{"id":44084,"date":"2018-05-23T12:21:51","date_gmt":"2018-05-23T10:21:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44084"},"modified":"2018-05-23T15:05:00","modified_gmt":"2018-05-23T13:05:00","slug":"was-wolle-qualitaetsjournalist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44084","title":{"rendered":"Was wolle Qualit\u00e4tsjournalist?"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180306-altes-europa-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Leinen los f&uuml;r das Narrenschiff! Mit genau dem gesunden Ma&szlig; an &Uuml;berheblichkeit und Engstirnigkeit, f&uuml;r die wir Deutschen ohnehin weit &uuml;ber unsere Grenzen hinaus geliebt werden, versuchten Deutschlands Leitartikler die italienische Regierungsbildung in den letzten Tagen f&uuml;r ihre Qualit&auml;tsleser zu deuten. Der passende Sponti-Spruch hie&szlig;e wohl &bdquo;Alles Populisten, au&szlig;er Mutti&ldquo;. Die gr&ouml;&szlig;te Sorge gilt dabei offenbar dem Szenario, dass Italien seine &bdquo;Horror-Schulden&ldquo; nicht zur&uuml;ckzahlen mag und damit unseren Euro kaputtmacht. Gemach, Gemach, liebe Kollegen. Zum Einen sollte man klar und deutlich sagen, dass es die neoliberale Politik in Form einer wahnsinnigen Flat-Tax ist, die auch bei der ach so populistischen Rechtspopulisten-Irgendwoindermittepopulisten-Koalition aus Lega und f&uuml;nf Sternen fr&ouml;hlich Urst&auml;nd feiert und tats&auml;chlich auf eine massive Neuverschuldung hindeutet. Zum Anderen fehlt im hohen Klagelied der Edelfedern jedwede Nennung einer Alternative f&uuml;r die Italiener. Dass sie weder den durch und durch korrupten Christdemokraten unter ihrem Bunga-Bunga-Capo Berlusconi, noch den abgewirtschafteten Sozialdemokraten samt dem deutschen Megadarling Matteo Renzi auch nur ein Jota &uuml;ber den Weg trauen, d&uuml;rfte sich doch schon bis in die Redaktionsstuben herumgesprochen haben. &ldquo;Was wolle Qualit&auml;tsjournalist?&rdquo; m&uuml;sste man als in Anlehnung an einen anderen ber&uuml;hmten Italiener fragen? Von <strong>Jens Berger<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5015\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-44084-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180523_Was_wolle_Qualitaetsjournalist_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180523_Was_wolle_Qualitaetsjournalist_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180523_Was_wolle_Qualitaetsjournalist_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180523_Was_wolle_Qualitaetsjournalist_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=44084-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180523_Was_wolle_Qualitaetsjournalist_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180523_Was_wolle_Qualitaetsjournalist_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Lesen Sie dazu bitte auch den Artikel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44073\">&bdquo;Der Heilige Geist hat unsere Medien an Pfingsten nicht erreicht&ldquo;<\/a>, in dem sich Albrecht M&uuml;ller bereits gestern &uuml;ber die Italien-Berichterstattung und insbesondere die Verwendung des Begriffs &bdquo;Populismus&ldquo; in den deutschen Medien beschwerte.<\/em><\/p><p>Wir wissen es ja &ndash; Italien ist verschuldet, ma&szlig;los und instabil, wie uns n-tv gestern mal wieder <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/Deshalb-ist-Italien-eine-Gefahr-fuer-Europa-article20445098.html\">wissen lie&szlig;<\/a>. Ok, in der realen Welt baut Italien <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/167738\/umfrage\/staatsverschuldung-von-italien-in-relation-zum-bruttoinlandsprodukt-bip\/\">seit 2013 seine Staatsschuldenquote artig ab<\/a>, hat seine Volkswirtschaft daf&uuml;r auch durch eine viel zu &bdquo;ma&szlig;volle&ldquo; K&uuml;rzungspolitik besch&auml;digt und brauchte f&uuml;r seine Koalitions- und Regierungsbildung nur halb so lange wie die Deutschen, obgleich unsere Regierungsparteien &ndash; zumindest gemessen an italienischen Verh&auml;ltnissen &ndash; putzigerweise kaum Unterschiede vorweisen. Aber wen interessiert schon die reale Welt, wenn die Parallelwelt der Medien doch so viel unkomplizierter ist.&nbsp;<\/p><p>Dem deutschen Medientenor zufolge, haben die Italiener nun keine Lust mehr, sich wie wir ordentlichen Tedeschi in selbst auferlegter Sparsamkeit zu kasteien und daf&uuml;r auch noch den netten Herrn Renzi abgew&auml;hlt. Und da der Italiener zwar gut kochen kann und das s&uuml;&szlig;e Leben zu sch&auml;tzen wei&szlig;, aber von echter Politik noch weniger Ahnung hat als von guter schw&auml;bischer Volkswirtschaft, ist er dann auch den unbezahlbaren Versprechungen sinisterer Populisten ins Netz gegangen, die &ldquo;uns&rdquo; ans Geld wollen. Daher warnen die Leitartikler auch &ndash; wie es Petra Reski <a href=\"http:\/\/www.petrareski.com\/2018\/05\/22\/die-neue-italienische-kunstflugstaffel\/\">so sch&ouml;n herausgesucht hat<\/a> &ndash; vor dem &bdquo;italienischen Himmelfahrtskommando&ldquo; (Spiegel Online), beschreiben die &bdquo;Selbstverzwergung&ldquo; Italiens (WELT), schimpfen auf die &bdquo;Zumutungen aus Rom&ldquo; (FAZ) und verorten das Land &bdquo;irgendwo zwischen Horror und Tragikom&ouml;die&ldquo; (Tages-Anzeiger und SZ). So weit, so schlecht.&nbsp;<\/p><p>Ein wenig seltsam mutet es aber schon an, dass sich offenbar kein Kommentator die M&uuml;he gemacht hat, sich den <a href=\"https:\/\/s3-eu-west-1.amazonaws.com\/associazionerousseau\/documenti\/contratto_governo.pdf\">Konsens<\/a> der beiden Anti-Establishment-Parteien Lega und F&uuml;nf Sterne einmal genau anzuschauen. Darin finden sich n&auml;mlich einige Punkte, die sich doch gar nicht einmal schlecht anh&ouml;ren: So will man beispielsweise das Parlament und den Senat (zusammen fast 1.000 Sitze) verkleinern, die &uuml;ppige Altersvorsorge der Parlamentarier beschneiden, die Auslandseins&auml;tze der italienischen Armee zur&uuml;ckfahren, die Korruption st&auml;rker bek&auml;mpfen und die Verj&auml;hrungsfristen verl&auml;ngern; viele dieser Punkte sind f&uuml;r deutsche Ohren belanglos, stellen f&uuml;r die von Korruption, Mafia und Nepotismus geplagten Italiener aber einen echten Befreiungsschlag dar, der f&uuml;r sehr viele W&auml;hler wahlentscheidend ist. Seltsam, dass diese Punkte in den Leitartikeln meist unter den Teppich gekehrt werden. Dass das verabredete Ende der Sanktionspolitik gegen&uuml;ber Russland und der Wunsch, Russland solle k&uuml;nftig ein strategischer Verb&uuml;ndeter Italiens werden, meist ebenfalls nicht erw&auml;hnt wird, versteht sich hingegen schon fast von selbst.<\/p><p>Andere Punkte, die meist von den F&uuml;nf Sternen eingebracht wurden, sind aus linker Perspektive durchaus positiv zu bewerten; da man aber wei&szlig;, dass die Leitartikel hier anders ticken, ist ihre Ablehnung bei diesen Punkten zumindest nicht &uuml;berraschend. So w&auml;re es eher eine Sensationsmeldung, wenn WELT oder FAZ die von den Koalition&auml;ren vereinbarte M&ouml;glichkeit, fr&uuml;her in Rente zu gehen, positiv kommentieren w&uuml;rden. Ein wenig differenzierter sollte man das angebliche &bdquo;B&uuml;rgergeld&ldquo; bewerten, das teils gar als &bdquo;Grundeinkommen&ldquo; verkauft wird. Was Lega und F&uuml;nf Sterne dort skizzieren, erinnert mit seiner Begrenzung auf italienische Erwerbslose, die arbeitswillig und -f&auml;hig sind, und seiner Laufzeit von zwei Jahren eher an eine Art zeitlich begrenztes &bdquo;Hartz IV&ldquo; und ist mit 780 Euro ohnehin viel zu niedrig bemessen.&nbsp;Vorsicht sollte auch bei der Bewertung der migrationspolitischen Formulierungen gelten. Dort ist viel von &bdquo;schnelleren Abschiebungen&ldquo; oder einer &bdquo;Beschleunigung der Verfahren&ldquo; zu lesen. Allesamt Punkte, die streng genommen bereits von den Sozialdemokraten in der letzten Legislaturperiode umgesetzt wurden und nicht &uuml;ber Forderungen hinausgehen, die hierzulande im Programm der CSU stehen. Von einem &bdquo;Rechtsruck&ldquo; durch die nationalistische und reaktion&auml;re Lega kann also nicht wirklich die Rede sein, was jedoch kein Grund ist, die Regelungen nicht im Detail zu kritisieren. <\/p><p>Ein anderer Punkt, der so ganz und gar nicht in die &ldquo;Geschichten&rdquo; der Leitartikler passt, taucht in den deutschen Medien jedoch erstaunlich selten auf: Die Steuerpolitik der Koalition wurde n&auml;mlich offenbar 1:1 von der nicht nur rechten, sondern auch neoliberalen Lega diktiert. So sieht das Koalitionspapier beispielsweise eine Flat-Tax&nbsp;in H&ouml;he von 15% bzw. 20% f&uuml;r Unternehmen und Privatpersonen vor &ndash; bislang betr&auml;gt der Spitzensteuersatz 43%. Gew&uuml;rzt wird dieses Gala-Diner f&uuml;r die Reichen des Landes mit zahlreichen Ausnahmen und Sonderregelungen, die aus Italien k&uuml;nftig ein &ldquo;neoliberales Wirtschaftsparadies&rdquo; machen, das sogar Irland Konkurrenz macht, wie es der italienische &Ouml;konom Mario Pianta <a href=\"https:\/\/www.socialeurope.eu\/lib-pop-politics-why-italys-new-government-is-more-neoliberal-than-populist\">spitz formuliert<\/a>.<\/p><p>Diese Steuergeschenke f&uuml;r Unternehmen und Reiche sind es dann auch, die das Programm der neuen Regierung massiv &uuml;berschatten und nebenbei Italien zur Aufnahme neuer Schulden zwingen. Die Leitartikler bringt so etwas nat&uuml;rlich in eine missliche Lage, finden sie doch neoliberale Hardcore-Reformen &aacute; la Flat-Tax eigentlich toll. Durch die De-Facto-Vergemeinschaftung der Schulden &uuml;ber die EZB &ndash; die so nat&uuml;rlich nur in den K&ouml;pfen dieser Leitartikler existiert &ndash; m&uuml;sste Deutschland nun aber gem&auml;&szlig; ihrer eigenen ideologischen Kurzschl&uuml;sse im Falle eines Falles f&uuml;r die Schulden Italiens geradestehen. Im Kopf der Leitartikler l&auml;uft also ein Film, in dem die Populisten nun das Geld der deutschen Leitartikler verschenken &hellip; und das geht nat&uuml;rlich gar nicht und erkl&auml;rt den heiligen Zorn der Edelfedern zumindest psychologisch zum Teil. Wer wissen will, was im Narrenhaus vor sich geht, muss versuchen, selbst wie ein Narr zu denken. <\/p><p>Doch Zorn ist auch nur dann produktiv, wenn er zielgerichtet ist. Was ist denn die Antwort der Leitartikler auf die italienischen Verh&auml;ltnisse? Berlusconi wirkt zwar noch im Hintergrund, kann mit viel M&uuml;he, Not, Manipulation und Gl&uuml;ck aber auch nur 10% der Stimmen sammeln. Die Sozialdemokraten haben &ndash; das scheint ja in diesen Kreisen in Mode zu sein &ndash; kollektiven Selbstmord begangen und sind von Umfragewerten von 45% vor vier Jahren derart j&auml;h abgest&uuml;rzt, dass sie momentan zusammen Kopf an Kopf mit Berlusconi um die Zweistelligkeit k&auml;mpfen. Gr&uuml;ne und Linke spielen keine Rolle. Die Parteien, die bei uns 80% der W&auml;hler repr&auml;sentieren und dies in Italien vor wenigen Jahren ja auch noch taten, kommen zusammen zur Zeit auf maximal ein Viertel der Stimmen. Vox Populi, Vox Rindvieh? Wer die Demokratie ansonsten immer als allgl&uuml;ckseeligmachendes Ideal des Westens feiert, muss auch das Votum der Italiener respektieren &ndash; und eine Regierung, die Merkel und ihrer Schreibbrigade in den Kram passt, ist in Italien nun einmal auch mit richtig viel Fantasie nicht in Sicht.&nbsp;Was also tun?<\/p><p>Sollte Matteo Renzi nicht mit seinen schwarz-rot-goldenen Brigaden Abgeordnetenhaus und Senat st&uuml;rmen und die Technokratie ausrufen, wird Europa mit dem Votum der Italiener leben m&uuml;ssen. Immerhin gibt es ja noch den Trost, dass der Staatspr&auml;sident Gesetze, die die Stabilit&auml;t des Landes gef&auml;hrden, auch verhindern und im Falle eines Falls auch Neuwahlen ausrufen kann. Dies w&auml;re bei der verabredeten Radikal-Steuerreform sicher der Fall, w&uuml;rde Italien jedoch in eine Verfassungskrise st&uuml;rzen und letzten Endes wohl auf eine demokratisch nicht legitimierte &bdquo;Technokratenregierung&ldquo; hinauslaufen. Es w&auml;re daher an der Zeit, zusammen mit der neuen italienischen Regierung konstruktiv &uuml;ber die k&uuml;nftige politische Gestaltung Europas zu sprechen. Die Schnappatmung deutscher Leitartikler ist daf&uuml;r freilich eher kontraproduktiv.&nbsp; &nbsp;<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/93a7d80bfbd949a9b50c0788f6804327\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180306-altes-europa-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Leinen los f&uuml;r das Narrenschiff! Mit genau dem gesunden Ma&szlig; an &Uuml;berheblichkeit und Engstirnigkeit, f&uuml;r die wir Deutschen ohnehin weit &uuml;ber unsere Grenzen hinaus geliebt werden, versuchten Deutschlands Leitartikler die italienische Regierungsbildung in den letzten Tagen f&uuml;r ihre Qualit&auml;tsleser zu deuten. 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