{"id":442,"date":"2005-01-17T11:36:36","date_gmt":"2005-01-17T09:36:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=442"},"modified":"2016-03-21T09:50:05","modified_gmt":"2016-03-21T08:50:05","slug":"die-eigentliche-politische-korruption-bleibt-im-hintergrund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=442","title":{"rendered":"Die eigentliche politische Korruption bleibt im Hintergrund"},"content":{"rendered":"<p>Mein Sonntagsblatt schrieb gestern: &bdquo;Da sind Parlamentarier, die f&uuml;rs Nichtstun Geld von Firmen bekommen.&ldquo; Das ist der Grundtenor der Kritik auch in vielen anderen Medien. Sie regen sich vor allem dar&uuml;ber auf, dass mehrere Abgeordnete der CDU, der SPD und FDP von der Dresdner Bank, von RWE, von Volkswagen, von Siemens u.a.m. Geh&auml;lter oder andere Geld- und Sachleistungen bekommen haben, ohne dass sie etwas daf&uuml;r tun. &bdquo;Viereck verf&uuml;ge jedoch nicht einmal &uuml;ber einen Schreibtisch im Konzern. Unklar blieb, f&uuml;r welche Leistungen er von Volkswagen bezahlt worden sei&rdquo;, merkt Spiegel Online an. &ndash; Das sind l&auml;cherliche &bdquo;Unklarheiten&ldquo; und Fragen. Die laufende Debatte wirkt wie eine Vernebelung einer viel schwerwiegenderen politischen Korruption.<br>\n<!--more--><br>\nSelbstverst&auml;ndlich setzt Volkswagen bei seinen Zahlungen darauf, dass seine Abgeordneten sich im Zweifel quer legen, wenn politisch etwas geschehen sollte, was der Automobilindustrie und speziell Volkswagen weh tut. Die Gegenleistung zum Gehalt k&ouml;nnte darin liegen, dass die Abgeordneten im Zweifel Front machen gegen die schnelle Einf&uuml;hrung eines Ru&szlig;filters beim Diesel, gegen die weitere Internalisierung der Kosten des Autoverkehrs, also gegen eine h&ouml;here &Ouml;kosteuer oder die Erh&ouml;hung der Mautgeb&uuml;hren oder sich f&uuml;r die (teure) Privatfinanzierung des Stra&szlig;enbaus engagieren. <\/p><p>Und die Abgeordnete M&uuml;ller z.B. wird nat&uuml;rlich von der Dresdner Bank und Tochter des Allianz-Konzerns auch in Erwartung dessen bezahlt, dass sich Frau M&uuml;ller offen oder im Hintergrund als F&ouml;rderer der Finanzindustrie und speziell der Privatisierung der Altersvorsorge und anderer bisher solidarischer Sicherungssysteme bet&auml;tigt. So wie das Otto Graf Lambsdorff &uuml;ber Jahrzehnte als Abgeordneter, Minister und Parteifunktion&auml;r getan hat. Seine Dotation lief z.B. &uuml;ber Aufsichtsratsmandate und ihre Verg&uuml;tung; daf&uuml;r war er f&uuml;r die Privatisierung der Kranken- und Rentenversicherungen t&auml;tig. Das war und ist die offen liegende Gegenleistung der Politiker.<br>\nSo betrachtet sind die Fragen nach der Gegenleistung wirklich albern. <\/p><p>Die &ldquo;Gegenleistung&rdquo; der im Auftrag von Unternehmen und Verb&auml;nden t&auml;tigen Politiker, ehemaligen Politiker und hoher Beamter, Wissenschaftler und Publizisten (also keineswegs nur Politiker!!!) sind heute u.a. die sogenannten Reformen, die Privatisierungen und Deregulierungen. Diese &bdquo;Gegenleistung&ldquo; trifft uns alle. Und die Erfahrung lehrt: Wenn wichtige gesellschaftspolitische Weichenstellungen &bdquo;geschmiert&ldquo; werden, dann ist das f&uuml;r uns alle um vieles kostspieliger, als es z.B. eine Verdoppelung der Di&auml;ten w&auml;re. <\/p><p>Ich wundere mich, dass die Medien so sehr an der Oberfl&auml;che bleiben. Es g&auml;be eine Menge zu recherchieren und offen zu legen, was bisher im Dunkeln bleibt: <\/p><ul>\n<li>Warum dr&auml;ngen eigentlich die Gr&uuml;nen so sehr auf die Reform der Pflegeversicherung, was de facto auch hier auf Privatisierung hinausl&auml;uft?<\/li>\n<li>Und alle wollen die weitere Privatisierung der Altersvorsorge, obwohl in anderen L&auml;ndern diese Art von Reformen zum Ruin der Altersversorgung breiter Schichten beigetragen hat. (Siehe dazu die Tagebucheintr&auml;ge vom <a href=\"?p=439\">15.1.<\/a>, <a href=\"?p=432\">6.1.<\/a> und <a href=\"?p=247\">4.1.2005<\/a>). Wer steuert hier wen? Und wer steckt hinter Merkels Kopfpauschalen-Modell? Man konnte in diesen Tagen in der Berliner Zeitung lesen, das Dresdner Bank- Vorstandsmitglied Joachim von Harbou habe daf&uuml;r gesorgt, dass sich der Vorstand der Dresdner Bank mit der innerparteilichen F&ouml;rderung der Nachwuchs-Bankerin M&uuml;ller befasste, und ihre Arbeit als Vorsitzende der Jungen Union und als Pr&auml;sidiumsmitglied der CDU f&ouml;rderte. Vom gleichen Vorstandsmitglied der Dresdner Bank wissen wir, dass er sich massiv an der F&ouml;rderung der Privatrente und an der Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die Sozialversicherung beteiligte. (Zitiert auf Seite 127 &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo;) &ndash; Das sind um vieles interessantere Gegenst&auml;nde m&ouml;glicher Recherchen als die eher belustigende Frage, ob Hildegard M&uuml;ller ihre Stunden im B&uuml;ro der Dresdner Bank abgesessen hat.<\/li>\n<li>Welche Politiker haben sich f&uuml;r die &Auml;nderung des so genannten Halbeink&uuml;nfteverfahrens eingesetzt, die von der Versicherungswirtschaft betrieben wurde und unseren Finanzminister ca. 5 Milliarden Euro kostet?<\/li>\n<li>Wer hat die Streichung der Gewerbekapitalsteuer betrieben, die zu Lasten der Gemeinden und zu Gunsten der gro&szlig;en kapitalintensiven Unternehmen vorgenommen wurde? Die Lobby daf&uuml;r an das Licht zu holen w&auml;re genauso lohnend wie die Untersuchung der Lobby zu Gunsten der Streichung der Verm&ouml;gensteuer.<\/li>\n<li>Welche Politiker und Wissenschaftler haben die Kommerzialisierung und Vermehrung des Fernsehens und des H&ouml;rfunks betrieben &ndash; auch zulasten &ouml;ffentlicher bzw. &ouml;ffentlich kontrollierter Haushalte? Und was hat wer daf&uuml;r bekommen? Wof&uuml;r hat der Abgeordnete Kohl und viele andere seiner Parteifreunde vom Medienkonzern-Kirch opulente Beraterhonorare erhalten? Welche Bet&auml;tigungsfelder haben jene politischen Entscheidungen f&uuml;r die involvierten Politiker er&ouml;ffnet? Ein Blick in die <a href=\"http:\/\/www.schwarz-schilling.de\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.schwarz-schilling.de\/\">Homepage<\/a> des 1982 ff f&uuml;r die Einf&uuml;hrung des Kommerzfernsehens entscheidenden Postministers Schwarz-Schilling &ouml;ffnet beispielhaft den Blick auf solche Zusammenh&auml;nge. &bdquo;Dr. Schwarz-Schilling &amp; Partners&ldquo; sind einschl&auml;gig t&auml;tig und ernten auch die Fr&uuml;chte der fr&uuml;heren politischen Arbeit des Seniorpartners. Wer nimmt daran Ansto&szlig;?<\/li>\n<\/ul><p>Man kann an diesen Beispielen auch die Mechanismen, die Charakteristika und die Dauer der Zusammenh&auml;nge zwischen politischen Entscheidungen und ihren &bdquo;Folgen&ldquo; studieren:<br>\nDie Regierung Kohl betreibt 1982 ff die Kommerzialisierung und Programmvermehrung, sie investierte Milliarden in die Verkabelung und machte Propaganda, die vom Steuerzahler und Postkunden bezahlt werden musste, die Rendite f&auml;llt bei Privaten an, sie erweisen sich unmittelbar &ndash; wie etwa Kirch mit Sondersendungen von Sat1 mit Kanzler Kohl &ndash; und ansonsten viele Jahre sp&auml;ter noch als dankbar. Die langfristigen Folgen f&uuml;r die Gesellschaft tragen wiederum wir alle: das Anwachsen von Analphabetismus und Gewaltbereitschaft. (Zu Letzterem erscheint demn&auml;chst &uuml;brigens eine Monographie des bekannten Hirnforschers Spitzer.) Oder zum anderen gro&szlig;en Beispiel: Heute werden die Entscheidungen f&uuml;r die (Teil-)Privatisierung unserer solidarischen Sicherungssysteme getroffen; das bringt der Versicherungswirtschaft und den Banken Milliarden Umsatzzuw&auml;chse. Die &bdquo;R&uuml;ckzahlung&ldquo; wird in diesem Fall partei&uuml;bergreifend erfolgen, weit in Wissenschaft und Publizistik hineinreichen und eine Dimension weit jenseits der so heftig diskutierten Geh&auml;lter von VW haben. Es wird ein langanhaltender Prozess der Dankbarkeit sein. Letztlich gezahlt wird von jener gro&szlig;en Mehrheit unseres Volkes, die weiterhin eine sichere und preiswert arbeitende Altersvorsorge br&auml;uchte: die solidarische Rente. <\/p><p>Das sind lohnende Objekte von Recherche und Berichterstattung. Was heute debattiert wird, sind gemessen daran peanuts. Noch so viel Transparenz bei den Einkommen der Abgeordneten, was sinnvoll ist, &auml;ndert nichts daran, dass in der Politik der unmittelbare Einfluss der privaten Interessengruppen immer dominanter wird. Sie bestimmen die politischen Entscheidungen um Welten mehr als die W&auml;hler und auch mehr als das Fu&szlig;volk der Parteien.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Sonntagsblatt schrieb gestern: &bdquo;Da sind Parlamentarier, die f&uuml;rs Nichtstun Geld von Firmen bekommen.&ldquo; Das ist der Grundtenor der Kritik auch in vielen anderen Medien. 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