{"id":43728,"date":"2018-05-01T09:00:21","date_gmt":"2018-05-01T07:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43728"},"modified":"2019-01-04T12:14:24","modified_gmt":"2019-01-04T11:14:24","slug":"das-euro-desaster-heiner-flassbeck-und-joerg-bibow-rechnen-in-ihrem-neuen-buch-mit-dem-deutschen-merkantilismus-ab-eine-rezension","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43728","title":{"rendered":"\u201eDas Euro-Desaster\u201c\u2013 Heiner Flassbeck und J\u00f6rg Bibow rechnen in ihrem neuen Buch mit dem deutschen Merkantilismus ab \u2013 eine Rezension"},"content":{"rendered":"<p>Der neue Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) glaubt, dass es die hohen deutschen Export&uuml;bersch&uuml;sse deswegen gibt, weil die Deutschen so gute Produkte bauen. Der neue Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) glaubt, dass eine Politik der &bdquo;schwarzen Null&ldquo; richtig ist, &bdquo;weil wir in den vergangenen Jahrzehnten zu viele Schulden gemacht haben&ldquo;. Und &uuml;ber alledem schwebt eine Kanzlerin, die seit zw&ouml;lf Jahren auf jegliche wirtschaftspolitische Fragen nichts anderes zu sagen wei&szlig; als &bdquo;Wettbewerbsf&auml;higkeit, Wettbewerbsf&auml;higkeit, Wettbewerbsf&auml;higkeit!&ldquo; Und wenn Sie nun wissen m&ouml;chten, wie und wo dies alles enden wird, dann sei Ihnen das neue Buch der &Ouml;konomen <strong>Heiner Flassbeck und J&ouml;rg Bibow<\/strong> empfohlen, das Anfang M&auml;rz im Westend Verlag erschienen ist. <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/das-euro-desaster\/\">&bdquo;Das Euro-Desaster &ndash; Wie deutsche Wirtschaftspolitik die Eurozone in den Abgrund treibt&ldquo;<\/a>, hei&szlig;t es. Eine Rezension von <strong>Thomas Trares<\/strong> [<a href=\"#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>]<br>\n<!--more--><br>\nFlassbeck und Bibow rechnen darin mit einer deutschen Wirtschaftspolitik ab, die die beiden als &bdquo;w&auml;hrungspolitischen Merkantilismus&ldquo; bezeichnen: &bdquo;gezielte Exportf&ouml;rderung bei gleichzeitiger Importbehinderung &ndash; mittels innerer Disziplin&ldquo;. Das Buch ist im Grunde die Fortsetzung des 2015 erschienenen Werks <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/nur-deutschland-kann-den-euro-retten\/\">&bdquo;Nur Deutschland kann den Euro retten&ldquo;<\/a>, das Flassbeck zusammen mit dem griechischen &Ouml;konomen Kostas Lapavitsas geschrieben hat. W&auml;hrend damals aber noch die Krise in Griechenland im Zentrum der Analyse stand, so ist es nun die Eurokrise insgesamt. Entsprechend wird Flassbeck dieses Mal von J&ouml;rg Bibow assistiert, ein Volkswirt, der am Levy Economics Institute der UN-Handelsorganisation UNCTAD forscht und in den vergangenen Jahren viel zum Euro und zum Krisenmanagement der Europ&auml;ischen Zentralbank (EZB) publiziert hat.<\/p><p>Die Thesen Flassbecks d&uuml;rften regelm&auml;&szlig;igen Lesern der &bdquo;Nachdenkseiten&ldquo; bereits hinl&auml;nglich bekannt sein: Es war &bdquo;die deutsche Lohndeflation unter Rot-Gr&uuml;n, die den Keim der Deflation in die Europ&auml;ische W&auml;hrungsunion eingepflanzt hat&ldquo;, sagt er. Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb haben diese Politik dann konsequent fortgesetzt. Und bis heute will man in Berlin nicht verstehen, dass in einer W&auml;hrungsunion, in der es keine Wechselkurse mehr gibt, eine Politik der Lohnzur&uuml;ckhaltung den Handelspartnern das Wasser abgr&auml;bt. &bdquo;Deutschland hat damit gegen die fundamentalste Regel in der W&auml;hrungsunion versto&szlig;en, n&auml;mlich die Notwendigkeit, sich mit der Lohnpolitik an das gemeinsam beschlossene Inflationsziel anzupassen&ldquo;, schreiben die Autoren. (S. 22)<\/p><p>Die Eurokrise selbst verlief in zwei Sch&uuml;ben. 2008 der Konjunktureinbruch infolge der internationalen Finanzkrise, dann 2010 die Griechenlandkrise, die sich zu einer Staatsschuldenkrise auswuchs. Der H&ouml;hepunkt dann 2012, als EZB-Pr&auml;sident Mario Draghi in seiner Rede in London die ber&uuml;hmten drei Worte &bdquo;Whatever it takes&ldquo; sprach. In der Krise hatte sich die von Deutschland ma&szlig;geblich mitbestimmte Politik der Troika vor allem auf zwei Dinge konzentriert: die Konsolidierung der Staatsfinanzen und die Wiederherstellung der Wettbewerbsf&auml;higkeit. Aus Sicht der Autoren war dies genau die falsche Medizin. &bdquo;Fiskalische Austerit&auml;tspolitik kombiniert mit allgemeinen Lohnsenkungen ergibt ein Teufelsgebr&auml;u&ldquo;, schreiben sie. (S. 34)<\/p><p>Entsprechend verheerend ist das Ergebnis der Euro-Rettungspolitik: Die Krise ist bis heute nicht gel&ouml;st, die W&auml;hrungsunion fehlkonstruiert, Europa ist kaum gewachsen und weist eine hohe Arbeitslosigkeit auf, das Inflationsziel wurde ebenfalls nicht eingehalten, enorme Handelsungleichgewichte haben sich herausgebildet. Erst Ende 2015 erreichte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Eurozone wieder sein Vorkrisenniveau. &bdquo;Das entspricht acht Jahren Nullwachstum. Das ist ein trauriger Rekord, der selbst die Erfahrungen Japans seit 1991 in den Schatten stellt&ldquo;, monieren Flassbeck und Bibow. (S. 12)<\/p><p>Bei den betroffenen L&auml;ndern schlug die Krise zum Teil sehr unterschiedlich zu. Griechenland hatte eine Haushaltskrise, Spanien und Irland eine Immobilien- und eine Bankenkrise, Zypern eine Bankenkrise, Italien dagegen hatte gar keine Krise, sondern nur einen hohen Schuldenstand, der noch aus Lira-Zeiten herr&uuml;hrte. Hinzu kam ein &auml;u&szlig;erst schwaches Wachstum. Das reichte aber schon aus, um 2011 ins Visier &bdquo;der M&auml;rkte&ldquo; zu geraten. &Auml;hnlich erging es Portugal. Zu den Krisenl&auml;ndern z&auml;hlen die Autoren zudem noch Lettland, das erst 2014 dem Euro beitrat und gemeinhin als neoliberales Musterland gilt, weil dort die Krisenmedizin der Troika erfolgreich gewesen sein soll. Was dabei aber gerne &uuml;bersehen wird, rund zehn Prozent der Letten sind ausgewandert, das hei&szlig;t, Lettland hat seine Krise zumindest teilweise durch den &bdquo;Export seiner Bev&ouml;lkerung&ldquo; gel&ouml;st.<\/p><p>Dar&uuml;ber hinaus stellen die Autoren die Frage, ob die Eurozone in ihrer gegenw&auml;rtigen Verfassung &uuml;berhaupt in der Lage ist, die Krise zu &uuml;berwinden. Dazu beleuchten sie ausf&uuml;hrlich den aktuellen Zustand der vier wichtigsten Euro-Mitgliedsstaaten Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Zusammen stehen diese f&uuml;r rund 75 Prozent des BIPs der Eurozone. Doch um es gleich vorwegzunehmen, die Analyse gibt wenig Anlass zur Hoffnung. Denn das &bdquo;deutsche Modell&ldquo; hat sich inzwischen in Europa durchgesetzt. Selbst Frankreich, das sich bis 2013 noch vorbildlich an das gemeinsame Inflationsziel gehalten hatte, ist inzwischen auf den deutschen Kurs eingeschwenkt.<\/p><p>Letztlich kommen die Autoren zu folgendem Schluss: &bdquo;Beim heutigen Euro-Wechselkurs haben Frankreich, Italien und Spanien kein Wettbewerbsproblem gegen&uuml;ber dem Rest der Welt. Sie vereint, dass sie ein Wettbewerbsproblem gegen&uuml;ber Deutschland haben. Nicht sie und die anderen Eurokrisenl&auml;nder sind dabei das Problem, sondern Deutschland. Deutschland ist nicht das Modell f&uuml;r die Euro-W&auml;hrungsunion, es ist das Antimodell: Nicht Stabilit&auml;t und Prosperit&auml;t bedeutet das deutsche Modell f&uuml;r Europa, sondern Instabilit&auml;t und Ruin.&ldquo; (S. 204)<\/p><p>Entsprechend fordern sie eine &bdquo;Kehrtwende der Wirtschaftspolitik&ldquo;. Diese soll die &bdquo;katastrophale Politik der Troika-Anpassungsprogramme&ldquo; beenden und die Stabilit&auml;tsnorm der EZB zur Richtschnur wirtschaftspolitischen Handelns machen. Zentral ist ihrer Ansicht nach aber die Herstellung einer Fiskalunion, vor allem um den &bdquo;ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigten Teufelskreis zwischen Staat und Banken&ldquo; zu durchbrechen. &bdquo;Man kann es drehen und wenden, wie man will, letztlich ist die fehlende Fiskalunion das kritische Manko von Europas W&auml;hrungsunion.&ldquo; (S. 216) Entsprechend schlagen die Autoren vor, ein Euro-Schatzamt einzurichten. Dieses soll die &ouml;ffentlichen Investitionen der Eurozone als Pool vereinen und durch gemeinsame Anleihen finanzieren. Vorbild sind hier die USA, die sie f&uuml;r das Beispiel einer gelungenen W&auml;hrungsunion halten.<\/p><p>Nichtsdestotrotz; bei dem derzeitigen politischen Personal in Berlin erscheint es &auml;u&szlig;erst fraglich, dass diese Vorschl&auml;ge tats&auml;chlich auf fruchtbaren Boden fallen werden. Aber das wissen Flassbeck und Bibow auch selbst. So schreiben sie: &bdquo;Deutschland ist ein Land, das Produkte h&ouml;chster Qualit&auml;t in alle Welt exportiert, aber es ist leider kein Land, in dem komplexe wirtschaftliche Zusammenh&auml;nge verstanden werden. Weder deutsche &Ouml;konomen noch Wirtschaftsjournalisten scheinen dazu f&auml;hig zu sein, von Deutschlands &acute;Stabilit&auml;tspolitikern&acute; ganz zu schweigen.&ldquo; (S. 144)<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_*\" name=\"foot_*\">&laquo;*<\/a>] Thomas Trares ist Diplom-Volkswirt. Studiert hat er an der Johannes Gutenberg-Universit&auml;t Mainz. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur vwd. Seit &uuml;ber zehn Jahren arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/41674c407df6432dbf7e816791bdf367\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der neue Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) glaubt, dass es die hohen deutschen Export&uuml;bersch&uuml;sse deswegen gibt, weil die Deutschen so gute Produkte bauen. Der neue Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) glaubt, dass eine Politik der &bdquo;schwarzen Null&ldquo; richtig ist, &bdquo;weil wir in den vergangenen Jahrzehnten zu viele Schulden gemacht haben&ldquo;. 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