{"id":43589,"date":"2018-04-19T15:47:19","date_gmt":"2018-04-19T13:47:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43589"},"modified":"2018-04-20T07:14:13","modified_gmt":"2018-04-20T05:14:13","slug":"ultimaten-statt-diplomatie-wie-lange-noch-bis-zum-heissen-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43589","title":{"rendered":"Ultimaten statt Diplomatie &#8211; Wie lange noch bis zum hei\u00dfen Krieg?"},"content":{"rendered":"<p>Der Historiker <strong>Joachim Kleppe<\/strong> aus Braunschweig, Leser der NachDenkSeiten von Beginn an, hat einen interessanten Vergleich angestellt &ndash; zum Thema: Ultimaten in der Politik, ein R&uuml;ckblick auf den Juli 1914 im Vergleich zur aktuellen Konfrontation der Gro&szlig;m&auml;chte.  Diesen Leserbrief geben wir den NDS-Leserinnen und -Lesern gerne zur Kenntnis. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Vorweg noch eine Anmerkung zur Kurzlebigkeit unserer Wahrnehmung:<\/strong><\/p><p>Joachim Kleppe erinnert in seiner Analyse auch an Ereignisse, die ein paar Jahre zur&uuml;ckliegen. Dabei wird so richtig klar, wie kurzlebig wir sind. Das gilt f&uuml;r den Konflikt um Ukraine und Krim genauso wie f&uuml;r den Umgang mit dem Geschehen in Syrien. Dass dort Golfstaaten und der Westen mit Waffenlieferungen und der Anstachelung des inneren Konflikts schon 2011 begannen und Russland erst Jahre sp&auml;ter als Konfliktpartei hinzukam, ist schon v&ouml;llig vergessen. Auf diese Vergesslichkeit setzen Politik wie Medien. Eines der vielen bedr&uuml;ckenden Beispiele lief mir gerade &uuml;ber den Weg: ein Spiegel-Online-Artikel zur Demonstration gestern am Brandenburger Tor. Siehe hier:<\/p><blockquote><p>\n<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/die-linke-und-der-syrien-konflikt-bollwerk-fuer-wladimir-putin-in-berlin-a-1203655.html\"><strong>Linkspartei und der Syrienkonflikt<\/strong><\/a><br>\n<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/die-linke-und-der-syrien-konflikt-bollwerk-fuer-wladimir-putin-in-berlin-a-1203655.html\"><strong>Putins Bollwerk in Berlin<\/strong><\/a><\/p>\n<p>Die Linken mobilisieren gegen die westlichen Angriffe in Syrien, Russland dagegen verschonen sie. Die Partei bleibt bei ihrem alten Muster: Schuld an Krieg und Leid ist vor allem eine Seite. <em>Von&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/die-linke-und-der-syrien-konflikt-bollwerk-fuer-wladimir-putin-in-berlin-a-1203655.html\">Kevin Hagen<\/a><\/em> &hellip;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Nun aber zum Leserbrief von Joachim Kleppe:<\/strong><\/p><p><strong>Ultimaten statt Diplomatie &ndash; Wie lange noch bis zum hei&szlig;en Krieg?<\/strong><\/p><p>In welcher Phase der Konfrontation befindet sich die NATO mit Russland? Die Eskalation, die zu einer milit&auml;rischen Auseinandersetzung &ndash; auch in Europa &ndash; f&uuml;hren kann, entwickelt sich rasanter, als wir uns noch vor wenigen Wochen vorstellen konnten. Droht eine milit&auml;rische Konfrontation der beiden atomaren Gro&szlig;m&auml;chte?  Ein Beispiel aus der deutschen Geschichte zeigt, wie schnell so etwas geschehen kann.<\/p><p><strong>USA und Russland &ndash; Drohungen statt Gespr&auml;che<\/strong><\/p><p>2014 begann der Majdan-Aufstand in der Ukraine nach vorheriger jahrelanger Subversion durch die USA. Laut deren Europa-Beauftragten Victoria Nuland hatten die USA 5 Mrd. Dollar zur Beeinflussung der ukrainischen &Ouml;ffentlichkeit &bdquo;investiert&ldquo;. Nach der Weigerung des ukrainischen Pr&auml;sidenten Janukowytsch, die Bedingungen f&uuml;r das EU-Assoziierungsabkommens 2014 zu unterschreiben (eine Bedingung war u.a. die K&uuml;ndigung der Zollunion mit Russland),  entwickelte sich der Majdan-Aufstand unter tatkr&auml;ftiger Teilnahme f&uuml;hrender US-amerikanischer (McCain) und deutscher Politiker (Rebecca Harms, Westerwelle und Elmar Brok) an den Demonstrationen. <\/p><p>Nach bis heute nicht aufgekl&auml;rten Erschie&szlig;ungen von Demonstranten und Polizisten auf dem Majdan durch Scharfsch&uuml;tzen, fl&uuml;chtete Janukowytsch. Der von den USA unterst&uuml;tzte Jazenjuk wurde unter Versto&szlig; gegen die ukrainische Verfassung zum Ministerpr&auml;sidenten im ukrainischen Parlament gew&auml;hlt (n&auml;heres siehe u.a. Wikipedia). Damit w&auml;re der Weg frei gewesen f&uuml;r eine Eingliederung der Ukraine in die EU und danach in die NATO. Der russische Milit&auml;rst&uuml;tzpunkt auf der Krim h&auml;tte sich in einem NATO-Land befunden, Russlands Meerzugang w&auml;re bedroht gewesen. Russland hat dies durch Aufnahme der Krim verhindert. Je nach politischem Standpunkt wird die Aufnahme der Krim in den russischen Staat als Annexion oder Sezession bewertet. <\/p><p>1999 bombardierte die NATO  Jugoslawien. Dabei spielte das V&ouml;lkerrecht &uuml;berhaupt keine Rolle.  Der damalige Bundeskanzler Schr&ouml;der hat den NATO-Angriff auf Jugoslawien nachtr&auml;glich  als v&ouml;lkerrechtswidrig bezeichnet. 2014 wirft das NATO-Lager Russland im Fall der Krim einen Versto&szlig; gegen dieses V&ouml;lkerrecht vor. Allerdings gibt es einen Unterschied: Die NATO hat Jugoslawien bombardiert und das Kosovo ohne Volksabstimmung anerkannt. Russland hat auf der Krim keinen Krieg gef&uuml;hrt. Auf der Halbinsel wurden  innerhalb weniger Tage eine Volksabstimmung und danach eine Parlamentsabstimmung durchgef&uuml;hrt. Anschlie&szlig;end wurde die Krim sofort in den russischen Staat aufgenommen.<\/p><p>Seitdem ist die Ukraine gespalten in einen von den USA und einen von Russland abh&auml;ngigen Landesteil. Der Plan des einflussreichen US-Strategen Brezinski, Russland durch die Abspaltung der Ukraine den Zugang zu den westlichen Meeren abzuschneiden und es dadurch zu einer Regionalmacht zu machen, konnte also bisher nicht vollzogen werden. (Siehe dazu : Z. Brzezinski: The Grand Chessboard, N.Y. 1997)<\/p><p>Diese Situation wollen die USA offensichtlich nicht akzeptieren. Seit 2014 wachsen die Spannungen zwischen den beiden Gro&szlig;m&auml;chten von Jahr zu Jahr. Russland und die USA treffen auch in anderen L&auml;ndern, z.B. Syrien, direkt aufeinander.  <\/p><p>Im M&auml;rz 2018 blieb in England die Vergiftung eines russischen Doppelspions und seiner Tochter in England unaufgekl&auml;rt. England hatte Russland ohne Beweise ein 24-st&uuml;ndiges Ultimatum gestellt, seine Schuld einzugestehen und gleichzeitig jede Zusammenarbeit mit Russland zur Aufkl&auml;rung des Verbrechens verweigert. Die Vergiftung wurde als russischer Angriff auf alle westlichen Staaten dargestellt. Mehrere NATO-Staaten u.a. England, USA, Frankreich und Deutschland, wiesen 150 russische Diplomaten anl&auml;sslich des Vorfalls  aus. <\/p><p>Wenige Tage sp&auml;ter, Anfang April 2018, wird &uuml;ber einen Giftgaseinsatz in Syrien berichtet. Ohne die Untersuchungsergebnisse der OPCW abzuwarten wird wie im Fall des Doppelspions Russland die Verantwortung gegeben und die USA, Frankreich und England drohen mit einem Milit&auml;rschlag gegen Syrien und damit gegen das dort stationierte russischen Milit&auml;r. <\/p><p>Stehen wir vor dem Ausbruch eines 3. Weltkrieges?<\/p><p><strong>Ultimatum statt Diplomatie 1914<\/strong><\/p><p>Eine sehr &auml;hnliche Situation hat es 1911 gegeben, als die Kolonialm&auml;chte untereinander keine friedliche L&ouml;sung f&uuml;r die Aufteilung ihrer Kolonien in Afrika finden konnten. Damals schickte Deutschland ein Kriegsschiff nach Marokko, um seinen Forderungen gegen&uuml;ber den anderen Kolonialm&auml;chten Nachdruck  zu verleihen. Auf die Proteste von Frankreich und England gab man schlie&szlig;lich klein bei. Nach  1911 gab es st&auml;ndig weitere Konflikte. <\/p><p>Am 28. Juni 1914 ermordete ein serbischer Attent&auml;ter in Sarajewo den &ouml;sterreichisch-ungarischen Thronfolger. Die Habsburger Monarchie stellte Serbien daraufhin bewusst ein unerf&uuml;llbares Ultimatum verbunden mit einer Kriegsdrohung. Vorher hatte &Ouml;sterreich-Ungarn sich von Deutschland eine R&uuml;ckversicherung geben lassen, dass im Falle eines milit&auml;rischen Beistands seitens Russlands f&uuml;r Serbien Deutschland bedingungslos &Ouml;sterreich-Ungarn im Kriegsfall milit&auml;risch beistehen w&uuml;rde. Obwohl Serbien fast alle Punkte des Ultimatums erf&uuml;llen wollte, erkl&auml;rte &Ouml;sterreich-Ungarn den Krieg und Russland setzte wie erwartet als serbische Beistandsmacht die Generalmobilmachung in Gang. Deutschland hatte den erhofften Kriegsgrund und die Medien titelten &bdquo;Wir werden angegriffen, wir m&uuml;ssen uns verteidigen!&ldquo;. <\/p><p>Damals hat es 5 Wochen gedauert, bis auf die Politik der Ultimaten der deutsche Angriffskrieg den 1. Weltkrieg in Europa er&ouml;ffnete. Nach 4 Jahren und mehr als 17 Millionen Toten war das Attentat auf den Thronfolger &bdquo;ger&auml;cht&ldquo; und Europa verw&uuml;stet.   <\/p><p><strong>Ultimaten statt Diplomatie 2018<\/strong><\/p><p>Sehr  &auml;hnlich sind die Entwicklungen 2018. Die Rivalit&auml;ten zwischen &nbsp;den USA und Russland haben sich seit der Ukraine-Krise  immer weiter versch&auml;rft. Russland macht deutlich, die Krim unter keinen Umst&auml;nden wieder ab treten zu wollen. Die USA und die NATO aber wollen auf keinen Fall die Zugeh&ouml;rigkeit der Krim zu Russland akzeptieren. Die USA und die NATO scheinen  beschlossen zu haben, dass die Zeit der Diplomatie abgelaufen ist. Hinweis darauf ist u.a. der Austausch politischer Akteure und Berater in der US-amerikanischen Regierung, die weiterhin diplomatisch agieren wollten: Pompeo folgt Tillerson, Bolton folgt auf Mc Master. Zeitgleich wurde das Personal in den NATO-Staaten England und Deutschland gegen F&uuml;rsprecher einer konfrontativen Politik gegen&uuml;ber Russland ausgetauscht (Boris Johnson, Heiko Maas). <\/p><p>Von der englischen Regierung wird der  Giftgasanschlag in England  als milit&auml;rischer Angriff Russlands gegen  England und damit gegen alle NATO-Staaten dargestellt, diplomatische Gespr&auml;che zur Konfliktl&ouml;sung werden verweigert. Zus&auml;tzlich  wird ein milit&auml;rischer Angriff auf Syrien und damit auch gegen russische Milit&auml;rs dort  ohne vorherige Untersuchung angedroht.<\/p><p>Es besteht akute Gefahr f&uuml;r einen 3. Weltkrieg &ndash; in Europa! <\/p><p>Das Beispiel aus der deutschen Geschichte zeigt, dass der Zeitraum einer Politik der Ultimaten bis zu einem Kriegsausbruch sehr kurz sein kann.<\/p><p>Nach dem unter aktiver Mitwirkung westlicher Politiker erfolgten Regime-change in der Ukraine folgte eine  Bewaffnung  faschistischer ukrainischer Wehren, der Einsatz US-amerikanischer S&ouml;ldner und die Bewaffnung der ukrainischen Armee. Dazu der Aufbau eines Raketensystems in Europa entlang der russischen Grenze in den zu diesem Zweck  neu in die NATO aufgenommenen ehemaligen Ostblock-Staaten. Zus&auml;tzlich  Milit&auml;rman&ouml;ver mit 10.000 Soldaten an Russlands Grenzen bei denen Deutschland die F&uuml;hrung von NATO-Bataillonen &uuml;bernommen hat. Zur Erinnerung: Vor nicht allzu langer Zeit erm&ouml;glichte Russland Deutschlands Wiedervereinigung durch friedlichen R&uuml;ckzug seines Milit&auml;rs.<\/p><p>Man stelle sich &bdquo;spiegelbildlich&ldquo; vor, Russland w&uuml;rde an der mexikanischen Grenze zur USA solche Man&ouml;ver durchf&uuml;hren! <\/p><p>In deutschen Leitmedien wird Russlands Rolle bei der Wiedervereinigung 1989 nicht mehr erw&auml;hnt, stattdessen gibt es eine Stimmungsmache gegen Russland als D&auml;mon des B&ouml;sen und seines gew&auml;hlten Pr&auml;sidenten als leibhaftiger Teufel. Kritische Stimmen werden oft als  &bdquo;Putin-Versteher&ldquo; diskriminiert. Dazu kommt  eine Mobilisierung diverser NGOs (z.B. klagt der BUND gegen Nordstream 2) und eine  F&ouml;rderung bellizistischer Kreise in den Parteien und in Stiftungen mit  Millionen Euro.<\/p><p>Die Eskalation, die zu einer milit&auml;rischen Auseinandersetzung &ndash; auch in Europa &ndash; f&uuml;hren kann, entwickelt sich rasanter, als wir uns noch vor wenigen Wochen vorstellen konnten! <\/p><p>Jeder sollte sich zumindest folgende Fragen stellen: <\/p><p>Selbst wenn alle Vorw&uuml;rfe seitens der englischen Regierung im Fall des Giftgasanschlags stimmen w&uuml;rden, rechtfertigt dies die Heraufbeschw&ouml;rung eines milit&auml;rischen, im schlimmsten Fall eines atomaren Konfliktes der NATO gegen Russland in Europa? Wegen eines Anschlags auf einen Doppelspion und seine Tochter, wegen eines ungepr&uuml;ften Giftgaseinsatzes in Syrien? <\/p><p><em>12.04.2018 Joachim Kleppe<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Historiker <strong>Joachim Kleppe<\/strong> aus Braunschweig, Leser der NachDenkSeiten von Beginn an, hat einen interessanten Vergleich angestellt &ndash; zum Thema: Ultimaten in der Politik, ein R&uuml;ckblick auf den Juli 1914 im Vergleich zur aktuellen Konfrontation der Gro&szlig;m&auml;chte. 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