{"id":44207,"date":"2018-06-01T08:30:26","date_gmt":"2018-06-01T06:30:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44207"},"modified":"2019-06-05T16:34:00","modified_gmt":"2019-06-05T14:34:00","slug":"moral-religion-und-voelkerrecht-im-nahen-osten-von-dr-gerhard-fulda","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44207","title":{"rendered":"Moral, Religion und V\u00f6lkerrecht im Nahen Osten. Von Dr. Gerhard Fulda."},"content":{"rendered":"<p>Dieser Text des ehemaligen Botschafters der Bundesrepublik Deutschland entspricht im Kern einem Vortrag, den <strong>Gerhard Fulda<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44207#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] am 26. Mai 2018 in Heidelberg im Rahmen einer Tagung des BIB, des B&uuml;ndnisses zur Beendigung der israelischen Besatzung e.V., gehalten hat. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8565\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-44207-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180607_Moral_Religion_und_Voelkerrecht_im_Nahen_Osten_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180607_Moral_Religion_und_Voelkerrecht_im_Nahen_Osten_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180607_Moral_Religion_und_Voelkerrecht_im_Nahen_Osten_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180607_Moral_Religion_und_Voelkerrecht_im_Nahen_Osten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=44207-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180607_Moral_Religion_und_Voelkerrecht_im_Nahen_Osten_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180607_Moral_Religion_und_Voelkerrecht_im_Nahen_Osten_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><ol>\n<li><strong>Zu Beginn ein erschreckendes Zitat<\/strong><br>\n<blockquote><p>\n&ldquo;This country exists as the fulfillment of a promise made by God Himself. It would be ridiculous to ask it to account for its legitimacy.&rdquo;<br>\n<em>Golda Meir, Le Monde, 15 October 1971  <\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Seit der Staatsgr&uuml;ndung Israels haben fast alle Ministerpr&auml;sidenten des Landes &auml;hnliche, f&uuml;r uns befremdliche Erkl&auml;rungen zu ihrem  Verst&auml;ndnis des Verh&auml;ltnisses zwischen Religion und V&ouml;lkerrecht abgegeben.  <\/p>\n<p>Da liegen Welten zwischen den Kulturen.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite: Das von Menschen gemachte Recht kann nicht den Willen Gottes einengen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite: Glaubens&uuml;berzeugungen haben keinen Vorrang vor Rechtsnormen.<\/p>\n<p>Diese Fronten sind verh&auml;rtet. Im Folgenden soll der Versuch gemacht werden, mit einigen Gedanken zum Verh&auml;ltnis zwischen Moral, Religion und V&ouml;lkerrecht vielleicht sogar neue Handlungsspielr&auml;ume zu er&ouml;ffnen.<\/p><\/li>\n<li><strong>Religion und V&ouml;lkerrecht<\/strong>\n<p>Gegen Chaos und ungez&uuml;gelte Gewalt kann sich ein Rechtssystem nur mit einer <em>institutionellen Autorit&auml;t<\/em> durchsetzen, die seine Anwendung im Einzelfall sicherstellt.<\/p>\n<p>Diese banale Feststellung ist f&uuml;r das V&ouml;lkerrecht nicht selbstverst&auml;ndlich. Zwischen V&ouml;lkerrecht und nationalem Recht besteht ein wesentlicher Unterschied: Im internationalen Recht ist der an diese Normen gebundene Staat selbst zugleich auch der &ldquo;Gesetzgeber&rdquo;.<\/p>\n<p>Insoweit &auml;hnelt das V&ouml;lkerrecht der blo&szlig; freiwilligen Selbstverpflichtung eines Wirtschaftsunternehmens. <\/p>\n<p>Interessengeleiteter &ldquo;Realpolitik&rdquo; gelingt es deshalb immer wieder, als l&auml;stig empfundene Einschr&auml;nkungen der staatlichen Handlungsfreiheit beiseite zu schieben.<\/p>\n<p>In der Geschichte des V&ouml;lkerrechts sind Anstrengungen unternommen worden, diesen Mangel an Durchsetzungsf&auml;higkeit zu &uuml;berwinden. Aber auch die Unterwerfung unter die inzwischen bestehenden Ans&auml;tze internationaler Gerichtsbarkeit ist nicht erzwingbar.<br>\nNur nach dem Recht der Vereinten Nationen kann heute der Sicherheitsrat in Sonderf&auml;llen auch gegen den Willen eines Staates bindende Entscheidungen und Sanktionen beschlie&szlig;en. <\/p>\n<p>Historisch haben die europ&auml;ischen Staaten versucht, diese Schw&auml;che des V&ouml;lkerrechts auch mit einer religi&ouml;sen Unterlegung grundlegender zwischen den Staaten zu beachtender Prinzipien zu beheben. Die christliche Moral sollte das Recht st&auml;rken, wenngleich nicht immer mit noch heute &uuml;berzeugenden Argumenten.<br>\nZum Beispiel ist die koloniale Landnahme v&ouml;lkerrechtlich damit begr&uuml;ndet worden, dass den sich der Mission versagenden &ldquo;Barbaren&rdquo;  ein international zu beachtendes Eigentum an dem bewohnten Land gottgewollt gar nicht zustehen k&ouml;nne. Das von Ungl&auml;ubigen bewohnte Land war &ldquo;res nullium&rdquo;, eine niemandem geh&ouml;rende Sache, die man durch &ldquo;Entdeckung&rdquo; in Besitz nehmen durfte.<\/p>\n<p>Eine solche Verkn&uuml;pfung religi&ouml;ser &Uuml;berzeugungen mit einer v&ouml;lkerrechtlichen Textur ist auf israelischer Seite nicht zu erkennen. <\/p>\n<p>Ehud Barak hat im Jahr 2000 betont: \t\t\t\t\t<\/p>\n<blockquote><p>\n&ldquo;Religious belief and international law are a mismatch&rdquo;.\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein weiteres Zitat von Golda Meir kommt im Ergebnis dem res-nullium-Argument recht nahe:<\/p>\n<blockquote><p>\n&ldquo;There is no such thing as a Palestinian   people&hellip; It is not as if we came and threw them out and took their country. They didn&rsquo;t exist.&rdquo;<br>\n<em>(Golda Meir, The Sunday Times, 15 June, 1969)<\/em>\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit solchen Zitaten soll nicht gesagt werden, hier stehe heute ein christlich akzentuiertes V&ouml;lkerrecht einem j&uuml;disch gepr&auml;gten V&ouml;lkerrecht gegen&uuml;ber. <\/p>\n<p>Bei uns hat sich das V&ouml;lkerrecht zunehmend s&auml;kularisiert. In Israel nimmt die Bereitschaft ab, V&ouml;lkerrecht &uuml;berhaupt gelten zu lassen. Das gilt vor allem in Fragen der &auml;u&szlig;eren Sicherheit: <\/p>\n<p>Die Selbstverst&auml;ndlichkeit, mit der Israel glaubt, Angriffskriege f&uuml;hren zu d&uuml;rfen, hebelt mit dem Gewaltverbot die wichtigste Norm des nach dem zweiten Weltkrieg entstandenen V&ouml;lkerrechts aus. <\/p>\n<p>Das ist eine rein s&auml;kulare Verweigerung.<\/p>\n<p>Hinter der damit verbundenen Militarisierung der israelischen Gesellschaft kann man ein im Zusammenhang mit Israel selten thematisiertes Ph&auml;nomen vermuten: Unter einer lebensfrohen Oberfl&auml;che rumoren &Auml;ngste.<\/p>\n<ul>\n<li>Angst vor den arabischen Geburtenraten und dem Verlust der j&uuml;dischen Mehrheit. <\/li>\n<li>Angst vor der Rache entrechteter Pal&auml;stinenser.<\/li>\n<li>Angst, nicht mehr die alleinige Nuklearmacht im Nahen Osten zu sein.<\/li>\n<\/ul>\n<p>In Umfragen zum 70. Jahrestag wurde gefragt: Was ist f&uuml;r Euch das Beste in Israel? Die h&auml;ufigste Antwort war : &ldquo;Dass wir diesen Staat haben&rdquo;. Das benennt zugleich den gemeinsamen Nenner der genannten &Auml;ngste: Die Bef&uuml;rchtung, diese j&uuml;dische Heimstatt k&ouml;nnte wieder verloren gehen. <\/p>\n<p>Daraus folgt eine erste These: <em>Die Zur&uuml;ckweisung des V&ouml;lkerrechts durch Israel ist zu verstehen als nicht nur rational begr&uuml;ndeter Versuch, die j&uuml;dische Heimstatt im Nahen Osten abzusichern.<\/em>   <\/p>\n<p>Aus dieser These ergeben sich Schlussfolgerungen f&uuml;r das bilaterale Verh&auml;ltnis zwischen Deutschland und Israel.<\/p><\/li>\n<li><strong>Deutschland &ndash; Israel<\/strong>\n<p>Bei dem Gedenken an die Gr&uuml;ndung des Staates Israel vor 70 Jahren haben die Bundesregierung und der Deutsche Bundestag die deutsch-israelischen Beziehungen gefeiert, als ob es nur marginale Belastungen g&auml;be. Ohne Gedenktags&uuml;bertreibungen liegt es eigentlich n&auml;her, von einem dringenden Bedarf zu sprechen, dass die deutsche Nahostpolitik ver&auml;ndert werden sollte. <\/p>\n<p>Deutsche Au&szlig;enpolitik ist seit dem zweiten Weltkrieg nicht m&uuml;de geworden, dem V&ouml;lkerrecht in den internationalen Beziehungen einen sehr hohen Stellenwert einzur&auml;umen. Diese st&auml;rker als im &uuml;brigen Europa ausgepr&auml;gte Haltung ist ein Versuch der Bew&auml;ltigung der Vergangenheit und hat moralische Wurzeln: Der Holocaust war die radikaler nicht denkbare Leugnung der Moral und des Rechts. <\/p>\n<p>Wir stehen vor einem Dilemma, wenn wir den politischen Willen zur Unterst&uuml;tzung Israels, wie er durch unsere Erinnerungskultur nach dem Holocaust gewachsen ist, ausgerechnet einem Staat angedeihen lassen wollen, der in zentralen Fragen unseres V&ouml;lkerrechtsverst&auml;ndnisses anders denkt als wir: beim Gewaltverbot, beim humanit&auml;ren Kriegsv&ouml;lkerrecht, beim Verbot von Annexionen, bei der Rechtsprechung des Internationalen Strafgerichtshofs.<\/p>\n<p>Der durch solche Widerspr&uuml;che erforderlich gewordene Balanceakt ist in Deutschland auf allen Ebenen zu beobachten &ndash; in der Regierungszusammenarbeit mit Israel, in den Medien und im Bewusstsein der Bev&ouml;lkerung. <\/p>\n<p>Zwar wurde zwischenzeilich Kritik an der israelischen Politik und das Verst&auml;ndnis f&uuml;r Pal&auml;stina etwas deutlicher akzentuiert. Die Bundesregierung erkl&auml;rte ihre Ablehnung der israelischen Siedlungspolitik unverhohlen. Sie hat sich aktiv f&uuml;r das Nuklearabkommen mit Iran eingesetzt und sich dabei die israelischen Bedrohungsszenarien nicht zu eigen gemacht. In Rundfunk und Presse erschienen mehr substantielle Ver&ouml;ffentlichungen zur Situation in der Westbank und in Gaza.<br>\nDoch der Einfluss einer strikt pro-israelischen Lobby auf Regierung und Medien bleibt stark und ist in den letzten Monaten mit dem Instrument der Antisemitismusdebatte noch st&auml;rker geworden. Deutschland ist insoweit &ndash; scheinbar unvers&ouml;hnlich &ndash; gespalten. <\/p>\n<p>Es lohnt sich, eine sehr grunds&auml;tzliche Frage zu stellen:<br>\nWenn uns die Abschaffung der Rechtsstaatlichkeit in der Generation unserer Eltern zu Bekennern des V&ouml;lkerrechts gemacht hat, wie k&ouml;nnen wir es uns erlauben,  dieses Bekenntnis zu verleugnen, indem wir die Generation nach den Opfern so behandeln, als d&uuml;rfe diese sich in einem rechtsfreien Raum bewegen? Dadurch wird das ganze Bekenntnis unglaubw&uuml;rdig. Denn <em>V&ouml;lkerrecht verliert seinen Charakter als Norm, wenn wir es in unser Belieben stellen, ob wir es gelten lassen oder nicht.<\/em> <\/p>\n<p>Trotzdem hat Bundeskanzlerin Merkel vor der Knesset &uuml;ber Israel einen Schirm mit der Bezeichnung &ldquo;Staatsr&auml;son&rdquo; aufgespannt, an dem das V&ouml;lkerrecht abtropfen soll. Das hebelt zwar den Art. 25 des Grundgesetzes aus, der die allgemeinen Regeln des V&ouml;lkerrechts zum Bestandteil des Bundesrechts erkl&auml;rt (Und zu diesen allgemeinen Regeln geh&ouml;rt zu allererst das Gewaltverbot!) . Als rechtlich relevanter Begriff w&uuml;rde die Anwendung der sogenannten Staatsr&auml;son zu v&ouml;llig untragbaren Ergebnissen f&uuml;hren. Aber auch, wenn wir dieses Wort nur politisch lesen, finden wir keine Antwort auf die Frage, warum wir eigentlich Israel auf unbestimmte Zeit von der Anwendung wesentlicher Teile des V&ouml;lkerrechts dispensieren sollten.<\/p>\n<p>Am n&auml;chsten kommt man den Intentionen der Bundeskanzlerin wahrscheinlich, wenn man das Wort versteht als Ausdruck einer christlich gepr&auml;gten Moral, vielleicht erg&auml;nzt durch Begriffe wie Schuld und Traumatisierung. Als ob f&uuml;r uns die mosaische Lehre gelte von der Verfolgung der S&uuml;nden der V&auml;ter bis ins dritte und vierte Glied.<\/p>\n<p>Frank Schirrmacher hatte der Bundeskanzlerin bescheinigt, ihr Satz sei &ldquo;auch staatsrechtlich relevant&rdquo;. Das ist juristisch allerdings v&ouml;llig unhaltbar.<br>\nTrotzdem w&auml;re es nicht &uuml;berraschend, wenn k&uuml;nftig den Fl&uuml;chtlingsfamilien der vordemokratische Ausdruck Staatsr&auml;son nachhaltiger ans Herz gelegt w&uuml;rde als die vom Grundgesetz gesch&uuml;tzte Meinungsfreiheit! <\/p>\n<p>Deshalb spricht viel daf&uuml;r, die <em>Staatsr&auml;son zu ersetzen<\/em>. Und zwar durch einen R&uuml;ckgriff auf einen der wichtigsten S&auml;tze der deutschen Geistesgeschichte  &ndash; auf den moralischen Imperativ Immanuel Kants &ldquo;Der gestirnte Himmel &uuml;ber mir und das moralische Gesetz in mir     &hellip;&rdquo;<\/p>\n<p>Erst eine ausdr&uuml;ckliche Verortung des deutschen Sonderwegs in den <em>Kontext der Moral<\/em> erlaubt es, eine Reihe von Missverst&auml;ndnissen zu vermeiden. <\/p>\n<p>Es kann nur ein Missverst&auml;ndnis sein, wenn wir aus R&uuml;cksichtnahme auf Israel die ebenfalls moralisch begr&uuml;ndete Empathie f&uuml;r das Leiden der Pal&auml;stinenser v&ouml;llig verdr&auml;ngen. Wir m&uuml;ssen den Versuch machen, die Vieldeutigkeit der Staatsr&auml;son auf den Kern unserer historischen Verantwortung zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.<\/p>\n<p>Dieser Kern kann nicht allein mit den Begriffen Holocaust und der sich daraus ergebenden schamvollen Erinnerung beschrieben werden. Denn daraus ergibt sich kein wertendes Kriterium, das als Wegbeschreibung f&uuml;r konkrete politische Entscheidungen dienen k&ouml;nnte. <\/p>\n<p>Auch die in Koalitionsvertr&auml;gen und Parteiprogrammen gern genutzte Formel von unserer &ldquo;besonderen Verantwortung&rdquo; f&uuml;r Israel kann alles und nichts bedeuten. Mit solchen Worten und mit U-Booten ist Beihilfe zur nuklearen Aufr&uuml;stung gerechtfertigt worden. Immer wenn Israel ein Geschenk verlangte, war es extrem schwer, nein zu sagen.<\/p>\n<p>Was k&ouml;nnte man also als den Kern unserer Verantwortung beschreiben? Wir alle wissen: Die wichtigste Wurzel des Holocausts war ein rassistischer Antisemitismus, der sich im Dritten Reich mit einer r&uuml;cksichtslosen Herrenmenschen-Ideologie verband. Der Wille zur Aussonderung f&uuml;hrte bis zur Vernichtung.<\/p>\n<p>Diese Katastrophe Holocaust war historisch vorbereitet durch eine Jahrhunderte lang betriebene Ausgrenzung der Menschen j&uuml;dischen Glaubens. Aus dem tief unmoralischen Kern der &ldquo;Endl&ouml;sung&rdquo; wird sichtbar, was wir k&uuml;nftig als den Inhalt unserer moralischen Schuldbew&auml;ltigung begreifen k&ouml;nnen und sollten, n&auml;mlich mit einer  zweiten These: \t\t\t\t\t\t<\/p>\n<p><em>Als moralische Bew&auml;ltigung unserer Vergangenheit versichern wir dem j&uuml;dischen Volk unsere Unterst&uuml;tzung bei der Erhaltung seiner Selbstbestimmung &ndash; in einem Rechtsstaat Israel.<\/em><\/p>\n<p>Ein solcher kategorischer Imperativ des Gewissens w&auml;re flexibel genug, sich selbst zu regulieren. Wer sich grob unmoralisch verh&auml;lt, wird kaum moralische Unterst&uuml;tzung finden.<\/p><\/li>\n<li><strong>Konsequenzen mit Blick arabisch\/pal&auml;stinensische Israelis<\/strong>\n<p>Dieser Paradigmenwechsel h&auml;tte &uuml;berraschende Konsequenzen. <\/p>\n<ol type=\"a\">\n<li>Wir k&ouml;nnten die mit Minderheitenrechten begr&uuml;ndete Kritik an dem Begriff &ldquo;j&uuml;discher Staat&rdquo; neu &uuml;berdenken.\n<p>Die unterschiedlichen Geburtenraten und damit die demographische Entwicklung lassen in Israel mittelfristig eine arabische Bev&ouml;lkerungsmehrheit erwarten. Diese Mehrheit k&ouml;nnte dann mit einer demokratischen Entscheidung den heutigen Staat Israel abschaffen. Und in Pal&auml;stina umbennen. <\/p>\n<p>Es ist diese Bef&uuml;rchtung, die israelische Regierungen veranlasst, die Zukunft des Landes im Nahen Osten mit einem zweideutig religi&ouml;s und ethnisch verwendbaren Begriff zu untermauern. Netanjahu fordert immer wieder, Israel m&uuml;sse als &ldquo;j&uuml;discher Staat&rdquo; anerkannt werden. Netanjahu hat bei seinen W&auml;hlern offenbar deshalb Erfolg, weil er damit einen Nerv trifft.<\/p>\n<p>Wenn unsere moralische Verpflichtung auf die Erhaltung der j&uuml;dischen Selbstbestimmung gerichtet w&auml;re, dann k&ouml;nnten wir die Frage stellen, ob wir vielleicht auch L&ouml;sungen unterst&uuml;tzen k&ouml;nnten, mit denen j&uuml;dische &Auml;ngste ernstgenommen w&uuml;rden. <\/p>\n<p>Das ist nicht einfach, weil drei v&ouml;lkerrechtliche S&auml;ulen nicht angetastet werden d&uuml;rfen: Keine Annexion, keine Vertreibung, keine Apartheid.<\/p>\n<p>Wir schlie&szlig;en also L&ouml;sungen aus, die die in Israel lebenden Pal&auml;stinenser mit Zwangsmitteln daran hindern w&uuml;rden, zu einer Bev&ouml;lkerungsmehrheit zu werden. Wir k&ouml;nnen aber durchaus die Frage stellen, ob dieses Ergebnis nicht auch durch freiwillige Entscheidungen erreicht werden k&ouml;nnte. Das sollte nicht vorschnell verneint werden. <\/p>\n<p>Wenn Israel sich ernsthaft bereitfinden w&uuml;rde, eine Zwei-Staaten-L&ouml;sung zu akzeptieren, dann sollte es denkbar sein, eine gewisse Zahl arabischer Israelis mit sehr gro&szlig;z&uuml;giger finanzieller Hilfe zu einem Umzug nach nebenan zu ermuntern. Genau so, wie man Geld in die Hand nehmen k&ouml;nnte, um die j&uuml;dischen Siedler zur R&uuml;ckkehr nach Israel zu bewegen. <\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Erg&auml;nzend zu der in allen bisherigen Diskussionen enthaltenen Vorstellung, eine Verhandlungsl&ouml;sung werde auch einen &ldquo;swap&rdquo; enthalten, einen Gebietstausch an den R&auml;ndern der Waffenstillstandslinie von 1967, k&ouml;nnten wir uns vielleicht auch an den Gedanken eines gewissen Bev&ouml;lkerungs-Austauschs gew&ouml;hnen.<\/p><\/li>\n<li>Die Abst&uuml;tzung der deutschen Nahostpolitik auf ein ausdr&uuml;cklich moralisches Fundament w&uuml;rde es &uuml;berfl&uuml;ssig machen, die W&auml;hler mit der grundgesetzwidrigen  Staatsr&auml;son im Unklaren dar&uuml;ber zu lassen, was wir Israel wirklich zugestehen.  Das hei&szlig;t, die Bundesregierung k&ouml;nnte, wenn sie sich den Paradigmenwechsel zu eigen machte, pl&ouml;tzlich auch Verletzungen des V&ouml;lkerrechts anprangern, notfalls auch laut. Jedenfalls dann, wenn unsere Politiker &uuml;berzeugend darlegen w&uuml;rden, sie k&ouml;nnten etwas Anderes nicht mehr mit ihrem Gewissen vereinbaren. Der Zwang zu einer immer wieder zu erneuernden Rechtfertigung f&uuml;r unsere Zugest&auml;ndnisse an Israel w&auml;re der wichtigste Unterschied zur gegenw&auml;rtigen Praxis. Der Holocaust w&uuml;rde uns nicht mehr zwingen, gegen&uuml;ber israelischen Annexionen verklemmt zu schweigen, w&auml;hrend wir die Annexion der Krim mit Sanktionen belegen. Es er&uuml;brigte sich auch die Frage, warum wir Israel in der Siedlungspolitik kritisieren d&uuml;rfen, nicht aber zum Beispiel bei Angriffskriegen.\n<p>Schon diese &Uuml;berlegungen zeigen: Die moralisch geschuldete Unterst&uuml;tzung der j&uuml;disch\/israelischen Selbstbestimmung ist etwas grunds&auml;tzlich Anderes als die zuletzt so oft beschworene &ldquo;Anerkennung des Existenzrechts Israels&rdquo;. (En passant: Es gibt im V&ouml;lkerrecht keine Anerkennung eines Existenzrechts. Anerkannt werden Staaten und nicht Existenzrechte.)<\/p><\/li>\n<li>Im Sicherheitsrat der VN wird es auf absehbare Zeit keine Sanktionen gegen Israel geben, auch nicht bei gr&ouml;bsten Verst&ouml;&szlig;en gegen das V&ouml;lkerrecht. Aber ohne die USA k&ouml;nnte die Europ&auml;ische Union durchaus allein Sanktionen verh&auml;ngen. Bisher w&auml;re das stets am deutschen Widerstand gescheitert. Das k&ouml;nnte sich k&uuml;nftig &auml;ndern. Wir k&ouml;nnten nach wie vor zur&uuml;ckhaltend sein. Aber wir brauchten uns nicht mehr grunds&auml;tzlich zu verweigern. Wir brauchten immer wieder erneuerte und ver&ouml;ffentlichte Gewissensentscheidungen.\n<p>Eine moralische Verpflichtung hindert uns nicht, Einfluss auf die politische Willensbildung in Israel zu nehmen. Wir w&uuml;rden dabei umso glaubw&uuml;rdiger sein, je klarer wir Israel in seiner emotional am st&auml;rksten gepr&auml;gten Zukunftsfrage unterst&uuml;tzten. Denn jeder k&ouml;nnte erkennen: Wir w&uuml;rden es uns nicht leicht machen. <\/p>\n<p>Aber: Keine Geschenke mehr auf Verlangen. Wir w&uuml;rden selbst, allein und transparent entscheiden, wohin uns unser Gewissen tr&auml;gt, als Konsequenz aus unserer historischen Verantwortung. Nicht weniger &ndash; aber auch nicht mehr.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Botschafter a.D. <strong>Dr. Gerhard Fulda<\/strong> hat 12 Jahre seines Lebens in islamischen L&auml;ndern verbracht. Alte Familientradition h&auml;tte ihn beinahe zur Theologie gedr&auml;ngt. Die juristische Ausbildung und sein Lebenslauf zwischen Europa und der islamischen Welt gaben ihm immer wieder Anlass, die politische Relevanz religi&ouml;ser Wurzeln von Normen in unterschiedlichen Rechtssystemen und im V&ouml;lkerrecht kritisch zu durchleuchten.<\/p>\n<p>Gerhard Fulda ist Vizepr&auml;sident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft und Gr&uuml;ndungsmitglied des Vereins BIB, des B&uuml;ndnisses zur Beendigung der israelischen Besatzung. Der vorliegende Text ist als Vortrag auf der BIB-Konferenz vom 25. &ndash; 27. Mai 2018 in Heidelberg erstmals zur Diskussion gestellt worden.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Text des ehemaligen Botschafters der Bundesrepublik Deutschland entspricht im Kern einem Vortrag, den <strong>Gerhard Fulda<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44207#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] am 26. Mai 2018 in Heidelberg im Rahmen einer Tagung des BIB, des B&uuml;ndnisses zur Beendigung der israelischen Besatzung e.V., gehalten hat. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,188,199,161],"tags":[1519,1289,1557,1683,315,1878,1926,303,2039,2374,1703,1019,1281],"class_list":["post-44207","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-bundesregierung","category-kirchen-religionen","category-wertedebatte","tag-atomwaffen","tag-holocaust","tag-israel","tag-kategorischer-imperativ","tag-merkel-angela","tag-naher-osten","tag-netanjahu-benjamin","tag-palaestina","tag-siedlungspolitik","tag-staatsraeson","tag-voelkerrecht","tag-wirtschaftssanktionen","tag-zionismus"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/44207","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=44207"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/44207\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":52333,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/44207\/revisions\/52333"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=44207"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=44207"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=44207"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}