{"id":4406,"date":"2009-12-15T09:09:38","date_gmt":"2009-12-15T08:09:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4406"},"modified":"2014-01-23T10:26:25","modified_gmt":"2014-01-23T09:26:25","slug":"buchbesprechung-die-68er-in-der-spd-marsch-durch-die-institutionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4406","title":{"rendered":"Buchbesprechung: \u201eDie 68er in der SPD \u2013 Marsch durch die Institutionen?\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wer sich ein einigerma&szlig;en realistisches Bild &uuml;ber einen &ouml;ffentlich weniger wahrgenommenen aber durchaus pr&auml;genden Teil der 68er-Bewegung verschaffen m&ouml;chte, der sollte das Buch von Jeanette Seiffert studieren. Anders als die meisten anderen Autoren, die sich mit dieser Epoche der Nachkriegsgeschichte auseinandersetzen, betreibt diese von Professor Eckart Conze betreute und am Fachbereich Geschichtswissenschaften der Philipps-Universit&auml;t Marburg eingereichte Dissertation keine pers&ouml;nliche Vergangenheitsbew&auml;ltigung und keine aus der heutigen ideologischen Sicht gepr&auml;gte Abrechnung, sondern zeichnet an Hand von Quellen und Leitfadengespr&auml;chen mit unmittelbar Beteiligten die Entwicklung und den Niedergang der 68er aus der Perspektive des Sozialdemokratischen Hochschulbundes (SHB) und der Jungsozialisten (Jusos) nach. F&uuml;r mich auch ein biografisches Geschichtsbuch. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nGegenstand der Untersuchung ist die Entwicklung des nach dem Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD mit den Mitgliedern des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) im Jahre 1960 neu gegr&uuml;ndeten, zun&auml;chst der SPD nahe stehenden Sozialdemokratischen Hochschulbundes (SHB) und der sp&auml;ter in Gang gekommenen Radikalisierung auch der Jungsozialisten (Jusos) und der Marsch einzelner Akteure durch die SPD bzw. durch die Landesparlamente, durch den deutschen Bundestag und &ndash; als lokaler Referenzfall &ndash; durch den K&ouml;lner Stadtrat.<br>\nDabei werden die politischen Biografien von insgesamt 17 Aktivisten (etwa von Detlev Albers, Klaus-Uwe Benneter, Anke Brunn, Herta D&auml;ubler-Gmelin, Wolfgang Roth, Ottmar Schreiner, Karsten Voigt  bis Christoph Z&ouml;pel) beschrieben, die &uuml;ber ihre Mitarbeit in der SPD, diese Partei und &uuml;ber die Partei die Gesellschaft insgesamt ver&auml;ndern wollten und bei denen &uuml;berwiegend Politik zum Beruf geworden ist. Es ist also eine Geschichte des &bdquo;Marsches durch die Institutionen&ldquo; Anfang der 60er Jahre bis zum &bdquo;Abmarsch in die Bedeutungslosigkeit&ldquo; Ende der 80er Jahre.<\/p><p>Ich bin selbst als Student 1964 zun&auml;chst die SHB-Gruppe an der Freien Universit&auml;t Berlin eingetreten und kurze Zeit sp&auml;ter, um Kurt Mattick als Nachfolger von Willy Brandt als Berliner Landesvorsitzenden zu &bdquo;kippen&ldquo;, in die SPD. Ich habe also mit der &bdquo;Kuby-Aff&auml;re&ldquo; beginnend, die Anf&auml;nge der studentischen Mobilisierung in Berlin miterlebt, bin 1965 zun&auml;chst als Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrer und danach unter dem Vorsitz von Christoph Z&ouml;pel stellvertretender Bundesvorsitzender des SHB geworden, 1969 war ich noch im &bdquo;Notvorstand&ldquo; des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS), der mangels Beschlussf&auml;higkeit einer chaotischen Mitgliederversammlung vom Amtsgericht eingesetzt werden musste. Als unmittelbar Beteiligter war ich verbl&uuml;fft &uuml;ber die weitgehend mit meinen Erinnerungen und Erfahrungen &uuml;bereinstimmenden Beschreibung der fr&uuml;hen Au&szlig;erparlamentarischen Opposition (APO) und der Studentenbewegung durch eine junge Historikerin, die erst f&uuml;nf Jahre nach 68 geboren wurde.<\/p><p>Jeanette Seifert r&auml;umt faktenreich gr&uuml;ndlich mit dem Vorurteil auf, als handle es sich bei den 68ern um eine spontane Erhebung einer kleinen Minderheit. Sie schildert die kulturellen Konflikte der &bdquo;Vor-Rebellen&ldquo; noch in &bdquo;Anzug und Schlips&ldquo; angefangen von der Wiederaufr&uuml;stungsdebatte Ende der 50er Jahre, gegen den kleinb&uuml;rgerlichen Mief Anfang der 60er, der unzureichenden Bew&auml;ltigung der NS-Vergangenheit personalisiert durch Nazis in h&ouml;chsten Staats&auml;mtern und dem Wiederaufleben der Neonazis mit den Erfolgen der NPD. Die Autorin schildert den &bdquo;basisdemokratischen&ldquo; Aufstand anl&auml;sslich der &bdquo;Spiegel-Aff&auml;re&ldquo; 1962 und den Kampf gegen Franz-Joseph Strau&szlig; und dessen unkontrolliertem Machtmissbrauch. Es wird das &auml;u&szlig;erst heterogene B&uuml;ndnis von der Ostermarschbewegung, &uuml;ber die Kampagne f&uuml;r Abr&uuml;stung (KfA) oder der Bewegung &bdquo;Kampf dem Atomtod&ldquo;, von politischen Gruppierungen wie etwa dem SDS, den Naturfreunden, der Gewerkschaftsjugend, von Pazifisten oder Kriegsgegner, der Humanistischen Union, den Republikanischen Clubs bis hin zu keineswegs &bdquo;radikalen&ldquo; kirchlichen Gruppen dargestellt. Sie alle hatten sich vor allem nach der Bildung der Gro&szlig;en Koalition 1966 mehr und mehr als &bdquo;au&szlig;erparlamentarische Opposition&ldquo; (APO) gebildet.<br>\n(Siehe dazu auch: <a href=\"?p=2873\">2008 &ndash; 40 Jahre 68er<\/a>)<\/p><p>Politik wurde zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte als Gegenstand &ouml;ffentlicher Teilhabe praktiziert &ndash; gegen Vorbeugehaft, gegen Schubladengesetze, gegen Mehrheitswahlrecht, von 1962 bis 1966 Widerstand gegen die Notstandsgesetze, es ging um die Beziehungen zur damaligen sowjetischen Besatzungszone bzw. zur DDR und gegen Bundeskanzler Ludwig Erhards Vision einer &bdquo;formierten Gesellschaft&ldquo;, um die Dritte Welt um die Befreiungsbewegungen oder gegen den Vietnam-Krieg der USA; sp&auml;testens nach der Bombardierung Nordvietnams hatten die Vereinigten Staaten als das Land der Befreiung vom NS-Regime und der Rettung Berlins vor den Kommunisten bei der Nachkriegsgeneration seinen Nimbus als Vork&auml;mpfer der Freiheit verloren. Und vor allem ging es auch um die &bdquo;Bildungskatastrophe&ldquo; (so der Titel einer Aufsatzserie von Georg Picht 1964). Bei der &bdquo;Aktion 1. Juli&ldquo; des Verbandes deutscher Studentenschaften gingen 1965 schon 50.000 Menschen f&uuml;r mehr Bildung und Chancengleichheit in der Bildung auf die Stra&szlig;e<\/p><p>Mit dem Redeverbot Erich Kubys an der Freien Universit&auml;t 1964 entpuppte sich der Gr&uuml;ndungsmythos der &bdquo;freien&ldquo; Universit&auml;t zum antikommunistischen Bekenntnis. Mit neuen Protestformen, wie etwa den aus Berkeley importierten &bdquo;Sit-ins&ldquo;, Teach-ins&ldquo;, Spaziergangdemonstrationen oder &bdquo;Picketing-lines&ldquo; zun&auml;chst vor allem in Berlin sprang der Funke mit der Erschie&szlig;ung Benno Ohnesorgs nach der Demonstration am 2. Juni 1967 gegen den persischen Schah auf die gesamte Republik &uuml;ber. Die nunmehr vor allem von Studierenden getragene &bdquo;Studentenrevolte&ldquo; (als Teil der APO) erreichte ein Jahr sp&auml;ter ihren H&ouml;hepunkt nach dem Attentat auf Rudi Dutschke mit den Osterunruhen als &uuml;ber 300.000 in ganz Deutschland auf die Stra&szlig;e gingen und vor allem gegen Objekte des Axel Springer Verlages wegen dessen Aufwiegelung gegen studentische Krawallmachern &bdquo;Gewalt gegen Sachen&ldquo; ausge&uuml;bt wurde.<\/p><p>Der H&ouml;hepunkt der Massenmobilisierung war zugleich der Beginn des Zerfalls der Studentenbewegung. An der Diskussion &uuml;ber die &bdquo;emanzipatorische&ldquo; gegen die &bdquo;repressive&ldquo; Gewalt schieden sich die Geister. Mit der &bdquo;Schlacht am Tegeler Weg&ldquo; am 4. November 1968 als eine gr&ouml;&szlig;ere Gruppe von Demonstranten aktiv und militant die damals noch ohne Helm agierenden Polizeikr&auml;fte attackierten. Mit der offensiven Anwendung von Gewalt auch gegen Personen brach die bisherige jedenfalls nach au&szlig;en ge&uuml;bte Solidarisierung gegen die &bdquo;Herrschenden&ldquo; auseinander. Selbst in den politisch radikalsten Gruppen folgte nur eine kleine Minderheit dem Weg in den &bdquo;individuellen Terror&ldquo; (Christian Semler). Es ist eine glatte Geschichtsverf&auml;lschung, wenn heute immer noch die These vertreten wird, die Terrorgruppen &bdquo;RAF&ldquo; oder der &bdquo;Bewegung 2. Juni&ldquo; seien nur konsequente Fortentwicklungen der studentischen Protestbewegung gewesen. <\/p><p>Seiffert belegt, dass keineswegs nur Berlin der &bdquo;Nabel der Ereignisse&ldquo; war. Schon 1966 gab es in K&ouml;ln eine Stra&szlig;enbahnblockade, die vom RCDS-Mitglied und AStA-Chef Klaus L&auml;pple verantwortet wurde und die wegen der jahrelang beibehaltenen h&ouml;chstrichterlichen Rechtsprechung, wonach eine Sitzblockade die Anwendung von physischer Gewalt sei, viele Jahre nachwirkte. Im Herbst 1967 enth&uuml;llten Detlev Albers (einer, der im Buch Interviewten) und Gert Hinnerk Behlmer bei der Rektorats&uuml;bergabe das Transparent &bdquo;Unter den Talaren &ndash; Muff von 1000 Jahren&ldquo;, das zu einer Kernparole der Studentenbewegung wurde. Auch in anderen St&auml;dten, wie etwa T&uuml;bingen, Heidelberg, Marburg und anderswo gab es zahlreiche spektakul&auml;re Protestaktionen.  <\/p><p>An der Anti-Springer-Kampagne lassen sich die Unterschiede zwischen SDS und SHB aufzeigen. W&auml;hrend der SDS &bdquo;Enteignet Springer&ldquo; forderte, belie&szlig; es der SHB bei der Kampagne &bdquo;Haut dem Springer auf die Finger&ldquo;. Der SHB war die &bdquo;gem&auml;&szlig;igte Variante&ldquo; des SDS. Jeanette Seiffert arbeitete jedoch heraus, dass der bei seiner Gr&uuml;ndung noch parteitreue Studentenverband der SPD durchaus ma&szlig;geblich an der Studentenrevolte teilhatte. Ende 1967 seien f&uuml;nf AStA-Chefs an den politisch bedeutendsten Hochschulen aus dem SHB kamen, der SDS stellte keinen AStA-Vorsitzenden.<\/p><p>Seiffert zeichnet die Entwicklung des SHB vom parteitreuen zum in inner- und au&szlig;erparteilicher Opposition zur SPD stehenden Studentenverband nach, dem dann 1972 mit nur einer Gegenstimme im Parteirat der Name &bdquo;sozialdemokratisch&ldquo; aberkannt wurde und der sich danach &bdquo;Sozialistischer Hochschulbund&ldquo; nannte.<br>\nDie Historikerin beschreibt, wie schwer sich die SPD tat, mit der Eintrittswelle junger Leute umzugehen und wie unterschiedlich die Landesverb&auml;nde reagierten. Sie weist auf die durchaus zwiesp&auml;ltige Rolle Willy Brandts, auf die integrative Rolle Horst Ehmkes oder des schleswig-holsteinischen Landesvorsitzenden Jochen Steffen, dem &bdquo;roten Jochen&ldquo; hin.<\/p><p>Einen gro&szlig;en Teil des Buches nimmt die Rolle der Jusos ein. Es wird der Weg dieser SPD-Arbeitsgemeinschaft in die Opposition zur Mutterpartei beschrieben, etwa mit der Ablehnung der Gro&szlig;en Koalition und den Forderungen nach &bdquo;Demokratisierung&ldquo; der Partei und der Anerkennung der APO als legitime politische Kraft bis hin zu den Beschl&uuml;ssen nach &bdquo;system&uuml;berwindenden Reformen&ldquo;. Seiffert schildert die politischen Fl&uuml;gel- und pers&ouml;nlichen Konkurrenzk&auml;mpfe zwischen sog. Marxisten, &bdquo;Antirevisionisten&ldquo; oder den &bdquo;System&uuml;berwindern&ldquo; auf der Basis des Godesberger Programms. Die Auseinandersetzung kulminierte in der sog. &bdquo;Stamokapdebatte&ldquo;, in deren Kern es um die Frage ging, wie unabh&auml;ngig der Staat bzw. die Politik gegen&uuml;ber der Macht wirtschaftlicher Monopole ist bzw. sein kann. Der Streit zwischen den Fl&uuml;geln der Jusos war noch heftiger als der Streit mit der Mutterpartei. <\/p><p>Innerhalb der SPD wurde von den Jusos die Frage der innerparteilichen Demokratisierung allm&auml;hlich &uuml;ber die Frage nach einer Gesellschaftsver&auml;nderung gestellt. Diese Verlagerung hing ganz direkt damit zusammen, dass allm&auml;hlich die pers&ouml;nliche Karriere innerhalb der Partei wichtiger wurde als die politischen Inhalte, die man durchsetzen wollte.<\/p><p>An den politischen Biografien von mehr oder weniger exponierten Aktivisten aus dem SHB und der Jusos zeigt Seiffert den &bdquo;Grundwiderspruch&ldquo; des Marschs durch die Institutionen auf: &bdquo;Je erfolgreicher (der Marsch) war, je mehr &Auml;mter und Mandate und damit Macht die 68er (&hellip;) erlangten, desto mehr f&uuml;hrte dies gleichzeitig zu einer Schw&auml;chung dieses Marsches.&ldquo; (S. 146)<\/p><p>Vor allem nach dem Kanzlerwechsel von Willy Brandt zu Helmut Schmidt 1974 machte sich unter den 68ern Resignation breit. Anders als unter Willy Brandts &bdquo;Erziehungsversuchen&ldquo; verlangten Helmut Schmidt, Hans-Jochen Vogel (jedenfalls noch zu dieser Zeit), Bruno Friedrich oder Friedhelm Farthmann in NRW Disziplin statt Diskussion. Es entwickelte sich ein System &bdquo;restriktiver Toleranz&ldquo;, d.h. der Belohnung f&uuml;r die sich Anpassenden und von Sanktionen gegen die Aufm&uuml;pfigen, diese reichten von Funktionsverboten bis zu Parteiausschl&uuml;ssen. Es gab einen innerparteilichen Maulkorberlass gegen die Jugendverb&auml;nde und au&szlig;erhalb der Partei den &bdquo;Radikalenerlass&ldquo; f&uuml;r den &ouml;ffentlichen Dienst. Auf dessen rechtlicher Grundlage wurden bis 1981 186.000 junge Berufsanf&auml;nger auf ihre Gesinnung &uuml;berpr&uuml;ft und 10.000 wurde die Einstellung etwa als Lehrer verweigert.<\/p><p>Das Scheitern der Kampagne gegen diese sog. &bdquo;Berufsverbote&ldquo; demoralisierte die 68er au&szlig;erhalb wie innerhalb der Partei. Der Parteiausschluss von Klaus-Uwe Benneter 1977, wenige Monate nachdem er damals zu Juso-Vorsitzenden gew&auml;hlt wurde, und vor allem die Verweigerung der Solidarit&auml;t der allermeisten bekannteren Juso-Funktion&auml;re war ein Schlag, von dem sich die Jusos nie wieder erholt haben, schreibt Seiffert. Es kam zu Abspaltungen vom SHB und zum Kotau der &bdquo;uneingeschr&auml;nkten Unterst&uuml;tzung&ldquo; von SPD-Kandidaten und von Helmut Schmidt etwa unter Gerhard Schr&ouml;der als Juso-Vorsitzendem. Der &bdquo;Imperativ des Machterhalts&ldquo; r&uuml;ckte vor inhaltliche Interessen. &bdquo;Heuern die jungen Linken bei den Jusos an, so fordern sie &acute;systemsprengende Strategien`, bekommen sie ein Juso-Amt, reden sie von `systemver&auml;ndernden Ma&szlig;nahmen`, erwerben sie zuletzt ein Parteimandat hinzu, so sind sie meist mit &acute;systemreformierender Politik` zufrieden.&ldquo; (Seiffert S. 182, Die Zeit von 1971 zitierend)<br>\nAus &bdquo;jungen Wilden&ldquo; wurden angepasste Pragmatiker &ndash;  statt Systemwechsel gab es bestenfalls noch einen Generationswechsel. Aus der Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialisten wurde eine &bdquo;Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer P&ouml;stcheninhaber&ldquo; (ASPI) (S.195) Manche der im Buch Begleiteten, wie der sp&auml;tere Forsa-Chef Manfred G&uuml;llner, nutzten die Partei nur als &bdquo;Wirtstier&ldquo; f&uuml;r die eigenen &ouml;konomischen Interessen (S. 252). <\/p><p>Wohl mit der Erfahrung, dass aus dem langen Marsch &bdquo;durch&ldquo; die Institutionen ein kurzer Weg zum Abgang &bdquo;in&ldquo; die Institutionen und in die Anpassung an die herrschenden Gepflogenheiten des pragmatischen Establishments wurde, entstanden unter Umgehung von Parteien und Verb&auml;nden &bdquo;neue soziale Bewegungen&ldquo;: Die &Ouml;kologie-, die AKW-, die Friedens-, die Umwelt- und vor allem auch die Frauenbewegung: Die Abkehr von der Demokratisierung aller Lebensbereiche zur&uuml;ck an die Basis und in konkrete Projekte, vom &bdquo;Kampf gegen das Kr&ouml;tensterben&ldquo; bis zum &bdquo;H&auml;userkampf&ldquo; mit seinen &bdquo;Instandbesetzungen&ldquo;, als antiautorit&auml;res Aufbegehren gegen bestehende Machtstrukturen und gegen die Apparate. Ende der 70er Jahre entstanden die &bdquo;Alternativen Listen&ldquo; und B&uuml;rgerinitiativen aus denen sp&auml;ter die Partei B&uuml;ndnis 90\/Die Gr&uuml;nen entstand.<\/p><p>Diejenigen 68er, die innerhalb der SPD weiter machten, suchten sich Politiknischen, in denen es gefahrloser war alternative Positionen zur Partei zu vertreten: die Bildungs-, die Medien-, die Abr&uuml;stungs- oder die Au&szlig;enpolitik. Die Friedensdemonstration am 10. Oktober 1981 im Bonner Hofgarten mobilisierte zwar noch einmal 300.000 Menschen und es gab auch noch einmal Widerborstigkeit innerhalb der SPD, so trat Erhard Eppler als Redner auf, aber selbst bei der Nachr&uuml;stung im Rahmen des Nato-Doppelbeschlusses stimmten die meisten der nunmehr schon Alt-68er zu. Jeanette Seiffert r&auml;umte dabei nebenbei mit der Legende auf, dass die &bdquo;Linken&ldquo; in der SPD die &bdquo;K&ouml;nigsm&ouml;rder&ldquo; Helmut Schmidts gewesen seien. Dazu waren sie sich untereinander viel zu uneinig, es war schon l&auml;ngst kein gemeinsamer Marsch mehr.<\/p><p>Jeanette Seifferts Dissertation &uuml;ber &bdquo;Die 68er in der SPD&ldquo; ist keine &bdquo;objektive&ldquo; Geschichtsschreibung, dazu w&auml;ren auch noch die &bdquo;anderen Lebenswelten&ldquo; (Willy Brandt) einzubeziehen, aber es ist eine genaue und faktenreiche Darstellung der Geschichte aus der Perspektive des Teils der 68er, der die Auseinandersetzung mit der SPD und die mit dem Weg in die SPD diese innerparteilich ver&auml;ndern und damit die Gesellschaft ver&auml;ndern wollte.<br>\nDie Autorin beschreibt, wie sich die politischen Inhalte der APO allm&auml;hlich entwickelten und misst an diesen Positionen deren Abschleifen und die Integration der Aktivisten in der SPD. Sie konstatiert n&uuml;chtern, dass die SPD die 68er sehr viel st&auml;rker ver&auml;ndert hat, als dies umgekehrt der Fall war. (S. 312) Diejenigen, die weiter gegen den innerparteilichen &bdquo;Mainstream&ldquo; geschwommen sind, haben dies mit dem Preis ihres politischen Fortkommens bezahlt, innerparteilichen Einfluss konnten sie nicht aus&uuml;ben.<\/p><p>Wenn es Lehren aus dieser Geschichte zu ziehen gilt, dann die, dass die Beharrungskr&auml;fte innerhalb der SPD und vermutlich auch in den anderen etablierten Parteien immens sind, dass Disziplin, Pragmatismus und Machterhalt wichtiger als Inhalte oder Programme der Parteien sind. Politischer Druck auf Ver&auml;nderung entsteht wohl eher au&szlig;erhalb der Parteien als innerhalb und der Marsch durch die Institutionen ger&auml;t eher zum Abmarsch in die Institutionen:<br>\nMacht erh&auml;lt, wer die bestehende Macht erh&auml;lt. <\/p><p>F&uuml;r mich bleiben nach der Lekt&uuml;re des Buches zwei eher hypothetische Fragen: Was w&auml;re aus der SPD geworden oder was h&auml;tten wir heute f&uuml;r politische Verh&auml;ltnisse, wenn die 68er ihren Marsch durch und in die SPD nicht angetreten h&auml;tten?<br>\nUnd zweitens, was h&auml;tten wir heute f&uuml;r eine Republik, wenn die SPD nach dem gl&auml;nzenden Wahlsieg von Willy Brandt im Jahre 1972 die Hoffnungen der ganz Vielen auf Ver&auml;nderung dr&auml;ngenden Menschen aufgenommen und sie nicht entt&auml;uscht h&auml;tte?<\/p><p><strong>p.s.: Pers&ouml;nliche Anmerkung<\/strong><\/p><p>Das Buch hat mich trotz seiner Wissenschaftlichkeit bewegt, weil es auch meine politische Biografie widerspiegelt. Wie schon erw&auml;hnt, war ich seit 1964 im SHB bis auf der Vorstandsebene, ich war 1969\/70 im Vorstand des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS) und habe danach &ndash; politisch frustriert eben in meiner &bdquo;b&uuml;rgerlichen Existenz&ldquo; &ndash; wissenschaftlich gearbeitet. Zuerst an einer medienjuristischen Dissertation zum Thema &bdquo;Kabelfernsehen und Rundfunkgesetze&ldquo;, in der ich einen pluralistisch organisierten, von den gesellschaftlichen Gruppen kontrollierten und nicht von kommerziellen Interessen gesteuerten Rundfunk als einzig und allein verfassungskonform verteidigen wollte. Danach arbeitete ich als Assistent an verschiedenen Unis am Thema einer &bdquo;sozialvertr&auml;glichen Energieversorgung&ldquo; und habe Arbeiten dar&uuml;ber geschrieben, etwa dass die Nutzung der Kernenergie ein rechtlich nicht hinnehmbares Risiko darstellt. Noch sp&auml;ter habe ich mich in einem Forschungsprojekt mit der Frage besch&auml;ftigt, wie Arbeitnehmerinteressen st&auml;rker und besser als Gegenstand von Forschung und Lehre aufgegriffen werden k&ouml;nnten. <\/p><p>Obwohl ich meine berufliche Perspektive in der Hochschule sah, konnte mich Albrecht M&uuml;ller in die Planungsabteilung des Kanzleramtes von Helmut Schmidt &bdquo;abwerben&ldquo;. Wir k&auml;mpften gemeinsam gegen die Kommerzialisierung des Fernsehens und konnten uns dabei sogar eher auf Helmut Schmidt als auf die SPD &ndash; vor allem in Person des damaligen Bundesgesch&auml;ftsf&uuml;hrers Peter Glotz &ndash; verlassen. Nach der Wende zu Helmut Kohl schwenkte die SPD auch in dieser Frage um und propagierte (interessanterweise wie sp&auml;ter bei der Rente) das &bdquo;duale System&ldquo; von &ouml;ffentlich-rechtlichem und privatem Fernsehen.<\/p><p>Nach mehr einbezogen in &bdquo;die Macht&ldquo; war ich als langj&auml;hriger Sprecher der Landesregierung NRW unter Johannes Rau. Rau war nun alles andere als ein &bdquo;Linker&ldquo; innerhalb der SPD, aber ich konnte die Arbeit als sein &bdquo;Sprecher&ldquo; gut verantworten, weil ich mir sicher sein konnte, dass sein stark christlich gepr&auml;gtes Weltbild seiner Politik eine humanistische Fundierung gab. Jedenfalls hatte man die Sicherheit einer verl&auml;sslichen Bandbreite seines politischen Handelns, das auch die Interessen der &bdquo;schwachen Schultern&ldquo; im Auge hatte.<br>\nDanach kam ich zur Wissenschaft zur&uuml;ck, wenn auch nur als Staatssekret&auml;r im NRW-Wissenschaftsministerium unter der damaligen Ministerin Anke Brunn (deren politischer Werdegang im rezensierten Buch auch ausf&uuml;hrlich beschrieben wurde). Erst mein Rauswurf durch den damaligen Ministerpr&auml;sidenten Wolfgang Clement aus dem Amt gab mir wieder die Freiheit zur&uuml;ck, ohne R&uuml;cksichtnahmen und Zw&auml;nge lesen, denken und sagen zu d&uuml;rfen, was ich f&uuml;r richtig halte.<\/p><p>Es war f&uuml;r mich vor der Lekt&uuml;re des Buches von Jeanette Seiffert nicht so deutlich, dass ich nach meinem 68er-Engagement offenbar genau die inhaltlichen Nischen suchte, die auch viele andere 68er in der SPD fanden, also die Medienpolitik, die Umwelt- und Atomkraftfrage und die Bildungspolitik. <\/p><p>In der politischen Praxis konnte ich vielleicht bei einigen Fragen, den Lauf der Dinge etwas aufhalten oder konnte wenigstens eine Debatte dar&uuml;ber aufrechterhalten, aber gemessen an meinen urspr&uuml;nglichen Idealen &uuml;ber eine demokratischere, gerechtere, solidarischere und damit auch freiheitlicheren Gesellschaft war das wenig.<\/p><p>Es w&auml;re einer Monografie wert, die Gr&uuml;nde f&uuml;r das Scheitern jedenfalls vieler durchaus auch konkreter gesellschaftlicher Utopien der 68er zu analysieren.<\/p><p>Der wichtigste Grund ist wohl, dass man in der Gesellschaft sein Brot verdienen und seine Familie ern&auml;hren muss. Das erzwingt Anpassungsleistungen an berufliche Zw&auml;nge. Diese Zw&auml;nge werden vor allem wiederum bestimmt, durch die jeweilige Begrenzung der beruflichen Verantwortung auf relativ begrenzte Zust&auml;ndigkeiten. Da man die gro&szlig;en Zusammenh&auml;nge nicht &auml;ndern kann, bleibt oft nur, das Beste aus dem Unzureichenden zu machen. Theodor Adornos Feststellung in den Minima Moralia &bdquo;Es gibt kein richtiges Leben im falschen&ldquo; begleitete einen stets.<br>\nUm das an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wenn die allgemeine politische Tendenz besteht, den Staat &bdquo;auszuhungern&ldquo;, dann kann man um jede Mark im Wissenschaftshaushalt bis zur Ersch&ouml;pfung k&auml;mpfen, man kann sogar den einen oder anderen kleinen Erfolg erzielen, aber wenn es die abstrakte und allgemeine Vorgabe gibt, dass der Gesamthaushalt gek&uuml;rzt werden muss und alle Ressorts dazu beizutragen haben, dann landet man am Ende eben bei einer K&uuml;rzung. Es hilft einem dann eben nicht viel, wenn man eine falsche Finanz- oder eine die Steuereinnahmen senkende Wirtschaftspolitik kritisiert und in der Praxis den Rektoren der Hochschulen verk&uuml;nden muss, dass Hochschullehrerstellen gestrichen werden m&uuml;ssen, weil das n&ouml;tige Geld fehlt.<\/p><p>Meine nachtr&auml;gliche Beobachtung ist, dass wir seit dem Niedergang der 68er an einer Parzellierung des politischen Denkens oder umgekehrt an zahllosen verengten Horizonten auf den verschiedensten Feldern und in den gesellschaftlichen Institutionen leiden. Es gibt Millionen oder gar Milliarden von Einblicken, aber kein einheitliches Bild. Es fehlt schon an der Diskussion dar&uuml;ber, wie man sich eine zuk&uuml;nftige menschliche Gesellschaft vorstellen k&ouml;nnte.<br>\nWir leben seit Jahrzehnten in einer Zeit eindimensionaler, ja sogar primitiver Weltbilder &ndash; etwa dass der Einzelne seine Interessen besser kenne und wahrnehme als eine kollektive Vernunft oder eine gesellschaftlicher Konsens, dass die &bdquo;invisible hand&ldquo; des Marktes alles besser regelt, als die Politik. Man k&ouml;nnte noch viele der allseits verbreiteten und dazu passenden Legenden aufz&auml;hlen. Das haben wir auf den NachDenkSeiten immer wieder versucht.<\/p><p>Gegen einen offenen Diskurs &uuml;ber eine Ver&auml;nderung stehen m&auml;chtige (&ouml;konomische und diesen entsprechenden ideologische) Interessen und t&auml;glich findet eine Meinungsbeeinflussung statt, dass es so, wie die m&auml;chtigen Interessen es sehen, seine Richtigkeit hat. Und so lange es nicht mehr Menschen gibt, die erkennen, dass es in jeder Gesellschaft m&auml;chtige Interessen gibt und nicht mehr Menschen daran zweifeln, dass deren Interessensicht auch die richtige ist, wird es auch nur wenig Machtverschiebung und damit wenig Ver&auml;nderung geben.<\/p><p>Die letzten S&auml;tze in dem Buch von Jeanette Seiffert treffen offenbar auch auf mich zu:<br>\n&bdquo;Je n&auml;her die untersuchten Personen dem Ende ihrer politischen Laufbahn kamen, desto mehr schwand der Zwang, sich an die Parteilinie &ndash; etwa im Zusammenhang mit der &bdquo;Agenda-Politik&ldquo; &ndash; anzupassen. W&auml;hrend auf der einen Seite, in Abkehr von den urspr&uuml;nglichen basisdemokratischen Anspr&uuml;chen, eine gewisse autorit&auml;re Neigung der &bdquo;68er&ldquo; in der Regierungsverantwortung zu konstatieren ist, so zeigten die meisten von ihnen auf der anderen Seite eine starke Affinit&auml;t zu den von ihnen in den sp&auml;ten siebziger und achtziger Jahren gepr&auml;gten Themen.&ldquo;<\/p><p>Es w&auml;re die Pflicht der 68er ihre Erfahrungen des Scheiterns oder der Anpassung an die j&uuml;ngeren Generationen weiterzugeben. Vielleicht k&ouml;nnte man so aus der Geschichte lernen.<\/p><p><em>Jeanette Seiffert, Die 68er in der SPD. &bdquo;Marsch durch die Institutionen?&ldquo;, Bouvier Verlag, Bonn 2009. <a href=\"http:\/\/www.68er-spd.de\/\">www.68er-spd.de<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich ein einigerma&szlig;en realistisches Bild &uuml;ber einen &ouml;ffentlich weniger wahrgenommenen aber durchaus pr&auml;genden Teil der 68er-Bewegung verschaffen m&ouml;chte, der sollte das Buch von Jeanette Seiffert studieren. 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