{"id":44027,"date":"2018-05-21T11:45:24","date_gmt":"2018-05-21T09:45:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44027"},"modified":"2026-01-27T11:29:16","modified_gmt":"2026-01-27T10:29:16","slug":"thilo-weichert-es-geht-um-das-schueren-von-bedrohungsgefuehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44027","title":{"rendered":"Thilo Weichert: \u201eEs geht um das Sch\u00fcren von Bedrohungsgef\u00fchlen\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180520_weichert.jpg\" alt=\"Thilo Weichert\" title=\"Thilo Weichert\"><\/div><p>Aufr&uuml;stung in Bayern: Der Einsatz von Drohnen, DNA-Analysen zur Erstellung eines &bdquo;genetischen Phantombilds&ldquo;, Bodycams und andere weitreichende Befugnisse zur &Uuml;berwachung der B&uuml;rger finden sich in dem gerade vom bayerischen Parlament abgesegneten Polizeiaufgabengesetz (PAG). <strong><a href=\"https:\/\/www.netzwerk-datenschutzexpertise.de\/autor\/dr-thilo-weichert\">Thilo Weichert<\/a><\/strong>, der langj&auml;hrige Datenschutzbeauftragte Schleswig-Holsteins, l&auml;sst an dem neuen Gesetz kein gutes Haar. Gegen&uuml;ber den NachDenkSeiten sagt Weichert, die CSU-Politik kenne &bdquo;keine rechtsstaatlichen Skrupel&ldquo;. Ein NachDenkSeiten-Interview mit dem Vorstandsmitglied der Deutschen Vereinigung f&uuml;r Datenschutz &uuml;ber die Gefahren, die das PAG mit sich bringt.<br>\nEin Interview von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8869\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-44027-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180521_Interview_mit_Thilo_Weichert_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180521_Interview_mit_Thilo_Weichert_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180521_Interview_mit_Thilo_Weichert_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180521_Interview_mit_Thilo_Weichert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=44027-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180521_Interview_mit_Thilo_Weichert_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180521_Interview_mit_Thilo_Weichert_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>In Bayern hat das Parlament gerade das neue Polizeiaufgabengesetz beschlossen. Die Bezeichnung klingt zun&auml;chst erstmal etwas aufgebl&auml;ht und viele k&ouml;nnen sich darunter wahrscheinlich nicht so viel vorstellen. Was ist darunter zu verstehen?<\/strong><\/p><p>Das Polizeiaufgabengesetz, das PAG, regelt nicht nur die Aufgaben, sondern auch die Befugnisse der Polizei in Bayern. Der Freistaat war insofern schon immer sehr freigiebig, doch jetzt gab das Parlament den &bdquo;Gesetzesh&uuml;tern&ldquo; einen gewaltigen weiteren Schluck aus der &bdquo;Befugnisflasche&ldquo;: Ausweitungen bei der Telekommunikations&uuml;berwachung, beim Einsatz von V-Personen und verdeckten Ermittlern, bei der Video&uuml;berwachung. Neu eingef&uuml;hrt werden die Erlaubnis von Bodycams, die automatisierte Video- und Ton-Mustererkennung, die Durchsuchung von Cloud-Speichern, der Staatstrojaner, der Einsatz von Drohnen sowie DNA-Analysen zur Identifizierung und zur Erstellung eines &bdquo;genetischen Phantombilds&ldquo;. Nicht zuletzt: Die Befugnis zum Einsatz von milit&auml;rischen Waffen wie zum Beispiel Handgranaten. Viele der informationellen Befugnisse k&ouml;nnen schon bei einer &bdquo;drohenden Gefahr&ldquo; zum Einsatz kommen, also wenn die Polizei blo&szlig; mutma&szlig;t, eine Gefahr k&ouml;nnte entstehen.<\/p><p><strong>Das klingt ziemlich umfassend. Was passiert da gerade in Bayern?<\/strong><\/p><p>Wir haben es hier politisch wie rechtlich mit komplexen Vorg&auml;ngen zu tun. <\/p><p><strong>N&auml;mlich?<\/strong><\/p><p>Politisch: Die CSU will mit Law-and-Order-Politik f&uuml;r die Landtagswahl im Herbst der AfD das Wasser abgraben und macht deren Politik unter dem Zeichen des christsozialen Kreuzes. Wir leben aber nicht mehr im Bayern der 60er oder der 90er Jahre. Es gibt eine politische Opposition quer durch alle Regionen, Altersgruppen und sozialen Schichten, die das PAG zum Anlass nehmen, sich aktiv zur Wehr zu setzen. Ministerpr&auml;sident S&ouml;der und Innenminister Herrmann und viele etablierte Politiker und Funktion&auml;re reagieren aufgeschreckt und k&uuml;ndigen an, Polizisten zur Aufkl&auml;rung &uuml;ber das PAG an Schulen zu schicken, wollen eine Umsetzungsbegleitkommission einrichten, diffamieren aber zugleich die Kritik am PAG als &bdquo;L&uuml;genpropaganda&ldquo;, bedrohen die Kritiker und schwingen mit der Extremismuskeule. Es ist klar, dass diese Reaktionen die Kritiker in ihrem Widerstand best&auml;rkt. Es findet in Bayern derzeit ein Kulturkampf statt, der massive Auswirkungen auf das politische Denken der Menschen haben kann.<\/p><p><strong>Und rechtlich?<\/strong><\/p><p>Juristisch sind die Abl&auml;ufe &auml;hnlich komplex. Anlass f&uuml;r das Gesetz ist der Datenschutz. Das Bundesverfassungsgericht hat mit seinem Urteil zum BKA-Gesetz und der europ&auml;ische Gesetzgeber hat mit einer Richtlinie f&uuml;r Polizei und Justiz zwingend Nachbesserungen der bisherigen Rechtslage gefordert. Dies wurde von der Staatsregierung zum Anlass genommen, v&ouml;llig neue Befugnisse einzuf&uuml;hren. Dabei werden die rechtlichen Vorgaben aus Europa und der Rechtsprechung weitgehend ignoriert. Mit der neuen Eingriffsschwelle der &bdquo;drohenden Gefahr&ldquo; betritt Bayern im Polizeirecht das Terrain eines Pr&auml;ventivrechts, bei dem hoheitliche Sicherheit vor demokratische Freiheit gestellt wird. Dies ist wiederum Vorbild f&uuml;r andere Bundesl&auml;nder und Blaupause f&uuml;r den neuen Bundesinnenminister Horst Seehofer. Verfassungsklagen sind angek&uuml;ndigt. Es wird also eine neue Runde angesto&szlig;en, die das Bundesverfassungsgericht, den bayerischen Verfassungsgerichtshof und voraussichtlich irgendwann einmal den Europ&auml;ischen Gerichtshof erreichen wird.  <\/p><p><strong>Nun l&auml;sst sich sagen: Ein Staat braucht Instrumente, um gegen schwere Verbrechen vorzugehen, Stichwort: Terroranschl&auml;ge. Dass hier Ermittlungsbeh&ouml;rden M&ouml;glichkeiten aussch&ouml;pfen wollen, um beispielsweise Anschl&auml;ge zu verhindern, l&auml;sst sich nachvollziehen, oder?<\/strong><\/p><p>Im BKA-Urteil erw&auml;hnte das Bundesverfassungsgericht zutreffend, dass bei drohenden Terrorismusgefahren sicherheitsbeh&ouml;rdliche Befugnisse schon im Vorfeld einer Gefahr zul&auml;ssig sein k&ouml;nnen. Daraus leitete der bayerische Gesetzgeber ab, dass dies auch zum Schutz &bdquo;erheblicher Rechtsg&uuml;ter&ldquo; gelten k&ouml;nne, selbst bei Risiken f&uuml;r Sachwerte. Im Gefahrenvorfeld d&uuml;rfen schon bisher Geheimdienste agieren, doch muss gegen&uuml;ber der direkten Zwang einsetzenden Polizei ein Filter bestehen bleiben. Dieser wird jetzt weiter abgebaut; die Grenzen verflie&szlig;en.<\/p><p>Terrorismusbek&auml;mpfung wird seit Jahrzehnten als Argument zur Ausweitung hoheitlicher Befugnisse verwendet. Neu in der bayerischen Argumentation ist, dass die Staatsregierung versucht, eine Br&uuml;cke zwischen der Angst vor Terror zu ganz individuellen Bedrohungen &ndash; im Alltag auf der Stra&szlig;e und gar in der Familie &ndash; zu schlagen. Es geht um das Sch&uuml;ren von Bedrohungsgef&uuml;hlen. Die CSU erkl&auml;rt, diese selbst gesch&uuml;rten Gef&uuml;hle sehr ernst zu nehmen. Eine Ironie im Ablauf der Ereignisse liegt darin, dass Seehofer die j&uuml;ngste Sicherheitsstatistik ver&ouml;ffentlichen musste, die aufzeigt, dass es derzeit weniger Straftaten denn je gibt &ndash; und das ohne all die neuen PAG-Befugnisse.<\/p><p><strong>Wird Terrorismus, oder vielleicht besser: die Angst der B&uuml;rger davor, als eine Art Hebel benutzt, Gesetze durchzudr&uuml;cken, die aus demokratischer Sicht hochproblematisch sind?<\/strong><\/p><p>Das Sicherheitsbed&uuml;rfnis der Menschen ist schon immer ein T&uuml;r&ouml;ffner f&uuml;r autorit&auml;re undemokratische Tendenzen gewesen. Damit agierten die Nationalsozialisten in den 30er Jahren; damit machen Populisten in den USA und auch in Europa erfolgreich Politik. Dabei werden rechtsstaatliche Instrumente geschleift: die Unabh&auml;ngigkeit der Justiz, die Meinungsfreiheit, die Gewaltenteilung, die Neutralit&auml;t der Staatsgewalt. Eine neue Dimension erh&auml;lt die Bedrohung unseres demokratischen Systems durch das Internet als Massen-Kommunikationsmittel, womit die Gef&uuml;hle von Menschen weitgehend ungefiltert und unkontrolliert manipuliert werden k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Sie haben ja schon angef&uuml;hrt, was das bayerische Polizeiaufgabengesetz nun mit sich bringt. K&ouml;nnen Sie einige der gravierendsten Eingriffe etwas genauer ausf&uuml;hren?<\/strong><\/p><p>Das Problem dieses Gesetzes besteht darin, dass es keine gravierendsten Eingriffe gibt; alles ist gravierend und erst recht in der Gesamtheit. Es gibt aber neben den klassischen modernen Instrumenten der Telekommunikations&uuml;berwachung und der Datenbeschlagnahme einige neue Befugnisse, die bisher noch wenig er&ouml;rtert wurden und neue &Uuml;berwachungsdimensionen er&ouml;ffnen: Mit der &ndash; in allerletzter Sekunde etwas relativierten &ndash; Mustererkennung soll die Polizei k&uuml;nftig Gefahren per Sensor, Kamera oder Mikrophon registrieren und per Computer mitgeteilt bekommen. Computer sollen also gerade dort, wo alle Menschen betroffen sind, zum Beispiel im &ouml;ffentlichen Raum, die Polizeibeamten entlasten. Dass dies zu Fehlalarmen und Falschbeschuldigungen f&uuml;hren wird, ist absehbar. <\/p><p>Per Drohnen soll &Uuml;berwachung k&uuml;nftig verst&auml;rkt aus der Luft zul&auml;ssig sein. Da Drohnen in der Luft kaum erkannt werden k&ouml;nnen und damit der &ouml;ffentliche Raum fl&auml;chendeckend kontrolliert werden kann, wird im Wortsinn eine neue <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39585\">&Uuml;berwachungsdimension<\/a> hinzugef&uuml;gt. &Auml;hnliches gilt f&uuml;r die Zulassung von Genanalysen, der sog. DNA-Ph&auml;notypisierung, f&uuml;r die damit geworben wird, dass diese es erm&ouml;glichen w&uuml;rde, per Genetik Fahndungsfotos erstellen zu k&ouml;nnen. Diese Propaganda ist wissenschaftlich nicht haltbar, zugleich aber hochgef&auml;hrlich, weil damit ohne jegliche Sicherungen die Pforte zur polizeilichen Genanalyse ge&ouml;ffnet wird. Aus unseren Genen l&auml;sst sich H&ouml;chstpers&ouml;nliches ableiten, etwa Dispositionen f&uuml;r Krankheiten oder f&uuml;r Charaktereigenschaften.<\/p><p><strong>Was bedeutet das Gesetz f&uuml;r den einzelnen B&uuml;rger noch?<\/strong><\/p><p>Neben den individuellen Risiken, unverschuldet in die informationellen und m&ouml;glicherweise in die erzwingenden F&auml;nge der Polizei zu geraten, nur weil man die falschen Merkmale hat oder weil man zur falschen Zeit am falschen Ort war, sehe ich die noch viel gr&ouml;&szlig;ere Gefahr, dass hier ein hoheitliches, scheinbar wissenschaftliches Instrumentarium geschaffen wird, um ganze Gruppen von Menschen zu diskriminieren. Es ist absehbar, dass davon nicht wei&szlig;e, blonde und blau&auml;ugige Normalos erfasst werden, sondern Menschen mit abweichendem Aussehen, Verhalten und politischen &Uuml;berzeugungen.<\/p><p><strong>Wo sehen Sie noch Probleme?<\/strong><\/p><p>Die gr&ouml;&szlig;te Gefahr sehe ich darin, dass ein gesellschaftliches Klima entsteht, in dem abweichende Meinungen, fremdes Aussehen und ungewohnte Lebensweisen ausgegrenzt werden. Damit wird der Kern unserer pluralistischen demokratischen Gesellschaft bedroht.<\/p><p><strong>Das, was Sie aufz&auml;hlen, ist ziemlich weitreichend.<\/strong><br>\n<strong>Wie bewerten Sie denn den rechtlichen Rahmen? Ist dieses Polizeiaufgabengesetz &uuml;berhaupt in Einklang mit unserer Verfassung zu bringen?<\/strong><\/p><p>Europarechtler und Verfassungsjuristen sind sich weitgehend einig, dass das PAG in vieler Hinsicht gegen h&ouml;heres Recht verst&ouml;&szlig;t, gegen die Europ&auml;ische Grundrechtecharta und gegen unser Grundgesetz. Es gibt inzwischen eine weitgehend gefestigte Rechtsprechung des Europ&auml;ischen Gerichtshofs, des EuGH, und des Bundesverfassungsgerichts, die unter Verweis auf die Grundrechte, etwa das Grundrecht auf Datenschutz, viele Regelungen aufhebbar machen. Selbst der Bayerische Verfassungsgerichtshof, der der Staatsregierung schon Einiges durchgehen lie&szlig;, d&uuml;rfte hier nicht mehr mitmachen.<\/p><p><strong>Wie sieht es aus, wenn man dem bayerischen Polizeiaufgabengesetz mit EU-Recht bzw. EU-Vorgaben begegnet?<\/strong><\/p><p>Der EuGH kommt voraussichtlich erst ins Spiel, wenn sich nationale Gerichte mit dem PAG besch&auml;ftigt haben und er dann zum Beispiel &uuml;ber eine gerichtliche Vorlage mit einzelnen Aspekten befasst wird. Das Grundrecht auf Datenschutz ist in der Europ&auml;ischen Grundrechtecharta ausdr&uuml;cklich gew&auml;hrleistet. Diskriminierungsverbote sind dort erheblich pr&auml;ziser als im Grundgesetz formuliert. Der Anspruch auf Rechtsschutz gegen hoheitliche &Uuml;bergriffe gilt dort ebenso wie im Grundgesetz. Das Europarecht ist also eine zus&auml;tzliche rechtsstaatliche Absicherung, dass das PAG langfristig keinen Bestand hat. Bis zu einer EuGH-Entscheidung kann es aber Jahre dauern, w&auml;hrend der das Gesetz zur Anwendung kommt.<\/p><p><strong>Aber wenn Sie so massive Bedenken auf der rechtlichen Ebene anmelden, wie kann es dann sein, dass &uuml;berhaupt dieses Gesetz beschlossen wurde? In Bayern gibt es doch auch Rechtsexperten.<\/strong><\/p><p>Die bayerischen Ministerialbeamten wissen genau, was sie da zusammengebraut haben. Die Ausrichtung dieses Gebr&auml;us wurde ihnen von der CSU-Politik vorgegeben. Diese kennt keine rechtsstaatlichen Skrupel, wohl aber hat sie Angst vor der n&auml;chsten Landtagswahl. Die Rechtsexperten der Regierung m&uuml;ssen das verfassungswidrige Ergebnis so verpacken, dass es juristisch m&ouml;glichst harmlos erscheint. Wir sollten uns keiner Illusion &uuml;ber die m&ouml;gliche Rolle von Juristen hingeben; wir haben insofern in Deutschland genug Erfahrung. Tats&auml;chlich wurden nach dem Erstarken des Protestes gegen das PAG einige offensichtlich verfassungswidrige Regeln teilweise entsch&auml;rft, doch handelte es sich weitgehend um optische &Auml;nderungen. <\/p><p><strong>Ein Anwalt hat die Tage gegen&uuml;ber tagesschau.de auf die Frage, wovor Bayern Angst habe, dass es so ein Gesetz brauche, <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/polizeigesetz-109.html\">Folgendes gesagt<\/a>: &bdquo;Das kann ich Ihnen auch nicht so ganz genau sagen. Die CSU betreibt meiner Meinung nach pr&auml;ventive Aufstandsbek&auml;mpfung. Es soll f&uuml;r irgendwelche zuk&uuml;nftigen Szenarien schon mal aufger&uuml;stet werden, damit die Polizei im Zweifelsfall fast alles kann.&ldquo; <\/strong><br>\n<strong>K&ouml;nnte das sein? Was ist Ihre Einsch&auml;tzung?<\/strong><\/p><p>Ich teile diese Einsch&auml;tzung nicht. Die CSU betreibt keine langfristige Strategie, auch wenn es dort Politiker gibt, die von einer konservativen Revolution faseln. Es geht aber nicht nur um W&auml;hlergewinnung, sondern auch um die Umsetzung eines autorit&auml;ren Gesellschaftsbildes. In diesem kommen Aufst&auml;nde nicht vor. Die Ironie der Ereignisse zeigt jetzt der CSU, dass sie mit ihrem PAG einen Aufstand provoziert hat. Es wird jetzt spannend sein, wie die Partei und S&ouml;der hierauf mittelfristig reagiert. Derzeit ist insofern keine klare Linie zu erkennen.<\/p><p><strong>Die Tendenz, Freiheitsrechte zu untergraben, zeigt sich aber nicht nur in Bayern, oder?<\/strong><\/p><p>Die Eingriffsschwelle der &bdquo;drohenden Gefahr&ldquo; findet sich auch schon in Entw&uuml;rfen zu Polizeigesetzen in anderen Bundesl&auml;ndern. Bundesinnenminister Seehofer hat klar signalisiert, dass Bayern der Probelauf sein soll f&uuml;r die Einf&uuml;hrung vieler dieser Befugnisse auf Bundesebene. Dies ist zum Beispiel in Bezug auf die DNA-Ph&auml;notypisierung sogar ausdr&uuml;cklich im Koalitionsvertrag festgehalten. Die Auseinandersetzung hat also erst begonnen.<\/p><p><strong>Was bedeutet es denn, wenn ein Staat immer st&auml;rker dazu &uuml;bergeht, auf die Instrumente zu setzen, die zur &Uuml;berwachung und Kontrolle der B&uuml;rger verwendet werden k&ouml;nnen?<\/strong><\/p><p>Das Bundesverfassungsgericht hat in seiner Volksz&auml;hlungsentscheidung 1983 und vielen weiteren Entscheidungen darauf hingewiesen, dass &Uuml;berwachung dazu f&uuml;hrt, dass die Menschen nicht mehr wissen, wer was wann und bei welcher Gelegenheit an Informationen gegen sie sammelt und einsetzt. Wer damit rechnet, dass zum Beispiel seine Teilnahme an einer Versammlung oder einer B&uuml;rgerinitiative beh&ouml;rdlich registriert wird, der wird m&ouml;glicherweise auf die Aus&uuml;bung seiner entsprechenden Grundrechte verzichten. Selbstbestimmung ist eine elementare Funktionsbedingung eines auf Handlungs- und Mitwirkungsf&auml;higkeit der B&uuml;rger begr&uuml;ndeten freiheitlichen demokratischen Gemeinwesens.<\/p><p><strong>Welche M&ouml;glichkeiten haben die B&uuml;rger, wenn sie sich gegen das Gesetz wehren wollen?<\/strong><\/p><p>Die Menschen k&ouml;nnen beim Bayerischen Verfassungsgerichtshof Popularklage einlegen. Sie k&ouml;nnen die Parteien, die das PAG gut finden, abw&auml;hlen. Sie k&ouml;nnen im &ouml;ffentlichen Diskurs Stellung nehmen und sich an Demonstrationen gegen das PAG beteiligen. Sind sie von neuen PAG-Ma&szlig;nahmen betroffen, so k&ouml;nnen sie sich beim Landesbeauftragten f&uuml;r Datenschutz beschweren und gegen die Ma&szlig;nahmen Klage erheben.<\/p><p><strong>Was meinen Sie: Wird das Gesetz Bestand haben?<\/strong><\/p><p>Nein. Das &auml;ndert aber nichts daran, dass das Gesetz erst mal in Kraft tritt und angewendet werden wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180520_weichert.jpg\" alt=\"Thilo Weichert\" title=\"Thilo Weichert\"\/><\/div>\n<p>Aufr&uuml;stung in Bayern: Der Einsatz von Drohnen, DNA-Analysen zur Erstellung eines &bdquo;genetischen Phantombilds&ldquo;, Bodycams und andere weitreichende Befugnisse zur &Uuml;berwachung der B&uuml;rger finden sich in dem gerade vom bayerischen Parlament abgesegneten Polizeiaufgabengesetz (PAG). <strong><a href=\"https:\/\/www.netzwerk-datenschutzexpertise.de\/autor\/dr-thilo-weichert\">Thilo Weichert<\/a><\/strong>, der langj&auml;hrige Datenschutzbeauftragte Schleswig-Holsteins, l&auml;sst an<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44027\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,184,126,60,209],"tags":[803,1112,850,813,630,441,2363,418,1679,1554,421,2362,2342,1352,582,1248],"class_list":["post-44027","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-ueberwachung","category-erosion-der-demokratie","category-innere-sicherheit","category-interviews","tag-bayern","tag-buergerrechte","tag-datenschutz","tag-drohnen","tag-eugh","tag-freiheit","tag-genanalysen","tag-grundgesetz","tag-onlinedurchsuchung","tag-orwell-2-0","tag-polizei","tag-polizeiaufgabengesetz","tag-precrime","tag-rechtsruck","tag-seehofer-horst","tag-staatstrojaner"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/44027","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=44027"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/44027\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":84471,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/44027\/revisions\/84471"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=44027"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=44027"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=44027"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}