{"id":43837,"date":"2018-05-08T08:45:34","date_gmt":"2018-05-08T06:45:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43837"},"modified":"2018-05-09T07:31:25","modified_gmt":"2018-05-09T05:31:25","slug":"heute-vor-73-jahren-war-der-zweite-weltkrieg-zu-ende-dessen-gedenken-wir-mit-dem-text-einer-96-jaehrigen-nachdenkseiten-leserin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43837","title":{"rendered":"Heute vor 73 Jahren war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Dessen gedenken wir mit dem Text einer 96-j\u00e4hrigen NachDenkSeiten-Leserin."},"content":{"rendered":"<p>Sie schreibt gro&szlig;artig, und sie teilt die Sorgen um die neuen Konflikte, die noch mal zum gro&szlig;en Krieg f&uuml;hren k&ouml;nnten. Sie hat als junge Frau w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs in einem Frankfurter Betrieb gearbeitet. Dort waren auch russische und franz&ouml;sische Kriegsgefangene und Deportierte besch&auml;ftigt. Gemeinsam erlebten sie die Bombenn&auml;chte. Hiervon handelt der folgende Text &bdquo;&Uuml;ber die Kriegsjahre im B&uuml;ro&ldquo;. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8205\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-43837-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180508_Text_einer_96_jaehrigen_Leserin_zum_Zweiten_Weltkrieg_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180508_Text_einer_96_jaehrigen_Leserin_zum_Zweiten_Weltkrieg_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180508_Text_einer_96_jaehrigen_Leserin_zum_Zweiten_Weltkrieg_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180508_Text_einer_96_jaehrigen_Leserin_zum_Zweiten_Weltkrieg_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=43837-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180508_Text_einer_96_jaehrigen_Leserin_zum_Zweiten_Weltkrieg_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180508_Text_einer_96_jaehrigen_Leserin_zum_Zweiten_Weltkrieg_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Unsere Autorin will nicht mit ihrem Namen auftreten. Wir akzeptieren das. Anette Sorg und ich haben sie am vergangenen Sonntag besucht und sind tief beeindruckt. Wir freuen uns dar&uuml;ber, den NachDenkSeiten-Leserinnen und -Lesern die Texte einer Frau bieten zu k&ouml;nnen, die 1922 geboren wurde und das Geschehen von Jugend an und bis heute hellwach begleitet, beobachtet, kritisiert. Heute macht sie sich zum Beispiel gro&szlig;e Sorgen dar&uuml;ber, was Cambridge Analytica und &auml;hnliche Firmen mit uns anstellen. Davon vielleicht sp&auml;ter mehr. Heute statt einer Politiker-Rede zum 8. Mai dieser Bericht:  <\/p><p><strong>Louise Demangeon, Andr&eacute; Sergeff<\/strong><br>\n(&Uuml;ber die letzten Kriegsjahre im B&uuml;ro)<\/p><p>Meine Geschichte beginnt im Herbst 1943. In der Lampenfabrik war ich von der &bdquo;Auslands-korrespondentin&ldquo; zur &bdquo;Werbeleiterin&ldquo; avanciert. Meine Vorg&auml;nger, wiewohl nicht mehr die J&uuml;ngsten, waren zum Kriegsdienst eingezogen worden. Darunter litt die Firma allerdings kaum. Der Bedarf an Auslandskorrespondenz und Werbung tendierte gegen null. Die Leuchtenfabrikation war auf kriegswichtige G&uuml;ter reduziert worden und nur f&uuml;r solche gab es Zuteilung von Rohstoffen. Lampen mit Lichtkurven f&uuml;r die diffuse Beleuchtung des trauten Heims waren pass&eacute;. Statt dessen mussten Leuchten f&uuml;r Landebahnen der Luftwaffe und schlagwettergesch&uuml;tzte Grubenleuchten produziert werden. Dass ich mit Mittelschulreife und Lehre zur Kaufmannsgehilfin vom Berufsbild &bdquo;Werbeleiter&ldquo; keine Ahnung hatte, war unter solchen Umst&auml;nden irrelevant.<\/p><p>Das letzte Aufgebot waren meine eingezogenen Vorg&auml;nger leider noch lange nicht. Die deutschen Heere Ost hatten nach der verlorenen Schlacht um Stalingrad ein halbes Jahr zuvor die Zeit ihrer gr&ouml;&szlig;ten Ausdehnung in Europa bereits &uuml;berschritten. F&uuml;hrten sie bis dahin Eroberungsschlachten, so wurden sie jetzt bei den R&uuml;ckz&uuml;gen eingekesselt und das &Uuml;berleben der Soldaten hing vom Ausbruch aus den Kesseln ab. Wer das so aussprach, musste mit Verhaftung wegen &bdquo;Zersetzung der  Wehrkraft&ldquo;  rechnen. In den Nachrichten h&ouml;rte man nur von Mut und Hingabe der Truppen zu F&uuml;hrer und Vaterland (in dieser Reihenfolge), dem die Heimatfront durch ebensolchen Einsatz sich w&uuml;rdig zu erweisen hatte. Ganz Frankfurt war plakatiert mit Parolen wie &bdquo;R&auml;der m&uuml;ssen rollen f&uuml;r den Sieg&ldquo; und &bdquo;Achtung! Feind h&ouml;rt mit.&ldquo;<\/p><p>Ich hatte im obersten Stockwerk des B&uuml;rogeb&auml;udes in einer Ecke des gro&szlig;en Ausstellungsraums meinen Schreibtisch. Die dort an W&auml;nden und Decken sorgf&auml;ltig montierten Leuchten hatten auch nur noch Erinnerungswert. In der Mitte des Raums f&uuml;hrten T&uuml;ren vom B&uuml;rogeb&auml;ude zu den Fabrikationsanlagen. Insgesamt waren etwa 400 Menschen bei Schanzenbach besch&auml;ftigt; jeder Vierte sa&szlig; im B&uuml;rohaus. In der Firma arbeiteten auch ungef&auml;hr 25 Franzosen und 15 russische Kriegsgefangene. Die Russen waren ausgehungert und isoliert. Es wurde peinlichst darauf geachtet, dass sie nie die Gelegenheit hatten, mit jemandem zu sprechen. Der Kantinenwirt, ein Schleimer, verk&ouml;stigte sie. Ich war &uuml;berzeugt davon, dass er ihnen noch nicht einmal die Hungerrationen gab, die er f&uuml;r sie bekam. Sie kampierten in einem tags und nachts verschlossenen Lagerraum im Parterre der Fabrik.  Den Schl&uuml;ssel dazu hatte der sog. Betriebsobmann Benedikt, offizieller Aufpasser der NSDAP bei Schanzenbach. Benedikt war Packer in der Expedition und setzte sich mit Haut und Haaren f&uuml;r die Umsetzung der Befehle aus der Parteizentrale ein.<\/p><p>Die Franzosen wohnten in einem Haus neben dem Eingangtor. Es war urspr&uuml;nglich das Wohnhaus des Firmengr&uuml;nders. Sie bekamen Lebensmittelkarten mit weniger Zuteilungen als wir. Davon mussten sie einen Teil f&uuml;r das Mittagessen dem Schleimer abliefern, der ihnen daf&uuml;r einen miserablen Fra&szlig; servierte, der ihnen selbstverst&auml;ndlich in Rechnung gestellt wurde. Ihre Vorst&ouml;&szlig;e, sich selbst zu versorgen, scheiterten an Benedikt.<\/p><p>Ab und zu wechselte ich auf Treppen oder G&auml;ngen ein paar Worte mit den Franzosen. Eines Tages kamen drei von ihnen an meinem Schreibtisch. Sie fragten mich, ob ich einverstanden w&auml;re, f&uuml;r sie bei der Betriebsleitung zu dolmetschen. Ich war &uuml;berrascht und sagte ihnen, ich wolle das gern &uuml;bernehmen, wenn ihnen denn mein Franz&ouml;sisch gut genug sei. Damit k&auml;men sie schon klar, meinten sie und erkl&auml;rten dann den Grund ihres Kommens. F&uuml;r sie zust&auml;ndig sei eine Els&auml;sserin. (Sie war eine Naziziege aus der Montage f&uuml;r Halbfabrikate, ein Herz und eine Seele mit Benedikt.) Sie hatte die etwa sechs Frauen unter den Franzosen zu einer angeordneten Untersuchung in die Gyn&auml;kologie der Frankfurter Uniklinik gef&uuml;hrt. Dort angekommen, befahl sie ihnen sich auszuziehen damit sie, ohne Zeitverlust untersucht,  wieder an ihre Maschinen k&auml;men. Das sprach sich unter den Hilfskr&auml;ften der Uni herum und zahlreiche M&auml;nner nutzten die Gelegenheit, sich in dem Raum umzusehen. Die Franzosen waren emp&ouml;rt, ich auch. Die Delegation dankte mir und machte sich auf den Weg zur Betriebsleitung.<\/p><p>Die beiden Betriebsleiter hatten nichts gegen den Wechsel. Sie hatten es wohl lieber mit mir zu tun als mit der Els&auml;sserin. Doch einige Tage darauf erschien Benedikt. Er habe meinen &bdquo;Einsatz&ldquo; zu genehmigen und es g&auml;be dabei ein Problem. Die Funktion sei von einem Parteimitglied auszu&uuml;ben und ich sei kein Mitglied der NSDAP. Ich lie&szlig; ihn reden, er verhaspelte sich und ich hob hilflos die Schultern. Es war sein Problem, nicht meins. Er zog zu meiner Erleichterung wieder ab. Hatte er erwartet, dass ich die Aufnahme in die Partei beantrage? Ich hatte bef&uuml;rchtet, er werde mich dazu auffordern. Ich wollte nicht in die Partei und die Vorstellung, die Gr&uuml;nde daf&uuml;r der NSDAP erkl&auml;ren zu m&uuml;ssen, war be&auml;ngstigend. Mit den Betriebsleitern habe ich nie &uuml;ber Benedikts Besuch gesprochen. Sie beauftragten mich, morgens durch die Fabrik zu gehen und zu sehen, ob alle Franzosen an ihrem Arbeitsplatz seien. Ein wenig sinnvoller Auftrag, denn jede Abteilung hatte einen Meister, der ja wohl merkte, wenn einer fehlte. Doch das wussten die Betriebsleiter auch selbst.<\/p><p>So begann ich meine morgendlichen Rundg&auml;nge mit &bdquo;Bonjour Monsieur&ldquo; oder &bdquo;Bonjour Madame,&ldquo; und &bdquo;&Ccedil;a va?&ldquo; oder &bdquo;Comment allez-vous?&ldquo; Ich lernte ihre Namen, es gab kleine Gespr&auml;che, mit einem mehr, mit anderen weniger. Sie sagten mir, zu Hause g&auml;be es ein Fest oder jemand sei krank. Sie h&auml;tten Urlaub beantragt und der Meister habe nicht genehmigt. Ich versprach, die Sache der Betriebsleitung vorzutragen. Dort hatte ich keinen Erfolg. Der Platz an der Stanze oder der Bohrmaschine m&uuml;sse besetzt bleiben, Liefertermine eingehalten werden. Wenn ich mich nicht abwimmeln lie&szlig; und auf einen Vertrag verwies, in dem der Anspruch auf Urlaub festgeschrieben stand, wurde ich gefragt, auf welcher Seite ich stehe. Wollte ich dann wissen, warum man einen Vertrag abschlie&szlig;t, wenn man ihn dann nicht zu halten gewillt sei, hie&szlig; es, unsere Soldaten im Feld k&ouml;nnten auch keinen Urlaub nehmen wann sie wollen. Mit meinem Bedauern wiederholte ich dann den Verlauf des Gespr&auml;chs an der Bohrmaschine, in der Lackiererei oder wo sonst der Antragsteller arbeitete, und ich hatte dabei Schuldgef&uuml;hle. Zu Benedikt ging ich nie.<\/p><p>In der Galvanisieranlage arbeitete Louise Demangeon. Dem Galvanisierbad entstr&ouml;mten gifthaltige D&auml;mpfe. Aber es gab keinen Maschinenkrach dort und man konnte deshalb besser miteinander sprechen. Louise Demangeon war klein, hatte d&uuml;nne dunkle Haare, verkr&uuml;mmte Beine und trug eine dicke Brille. Sie erz&auml;hlte mir von ihrer sch&ouml;nen Schwester, die gro&szlig; und blond sei und in einer Kirche in Paris die Orgel spiele. Manchmal sprachen wir auch &uuml;ber franz&ouml;sische Schriftsteller. Als sie Urlaub bekam, w&uuml;nschte ich ihr eine gute Zeit mit der Schwester. Nach Frankfurt zur&uuml;ckgekehrt, schlich sie sich zu mir an den Schreibtisch und gab mir ein P&auml;ckchen. Das sei ein pain d&rsquo;&eacute;pices, ein Gew&uuml;rzkuchen also, wie man ihn zu Hause zur Weihnachtszeit esse &ndash; ich solle aber niemandem sagen, dass es ein Geschenk von ihr sei. Ich wollte den Kuchen nicht annehmen, denn Louise Demangeon hatte weniger zu essen als ich. Doch sie bestand darauf. Der k&ouml;stliche Kuchen war mit Mandeln belegt und gew&uuml;rzt wie unser Lebkuchen, doch ganz locker gebacken. Das schlechte Gewissen habe ich mitverschluckt. Wann immer ich sp&auml;ter in Frankreich ein pain d&rsquo;&eacute;pices sah, habe ich an Louise Demangeon gedacht. Sie brachte mir auch einmal ein franz&ouml;sisches Buch &bdquo;Mes songes que voici&hellip;&ldquo; (Hier meine Gedanken&hellip;) von Romain Rolland, Nobelpreistr&auml;ger (1915), hochgebildeter Humanist und ber&uuml;hmter Pazifist, der sich im ersten Weltkrieg, damals in der Schweiz ans&auml;ssig, vehement gegen das Abschlachten im Stellungskrieg zwischen den Deutschen und den Franzosen eingesetzt                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         hatte und als Kommunist verschrien war. Er glaubte wohl an ein Utopia. Nach dem Krieg dauerte es ziemlich lange, bis in Westdeutschland wieder &Uuml;bersetzungen seiner B&uuml;cher erschienen. Ich habe seinen Erfolgsroman &bdquo;Johann Christof&ldquo; in einer zweib&auml;ndigen Ausgabe von 1914 und eine sch&ouml;ne Ausgabe von &bdquo;Das Leben des Michelangelo&ldquo;, erschienen im Jahr 1922, beide Titel verlegt bei R&uuml;tten &amp; L&ouml;hning, in Frankfurt a.M.<\/p><p>Am Ende einer Reihe von Werktischen, die vor Fenstern standen, arbeitete ein Franzose als Werkzeugmacher, Andr&eacute; Sergeff. Dort war es auch nicht laut und wenn ich neben ihm stand, sah man nur unsere R&uuml;cken. Au&szlig;erdem verstanden die anderen Arbeiter kein Franz&ouml;sisch. Vom Fenster sah man auf die D&auml;cher der umliegenden Wohnh&auml;user von Bockenheim. So ergab sich leicht ein Gespr&auml;ch &uuml;ber die Au&szlig;enwelt, &uuml;ber das Wetter, den Anblick ausgebombter H&auml;user, Fliegeralarm in der vergangenen Nacht, den Blick in den Himmel in Richtung Nordwest. Aus dieser Richtung kamen die englischen Bomber nachts und sp&auml;ter auch die amerikanischen am Tag. &Uuml;ber den Taunus anfliegend glitzerten sie im Sonnenschein wie Riesenschw&auml;rme silberner V&ouml;gel aus einer anderen Welt. Das Bild lie&szlig; mich schaudern. Ebbte das Anschwellen des Motorengebrumms wieder ab, zogen sie zu einem anderen Ziel als Frankfurt. Dann hatte man das St.Florians-Gef&uuml;hl im Bauch. Die Gro&szlig;angriffe auf Frankfurt mit hunderten von Flugzeugen begannen im Oktober 1943.<\/p><p>Beim Angriff mit gesch&auml;tzten 1000 Flugzeugen in den Nacht vom 18.M&auml;rz 1944 wurde unser Wohnhaus in der Schwanenstra&szlig;e zwar nicht von einer Sprengbombe getroffen, brannte aber wie alle anderen in der Stra&szlig;e aus. Es sollen in dieser Nacht 800 000 Phosphorbomben auf Frankfurt abgeworfen worden sein. Schr&auml;g gegen&uuml;ber hatte eine schwere Sprengbombe eingeschlagen; dort war nur noch ein Tr&uuml;mmerhaufen. Die verdeckten Leichen aus dem Keller lagen nebeneinander auf dem B&uuml;rgersteig bis ein Lastwagen sie einsammelte. Ich erz&auml;hlte Andr&eacute; Sergeff, dass ich in Bad Nauheim ein Zimmer gefunden hatte und meine Eltern in der Eschersheimer Landstra&szlig;e untergekommen seien. <\/p><p>Nach einem schweren Tagesangriff wurde die Produktion eingestellt und wir durften nachsehen, ob unser Haus noch stand. Andr&eacute; Sergeff lief dann mit mir zur Eschersheimer Landstra&szlig;e &ndash; aber auf der anderen Stra&szlig;enseite. Wenn er sah, dass das Haus, in dem meine Eltern in eine Mansarde bewohnten, nicht getroffen war, kehrte er um. Es war eine &Uuml;bereinkunft ohne Worte.<\/p><p>Im Winter 1944\/45 war es kalt in der Fabrik und durch die provisorisch reparierten Fabrikfenster, von Druckwellen der Bomben eingeschlagen, zog der Wind. Ich lamentierte an Andr&eacute; Sergeffs Werkbank &uuml;ber den schon &uuml;ber 5 Jahre anhaltenden Krieg und die elenden Umst&auml;nde. &bdquo;Es wird bald vorbei sein,&ldquo; sagte er tr&ouml;stend. &bdquo;Diese Hoffnung habe ich nicht,&ldquo; antwortete ich. Er wisse es aber. Woher man das denn wissen k&ouml;nne? Er habe vor wenigen Tagen mit informierten Leuten dar&uuml;ber gesprochen. &bdquo;Bitte nehmen Sie mich mit, wenn Sie sich das n&auml;chste Mal mit denen treffen,&ldquo; bat ich ihn. &bdquo;Nein, ich kann Sie nicht mitnehmen.&ldquo; &bdquo;Aber ich k&ouml;nnte doch einfach auch hingehen.&ldquo; &bdquo;Das geht nicht,&ldquo; war sein endg&uuml;ltiger Bescheid. Kurz darauf bat er mich, ein kleines, in Papier eingerolltes P&auml;ckchen bis zum Kriegsende f&uuml;r ihn aufzuheben. Ich nahm es und gab ihm meine Nauheimer Adresse. Das P&auml;ckchen enthielt eine Nagelfeile und eine kleine Schere.<\/p><p>Der Krieg war in Frankfurt im M&auml;rz 1945 zu Ende, kurz nach meinem 23. Geburtstag. Einige Wochen danach kam Andr&eacute; Sergeff nach Bad Nauheim. Ich war gerade dabei, meine Sachen zu packen; ich zog nach Frankfurt zur&uuml;ck. Wir begr&uuml;&szlig;ten uns und ich holte das P&auml;ckchen. Das Wohnhaus der Franzosen in Frankfurt sei leer, erz&auml;hlte er. Alle seien wieder zu Hause und auch er sei auf dem Heimweg. Dem Benedikt h&auml;tten sie eine Tracht Pr&uuml;gel verpasst. &bdquo;Sie wussten doch,&ldquo; fuhr er fort, &bdquo;dass ich in der Firma der Chef der R&eacute;sistance gewesen bin?&ldquo; Nein, das hatte ich nicht gewusst. Ich hatte das Wort noch nie geh&ouml;rt, verstand es aber, denn r&eacute;sister hei&szlig;t Widerstand leisten. Nazigegner nannte man &bdquo;feige M&ouml;rder&ldquo;, wenn man &uuml;berhaupt &uuml;ber sie berichtete und ich hatte mich nicht gefragt, wie sie sich selbst nannten. &bdquo;Ich bin gekommen,&ldquo; sagte Andr&eacute; Sergeff, &bdquo;um Ihnen zu bescheinigen, dass Sie kein Nazi gewesen sind.&ldquo; Und da sagte ich: &bdquo;Danke, aber das ist nicht n&ouml;tig. Alle, die mich kennen, wissen das.&ldquo; Andr&eacute; Sergeff machte sich auf die Heimreise. Er hatte den letzten Teil seiner Aufgabe in Deutschland erf&uuml;llt.<\/p><p>Das habe ich sp&auml;ter bedauert. Ich w&auml;re stolz auf Andr&eacute; Sergeffs geschriebenes Wort gewesen. Wenige Wochen nach Beendigung des Kriegs hatte ich keine Vorstellung davon, wie es in Deutschland weitergehen k&ouml;nnte und welcher Weg vor mir lag. Vor allem hatte ich noch nicht gewusst, dass die Konzentrationslager, von den Nazis als &bdquo;Arbeitslager&ldquo; bezeichnet, in Wahrheit Vernichtungslager gewesen waren. Ich hatte die Pogromnacht in Frankfurt gesehen, war im Morgengrauen aufgewacht, als sp&auml;ter die j&uuml;dische Familie aus unserem Haus geholt und in einem Lastwagen abtransportiert worden war, hatte gesehen, wie eine mormonische Familie und eine verwirrte alte S&uuml;dtirolerin aus unserem Stockwerk abgef&uuml;hrt worden sind, wusste, dass Deutschland ein europ&auml;isches Land nach dem anderen &uuml;berfallen hatte, kannte die propagandistische Kriegsberichterstattung, hatte in Frankfurter Kellern die Luftangriffe &uuml;berlebt, vergeblich versucht, die Phosphorfeuer im Dachgescho&szlig; zu l&ouml;schen, dann meinen Bademantel in eine B&uuml;tte mit Wasser getaucht und &uuml;bergestreift, mit meinem Vater Habseligkeiten aus der Wohnung geholt, bis die Holztreppen brannten, auch Gl&uuml;ck gehabt, als ich in einem kleinen Vorortzug sa&szlig;, den Tiefflieger mit Salven durchl&ouml;cherten. Ich wusste also, dass es immer noch schlimmer kommen konnte und dennoch h&auml;tte ich mir nicht vorstellen k&ouml;nnen, dass ich unter Menschen lebe, die einen Plan des millionenfachen Mords entwickeln und ausf&uuml;hren konnten.<\/p><p>Noch ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Es muss am Dienstag, dem 8.Februar 1944 gewesen sein. Nach einer Liste der Luftangriffe auf Frankfurt, auf Befehl der amerikanischen Milit&auml;rregierung unter dem Datum vom 22. Juni 1945 vom Frankfurter Polizeipr&auml;sidenten aufgestellt und fast 70 Jahre danach im Netz des Historischen Museums abgerufen, gab es an diesem Tag einen starken Tagesangriff von 250 Flugzeugen mit 1020 Sprengbomben und 2500 Brandbomben, vorwiegend auf Bockenheim.<\/p><p>Es war schon Routine. Nach dem dritten Sirenenalarm in kurz aufheulenden Intervallen beeilten sich auch die Letzten, in die Fabrikkeller zu kommen. Man suchte sich einen Platz, vorzugsweise an einer Mauer oder in einer Ecke. Ich war an diesem Tag unruhig, stand herum und wusste nicht wohin. Die meisten Sitze waren schon belegt. Die Franzosen waren in dem Raum, in den sie immer gingen. Man lie&szlig; sie dort unter sich. Ich stand unter der Mauerw&ouml;lbung des Zugangs, doch keiner von ihnen machte eine einladende Handbewegung. So setzte ich mich auf den n&auml;chsten freien Platz zu den Deutschen. Die ersten Explosionen waren schon zu h&ouml;ren. Je n&auml;her sie kamen, desto st&auml;rker sp&uuml;rte man die Ersch&uuml;tterungen. Dann ging das Licht aus und das Inferno begann. Zwischen dem Zischen der Bomben vor dem Einschlag, dem Knall der Explosionen und den darauffolgenden Druckwellen h&ouml;rte ich pl&ouml;tzlich Stimmen: Die Franzosen standen in der Mitte ihres Kellers und schmetterten die Marseillaise.<\/p><p>Ich wusste nicht, dass es die Marseillaise war. Erst Jahre sp&auml;ter sah ich &bdquo;Casablanca&ldquo; (Humphrey Bogart, Ingrid Bergman) und habe die Melodie wiedererkannt. Der Film ist zur Ikone geworden. Er spielt im Krieg und aus Rick&rsquo;s Caf&eacute; in Casablanca wird mit der Marseillaise eine Gruppe deutscher Milit&auml;rs vertrieben. Der Hollywoodfilm ist schon 1942 gedreht worden und hat eine Reihe von Macken. (Beispielsweise sind deutsche Truppen nie in Casablanca gewesen.) Im Frankreich stand er erst einige Jahre nach dem Krieg auf dem Spielplan.<\/p><p>Ich kann sagen, ich bin am 8. Februar 1944 im Keller von Schanzenbach &amp; Co in Frankfurt am Main dabei gewesen. *)<\/p><p>*) &bdquo;Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr k&ouml;nnt sagen, ihr seid dabei gewesen.&ldquo; (Goethe nach der Kanonade von Valmy am 19.9.1792,  in &bdquo;Kampagne in Frankreich&ldquo;)<br>\nm.s.<br>\nJanuar 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie schreibt gro&szlig;artig, und sie teilt die Sorgen um die neuen Konflikte, die noch mal zum gro&szlig;en Krieg f&uuml;hren k&ouml;nnten. 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Hiervon handelt der folgende Text &bdquo;&Uuml;ber<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43837\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,212,171],"tags":[416,966],"class_list":["post-43837","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-gedenktagejahrestage","category-militaereinsaetzekriege","tag-nationalsozialismus","tag-weltkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43837","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=43837"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43837\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":43847,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/43837\/revisions\/43847"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=43837"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=43837"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=43837"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}