbungen weltweit, der vor den Kameras der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press schlie&szlig;lich sein Traumhaus am Strand bezog, konnte sich freuen. Noch mehr freuen aber konnte sich die Tourismusbeh&ouml;rde von Queensland. Mit einem Werbebudget von nur rund einer Million Dollar hat sie weltweit Schlagzeilen gemacht.<\/p><p>Die gro&szlig;en internationalen Fernsehsender berichten, die BBC dreht eine Dokumentation, f&uuml;r Zeitungen und Radiosender wird das Great Barrier Reef vor der australischen K&uuml;ste zu einem exotischen Paradies, weil &ndash; wie die Wochenzeitung &ldquo;Die Zeit&rdquo; es formuliert, &ldquo;die Sehnsucht hier so viel Platz hat&rdquo;. <\/p><p>Die erfolgreiche Kampagne zur Steigerung des Reisegesch&auml;fts gewinnt in diesem Jahr auf dem Werbefestival von Cannes gleich drei Goldene L&ouml;wen. Die Kunst, eine Werbebotschaft als Nachricht zu platzieren, ist allerdings nicht nur auf die Tourismusbranche beschr&auml;nkt. <\/p><p>Sie ist hier nur besonders gut zu beobachten. Der Reisejournalismus etwa gilt wie der Automobiljournalismus als besonders anf&auml;llig f&uuml;r Werbebotschaften. Da die Redaktionen selbst kaum noch Fahrtkosten erstatten, nutzen Journalisten die M&ouml;glichkeit kostenloser Pressereisen oder Autotests der Anbieter. <\/p><p>Die Unternehmen und L&auml;nder, die solche Reisen veranstalten und interessante Themen anbieten, setzen damit l&auml;ngst den Trend in der Berichterstattung. Wie der Leipziger Journalistikprofessor Michael Haller feststellt, sind gut ein Viertel der Reiseartikel in deutschen Regionalzeitungen das Ergebnis erfolgreicher PR, erfolgreicher Public Relations.<\/p><p>Was in den Randgebieten des seri&ouml;sen Journalismus seit Jahren stillschweigend hingenommen wird, greift inzwischen auch auf die allgemeine Publizistik &uuml;ber: die Themensetzung durch PR-Agenturen, Lobbyisten und Unternehmen. Das reicht von offener und konkreter Einflussnahme &ndash; also dem Schalten von Anzeigen in einem passenden redaktionellen Umfeld &ndash; bis hin zu verdeckter PR. <\/p><p>Eine kleine B&uuml;rowohnung in der K&ouml;lner Innenstadt, die Zentrale von LobbyControl. Ein kleiner gemeinn&uuml;tziger Verein, der nach eigenen Worten &ldquo;&uuml;ber Machtstrukturen und Einflussstrategien in Deutschland und der EU aufkl&auml;ren&rdquo; will. Die Initiative mehrerer Wissenschaftler versucht mit einem geringen Budget, haupts&auml;chlich finanziert durch Spenden, Methoden der Manipulation aufzudecken. Ulrich M&uuml;ller, der gesch&auml;ftsf&uuml;hrende Vorstand:<\/p><blockquote><p>&ldquo;Dahinter steckt eigentlich die Analyse, dass die Einflussnahme auf die Politik, aber auch auf &Ouml;ffentlichkeit immer st&auml;rker zunimmt, dass es auch h&auml;ufig im Verborgenen ist, wie es genau l&auml;uft. Dass es strategisch geplant ist, dass es nicht so offensichtlich ist. Dass es eigentlich keine Organisation in Deutschland gibt, die den Lobbyisten und auch der PR-Szene in der Art auf die Finger guckt. Das wollten wir auch machen.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>In diesem Jahr hat LobbyControl aufgedeckt, wie PR-Firmen und sogenannte &ldquo;Think Tanks&rdquo; im Auftrag der Bahn versuchen, die &ouml;ffentliche Meinung zu beeinflussen. Um ihre eigene Privatisierung voranzutreiben und den Tarifkonflikt mit den Lokomotivf&uuml;hrern in ihrem Sinne zu begleiten, hat das Staatsunternehmen insgesamt 1,3 Millionen Euro gezahlt &ndash; unter anderem f&uuml;r Stra&szlig;enumfragen, wie sie vom selbst ernannten Think Tank &ldquo;Berlinpolis&rdquo; durchgef&uuml;hrt wurden. <\/p><blockquote><p>&ldquo;Find ich gut. Warum? Ich denke, dadurch wird sich der Service verbessern und auch die Denke oder &ndash; sagen wir mal &ndash; die Philosophie der Bahn &auml;ndern. Also, ich bin bei der Lufthansa und bei uns wird auch privatisiert und seitdem l&auml;uft es effektiv.&rdquo;<\/p><\/blockquote><blockquote><p>&ldquo;Es gibt ja viele verschiedene Strategien oder Instrumente. Also Berlinpolis hat sehr stark zum Beispiel auf Meinungsumfragen auch gesetzt. Man stellt Umfragen her, die einen bestimmten Tenor haben und publiziert die Ergebnisse dann. Man bringt zum Teil eigene Studien heraus oder schreibt eigene Kommentare, die man dann &uuml;ber Kontakte auch in den Medien unterbringt, so dass dar&uuml;ber dann die Botschaften in die Medien kommen.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><blockquote><p>&ldquo;Dann gab&rsquo;s ne zweite Schiene bei der Bahn, da wurde sehr viel online gemacht. Also, Berlinpolis hat ne eigene Website. Es gab aber auch diese Schiene, dass man Kommentare in andere Foren gepostet hat, wo nicht immer ganz klar ist, ob das Berlinpolis war oder Allendorf Media, die da mit daran beteiligt waren. Man hat dann auch noch so eine fingierte B&uuml;rgerinitiative pro Bahnprivatisierung gehabt. Also, da hat man auf verschiedenen Instrumenten gespielt.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>&ldquo;Berlinpolis&rdquo; sieht sich als unabh&auml;ngige Denkfabrik, die junge Experten und F&uuml;hrungskr&auml;fte zusammenbringt. Ihr Vorsitzender Daniel Dettling trat und tritt selber gern in Talkshows und Diskussionsrunden auf und schreibt Kolumnen in Zeitungen und Magazinen, in denen er f&uuml;r die Privatisierung der Bahn eintritt &ndash; ohne dabei offen zu legen, dass er selbst von dem Unternehmen bezahlt wird.<\/p><p>Auch die Umfragen, die verdeckt und im Auftrag der Bahn lanciert werden, greifen bestimmte Medien gerne auf. Dabei wird die Fragestellung so gew&auml;hlt, dass die Antwort immer ganz nach dem Geschmack der Bahn ausf&auml;llt. Die Umfragen produzieren dann Schlagzeilen wie: &ldquo;Bundesb&uuml;rger haben kein Verst&auml;ndnis f&uuml;r neuen Streik der Lokf&uuml;hrer.&rdquo; <\/p><blockquote><p>&ldquo;Es ist so, dass generell in den Medien zu wenig Sensibilit&auml;t daf&uuml;r herrscht, aus meiner Sicht, dass viele der Experten und der vermeintlichen Institute, die sozusagen sich &auml;u&szlig;ern &ouml;ffentlich zum Teil, dass sie Verbindungen mit bestimmten Interessen haben. Also gerade so Denkfabriken, dass man da eigentlich genauer hingucken muss und die Medien brauchen immer wieder irgendwen, den sie zitieren k&ouml;nnen oder Material und dann greifen sie darauf zur&uuml;ck und fragen h&auml;ufig nicht genau nach oder schreiben h&auml;ufig auch nicht, dass so etwas wie das Deutsche Institut f&uuml;r Altersvorsorge eigentlich von der Deutschen Bank finanziert wird. Das ist die eine Seite. Es gab aber durchaus bei Berlinpolis zum Beispiel Journalisten, die nachgefragt haben, die auch ganz explizit nach Verbindungen zur Bahn gefragt haben. Da wurde damals gesagt: die gibt es nicht.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Dass Journalisten bei Themen am Ball bleiben, nachhaken, recherchieren, wird immer seltener. Der Redaktionsalltag, in dem immer weniger fest angestellte Journalisten immer mehr Arbeit leisten m&uuml;ssen, l&auml;sst meist keine Zeit dazu. Recherche ist zeitaufwendig, teuer und man wei&szlig; im Einzelfall nie, ob sie zu wirklich verwertbaren Ergebnissen f&uuml;hrt. <\/p><p>Der Journalismus steckt in einer Strukturkrise. Weniger Anzeigen in den Bl&auml;ttern als noch vor Jahren, sinkende Abonentenzahlen und die immer st&auml;rker werdende Konkurrenz durch das Internet untergraben die alten Grundlagen f&uuml;r Qualit&auml;t: n&auml;mlich Unabh&auml;ngigkeit, Geld und Zeit. Tom Schimmeck, ehemals Spiegel-Redakteur und Mitbegr&uuml;nder der Berliner taz beklagt vor zwei Wochen beim Mainzer Mediendisput, dass die Journalisten inzwischen in einem realit&auml;tsfernen Raum arbeiteten. <\/p><blockquote><p>&ldquo;Leipziger Journalismus-Forscher haben 235 Journalisten in Tageszeitungen, H&ouml;rfunk, Fernsehen und Online-Redaktionen beobachtet und festgestellt, dass diese pro Tag im Schnitt noch 108 Minuten f&uuml;r sogenannte &Uuml;berpr&uuml;fungs- und Erweiterungsrecherchen aufwenden. F&uuml;r die Kontrolle der Glaubw&uuml;rdigkeit und Richtigkeit von Quellen bleiben gerade elf Minuten. Raus in die weite, wahre Welt kommen sie gar nicht mehr. Der Anteil der Ortstermine und leibhaftigen Begegnungen an der knappen Recherchezeit bel&auml;uft sich auf sagenhafte 1,4 Prozent. Der deutsche Journalist, k&ouml;nnte man folgern, ist der Letzte, der mitkriegt, was in Deutschland los ist.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Auch Volker Lilienthal, Professor f&uuml;r Qualit&auml;tsjournalismus an der Universit&auml;t Hamburg, beklagt mangelnden Tiefgang und fehlende Recherche.<\/p><blockquote><p>&ldquo;Wir verlassen uns als Journalisten viel zu h&auml;ufig auf Aussagen von Politikern und anderen bestellten Akteuren auf Pressekonferenzen zum Beispiel. Wir verzichten auf den Augenschein im Journalismus. Wir waren nicht selbst vor Ort und sind oftmals selbst zu gutgl&auml;ubig. Also diese unterentwickelte Quellenkritik, die f&uuml;hrt oftmals zu journalistischen Fehlleistungen und da betr&uuml;gen wir im Grunde auch unser Publikum, weil wir ihm nicht das ganze Bild bieten.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>W&auml;hrend die fest angestellten Journalisten in den finanziell und personell immer schlechter ausgestatteten Redaktionen zunehmend Verwaltungs- und Produktionsarbeit leisten m&uuml;ssen, werden Beitr&auml;ge und Artikel mehr und mehr von freien Journalisten verfasst &ndash; bei immer weiter sinkenden Honoraren. Ein stetig wachsendes kreatives Prekariat, so Tom Schimmeck:<\/p><blockquote><p>&ldquo;Honorare stehen nur noch selten in einem halbwegs angemessenen Verh&auml;ltnis zum betriebenen Aufwand. Wenn Sie es richtig gut machen, wenn Sie wirklich recherchieren, telefonieren, nachlesen und nachhaken, wenn Sie noch mal los fahren und richtig hingucken, dann sind Sie &ouml;konomisch betrachtet ein Vollidiot. Auch Qualit&auml;tszeitungen zahlen wahrlich keine Qualit&auml;tshonorare mehr. Von einer sehr auflagenstarken Qualit&auml;tszeitung erhielt ich in diesem Fr&uuml;hjahr f&uuml;r eine volle Woche Arbeit 200 Euro. Ein Medienmagazin bat mich kurz darauf um eine Buchrezension. Auf meine k&uuml;hne Nachfrage nach einem Honorar kam die Antwort, ich k&ouml;nne ja das Buch behalten.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Bei sinkendem Einkommen seine Unabh&auml;ngigkeit zu behalten, ist nicht leicht. Zumal in der PR-Wirtschaft wesentlich h&ouml;here Honorare gezahlt werden. Nicht wenige freie Journalisten stocken deswegen ihr Einkommen mit Auftr&auml;gen aus der PR auf. Der Kodex der Vereinigung &ldquo;Netzwerk Recherche&rdquo; &ndash; &lsquo;Journalisten machen keine PR&rsquo; &ndash; wird deshalb in der Branche als naiv und wirklichkeitsfern angesehen. Doch G&uuml;nter Bartsch, Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer von Netzwerk Recherche und selbst freier Journalist sagt:<\/p><blockquote><p>&ldquo;Journalisten tun sich selber damit keinen Gefallen, wenn sie PR und Journalismus gleichzeitig betreiben. Man wird da immer wieder in Konflikte geraten. Mal angenommen, jemand schreibt PR-Texte f&uuml;r ne Molkerei und es d&uuml;rfte klar sein, dass derjenige nicht journalistisch &uuml;ber diese Molkerei berichten sollte, aber darf er dann auch nicht &uuml;ber die Branche an sich berichten oder &uuml;ber andere Unternehmen in dieser Branche. Also, da wird&rsquo;s einfach schwierig, nen Weg zu finden. Man wird immer wieder in Konflikte geraten und zumindest, selbst wenn man mit voller &Uuml;berzeugung unabh&auml;ngig berichtet, sich immer angreifbar machen.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Doch nicht alle Journalisten sehen diesen Konflikt. <\/p><blockquote><p>&ldquo;Hinter uns die Glasbauten der gr&ouml;&szlig;ten M&uuml;nchener Unternehmen. Wir treffen heute Roland Berger, den gr&ouml;&szlig;ten Unternehmensberater Deutschlands.Und was mich an ihm interessiert, ist: kann ein Unternehmensberater &uuml;berhaupt sozial sein, denn eigentlich ist der Job eines Unternehmensberaters ja nur, so viele Leute vor die T&uuml;r zu setzen wie es irgend geht, damit die Unternehmen schlank und produktiv sind.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Was im Video wie ein journalistischer Beitrag aussieht, ist PR im Auftrag der &ldquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&rdquo;, einer Organisation des Bundesverbandes der Metallarbeitgeber. Im Vorfeld der Bundestagswahl wirbt sie drei freie Journalisten an, um sie auf Deutschlandtour zu schicken. In Videoreportagen sollen die das Thema Soziale Marktwirtschaft unter die Leute bringen &ndash; ganz nach den Pl&auml;nen der Organisation. Den Journalisten wird dabei in Aussicht gestellt, durch ihre Arbeit auch in Verbindung mit anderen Medien zu kommen, ganz konkret zu dem Zeitschriftenmagazin &ldquo;Neon&rdquo;, der &ldquo;Zeit&rdquo;, zur Bildzeitung und den Sendungen &ldquo;Anne Will&rdquo; und &ldquo;titel, thesen, temperamente&rdquo;. Das Problem, das sich hinterher dabei herausstellt: diese Medien wissen gar nichts von einer Kooperation. Die Hoffnungen angeworbener Journalisten werden zunichte. <\/p><p>Schon einmal war die &ldquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&rdquo; mit Schleichwerbung in der ARD-Serie &ldquo;Marienhof&rdquo; negativ aufgefallen. Weniger Staat, mehr Markt, mehr Unternehmerfreundlichkeit &ndash; daf&uuml;r hatte sie in gekauften Dialogen der Vorabendserie geworben. Und nun auch in den Videobotschaften der Journalisten, die sich ganz begeistert dar&uuml;ber zeigen, welche M&ouml;glichkeiten ihnen die &ldquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&rdquo; bietet:<\/p><blockquote><p>&ldquo;Aber das, was ich hier meinte mit dem Privileg, dass man die unm&ouml;glichsten Sachen erleben kann, also tats&auml;chlich heute noch mit stinkenden, vollgeschissenen K&uuml;hen und jetzt hier in einem absolut Sagrotan-klinisch-reinen B&uuml;ro im Zentrum der Macht, das ist schon interessant, ja.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Der Journalist im Gespr&auml;ch mit dem Berater Roland Berger. <\/p><blockquote><p>&ldquo;Hat die soziale Marktwirtschaft und die gesetzliche Einf&uuml;hrung von Regeln, hat das vielleicht den Unternehmen so ein bisschen die M&ouml;glichkeit genommen, ihren eigenen sozialen Anspruch publik zu machen oder zu zeigen?&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>F&uuml;r den Vorsitzenden des Berufsverbandes Freier Journalisten unter der Bezeichnung &ldquo;Freischreiber&rdquo;, Kai Sch&auml;chtele ist das Bekanntwerden der Deutschlandtour seiner Kollegen nicht nur ein PR-Desaster f&uuml;r die &ldquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&rdquo;.<\/p><blockquote><p>&ldquo;F&uuml;r uns ist die Grenze immer da erreicht, wo ein freier Journalist von zwei Seiten bezahlt wird oder im Auftrag der einen Seite arbeitet mit dem Ziel, die Inhalte in traditionellen Medienunternehmen unterzubringen. Wenn das Einzug h&auml;lt, dann erledigt sich der Journalismus von selber, weil dann kein Leser, kein Nutzer mehr darauf vertrauen kann, dass die Inhalte, die er zu lesen oder zu h&ouml;ren bekommt, tats&auml;chlich auch auf der Basis von zumindest Neutralit&auml;t entstanden sind.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>30.000 bis 50.000 PR-Mitarbeitern stehen hierzulande rund 48.000 hauptberufliche Journalisten gegen&uuml;ber. W&auml;hrend die Zahl derjenigen, die vom Journalismus &uuml;berhaupt noch leben k&ouml;nnen, zur&uuml;ck geht, steigt die Zahl der PR-Besch&auml;ftigten. In den USA hat sich das Zahlenverh&auml;ltnis l&auml;ngst zugunsten der PR verschoben. Die Tendenz zum sogenannten Nutzwertjournalismus, mit dem sich die Verlage mehr Werbeeinnahmen erhoffen, f&ouml;rdert dabei die N&auml;he zur PR und weicht den Standard der journalistischen Unabh&auml;ngigkeit auf. So G&uuml;nter Bartsch vom &ldquo;Netzwerk Recherche&rdquo;.<\/p><blockquote><p>&ldquo;Die Redaktionen machen eben selber zum Teil Dinge, die so in diesem Grenzbereich liegen. Also es gibt ja beispielsweise Beilagen von irgendwelchen Pressestellen und Redaktionen. Mir ist das jetzt im Hochschulbereich begegnet, wo eine Uni-Pressestelle zusammen mit der Hochschulredaktion eine Beilage machte. Erkenne ich ja auch nicht als Leser, was ist jetzt von der Redaktion und was ist von der Pressestelle. Ob da ein Bewusstsein herrscht, das bin ich manchmal so am Zweifeln, gerade wenn man eben merkt, dass dieser PR-Einfluss zunimmt, aber es wird sicherlich so sein, dass Journalisten hier zu sehr auf die PR-Angebote eingehen. Den Eindruck habe ich schon.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Doch auch PR in eigener Sache ist erw&uuml;nscht. Das Badische Tagblatt beispielsweise stellt seinen freien Mitarbeitern einen Zusatzverdienst in Aussicht: die Werbung von Abonnenten. Auch dies eine Aufweichung von Standards, meint der Journalist Benno Stieber:<\/p><blockquote><p>&ldquo;Es wird damit nat&uuml;rlich eine klassische Trennung aufgehoben zwischen Verlag und Redaktion. Man stelle sich vor, dass man einen Oberb&uuml;rgermeister interviewt, warum er gerade ein Schwimmbad schlie&szlig;t und ihn dann am Schluss noch fragt, ob er nicht das ein oder andere Abo mir noch abnehmen k&ouml;nnte. Das ist schon eine bisschen seltsame Situation.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Die Unabh&auml;ngigkeit von Journalisten wird immer st&auml;rker ausgeh&ouml;hlt. Allerdings glaubt G&uuml;nter Bartsch vom Netzwerk Recherche, dass das teilweise auch auf die Tr&auml;gheit mancher seiner Journalistenkollegen zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist.<\/p><blockquote><p>&ldquo;Journalisten machen es sich zu leicht, wenn sie da blind auf die Meinung von Experten vertrauen. Das ist nat&uuml;rlich sehr praktisch, weil es eigene Recherchen erspart. Das ist aber auch gef&auml;hrlich, weil auch der vermeintlich unabh&auml;ngige Experte kein Wesen im luftleeren Raum ist. Auch Hochschulprofessoren k&ouml;nnen ja sehr dezidierte Ansichten vertreten, die nicht immer hundertprozentig nachgewiesen sind. Besonders problematisch wird&rsquo;s vor allen Dingen dann, wenn sogenannte Experten von Interessen anderer gesteuert und geleitet sind. Zuletzt ist mir das aufgefallen bei einer PR-Aktion der Solariumsindustrie, nachdem die Internationale Agentur f&uuml;r Krebsforschung, also eine Einrichtung der WHO, Solarien in die h&ouml;chste Krebsrisikostufe eingestuft hat. Prompt erschien nach dieser Warnung eine Pressemitteilung einer niederl&auml;ndischen Institution namens Sunlight Research Forum, wonach sich zwei Wissenschaftler in einer Zeitschrift befremdet &uuml;ber die Einordnung der WHO &auml;u&szlig;erten.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Eine angeblich wissenschaftliche Kontroverse, die sofort wieder Schlagzeilen macht. Dass die Wissenschaftler mit der Solariumindustrie in Verbindung stehen, h&auml;tte man allerdings leicht mit einer einfachen Recherche &uuml;ber Suchmaschinen im Internet herausfinden k&ouml;nnen, meint Bartsch.<\/p><p>S&auml;gen die Medien also selbst an dem Ast auf dem sie sitzen, wie es der Leipziger Journalistikprofessor Michael Haller behauptet? Und wie kann die Trennlinie zwischen PR und redaktioneller Unabh&auml;ngigkeit wieder eindeutiger gezogen werden, wenn die Etats der Redaktionen leer und die der PR voll sind? Volker Lilienthal, Professor f&uuml;r Qualit&auml;tsjournalismus in Hamburg, setzt auf die Selbstheilungskr&auml;fte der Branche und eine kritischen &Ouml;ffentlichkeit.<\/p><blockquote><p>&ldquo;Wir haben so einen Zirkel von Manipulation und r&uuml;ckwirkendem Bed&uuml;rfnis. Die Medien haben viele Jahre lang ihr Publikum untersch&auml;tzt und haben diesem Publikum nicht mehr das Bessere angeboten und dann gew&ouml;hnt sich auch ein Publikum daran, erwartet von der Tageszeitung, von der Lokalzeitung den kritischen, investigativen Enth&uuml;llungsbericht. Wenn ich das nicht nat&uuml;rlicherweise geliefert bekomme, erwarte ich es nicht von der Zeitung und insofern hat sich das Qualit&auml;tsbewusstsein des Publikums, seine qualitativen Erwartungen leider etwas zur&uuml;ck entwickelt. Das hei&szlig;t aber nicht, dass wir das nicht revitalisieren k&ouml;nnen.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p><em>&copy; 2009 Deutschlandradio<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L&auml;ngst nicht alles, was heute als qualitativer, faktenorientierter Journalismus verkauft wird, ist dies auch tats&auml;chlich. Der Einfluss von Unternehmen und Institutionen auf scheinbar unabh&auml;ngige Journalisten nimmt immer weiter zu.&ldquo;<br \/> Diesen <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/hintergrundpolitik\/1073740\/\">Hintergrundbeitrag<\/a> der Medienjournalistin und <a href=\"http:\/\/www.freischreiber.de\/\">&bdquo;Freischreiberin&ldquo;<\/a> Brigitte Baetz &uuml;bernehmen wir, weil er interessant und NachDenkSeiten-einschl&auml;gig ist, in die NDS-Rubrik Andere interessante Beitr&auml;ge.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[129,41,85],"tags":[384,383,382,244],"class_list":["post-4353","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-medienanalyse","category-pr","tag-berger-roland","tag-netzwerk-recherche","tag-think-tanks","tag-vierte-gewalt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4353","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4353"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4353\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20097,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4353\/revisions\/20097"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4353"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4353"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4353"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}