{"id":44196,"date":"2018-05-31T11:45:07","date_gmt":"2018-05-31T09:45:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44196"},"modified":"2026-01-27T11:29:13","modified_gmt":"2026-01-27T10:29:13","slug":"ihren-konkreten-arbeits-und-lebensbedingungen-ihren-sorgen-und-noeten-wird-keine-beachtung-geschenkt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44196","title":{"rendered":"\u201eIhren konkreten Arbeits- und Lebensbedingungen, ihren Sorgen und N\u00f6ten, wird keine Beachtung geschenkt\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180530_sauer.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Rechte Umtriebe werden auch in Betrieben und Gewerkschaften sichtbar. Darauf macht <strong><a href=\"http:\/\/www.isf-muenchen.de\/mitarbeiter\/24\/Dieter-Sauer\">Dieter Sauer<\/a><\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten aufmerksam. Sauer, der am M&uuml;nchner Institut f&uuml;r Sozialwissenschaft forscht, hat sich in einer Untersuchung unter anderem damit auseinandergesetzt, wie sich der Einfluss von rechts in der Arbeitswelt bemerkbar macht und er wollte wissen, was die Ursachen f&uuml;r die Attraktivit&auml;t rechten Gedankenguts in den Betrieben sind. Im Interview sagt Sauer, dass die Entt&auml;uschung der Arbeitnehmer &uuml;ber die Politik &bdquo;als ein Einfallstor f&uuml;r den Rechtspopulismus gesehen werden&ldquo; muss. Ein Interview von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8758\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-44196-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180531_Ihren_Sorgen_und_Noeten_wird_keine_Beachtung_geschenkt_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180531_Ihren_Sorgen_und_Noeten_wird_keine_Beachtung_geschenkt_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180531_Ihren_Sorgen_und_Noeten_wird_keine_Beachtung_geschenkt_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180531_Ihren_Sorgen_und_Noeten_wird_keine_Beachtung_geschenkt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=44196-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180531_Ihren_Sorgen_und_Noeten_wird_keine_Beachtung_geschenkt_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180531_Ihren_Sorgen_und_Noeten_wird_keine_Beachtung_geschenkt_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Sauer, was haben Gewerkschaften mit rechten Aufr&uuml;hrern zu tun?<\/strong><\/p><p>Ganz einfach: Sie werden damit konfrontiert in den Betrieben, bei den aktuellen Betriebsratswahlen und in der eigenen Organisation. Allerdings sind &bdquo;rechte Aufr&uuml;hrer&ldquo; nicht das gro&szlig;e Problem, denn davon gibt es bislang nur wenige und dagegen vorzugehen, ist relativ einfach &ndash; vor allem dann, wenn sie als Gegner der Gewerkschaften auftreten. Schwieriger ist es, mit Rechten umzugehen, die sich nicht extrem &auml;u&szlig;ern, die als Gewerkschafter agieren,  schwer als Rechte zu erkennen sind und oft &bdquo;unter der Decke der betrieblichen &Ouml;ffentlichkeit&ldquo; aktiv werden.  <\/p><p><strong>Wie zeigt sich das denn konkret? Was haben Sie herausgefunden?<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend der Rechtspopulismus auf der politischen B&uuml;hne organisiert und lautstark auftritt, kommt er im Betrieb eher auf leisen Sohlen daher. Er hat nicht den Charakter einer offensiven Propaganda oder einer organisierten Bewegung. Nicht spektakul&auml;re Aktionen, sondern eher ein verdecktes und subversives Vorgehen sind f&uuml;r den Auftritt des Rechtspopulismus in den Betrieben gegenw&auml;rtig kennzeichnend.                                                                                                               <\/p><p><strong>Sie haben mehrmals den Begriff &bdquo;Rechtspopulismus&ldquo; verwendet und er ist auch im Titel Ihres Buches zu finden. Albrecht M&uuml;ller, der Herausgeber der NachDenkSeiten, hat sich kritisch mit dem Begriff <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34572\">auseinandergesetzt<\/a>  und hat folgenden Vorschlag:<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Streichen wir das Wort Populismus aus unserem Sprachgebrauch. Es ist zu ungenau. Es dient vor allem der Diffamierung und im Umkehrschluss der Reinwaschung.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Der Begriff bringt durchaus seine Probleme mit sich. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Gegen die Kennzeichnung der neuen Rechten als &raquo;rechtspopulistisch&laquo; gibt es verschiedene Einw&auml;nde. Da wir aber keine Untersuchung der rechten Parteienlandschaft und auch keine pr&auml;zise Sezierung der AfD vornehmen, sondern das breite Spektrum von rechten Orientierungen in den Betrieben erfassen wollten, schien uns der Rechtspopulismusbegriff als bewusst breiter und unscharfer Begriff geeignet. Wir orientieren uns an dem von Alexander H&auml;usler formulierten Begriff. Dieser betont den programmatisch oft noch nicht festen Zustand der Neuen Rechten. <\/p><p><strong>Wodurch kennzeichnet sich denn die Neue Rechte?<\/strong><\/p><p>Wir erkennen, dass sie einen Alleinvertretungsanspruch eines ethnisch homogen angesehenen &bdquo;Volkes&ldquo; geltend macht, das es so aber nicht gibt. Sie zeigt aber auch eine harsche Establishmentkritik. Diese ist vornehmlich in Richtung der &bdquo;politischen Klasse&ldquo; gerichtet. In diesem Sinne hilft der Begriff des Rechtspopulismus zur Beschreibung und zum Verst&auml;ndnis verbindender Merkmale und Wirkungen unterschiedlicher rechter Parteien und Str&ouml;mungen. <\/p><p><strong>Aber noch mal zu Ihrer Feststellung, wonach in den Betrieben im Zusammenhang mit rechten Umtrieben ein verdecktes und subversives Vorgehen zu beobachten sei. Was hei&szlig;t das? <\/strong><\/p><p>Die von uns Befragten berichten von einem breiten Spektrum, in dem der Rechtspopulismus im Betrieb sichtbar wird. Es reicht von der vorsichtigen &Auml;u&szlig;erung von Bef&uuml;rchtungen und &Auml;ngsten gegen&uuml;ber Gefl&uuml;chteten, &uuml;ber deutlich fremdenfeindliche und rassistische Statements im Betrieb oder in den sozialen Medien bis zu offenen AfD-Aktivit&auml;ten und zur Infiltration der betrieblichen Interessenvertretung. Der interne Austausch rechten Gedankengutes zwischen den sympathisierenden Followern in den sozialen Medien hat den Effekt, dass das Ausma&szlig; und die Verbreitung rechter Orientierungen im Betrieb eher untersch&auml;tzt werden. Fast alle berichten von einer &bdquo;Klimaver&auml;nderung&ldquo; in den Betrieben, die mit der Fluchtbewegung 2015 einsetzt. Beobachtet wird eine Enttabuisierung rechter Meinungs&auml;u&szlig;erungen. Was an rechter Orientierung, an Alltagsrassismus vermutlich schon immer vorhanden war, wird jetzt offener gezeigt und ausgesprochen.  Die Devise lautet dabei h&auml;ufig: &bdquo;die Gefl&uuml;chteten nehmen uns was weg&ldquo;.<\/p><p><strong>Was macht die AfD? <\/strong><\/p><p>Die AfD als Organisation macht in den Betrieben gar nichts. Aber als Projektionsfl&auml;che f&uuml;r die Unzufriedenheit der Besch&auml;ftigten spielt sie eine zentrale Rolle. Wir fanden viele Hinweise auf Kollegen, die AfD gew&auml;hlt haben oder w&auml;hlen wollen. In den meisten F&auml;llen ist von Protestw&auml;hlern die Rede: Sie w&auml;hlen AfD nicht, weil sie sie gut finden, sondern als Protest gegen die anderen politischen Parteien. &bdquo;Wir w&auml;hlen jetzt die AfD, ob rechts oder nicht &ndash; Hauptsache, es &auml;ndert sich was&ldquo;. Manche Kollegen &auml;u&szlig;ern Verst&auml;ndnis f&uuml;r diese &bdquo;Protestw&auml;hler&ldquo;, die manchmal auch Wechselw&auml;hler zwischen links und rechts sind. Andererseits gibt es auch Hinweise, dass es inhaltliche Gr&uuml;nde f&uuml;r die Wahl der AfD gibt bzw. gab, die vor allem mit der Politik gegen&uuml;ber Gefl&uuml;chteten zu tun haben.  Bekenntnisse zur Wahl der AfD verbinden sich h&auml;ufig mit einer Relativierung der Hemmschwellen.<\/p><p><strong>Wie meinen Sie das? <\/strong><\/p><p>Zum Beispiel hei&szlig;t es: AfD, Pegida etc. sind doch keine Nazis&hellip;Die AfD ist nicht so schlimm. Und es bleibt vielfach offen, wieweit die Sympathien und Beziehungen gehen.                                                                                                                      Die Wahlerfolge der AfD in den Jahren 2016\/17 verst&auml;rken diesen Prozess der &bdquo;Entdiabolisierung&ldquo; des Rechtspopulismus. Das von PEGIDA bekannte &bdquo;man wird ja wohl noch mal sagen d&uuml;rfen&ldquo; wird erg&auml;nzt durch die Rechtfertigung: &bdquo;Die AfD ist eine normale Partei &ndash; die d&uuml;rft ihr [Gewerkschaften] nicht ausgrenzen.&ldquo;<\/p><p><strong>Welche Folgen ergeben sich aus der Entwicklung?<\/strong><\/p><p>Es ist zu bef&uuml;rchten, dass zumindest Teile der AfD ihr Potenzial in den Betrieben entdecken und ihre Mobilisierungsans&auml;tze auch zu Erfolgen f&uuml;hren. Diese Gefahr wird umso gr&ouml;&szlig;er, je mehr diese Teile der Neuen Rechten auch eine programmatische Transformation vollziehen, die soziale Frage st&auml;rker aufgreifen, &bdquo;als K&uuml;mmerer der kleinen Leute&ldquo; auftreten und so ein gr&ouml;&szlig;eres Protestpotenzial erschlie&szlig;en k&ouml;nnen. Chancen h&auml;tten sie, ein arbeitsweltlicher N&auml;hrboden ist vorhanden.<\/p><p><strong>Wie kommt es zu dieser Entwicklung? In Ihrer Untersuchung sprechen Sie von einer &bdquo;Zuspitzung arbeitsweltlicher Problemlagen&ldquo;. Was ist damit gemeint?<\/strong><\/p><p>Die These einer Zuspitzung arbeitsweltlicher Problemlagen auch oberhalb der Zonen der Prekarit&auml;t ist ein zentraler Befund unserer Studie. Er steht entgegengesetzt zu den Meldungen aus Politik und Medien, die das Bild einer Erfolgs&ouml;konomie zeichnen, in der Wachstum auf Dauer gestellt sei und ein Facharbeitermangel aufgrund leergefegter Arbeitsm&auml;rkte die zentrale Entwicklungsbremse darstelle. Die Erz&auml;hlungen unserer Befragten sprechen eine deutlich andere Sprache.           <\/p><p><strong>Was haben die Befragten denn gesagt?<\/strong><\/p><p>In den Schilderungen ihrer Arbeitssituation ist oft von einer Verschlechterung die Rede. Diese wird in der Kontinuit&auml;t eines schon l&auml;nger andauernden Krisenprozesses gesehen. Als verursachender Hintergrund wird auf die best&auml;ndige Restrukturierung der Abl&auml;ufe im Betrieb verwiesen: Aufspaltungen, Verlagerungen, Standortkonkurrenz, Kostensenkungsprogramme, usw. <\/p><p>Die Dimensionen dieser arbeitsweltlichen Zuspitzung und die damit ausgel&ouml;sten &Auml;ngste sind vielf&auml;ltig: sie reichen von der weiterhin zentralen Angst um die Sicherheit des Arbeitsplatzes, der st&auml;ndigen Unruhe in der Belegschaft durch die permanente Verfl&uuml;ssigung organisatorischer Strukturen, den st&auml;ndigen Gef&uuml;hlen der &Uuml;berforderung, des &bdquo;Nicht-mehr-Mitkommens&ldquo; im Zeichen der Digitalisierung bis hin zu der sich weiter versch&auml;rfenden externen und internen Flexibilisierung von Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnissen, die wesentlich zur sozialen Verunsicherung und Zukunfts&auml;ngsten beitragen. Diese und andere Gef&auml;hrdungen finden sich &ndash; wenn auch mit unterschiedlichem Gewicht &ndash; in allen einbezogenen Untersuchungsfeldern. Dies gilt noch mehr f&uuml;r den steigenden Leistungsdruck, der fast durchg&auml;ngig immer an vorderster Stelle steht.<\/p><p><strong>Aber das ist doch eine ziemlich weitreichende Erkenntnis. Auf der einen Seite h&ouml;ren wir immer wieder: &bdquo;Uns (wer immer damit dann auch gemeint ist) geht es doch gut&ldquo;, w&auml;hrend auf der anderen Seite eine Realit&auml;t zu sehen ist, die das genaue Gegenteil der ewigen Jubelmeldungen zeigt.<\/strong><\/p><p>Auch wenn wir schon in fr&uuml;heren Untersuchungen auf diese Abw&auml;rtsspirale in der Entwicklung der konkreten Arbeitsbedingungen gesto&szlig;en sind, war diese erneute Zuspitzung der  betrieblichen Zust&auml;nde auch f&uuml;r uns einigerma&szlig;en &uuml;berraschend. In der &Ouml;ffentlichkeit erf&auml;hrt man davon leider wenig: Es sind immer nur einzelne F&auml;lle, die &ouml;ffentliches Interesse erzeugen wie jetzt zum Beispiel die skandal&ouml;sen Bedingungen f&uuml;r eine Entfristung von Besch&auml;ftigten bei der Post. Ansonsten bestimmen oft relativ abgehobene Debatten &uuml;ber die m&ouml;glichen Risiken und Chancen der Digitalisierung die politische und mediale Sicht auf die Arbeitswelt. Und die aktuellen &ouml;konomischen Erfolgsmeldungen zum Zustand der deutschen Wirtschaft geben offensichtlich keinen Anlass, den Blick auf die realen allt&auml;glichen Zust&auml;nde in den Betrieben zu werfen. Die von uns befragten Besch&auml;ftigten beklagen das auch: Ihren konkreten Arbeits- und Lebensbedingungen, ihren Sorgen und N&ouml;ten, wird keine Beachtung geschenkt und das verst&auml;rkt ihre Unzufriedenheit und auch ihre durchaus vorhandene Wut.<\/p><p><strong>Der N&auml;hrboden f&uuml;r das rechte Klima innerhalb der Arbeitswelt bildet sich also auch von innen?<\/strong><\/p><p>Ja, das ist unser Eindruck: Aus der Erfahrung einer zunehmenden Verschlechterung erw&auml;chst auch subjektiv eine gesteigerte Unzufriedenheit, die vielfach in Wut oder Resignation m&uuml;ndet. Zu einem N&auml;hrboden des Rechtspopulismus wird dies, weil die arbeitsweltlichen Zuspitzungen in Anerkennungs-, Kontroll- und Perspektivverluste m&uuml;nden. Dass die geleistete Arbeit nicht mehr wertgesch&auml;tzt wird, ist ein Tenor aller Interviews (nur das Ergebnis, nur noch nackte Zahlen z&auml;hlen). (Finanz-)marktgetriebene Unternehmenssteuerung hebelt das Bed&uuml;rfnis nach selbstbestimmter Gestaltung der eigenen Biografie aus; mit Kontrollverlusten in der Gegenwart gehen Zukunftsperspektiven hinsichtlich Aufstiegs- und Sicherheitsversprechen verloren.<\/p><p><strong>Aber warum entstehen daraus rechte und nicht linke Orientierungen?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich gibt es keinen Automatismus, der das Pendel zwangsl&auml;ufig nach rechts ausschlagen l&auml;sst. Es kommt immer noch darauf an, wie Menschen ihre betrieblichen Erfahrungen verarbeiten und insbesondere welche Ressourcen ihnen bei der Bew&auml;ltigung von Belastungen und Risiken zur Verf&uuml;gung stehen. Nach den Berichten der in der Studie Befragten verlieren jedoch nicht nur Anerkennung und Wertsch&auml;tzung an Bedeutung, sondern auch die Kollektivressource Solidarit&auml;t. Eine wirksame Gegenmacht gegen die Zumutungen des globalisierten Marktes durch einen kollektiven Zusammenschluss wird von vielen Befragten kaum mehr als erreichbar erachtet.                                                                                                                     Die Verschlechterung der betrieblichen Zust&auml;nde ist die eine Seite des N&auml;hrbodens f&uuml;r den Rechtspopulismus, die Schw&auml;chung von politischen Gegenmachtressourcen die andere. Die neue Rechte greift Protest gegen Abstiegs- und Zukunfts&auml;ngste auf und kann die Unzufriedenheit und Wut in Teilen f&uuml;r sich mobilisieren. <\/p><p><strong>Wie wird denn die Rolle der politischen Parteien von den Besch&auml;ftigten gesehen?<\/strong><\/p><p>Die Befragten sehen ihre Interessen &ndash; fast durchg&auml;ngig &ndash; von den etablierten Parteien nicht mehr vertreten: sie f&uuml;hlen sich mit ihren Sorgen allein gelassen. <\/p><p><strong>Sie erw&auml;hnen das Wort: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40414\">&bdquo;f&uuml;hlen&ldquo;<\/a>. F&uuml;hlen die Menschen sich nur mit ihren Sorgen allein gelassen oder sind sie es tats&auml;chlich?<\/strong><\/p><p>Beides ist richtig und wichtig. Die Menschen werden tats&auml;chlich mit ihren Sorgen allein gelassen und sie nehmen dies auch so wahr, das hei&szlig;t, es bestimmt ihr Bewusstsein und l&ouml;st &Auml;ngste, Zorn und Wut auf die politischen Repr&auml;sentanten, insbesondere auf die Sozialdemokratie aus, die sie besonders entt&auml;uschen. Also f&uuml;r uns Sozialwissenschaftler ist es wichtig, beides herauszufinden: die tats&auml;chlichen objektiven Verh&auml;ltnisse und die Wahrnehmung durch die betroffenen Menschen. Beides kann zu Einsichten f&uuml;hren, Gef&uuml;hle ausl&ouml;sen und konkrete Handlungen anregen. <\/p><p>Die schon in fr&uuml;heren Studien von uns festgestellte Entfremdung gegen&uuml;ber Politik und Staat ist der Resonanzboden f&uuml;r eine Anti-Establishment-Haltung, durch die ein &bdquo;wir hier unten&ldquo; &ndash; der einfache, hart arbeitende Mann &ndash; gegen &bdquo;die da oben&ldquo; &ndash; die Eliten, die Politiker, die Medien (&bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo;) oder schlicht &bdquo;das System&ldquo; &ndash; ausgedr&uuml;ckt wird.  Die Verselbst&auml;ndigung der politischen Klasse ist bei vielen Gespr&auml;chsteilnehmern ein Thema: &bdquo;Die machen sowieso, was sie wollen&ldquo;. Dazu geh&ouml;rt auch der Verdacht, die Politik stehe unter dem Einfluss von Partikularinteressen, sie sei nur mehr Spielball von m&auml;chtigen Unternehmensinteressen.                                                                                                                                     <\/p><p><strong>Dieser Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen.<\/strong><\/p><p>Richtig. Die Bankenkrise und die Rolle, die die Politik dabei spielte, werden dazu immer als Beispiel angef&uuml;hrt: Merkel &amp; Co. h&auml;tten mit gro&szlig;er Selbstverst&auml;ndlichkeit die Banken gerettet, aber die einfachen Leute aus dem Blick verloren. Die Entfremdung gegen&uuml;ber Politik und Staat trifft alle schon l&auml;nger vorhandenen politischen Parteien &ndash; auch die LINKE.                                                                                  Hinzu kommt, dass man von der Linken auf dem von uns untersuchten Feld nicht viel erwartet &ndash; die Arbeitswelt wird mit ihr kaum in Verbindung gebracht. Und als Protestpartei, die das &uuml;berlieferte politische System der Volksvertretung aufbricht, wird sie auch nicht wahrgenommen. Unsere Gespr&auml;chspartner berichten, dass es f&uuml;r die AfD &bdquo;ein Leichtes&ldquo; sei, sich zum Sprachrohr dieser entt&auml;uschten und w&uuml;tenden Kollegen zu machen. Die Entt&auml;uschung &uuml;ber die Politik muss also als ein Einfallstor f&uuml;r den Rechtspopulismus gesehen werden.<\/p><p><strong>Wie gehen die Gewerkschaften denn mit diesen Problemen in den Betrieben um? Was sind Ihre Erfahrungen?<\/strong><\/p><p>Trotz klarer &bdquo;Beschlusslage&ldquo; (klare Kante, Aufkl&auml;rung und offene T&uuml;r) zeichnet sich eine durchg&auml;ngig geteilte und in der gewerkschaftlichen Praxis gemeinsam verfolgte &bdquo;Marschrichtung&ldquo; gegen&uuml;ber dem Rechtspopulismus nicht ab. <\/p><p><strong>Welche Probleme sehen Sie?<\/strong><\/p><p>Ein erstes Problem ist der Umgang mit AfD-Mitgliedern, vor allem mit AfD-Betriebsr&auml;ten: Wo h&ouml;rt das populistische Ressentiment auf und wo f&auml;ngt &bdquo;Hetze&ldquo; an?  Anders als bei der NPD findet sich in der Mitgliedschaft der AfD ein breiter Bogen von elitekritischen und national orientierten Positionen, nach wie vor neoliberalen Auffassungen bis hin zu rechtextremen Denkweisen &ndash; und die &Uuml;berg&auml;nge sind im Zweifelsfall flie&szlig;end.<\/p><p>Ein zweites Problem: Widerstand gegen die Verh&auml;ltnisse in den Betrieben kann nach rechts ausschlagen, auch wenn er teilweise gewerkschaftlich verankert ist. <\/p><p><strong>Was hei&szlig;t das?<\/strong><\/p><p>Rechter Protest und gewerkschaftliches Engagement schlie&szlig;en sich nicht zwangsl&auml;ufig aus. So hat man es manchmal mit Kollegen zu tun, die sich in der gewerkschaftlich-betrieblichen Interessenvertretung ebenso engagieren wie in der politischen Auseinandersetzung auf rechtsextremer Seite (&bdquo;Die IG&nbsp;Metall ist ein toller Haufen, aber die NPD gef&auml;llt mir mindestens genauso gut.&ldquo;). Dies sprengt die Logik eines interessenpolitischen Entweder-Oder. Wo Rechtspopulismus oder -extremismus in die Betriebe dr&auml;ngt und nicht sogleich mit einer antigewerkschaftlichen Einstellung daherkommt, wird er zu einem internen organisationspolitischen Problem <\/p><p>Es gibt F&auml;lle, in denen Gewerkschaftsmitglieder ihren Austritt erkl&auml;ren, weil die Gewerkschaft Gefl&uuml;chtete unterst&uuml;tzt und gegen die Rechten mobilisiert. Es sind Einzelne, aber auch Gruppen, so zum Beispiel in der IG-Metall-Gesch&auml;ftsstelle Passau, wo im letzten Quartal 2015 und im 1. Quartal 2016 zusammen 200 Mitglieder ausgetreten sind. Die Austritte wurden damit begr&uuml;ndet, dass die IG Metall sich um die Kernthemen k&uuml;mmern sollte &ndash; der Rest sei nicht gewerkschaftliches Aufgabengebiet.                                                                                                                                                                   Die Austritte hatten Konsequenzen f&uuml;r den Umgang mit den Rechten: Geht man noch mit Gewerkschaftsfahnen zu Anti-AfD-Demonstrationen? Soll man auf Betriebsversammlungen &uuml;ber Gefl&uuml;chtete und AfD reden? Man ist vorsichtiger geworden &ndash; so wird berichtet. <\/p><p><strong>Wenn Ihre Befunde richtig sind, dann sind die Gewerkschaften in besonderer Weise gefordert. Welche strategischen Herausforderungen sehen Sie?<\/strong><\/p><p>Wenn unsere Befunde auch nur ansatzweise richtig sein sollten, dann geht es in der Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus neben seiner zivilgesellschaftlichen Bek&auml;mpfung auch um die Beseitigung der Ursachen, die in den betrieblichen Zust&auml;nden liegen. Und die Gewerkschaften sind die einzige Organisation, die auf betriebliche Verh&auml;ltnisse unmittelbaren Einfluss hat. Das macht ihre unverzichtbare Bedeutung in der Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus und -extremismus aus. Deswegen sind die Gewerkschaften in doppelter Weise gefordert: St&auml;rkung von Organisationsmacht und politischem Mandat auf der einen Seite und eine arbeitspolitische Neuausrichtung, die an den Defiziten der gegenw&auml;rtigen Reformpolitik ansetzt. Die Gewerkschaften k&ouml;nnen zwar im Unterschied zu den sehr viel st&auml;rker diskreditierten politischen Parteien noch einen gewissen Kredit und eine interessenspolitische Legitimation f&uuml;r sich beanspruchen. Doch auch ihr Kreditspielraum scheint geringer zu werden.<\/p><p>Die institutionellen Strukturen der Interessenvertretung in den Betrieben und in der Tarifpolitik sind zwar noch vorhanden, aber sie k&ouml;nnen die Besch&auml;ftigten vor den Zumutungen des Marktes aufgrund marktzentrierter Unternehmenssteuerung, Globalisierung u.a. deutlich weniger wirksam sch&uuml;tzen, als das noch fr&uuml;her der Fall war. Weder auf die Sicherheit des Arbeitsplatzes noch auf die Leistungsbedingungen eines Gro&szlig;teils der Besch&auml;ftigten haben die Gewerkschaften einen nachhaltigen Einfluss. Das traditionelle gewerkschaftliche Instrumentarium kommt nicht mehr hinreichend an die Abstiegsprozesse, Kontrollverluste und Zukunfts&auml;ngste gr&ouml;&szlig;er gewordener Teile der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten heran. Aber auf Abstiegs- und Zukunfts&auml;ngste m&uuml;ssen Antworten gegeben werden, die letztlich auch vor Systemschranken nicht verstummen d&uuml;rfen. Das wird auch von den befragten Kolleginnen und Kollegen gefordert: in Alternativen denken, die &uuml;ber das Bestehende hinausgehen. Aber das setzt voraus, dass man alternative Ans&auml;tze auch mit einer systemkritischen Perspektive verbindet. Das ist auch deshalb notwendig, weil sich in der rechten Argumentation und in den rechten Strategien durchaus systemkritische Elemente finden, die Linke und Gewerkschaften in ihrem Sinne bearbeiten m&uuml;ssen. <\/p><p>F&uuml;r die Gewerkschaften gilt es die Schutzfunktion f&uuml;r alle Schattierungen der Lohnabh&auml;ngigen &ndash; Besch&auml;ftigte, Arbeitslose, prek&auml;r und qualifiziert Besch&auml;ftigte, Migranten etc. &ndash; zu st&auml;rken und damit ein &bdquo;Gegengift&ldquo; herzustellen gegen das mit Ressentiments unterlegte  Sicherheitsversprechen der Rechten: &bdquo;wir gegen die anderen.&ldquo; Darin ist bereits angelegt: Solidarit&auml;t in der Klasse erfahrbar machen &ndash; gegen Stigmatisierung, Abwertung, Rassismus und Ausgrenzung.  <\/p><p><em>Lesetipp: Dieter Sauer\/Ursula St&ouml;ger\/Joachim Bischoff\/Richard Detje\/Bernhard M&uuml;ller: Rechtspopulismus und Gewerkschaften. Eine arbeitsweltliche Spurensuche, VSA Verlag Hamburg 2018, 216 S. 14,80 &euro;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180530_sauer.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Rechte Umtriebe werden auch in Betrieben und Gewerkschaften sichtbar. Darauf macht <strong><a href=\"http:\/\/www.isf-muenchen.de\/mitarbeiter\/24\/Dieter-Sauer\">Dieter Sauer<\/a><\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten aufmerksam. Sauer, der am M&uuml;nchner Institut f&uuml;r Sozialwissenschaft forscht, hat sich in einer Untersuchung unter anderem damit auseinandergesetzt, wie sich der Einfluss von rechts in<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44196\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[197,141,107,109,209,125],"tags":[1740,373,1020,2094,1759,1055,2214,2373,1433,633,1191,709,2037],"class_list":["post-44196","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-afd","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-audio-podcast","category-gewerkschaften","category-interviews","category-rechte-gefahr","tag-arbeitsbedingungen","tag-oekonomisierung","tag-betriebsraete","tag-digitalisierung","tag-entsolidarisierung","tag-fluechtlinge","tag-flexibilisierung","tag-leistungsdruck","tag-pegida","tag-politikerverdrossenheit","tag-populismus","tag-protestwaehler","tag-zukunftsangst"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/44196","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=44196"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/44196\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":84470,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/44196\/revisions\/84470"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=44196"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=44196"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=44196"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}