{"id":43730,"date":"2018-04-30T13:13:09","date_gmt":"2018-04-30T11:13:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43730"},"modified":"2019-01-02T07:53:15","modified_gmt":"2019-01-02T06:53:15","slug":"quo-vadis-korea","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43730","title":{"rendered":"Quo vadis, \ufeffKorea?"},"content":{"rendered":"<p>Die Bilder gingen am Freitag um die Welt &ndash; Nordkoreas Staatschef Kim Jong-Un &uuml;berschreitet Hand in Hand mit S&uuml;dkoreas Staatschef Moon Jae-In die Demarkationslinie und sagt dann auch noch &ouml;ffentlich zu, das Atomtestgel&auml;nde im Norden des Landes zu schlie&szlig;en. Aber wie sind diese Bilder und Nachrichten zu werten? <strong>Rainer Werning<\/strong> [<a href=\"#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>] hat f&uuml;r die NachDenkSeiten die Kontexte, Texte und Subtexte zum historischen Gipfeltreffen der Staatschefs von Korea Nord und Korea S&uuml;d in Panmunjom zusammengefasst.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8234\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-43730-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180430_Quo_vadis_Korea_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180430_Quo_vadis_Korea_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180430_Quo_vadis_Korea_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180430_Quo_vadis_Korea_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=43730-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180430_Quo_vadis_Korea_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180430_Quo_vadis_Korea_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es war ein mediales Ereignis par excellence! Alles, was an Scheinwerfern, Film- und Fotokameras und Schreibbl&ouml;cken aufzubieten war, wurde positioniert und gez&uuml;ckt, um zwei M&auml;nnern auf Schritt und Tritt zu folgen, die sich noch bis vor Kurzem nicht unbedingt zu leiden schienen. Und dann das: Da &uuml;berschritt am vergangenen Freitag ein sichtlich gutgelaunter Kim Jong-Un die Demarkationslinie von Nord- nach S&uuml;dkorea, um von einem hocherfreuten Moon Jae-In begr&uuml;&szlig;t und wenigstens f&uuml;r einen kurzen Moment von seinem Gast h&auml;ndchenhaltend zur&uuml;ck von S&uuml;d- nach Nordkorea gef&uuml;hrt zu werden. Diese Abweichung vom offiziellen Protokoll &ndash; fast mutete sie an, als vollz&ouml;gen die beiden Staatschefs ein vorweggenommenes T&auml;nzchen in den 1. Mai &ndash; wird eine nachhaltige Symbolwirkung haben und das Selbstwertgef&uuml;hl aller Koreaner bef&uuml;geln.<\/p><p><strong>Hoher Symbolgehalt<\/strong><\/p><p>Da spielt es denn keine Rolle, wenn nationale wie internationale Stimmen (wie beispielsweise Nicholas Eberstadt vom American Enterprise Institute am 26.4. in der <em><a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2018\/04\/25\/opinion\/north-korea-south-korea-peace.html\">New York Times<\/a><\/em> und Issio Ehrich am 27.4. auf <em><a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Kims-Worte-sind-abgedroschen-article20408695.html\">n-tv.de<\/a><\/em>) kritikastern, dass die am selben Tag unterzeichnete <em>&raquo;Panmunjom-Erkl&auml;rung &uuml;ber Frieden, Wohlstand und Vereinigung auf der Koreanischen Halbinsel&laquo;<\/em> lediglich &raquo;nordkoreanisches Geschwafel&laquo; sei beziehungsweise &raquo;Kims abgedroschenen Worte&laquo; wiederk&auml;ue. Zweifellos trifft es zu, dass hehre Worte und Absichtserkl&auml;rungen auch in mehreren innerkoreanischen Abmachungen und Deklarationen seit Juli 1972 bem&uuml;ht wurden. Doch dass sie letztlich nicht umgesetzt und in die Realit&auml;t &uuml;berf&uuml;hrt wurden, hatten am wenigsten Koreaner in Seoul und Pj&ouml;ngjang selbst zu verantworten. H&auml;tten sich die Autoren wenigstens einmal die M&uuml;he gemacht, u. a. die massiven Interventionen eines George W. Bush in innerkoreanische Belange zu &raquo;w&uuml;rdigen&laquo;, h&auml;tte ihnen ihre vernagelte Sicht der Dinge schnell auffallen m&uuml;ssen. <\/p><p>Das Moon-Kim-Treffen geschah auf einem Terrain, der als &raquo;Demilitarisierte Zone&laquo; (DMZ) gilt und Teil einer &raquo;Koreanischen Mauer&laquo; ist, die in einer Breite von vier und in einer L&auml;nge von gut 240 Kilometern die Koreanische Halbinsel in etwa entlang des 38. Breitengrads unsch&ouml;n s&auml;uberlich in zwei H&auml;lften teilt &ndash; diesseits eine reale kapitalistische, jenseits eine (real-)sozialistische. Und das in &auml;u&szlig;erst solidem Zustand. Wer immer dem Ambiente des Kalten Krieges, gar vermintem Gel&auml;nde oder Stacheldrahtverhauen nachtrauert, mag mit einem dortigen Besuch bizarre Nostalgieanwandlungen befriedigen. Die DMZ ist die weltweit bestbewachte und h&ouml;chstmilitarisierte Grenze, an der sich jenseits von Staatsbesuchen waffenstarrend einige Hunderttausende koreanische Soldaten &ndash; inklusive ca. 37.500 GIs &ndash; gegen&uuml;berstehen. &Uuml;berhaupt: Vieles mutet auf der Koreanischen Halbinsel ebenso euphemistisch wie anachronistisch und paradox an. Und das macht nicht nur au&szlig;enstehenden Beobachtern zu schaffen.<\/p><p><strong>Kellerkind der Geschichte<\/strong><\/p><p>Korea hatte binnen eines Jahrhunderts das uns&auml;gliche Pech, zun&auml;chst als koloniales Objekt &uuml;bel zugerichtet und dann auch noch als postkoloniales Opfer buchst&auml;blich (auf-)geteilt zu werden. Von 1910 bis 1945 w&auml;hrte die japanische Kolonialherrschaft, die sich durch ein brutales militaristisches Regime auszeichnete. Die Koreaner wurden gezwungen, ihre Namen zu japanisieren und das &ouml;ffentliche Sprechen von Koreanisch wurde unter Strafe gestellt. Bei den XI. Olympischen Sommerspielen in Berlin hie&szlig; der &uuml;berlegene Sieger des Marathonlaufs am 9. August 1936 Soh Kee-Chung, ein Koreaner, der allerdings unter japanischer Flagge starten musste und als Goldmedaillengewinner &raquo;Kitei Son&laquo; in die offiziellen Sportannalen einging. Massenhaft wurden Koreaner ins  Reich des Tenno verschleppt, wo sie unter anderem unter miserablen Bedingungen in der R&uuml;stungs- und Werftindustrie sowie in Kohlegruben schuften mussten. Ein Gro&szlig;teil der Opfer der Atombombenabw&uuml;rfe &uuml;ber Hiroshima und Nagasaki waren Koreaner. Doch es dauerte Jahre, bis ihrer &uuml;berhaupt gedacht und ihnen zu Ehren ein (relativ versch&auml;mtes) Denkmal in Hiroshima errichtet wurde.<\/p><p>Analogien, historische zumal, sind stets mit Vorsicht zu bilden. Doch man vergegenw&auml;rtige sich Folgendes: W&auml;hrend Nazideutschland als Aggressor und Drahtzieher des Zweiten Weltkrieges nach dessen Ende und infolge der Konsequenzen dieses Vernichtungskrieges geteilt wurde, widerfuhr dieses Schicksal nicht etwa Japan, das sich als &raquo;Licht und Lenker Ostasiens&laquo; aufgespielt und mittels der ideologisch verbr&auml;mten &raquo;Gr&ouml;&szlig;eren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssph&auml;re&laquo; neben China und Korea die L&auml;nder S&uuml;dostasiens mit Krieg &uuml;berzogen und ins Elend gest&uuml;rzt hatte, sondern ausgerechnet Korea als japanische Exkolonie. Mehr noch: Japan wurde nicht nur nicht als Aggressor mit einer Teilung &raquo;bestraft&laquo;; das Hirn und Herz des Militarismus, das Kaiserhaus, blieb unangetastet und eine &raquo;Entnazifizierung&laquo; &agrave; la Deutschland entsprach dort allenfalls einem low-intensity-learning: Nur wenige Offiziere der kaiserlichen Armee wurden als Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet.<\/p><p><em>Lesen Sie dazu bitte auch den Artikel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39861\">&bdquo;Der Korea-Konflikt &ndash; Beharrliche Bunkermentalit&auml;ten&ldquo;<\/a> und weitere Artikel, die Rainer Werning f&uuml;r die NachDenkSeiten zum <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=nordkorea\">Thema Korea<\/a> geschrieben hat.<\/em><\/p><p><strong>Imperiale Kalk&uuml;le<\/strong><\/p><p>Die euphorische Aufbruchsstimmung in Korea war nach dem Ende des Krieges verst&auml;ndlich. Sie hatte nur einen Haken; die Koreaner machten ihre Rechnung ohne die &raquo;Wirte&laquo;. Denn noch vor Kriegsende hatten sich die beiden Siegerm&auml;chte in der Region, die USA und die Sowjetunion, darauf verst&auml;ndigt, die Koreanische Halbinsel nach dem Sieg &uuml;ber Japan zun&auml;chst &ndash; einen konkreten Fahrplan gab es nicht &ndash; treuh&auml;nderisch zu verwalten. Statt in Freiheit einen Neubeginn auf der gesamten Halbinsel in eigener Regie zu gestalten, diente der 38. Breitengrad als Trennlinie der Nachkriegsordnung.<\/p><p>Das Gebiet n&ouml;rdlich davon wurde zur Einflusssph&auml;re der Roten Armee deklariert, w&auml;hrend im S&uuml;den US-Truppen unter dem Kommando von General Douglas MacArthur anlandeten und dem Land anstelle von Freiheit eine verh&auml;ngnisvolle &raquo;Befriedung&laquo; einbrockten. Die &ndash; wiewohl kurzlebige &ndash; Volksrepublik Korea l&ouml;sten sie auf, die landesweit als Keimzellen eines demokratischen Neubeginns entstandenen Volkskomitees wurden im S&uuml;den verfolgt und zerschlagen. Und zu allem &Uuml;berfluss wurde mit Rhee Syngman ein Erzkonservativer eigens aus US-amerikanischem Exil nach S&uuml;dkorea eingeflogen und dort mit US-Weihen zum ersten Pr&auml;sidenten eines Landes gek&uuml;rt, das sich am 15. August 1948 offiziell den Namen Republik Korea gab. Garniert wurde dieser &raquo;Regimewechsel&laquo; damit, da&szlig; Rhee sich au&szlig;er auf US-Bajonette auch noch auf den aus der japanischen Kolonial&auml;ra her&uuml;bergeretteten und weitgehend intakt gebliebenen Polizei- und Geheimdienstapparat st&uuml;tzen konnte.<\/p><p><strong>Hei&szlig;e Phase des Kalten Krieges<\/strong><\/p><p>N&ouml;rdlich des 38. Breitengrads nutzte derweil die Sowjetunion ihren Einfluss, um die Volkskomitees agieren zu lassen und die antijapanische Partisanengruppe um Kim Il-Sung (der Gro&szlig;vater von Kim Jong-Un) politisch aufzuwerten und ihr zur Macht zu verhelfen. Zugute kam Kim Il-Sung dabei eine bereits 1946 eingeleitete Agrarreform, was ihm in der Bev&ouml;lkerung gro&szlig;e Sympathien eintrug. Gut drei Wochen nach der Staatsgr&uuml;ndung im S&uuml;den wurde am 9. September 1948 die Demokratische Volksrepublik Korea ausgerufen. W&auml;hrend wenig sp&auml;ter die letzten Kontingente der Roten Armee das Land verlie&szlig;en, st&uuml;tzte sich Rhee im S&uuml;den immer mehr auf die USA, die dort seitdem ununterbrochen mit Truppen pr&auml;sent sind, deren St&auml;rke heute zirka 37.500 GIs betr&auml;gt.<\/p><p>Durch eine von au&szlig;en tatkr&auml;ftig gesch&uuml;rte politische Entfremdung auf der Koreanischen Halbinsel und die Gr&uuml;ndung der Volksrepublik China im Oktober 1949 geriet der 38. Breitengrad unfreiwillig zur Demarkationslinie einer eskalierenden West-Ost-Blockkonfrontation. Mit verheerenden Konsequenzen: Ausgerechnet Korea lieferte von Juni 1950 bis Juli 1953 das Schlachtfeld des gr&ouml;&szlig;ten Gemetzels nach dem Zweiten Weltkrieg, ein Bruderkrieg, der durch den Einsatz der USA, UN-Truppen und sogenannter chinesischer Freiwilligenverb&auml;nde internationalisiert wurde. Die Welt geriet an den Abgrund eines Dritten Weltkrieges, als General MacArthur damit drohte, durch &raquo;Pulverisierung&laquo; &ndash; sprich: atomare Verw&uuml;stung &ndash; grenznaher chinesischer St&auml;dte den Krieg abzuk&uuml;rzen. Zur Kriegshinterlassenschaft z&auml;hlt nicht nur eine Generation schwer traumatisierter Menschen in Nord und S&uuml;d, sondern auch ein am 27. Juli 1953 unterzeichnetes Waffenstillstandsabkommen, das bis heute nicht in einen Friedensvertrag &uuml;berf&uuml;hrt wurde. S&uuml;dkoreas Pr&auml;sident Rhee hatte dieses Abkommen nicht einmal unterzeichnet, weil er den Krieg fortsetzen wollte. Derweil summten in der fernen Bunderepublik Eltern ihre herzallerliebsten Kleinen mit dem makabren Reim in den Schlaf: &raquo;Ei, ei, ei Korea, der Krieg r&uuml;ckt immer n&auml;her. Und r&uuml;ckt der Krieg nicht n&auml;her, so bleibt er in Korea&laquo;.<\/p><p>Lange bevor Wirtschaftswissenschaftler und Politiker ab zirka Mitte der siebziger Jahre wegen seiner makro&ouml;konomischen Erfolge das &raquo;Modell S&uuml;dkorea&laquo; &uuml;berschw&auml;nglich priesen, hatte die Volksrepublik mit ihrem staatlich verordneten Kurs des Dschutsche (Vertrauen in die eigene Kraft) als Konzept autozentrierter Entwicklung betr&auml;chtliche Faszination in vielen seit 1960 unabh&auml;ngig gewordenen L&auml;ndern des Trikonts ausge&uuml;bt. Und w&auml;hrend sich der Norden aus den sino-sowjetischen Debatten um die ideologische Vorherrschaft in der internationalen kommunistischen und Arbeiterbewegung heraushielt, daf&uuml;r als &raquo;zentristisch&laquo; gescholten wurde, im Rat f&uuml;r Gegenseitige Wirtschaftshilfe lediglich einen Beobachterstatus innehatte und vis-&agrave;-vis Moskau und Beijing auf &Auml;quidistanz ging, verordneten S&uuml;dkoreas Milit&auml;rmachthaber, gest&uuml;tzt auf US-Bajonette und massive Wirtschafts-, Finanz- und Milit&auml;rhilfe aus Washington, dem Land einen brachialen Kapitalismus.<\/p><p>Der holte im Zeitraffer jene Entwicklung nach, f&uuml;r die L&auml;nder in Europa einige Jahrhunderte brauchten. Betrug das j&auml;hrliche Pro-Kopf-Einkommen im S&uuml;dkorea der 1950er Jahre umgerechnet weniger als 100 US-Dollar, so hatte es bereits 2012 die 20.000-Dollar-Marke &uuml;berschritten. Genoss demgegen&uuml;ber die Bev&ouml;lkerung im Norden langj&auml;hrig eine im internationalen Vergleich gute (Aus-)Bildung, Gesundheitsf&uuml;rsorge und Nahrungsmittelversorgung, so ist die Volksrepublik seit Ende der 1980er Jahre technologisch zur&uuml;ckgeblieben, seit dem Zusammenbruch des Realsozialismus (und der damit abrupt vollzogenen Umstellung des Handels auf Devisenbasis) wirtschaftlich in die Bredouille und sein Autarkiekonzept ins Wanken geraten.<\/p><p><strong>Frontstaat S&uuml;dkorea<\/strong><\/p><p>Wurde S&uuml;dkorea nach Japan als zweites asiatisches Land in den erlauchten Klub der in Paris ans&auml;ssigen Organisation f&uuml;r wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aufgenommen, wurde Nordkorea seit Mitte der 1990er Jahre mehrfach von verheerenden D&uuml;rre- und Flutkatastrophen heimgesucht und seine Bev&ouml;lkerung durch Hungersn&ouml;te gebeutelt. Pr&auml;sentiert sich die s&uuml;dliche Hauptstadt Seoul als kosmopolitische Metropole und l&auml;rmender Moloch mit glitzernden Glas- und Betonfassaden, f&uuml;hlt man sich in der n&ouml;rdlichen Hauptstadt Pj&ouml;ngjang mitunter in die Hochphase der Gro&szlig;en Proletarischen Kulturrevolution in der VR China Mitte der 1960er versetzt &ndash; inklusive h&auml;ufiger Massenauftritte und mit martialisch-pathetischer Marschmusik begleiteter Arbeitseins&auml;tze von Soldaten und Zivilisten. W&auml;hnt sich die Zivilregierung in Seoul als aufgekl&auml;rt, demokratisch und offen f&uuml;r die Herausforderungen der Globalisierung, so zieht dennoch die geheimniskr&auml;merische koreanische CIA, die sich jetzt besch&ouml;nigend Nationale Beh&ouml;rde f&uuml;r Sicherheitsplanung (ANSP) nennt, hinter den Kulissen die Strippen und verweigert bis heute mi&szlig;liebigen &Uuml;berseekoreanern im neuen mond&auml;nen Flughafengel&auml;nde in Incheon die Einreise.<\/p><p>Dabei st&uuml;tzt sich die ANSP auf das anachronistisch-archaische Nationale Sicherheitsgesetz, das, wenngleich zigmal modifiziert, seit der Staatsgr&uuml;ndung im Jahre 1948 zum juristischen Regelwerk der Republik geh&ouml;rt und mit dem die Beh&ouml;rden sowohl &raquo;Propaganda f&uuml;r Nordkorea und den Kommunismus&laquo; ahnden als auch Besuche in die Volksrepublik streng reglementieren und Zuwiderhandlungen teils drakonisch bestrafen. Nordkorea bekennt sich offiziell zwar zum Kommunismus beziehungsweise zum &raquo;Sozialismus eigener Pr&auml;gung&laquo; sowie zum &raquo;starken Staat&laquo;, doch seine museal anmutenden Alltagsrealit&auml;ten begleitet eine eigent&uuml;mliche<br>\nKombination aus neokonfuzianischem Verhaltenskodex, rigidem Etatismus und Personenkult.<\/p><p>&raquo;Wer auf der Matte schl&auml;ft&laquo;, lautet ein koreanisches Sprichwort, &raquo;f&auml;llt nicht tief&laquo;. Seitdem die Bush-Regierung ab 2001 von ihren Washingtoner Hochsitzen aus Aggressionen im Mittleren Osten befehligte und &uuml;berwachte, sank auch das Ansehen der USA im &raquo;Fernen Osten&laquo;. Auff&auml;llig ist &uuml;berdies, dass ausgerechnet im langj&auml;hrigen &raquo;Frontstaat&laquo; S&uuml;dkorea seit Sommer 2002 Proteste gegen die US-Politik im Lande an Heftigkeit zunahmen. Der Tod zweier s&uuml;dkoreanischer Schulm&auml;dchen im Juni 2002, die auf dem Heimweg von einem US-Milit&auml;rfahrzeug zermalmt wurden, erregte die Gem&uuml;ter. Der anschlie&szlig;ende Freispruch zweier in diesen Todesfall verwickelter GIs durch ein US-Milit&auml;rgericht (die s&uuml;dkoreanische Zivilgerichtsbarkeit bleibt in solchen Verfahren au&szlig;en vor) tat ein &uuml;briges, um auf den Stra&szlig;en noch lauter eine entsprechende Revision des bestehenden US-St&uuml;tzpunkteabkommens im Lande (SOFA) zu fordern.<\/p><p>Erste umfassende Umfrageergebnisse in S&uuml;dkorea um die Jahreswende 2002\/2003 bescherten den Milit&auml;rstrategen und Politikern in Washington die bittere Erkenntnis, dass solche Bedrohungsszenarien selbst im Lager des langj&auml;hrigen Verb&uuml;ndeten nicht mehr ziehen. Vor allem in der j&uuml;ngeren Generation S&uuml;dkoreas fand der Kriegskurs der Bush-Regierung keinen N&auml;hrboden. Repr&auml;sentative Umfragen des Forschungsinstituts des Vereinigungsministeriums in Seoul ergaben zudem, dass neun von zehn s&uuml;dkoreanischen Studenten und Hochsch&uuml;lern Nordkoreaner in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft als Freunde und Kollegen willkommen hei&szlig;en und 55 Prozent der Befragten gern eine\/n Nordkoreaner\/in heiraten w&uuml;rden. Knapp ein F&uuml;nftel der Interviewten gab sogar an, in Nordkorea leben zu wollen. Kooperation und Dialogbereitschaft mit dem Norden wurden in der s&uuml;dkoreanischen Bev&ouml;lkerung &ndash; vor allem seit der v&ouml;lkerrechtswidrigen Irak-Invasion 2003 &ndash; ungleich h&ouml;her eingestuft als US-gesch&uuml;rte Konfrontation und Kalter Krieg.<\/p><p>Vor dem Zusammentreffen von Pr&auml;sident Moon Jae-In und Staatschef Kim Jong-Un gab es erneut massenhafte Proteste gegen das von den USA installierte moderne Raketenabwehrsystem THAAD (Terminal High Altitude Area Defense), das Moons Vorg&auml;ngerregierung mit der Notwendigkeit begr&uuml;ndet hatte, sich so &raquo;gegen Angriffe aus dem Norden&laquo; ad&auml;quat &raquo;sch&uuml;tzen&laquo; zu wollen. Den Demonstranten und anderen THAAD-Kritikern ist indes die Tatsache ein Dorn im Auge, dass die seit dem Koreakrieg selbsternannte &raquo;Schutzmacht&laquo; USA in dem Lande in einer Weise schaltet und waltet, dass es schwerf&auml;llt zu unterscheiden, wo US-Au&szlig;en- und &raquo;Sicherheitspolitik&laquo; beginnt und s&uuml;dkoreanische Innenpolitik endet beziehungsweise vice versa.<\/p><p><strong>Postskript<\/strong><\/p><p>Eines scheint Washington in seiner gesamten Koreapolitik str&auml;flich &uuml;bersehen zu haben und noch immer zu missachten. Geh&auml;ufte wichtige Jahresdaten &ndash; wie die offizielle Beendigung des Koreakrieges am 27. Juli vor 65 Jahren sowie der 70. Jahrestag der Staatsgr&uuml;ndungen S&uuml;d- und Nordkoreas am 15. August beziehungsweise am 9. September &ndash; sind in Korea Eckdaten, an die man sich gleicherma&szlig;en in S&uuml;d wie Nord intensiv erinnert. Einendes Band dieser Erinnerung ist die schmerzliche Erkenntnis, dass die Teilung des Landes, ein verheerender (B&uuml;rger-)Krieg und die langj&auml;hrigen gegenseitigen Anfeindungen im Wesentlichen das Produkt &auml;u&szlig;erer Interventionen und imperiale Kalk&uuml;le (gewesen) sind.<\/p><p>Je geringer die externe Einmischung ist, desto gr&ouml;&szlig;er sind die Chancen, dass sich auf der Halbinsel, wenn schon absehbar keine (Wieder-)Vereinigung, so doch zumindest ein geregelter, friedlicher Modus vivendi einstellt. In Seoul und Pj&ouml;ngjang hat man sich gleicherma&szlig;en weit von dem Kalk&uuml;l entfernt, dass die eine Seite die andere &raquo;&ouml;konomisch zu schlucken&laquo; oder &raquo;milit&auml;risch zu unterwerfen&laquo; gedenkt. Chemyon ist im koreanischen Kontext eine zentrale, kulturpolitisch relevante Kategorie, die &raquo;Ehre, W&uuml;rde und Selbstwertgef&uuml;hl&laquo; einschlie&szlig;t. Entst&uuml;nde wenigstens nach dem 27. April 2018 eine engere Nord-S&uuml;d-Kooperation, w&auml;re das endlich mal keine schlechte Fortsetzung koreanischer Paradoxien.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>[<a href=\"#note_*\" name=\"foot_*\">&laquo;*<\/a>] Dr. Rainer Werning<\/strong>, Politikwissenschaftler &amp; Publizist mit den Schhwerpunkten Ost- und S&uuml;dostasien, ist u.a. Koautor des im M&auml;rz 2018 in der Edition Berolina erschienenen Buches Brennpunkt Nordkorea.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bilder gingen am Freitag um die Welt &ndash; Nordkoreas Staatschef Kim Jong-Un &uuml;berschreitet Hand in Hand mit S&uuml;dkoreas Staatschef Moon Jae-In die Demarkationslinie und sagt dann auch noch &ouml;ffentlich zu, das Atomtestgel&auml;nde im Norden des Landes zu schlie&szlig;en. Aber wie sind diese Bilder und Nachrichten zu werten? <strong>Rainer Werning<\/strong> [<a href=\"#foot_*\" name=\"note_*\">*<\/a>] hat f&uuml;r<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43730\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,20],"tags":[368,1497,2143,1792,2069,2274,2250,1485,2146,1983,1556],"class_list":["post-43730","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-landerberichte","tag-bush-george-w","tag-japan","tag-kim-jong-un","tag-kolonialismus","tag-militaerstuetzpunkte","tag-moon-jae-in","tag-nachkriegszeit","tag-nordkorea","tag-raketenabwehrschirm","tag-suedkorea","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43730","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=43730"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43730\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48170,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43730\/revisions\/48170"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=43730"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=43730"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=43730"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}