{"id":4429,"date":"2009-12-23T12:06:29","date_gmt":"2009-12-23T11:06:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4429"},"modified":"2022-06-17T09:30:06","modified_gmt":"2022-06-17T07:30:06","slug":"jubilaeum-ohne-jubel-10-jahre-bologna","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4429","title":{"rendered":"Jubil\u00e4um ohne Jubel \u2013 10 Jahre Bologna"},"content":{"rendered":"<p>H&auml;tte es noch eines Beweises daf&uuml;r bedurft, dass nicht jedes Jubil&auml;um ein Anlass zum Jubeln ist, so w&auml;re der Bologna-Prozess ein geradezu klassischer Beleg. Im folgenden Beitrag will ich der Frage nachgehen, wer von der Umgestaltung der Hochschulen und Studieng&auml;nge profitiert und dabei der Reihe nach alle Beteiligten des Prozesses daraufhin untersuchen, welche Konsequenzen sich jeweils f&uuml;r sie aus dem Umstrukturierungsprozess ergeben haben. Es werden dabei auch Begleitumst&auml;nde ber&uuml;cksichtigt, die nur indirekt zum negativen Gesamtergebnis beigetragen haben, ohne die aber bestimmte Effekte nicht so fatal ausgefallen w&auml;ren. Von <strong>Dietrich Lemke<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><p>H&auml;tte es noch eines Beweises daf&uuml;r bedurft, dass nicht jedes Jubil&auml;um ein Anlass zum Jubeln ist, so w&auml;re der Bologna-Prozess ein geradezu klassischer Beleg. Am 9. Juni dieses Jahres j&auml;hrte sich zum zehnten Male jenes vielbeschworene Treffen der mit gro&szlig;em Tross angereisten Bildungsminister aus 29 europ&auml;ischen Staaten in Bologna, die nach nur eint&auml;giger Beratung eine rechtlich v&ouml;llig belanglose Absichtserkl&auml;rung verk&uuml;ndeten, in der es hei&szlig;t, man wolle einen europ&auml;ischen Hochschulraum als Schl&uuml;ssel zur F&ouml;rderung der Mobilit&auml;t und arbeitsmarktbezogenen Qualifizierung seiner B&uuml;rger und der Entwicklung des europ&auml;ischen Kontinents insgesamt schaffen.<\/p><p>Nach zehn Jahren und f&uuml;nf in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden  abgehaltenen Folgekonferenzen liest sich das Resultat der Bologna-Bem&uuml;hungen auf der Internetseite des Bundesministeriums f&uuml;r Bildung und Forschung[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] folgenderma&szlig;en: &bdquo;Der 1999 gestartete Bologna-Prozess hat zu einer erfolgreichen Modernisierung der deutschen Hochschulen beigetragen. Im internationalen Wettbewerb um die besten K&ouml;pfe hatte sich Deutschland gemeinsam mit seinen europ&auml;ischen Nachbarn die Aufgabe gestellt, bis zum Jahre 2010 einen europ&auml;ischen Hochschulraum zu schaffen. In Deutschland haben wir die Chance genutzt, durch die gr&ouml;&szlig;te Hochschulreform seit Jahrzehnten die Qualit&auml;t von Studienangeboten zu verbessern, mehr Besch&auml;ftigungsf&auml;higkeit zu vermitteln und die Studiendauer zu verk&uuml;rzen.&ldquo; Im folgenden Absatz wird als Begr&uuml;ndungsargument noch nachgeschoben, durch die genannten Ma&szlig;nahmen k&ouml;nne in Deutschland <em>&bdquo;das Wissenspotenzial besser ausgesch&ouml;pft werden&ldquo;<\/em>.                                                 <\/p><p>Na, das klingt doch nach einer richtigen Erfolgsstory, wenn auch etwas nachdenklichere Gem&uuml;ter sich an der sehr eng gefassten Neudefinition der Hochschulzwecksetzung als arbeitsmarktbezogene Qualifizierung der B&uuml;rger sto&szlig;en k&ouml;nnten, vielleicht sogar die Frage stellen, wer denn im Erfolgsfalle von der besseren Aussch&ouml;pfung des Wissenspotenzials profitieren sollte oder k&ouml;nnte. Auch die Pr&auml;sidentin der Hochschulrektorenkonferenz Margret Wintermantel h&auml;lt das bisher erzielte Ergebnis des Bologna-Prozesses in Deutschland f&uuml;r &uuml;berzeugend und positiv, die Umstrukturierung f&uuml;r nicht mehr revidierbar.<\/p><p>So w&auml;re sicherlich die auch von fast allen Medien mitgetragene &bdquo;Weiter-so-Berichterstattung&ldquo; bis ans Ende aller Tage fortgeschrieben worden, wenn nicht in der Woche nach dem Jubil&auml;um zum ersten Mal seit Menschengedenken in &uuml;ber sechzig St&auml;dten Deutschlands Studierende und Sch&uuml;ler und Sch&uuml;lerinnen der Sekundarstufe in nicht zu &uuml;bersehender Anzahl ihren Unmut &uuml;ber die unzumutbar gewordenen Studien- und Lernbedingungen zum Ausdruck gebracht h&auml;tten. Zwar konnte es sich Bundesbildungsministerin Annette <\/p><p>Schavan[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] im ersten Zorn nicht verkneifen, ihre Ver&auml;rgerung &uuml;ber die ewig gestrigen Protestierer zu Protokoll zu geben, sah sich aber im Verlauf der Streikwoche wegen der f&uuml;r sie &uuml;berraschend gro&szlig;en Beteiligung und des unvermutet starken Medieninteresses  gezwungen, wie auch Frau Wintermantel gravierende M&auml;ngel bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses einzugestehen und Nachbesserungen zu versprechen.<\/p><p>Punktgenau zum Jubil&auml;um erschien als unwillkommene Begleitmusik ein vom Deutschen Hochschulverband initiiertes &bdquo;Schwarzbuch Bologna&ldquo;, in dem dreizehn Professoren ein insgesamt vernichtendes Fazit f&uuml;r diese aus ihrer Sicht verheerende Umgestaltung im deutschen Hochschulwesen ziehen[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]. Es verging dann im Juli kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo in der Presse ein bolognakritischer Beitrag erschien, selbst konservativste Bl&auml;tter machten da keine Ausnahme mehr. Mit dem Beginn der vorlesungsfreien Zeit verebbte dann allerdings das &ouml;ffentliche Interesse am Bologna-Prozess, und die daf&uuml;r Verantwortlichen legten das Problem wieder dorthin, wo es ihrer Meinung nach hingeh&ouml;rte: auf die lange Bank. Zu Beginn des Wintersemesters wurde dies auch von den Studierenden deutlich erkannt, und es kam zu der noch andauernden zweiten Streikwelle, die nach anf&auml;nglich schw&auml;cherer Beteiligung schlie&szlig;lich doch zu der gew&uuml;nschten &ouml;ffentlichen Aufmerksamkeit f&uuml;hrte, nicht zuletzt weil auch in anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern H&ouml;rs&auml;le besetzt und Lehrveranstaltungen bestreikt wurden.  <\/p><p>Jetzt endlich bewegten sich die zust&auml;ndigen L&auml;nderminister, die Hochschulrektorenkonferenz, und selbst der Bundespr&auml;sident sah sich gezwungen, die nicht l&auml;nger zu verschweigenden Vers&auml;umnisse und Missst&auml;nde im deutschen Hochschulwesen deutlich zu benennen und zukunftsweisende Verbesserungsvorschl&auml;ge einzufordern. Zwar spielen Frau Schavan und Frau Wintermantel immer noch auf Zeit[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>], aber der unter Beweis gestellte lange Atem der Studierenden hat offenbar jetzt dazu gef&uuml;hrt, dass ihr Anliegen ernst genommen und die L&ouml;sung der Bologna-Probleme von einer breiten interessierten &Ouml;ffentlichkeit als wichtige politische Aufgabe angesehen wird. Welch ein Unterschied zur Situation vor zwei Jahren, als noch sehr wenige Autoren sich mit ihrer Kritik an der schon damals unhaltbaren Lage der Hochschulen an die &Ouml;ffentlichkeit trauten[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>].<\/p><p>Vielleicht spielt auch die Tatsache eine Rolle, dass inzwischen mehr empirisch erh&auml;rtete Fakten vorliegen, die in offenbarem Widerspruch zu den offiziellen Verlautbarungen stehen. Ein Beispiel soll das illustrieren: Als ich meinen im Jahre 2007 publizierten kritischen Beitrag schrieb[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>], musste ich noch eigene Recherchen anstellen, um zumindest f&uuml;r die Universit&auml;t Bielefeld den damals noch sorgsam geheim gehaltenen Umstand der Tendenz zu h&ouml;heren Abbrecherquoten bei BA-\/MA-Studieng&auml;ngen zu eruieren. Noch im Jahre 2007 versuchte der Pr&auml;sident der FU Berlin eine hausinterne Vergleichsstudie zu den Abbrecherzahlen in traditionellen und umstrukturierten Studieng&auml;ngen wegen ihres unerw&uuml;nschten Ergebnisses zu unterdr&uuml;cken. Inzwischen sieht sich sogar das HIS (Hochschul-Informations-System GmbH), die Institution, die den Bologna-Prozess offiziell empirisch begleitet, zu dem Eingest&auml;ndnis gezwungen,  dass die Hoffnung auf eine Senkung der Studienabbrecherzahlen sich nicht aufrechterhalten l&auml;sst. <\/p><p>Dies ist nun allerdings ein herber R&uuml;ckschlag f&uuml;r die effizienzfixierten Bologna-Apologeten, denn dass eine st&auml;rkere Verschulung des Hochschulstudiums zu einer h&ouml;heren Absolventenquote f&uuml;hren m&uuml;sste, hatten sie als selbstverst&auml;ndlich angenommen und immer wieder als Argument f&uuml;r die Umstrukturierung der Studieng&auml;nge verwendet. &Auml;hnlich steht es mit der Realisierung des mit so gro&szlig;em Propagandaaufwand als Zielvorstellung verk&uuml;ndeten europ&auml;ischen Hochschulraumes, innerhalb dessen sich die Studierenden mit vorher nie gekannter Mobilit&auml;t bewegen sollten. Sogar die Mobilit&auml;t innerhalb Deutschlands hat gegen&uuml;ber fr&uuml;her abgenommen, weil das als Mobilit&auml;tsgarant angenommene Leistungspunktsystem die ihm zugedachte Rolle nicht ausf&uuml;llen kann. <\/p><p>Was n&uuml;tzt es denn, wenn zwar in allen BA-Studieng&auml;ngen eines bestimmten Faches die gleiche Anzahl von ECTS-Punkten vorgeschrieben ist, die inhaltliche Ausgestaltung aber der Willk&uuml;r und den pers&ouml;nlichen Pr&auml;ferenzen der an den einzelnen Hochschulen t&auml;tigen Fachvertreter &uuml;berlassen bleibt? Hier r&auml;cht sich der R&uuml;ckzug des Bundes aus der Bildungspolitik. Fr&uuml;her gab es ganz selbstverst&auml;ndlich bundeseinheitliche Rahmenvorgaben z. B. f&uuml;r Diplomstudieng&auml;nge, die f&uuml;r das notwendige Ausma&szlig; von Vergleichbarkeit sorgten und gleichzeitig die rechtliche Grundlage f&uuml;r einen Studienortswechsel boten. W&auml;hrend meiner T&auml;tigkeit als Studienberater f&uuml;r BA- und MA- Studierende an der Fakult&auml;t f&uuml;r P&auml;dagogik der Universit&auml;t Bielefeld hatte ich h&auml;ufig mit Studierenden zu tun, die aus pers&ouml;nlichen Gr&uuml;nden nach Bielefeld gewechselt waren, aber wegen fehlender Vergleichbarkeit der Studieninhalte auch bei wohlwollender Betrachtung nicht bruchlos in die Bielefelder Studienstruktur integriert werden konnten. Ich habe keinen Fall erlebt, bei dem ein Wechsel der Hochschule nicht mit einem Verlust schon erworbener Leistungspunkte verbunden war.  So wird heute an vielen Hochschulen vor einem Wechsel w&auml;hrend des BA-Studiums dringend gewarnt. <\/p><p>Eine sehr wichtige Frage aber, die anl&auml;sslich des Jubil&auml;ums endlich einmal gestellt werden sollte, hat auch der Bundespr&auml;sident mit Schweigen &uuml;bergangen. Es ist die Grundsatzfrage, wer denn nun eigentlich von der Umgestaltung der Hochschulen und Studieng&auml;nge profitiert.  M&ouml;glicherweise dienen ja gerade auch die jahrelang verdr&auml;ngten, nun jedoch eingestandenen Fehlentwicklungen des Bologna-Prozesses identifizierbaren Interessen, die auch den angek&uuml;ndigten Korrekturbem&uuml;hungen von vornherein enge Grenzen setzen werden, solange sie nicht aufgedeckt und angeprangert werden.<br>\nIm Folgenden will ich nun dieser Frage nachgehen und dabei der Reihe nach alle Beteiligten des Prozesses daraufhin untersuchen, welche Konsequenzen sich jeweils f&uuml;r sie aus dem Umstrukturierungsprozess ergeben haben. Es werden dabei auch Begleitumst&auml;nde ber&uuml;cksichtigt, die nur indirekt zum negativen Gesamtergebnis beigetragen haben, ohne die aber bestimmte Effekte nicht so fatal ausgefallen w&auml;ren. <\/p><p>Soviel sollte aus dem bisher Gesagten allerdings schon deutlich geworden sein, dass zumindest die Studierenden nicht zu den Beg&uuml;nstigten geh&ouml;ren k&ouml;nnen. Sie &auml;chzen unter der Last permanenter Pr&uuml;fungen und b&uuml;rokratisch durchorganisierter, mit viel zu viel nur oberfl&auml;chlich anzueignendem Wissen &uuml;berladener Studieng&auml;nge, haben dadurch keine Zeit, ihr Wissen zu strukturieren oder gar kritisch zu reflektieren. Jeder Versuch, den Lernstoff f&uuml;r sich selbst zu vertiefen, wird letztlich an der geforderten Breite scheitern. Dies muss sich gerade bei stark  an ihrem Fach interessierten Studierenden negativ auf ihre Studienmotivation auswirken, zumal auch Erfolgserlebnisse wie eigene Einsichten in fachliche Zusammenh&auml;nge durch das &Uuml;berma&szlig; des ihnen zugemuteten Lernstoffs kaum mehr vorkommen. Fast sieht es so aus, als sei pers&ouml;nliche Bildung, der Erwerb pers&ouml;nlich bedeutsamer Kenntnisse und F&auml;higkeiten, als Studienziel gar nicht mehr vorgesehen oder nur noch einer winzigen Minderheit von Doktoranden zugestanden. Beg&uuml;nstigt wird durch die neue Studienstruktur nur ein ganz bestimmter Typus von Studierenden: intellektuell anspruchslose, inhaltlich wenig interessierte Seminarteilnehmer, die sich allein durch ihre hohe Belastbarkeit hervortun. Alle anderen haben jetzt mehr Probleme als zuvor.<\/p><p>Ung&uuml;nstig f&uuml;r die Studierenden ist auch die erst in letzter Zeit deutlicher werdende Absicht mancher Landesregierungen, nicht alle BA-Absolventen zu einem Masterstudiengang zuzulassen. Ein Beenden des Studiums nach dem Erwerb des Bachelor-Titels kann aber nach meiner Einsch&auml;tzung nur als zertifizierter Studienabbruch bezeichnet werden! Und wenn nun ein Studierender obendrein das Pech hat, an einer Hochschule zu studieren, die in einem der Bundesl&auml;nder liegt, die im Verlauf der letzten Jahre die neu geschaffenen rechtlichen M&ouml;glichkeiten zur Einf&uuml;hrung der fr&uuml;her zu Recht verbotenen Studiengeb&uuml;hren genutzt haben, versch&auml;rft sich seine Situation noch betr&auml;chtlich. Denn jeder Zeitverlust im Studium hat nun auch noch einen finanziellen Verlust zur Folge.<\/p><p>Ein Zur&uuml;ckbleiben hinter dem jetzt ja viel zu vollgepackten und sehr genau festgelegten Studienplan kann einmal geschehen durch pers&ouml;nliche Schwierigkeiten wie Krankheit, finanzielle Engp&auml;sse oder die Notwendigkeit, kleine Kinder zu betreuen. Es gibt aber noch eine weitere Ursache, f&uuml;r die ein au&szlig;erhalb der studentischen Einflussm&ouml;glichkeiten liegender Umstand verantwortlich ist: die jetzt endlich auch vom Bundespr&auml;sidenten angeprangerte  skandal&ouml;se Unterfinanzierung der Hochschulen. Dieser in der &Ouml;ffentlichkeit wegen anders lautender Propaganda kaum wahrgenommene, seit Jahrzehnten andauernde Zustand wirkt sich in Verbindung mit dem Bologna-Prozess noch schlimmer aus als bei den vorher &uuml;blichen Studieng&auml;ngen, weil durch die studienbegleitenden permanenten Pr&uuml;fungen und die weitaus rigider gewordenen Kontrollen w&auml;hrend des Lehrbetriebs alle Lehrenden deutlich mehr Zeit f&uuml;r Verwaltungst&auml;tigkeiten aufwenden m&uuml;ssen. Um dies auszugleichen, h&auml;tten die Hochschulen bei gleich bleibender Anzahl Studierender erheblich mehr Lehrpersonalstellen bekommen m&uuml;ssen, stattdessen werden, ganz im Gegenteil, weiterhin Defizite in den Haushalten der Bundesl&auml;nder durch Stellenk&uuml;rzungen bei den Hochschulen gegenfinanziert[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>]. Dies hat f&uuml;r die Studierenden gravierende Konsequenzen in Form &uuml;berf&uuml;llter Lehrveranstaltungen, die ein konzentriertes Lernen kaum zulassen, dar&uuml;ber hinaus kann es nun aber auch vorkommen, dass wegen des Mangels an Lehrpersonal gar nicht alle Veranstaltungen rechtzeitig angeboten werden k&ouml;nnen, die von den Studierenden absolviert werden m&uuml;ssten.<\/p><p>Durch diese Erfahrung gewitzigt, haben in letzter Zeit immer mehr Hochschulen dem dadurch eine Riegel vorgeschoben, dass sie die Zahl der zu versorgenden Studenten und Studentinnen rigoros reduzierten. So kommt es, dass heute fast alle stark nachgefragten Studieng&auml;nge mit einem numerus clausus bewehrt sind, auch solche, die dergleichen nie zuvor gekannt hatten. So haben wir jetzt die paradoxe Situation vor uns, dass ausgerechnet in einer Zeit, wo besonders geburtenstarke Jahrg&auml;nge zum Studium anstehen, weniger Studienpl&auml;tze angeboten werden als zuvor. Nicht unerw&auml;hnt soll auch bleiben, dass die psychologischen Dienste der Hochschulen schon seit Jahren einen vorher nie gekannten Betreuungsbedarf bei den Studierenden melden. Selbst Erstsemester leiden schon an &Uuml;berlastungssymptomen und werden durch das Gef&uuml;hl, nur noch von Au&szlig;en gesteuert zu sein, in ihrer Pers&ouml;nlichkeitsbildung behindert. Insbesondere bei Studierenden des Lehramts wirkt sich dieses Defizit f&uuml;r die Allgemeinheit verheerend aus, denn wie sollen aus diesen gehetzten Wesen schlie&szlig;lich die gereiften Pers&ouml;nlichkeiten werden, die in der Lage sein sollen, unseren Nachwuchs nicht nur zu bilden, sondern ihm auch ein stabiles Ger&uuml;st von Werten und &Uuml;berzeugungen mitzugeben? Halten wir also als Ergebnis fest: Die Studierenden profitieren nicht von der Reform!<\/p><p>Steigen wir nun eine Stufe hinauf in der Hierarchie des h&ouml;heren Bildungswesens und pr&uuml;fen, ob bei den Lehrenden an den Universit&auml;ten in Deutschland irgendjemand von der so genannten Studienreform einen Gewinn davongetragen hat. Die im vorigen Abschnitt beschriebene, durch den Bologna-Prozess verursachte Mehrbelastung aller Lehrenden tendiert eindeutig in die Gegenrichtung, zeigt aber nur den Zustand nach der Umstrukturierung. Mit in die Bilanzierung eingehen sollten unbedingt auch die im wahrsten Sinne unz&auml;hligen in endlosen Konferenzen vergeudeten Arbeitsstunden hoch qualifizierter Menschen, die den Umgestaltungsprozess unter starkem Zeitdruck und gro&szlig;enteils unsinnigen Vorgaben zu bew&auml;ltigen hatten und denen allein es zu verdanken ist, wenn nicht nur reiner Unsinn bei der Umgestaltung der Studieng&auml;nge herausgekommen ist. Und wenn die Verlautbarungen der letzten Tage ernst genommen werden k&ouml;nnen, dass  wirklich die gr&ouml;bsten Konstruktionsfehler in den BA-\/MA-Studieng&auml;ngen nun ausgeb&uuml;gelt werden sollen, dann ist abzusehen, dass der Konferenzmarathon von neuem losgeht. <\/p><p> Weitere Mehrbelastungen entstehen durch die vorgeschriebene Akkreditierung der neuen Studieng&auml;nge, wobei durch eigens eingerichtete Arbeitsgruppen umfangreiche Antr&auml;ge nach gro&szlig;enteils sachfremden Vorgaben vorbereitet werden m&uuml;ssen, um so der jeweiligen Akkreditierungsagentur m&ouml;glichst keinen Anhaltspunkt f&uuml;r &Auml;nderungsw&uuml;nsche zu bieten, die dann wieder neue Konferenzen notwendig machen w&uuml;rden. Auch materieller Schaden entsteht durch den Zwang zur Akkreditierung, denn diese ist h&ouml;chst kostenpflichtig, und belastet so direkt den Etat der Hochschulen[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>], die auf diesen Zusatzkosten h&auml;ngen bleiben.  Dies wiederum sp&uuml;ren dann die Lehrenden der einzelnen Fakult&auml;ten in Form von Mittel- und Stellenk&uuml;rzungen, und da &uuml;berdies auch noch alle drei bis vier Jahre die Akkreditierung zu wiederholen ist, wird daraus  zwangsl&auml;ufig eine Abw&auml;rtsspirale der Studienfinanzierung. Wie unsinnig diese Form des &bdquo;universit&auml;ren Qualit&auml;tsmanagements&ldquo; ist, sollte schon aus der Tatsache ersichtlich sein, dass die Akkreditierung die inzwischen selbst von h&ouml;chsten Stellen einger&auml;umten M&auml;ngel der BA-\/MA-Studieng&auml;nge nicht verhindert hat, und es sollte mich sehr wundern, wenn nicht die Korrektur dieser Fehler die Neuakkreditierung aller ver&auml;nderten Studieng&auml;nge im Gefolge h&auml;tte: eine Goldgrube f&uuml;r die privaten Akkreditierungsagenturen!<\/p><p>Eine weitere zeitgleich mit dem Bologna-Prozess aufgekommene M&ouml;glichkeit zur Vernichtung wertvoller Arbeitskraft ist die Teilnahme an Hochschulrankings, mit denen wir uns im Folgenden noch n&auml;her besch&auml;ftigen werden. Dies hat inzwischen die mathematisch-naturwissenschaftliche Fakult&auml;t der Universit&auml;t Kiel zu einem Ausstieg aus den vom Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) veranstalteten Rankings bewegt, wobei der erhebliche personelle und zeitliche Mehraufwand nur einer von mehreren Gr&uuml;nden ist, die vom Dekan dieser Fakult&auml;t f&uuml;r diese Entscheidung vorgebracht wurden[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>]. Auch der Historikerverband lehnt nach einer Verlautbarung auf seiner Internetseite jetzt die weitere Teilnahme an CHE-Rankings ab und nennt schon einige Hochschuleinrichtungen, die sich diesem Appell anschlie&szlig;en wollen. Da die Hochschulen der Schweiz und &Ouml;sterreichs ihre Teilnahme schon l&auml;nger aufgek&uuml;ndigt haben, k&ouml;nnte sich hier eine Umkehr andeuten. <\/p><p>Ein weiterer Anlass, Forschung und Lehre zu vernachl&auml;ssigen oder hintanzustellen, ist die Einwerbung von sogenannten Drittmitteln, die wegen der anhaltenden Unterfinanzierung der Hochschulen umfangreichere Forschungsprojekte &uuml;berhaupt erst m&ouml;glich machen. Da sich um die raren Mittel viel mehr Bewerber bem&uuml;hen, als letztlich bezuschusst werden k&ouml;nnen, sind die Anforderungen an Umfang und Qualit&auml;t der F&ouml;rderantr&auml;ge in ungeahnte H&ouml;hen gestiegen, mit der konkreten Folge, dass solche Antr&auml;ge inzwischen auf Literaturlisten bei Bewerbungen auftauchen und als vollwertige wissenschaftliche Publikationen gewertet werden. &Auml;hnlich sieht es mit den Rechenschaftsberichten aus, die nach der Vergabe von F&ouml;rdermitteln zum Nachweis der korrekten Verwendung erstellt werden m&uuml;ssen. Die Kr&ouml;nung aller Bem&uuml;hungen um Drittmittel stellt dann die Teilnahme an einer Exzellenzinitiative dar, was wegen der in Aussicht gestellten noch h&ouml;heren Mittelausstattung nat&uuml;rlich einen noch h&ouml;heren Anspruch an die vorzulegenden Unterlagen erfordert. Nur Hochschuleinrichtungen, die bereits &uuml;ber eine &uuml;berdurchschnittliche Ausstattung an Mitteln und Personal verf&uuml;gen, haben hier &uuml;berhaupt eine reelle Chance. <\/p><p>Nur nebenbei sei auch noch die vor ein paar Jahren auf dem Verordnungswege verf&uuml;gte Erh&ouml;hung des Lehrdeputats erw&auml;hnt, die zulasten der Lehrenden eine wundersame Erh&ouml;hung der Lehrkapazit&auml;t der Hochschulen bewirkte. Schlimme Folgen f&uuml;r den wissenschaftlichen Nachwuchs hat die gezielte Streichung von regul&auml;ren Assistentenstellen und Dauerstellen im sogenannten akademischen Mittelbau. Es gibt zunehmend nur noch eng befristete Stellen in Drittmittelprojekten und neu geschaffene sogenannte Lecturer-Stellen, auf denen junge Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zur Behebung der Engp&auml;sse in der Lehre gnadenlos verheizt werden, ohne noch eigene Forschung realisieren zu k&ouml;nnen. &Auml;hnliches gilt auch f&uuml;r die an vielen Hochschulen eingef&uuml;hrten Juniorprofessuren. Nachteilig f&uuml;r dieses wachsende wissenschaftliche Prekariat ist auch die Tendenz zur Standardisierung in den BA-\/MA-Studieng&auml;ngen, denn bei Bewerbungen k&ouml;nnen sie sich nun nicht mehr durch originelle Veranstaltungsthemen und ein weites Themenspektrum auszeichnen. <\/p><p>Die genannten Ver&auml;nderungen sprechen aus meiner Sicht s&auml;mtlich daf&uuml;r, unsere Leitfrage nach den Nutznie&szlig;ern des Bologna-Prozesses und seiner Begleiterscheinungen f&uuml;r die Lehrenden an den Hochschulen negativ zu beantworten. Es kommt aber noch ein weiterer negativer Umstand hinzu, der auf einer anderen Ebene liegt. Noch vor wenigen Jahren galt die universit&auml;re Selbstverwaltung als unantastbare Errungenschaft des deutschen Hochschulwesens, die Professorenschaft hatte die Mehrheit in den Selbstverwaltungsgremien, und das Rektorenamt war so ausgelegt, dass der Amtsinhaber nur als primus inter pares fungieren und nichts gegen die Mehrheit des Senats tun oder &auml;ndern konnte. Inzwischen ist es so, dass die meisten Bundesl&auml;nder neue Hochschulgesetze erlassen haben, die eine Verfassung der Hochschulen vorschreiben, in der die Statusgruppe der Professoren nur noch sehr stark zur&uuml;ckgestutzte Mitbestimmungsm&ouml;glichkeiten hat. Ein instruktives Beispiel bietet hier das Land Nordrhein-Westfalen mit seinem &bdquo;Hochschulfreiheitsgesetz&ldquo; aus dem Jahre 2006, nach dem jetzt der Hochschulrat, ein nicht demokratisch gew&auml;hltes kleines Gremium, die eigentliche Macht in den Hochschulen aus&uuml;bt und den Rektor oder Pr&auml;sidenten w&auml;hlt, was fr&uuml;her Aufgabe des demokratisch gew&auml;hlten Senats bzw. Konvents war.  Der oder die Gew&auml;hlte soll zwar vom Senat best&auml;tigt werden, die eventuelle Ablehnung durch den Senat kann aber durch erneute Abstimmung des Hochschulrates ausgeb&uuml;gelt werden, wie k&uuml;rzlich an der Fachhochschule Bielefeld geschehen. <\/p><p>Wie kommt es, dass die einmal so selbstbewusste Professorenschaft der Hochschulen, insbesondere der Universit&auml;ten, sich diesem politischen Handstreich in ihrer Mehrheit nicht widersetzt hat, sondern nach wie vor mit besch&auml;mender Beflissenheit eine Kr&ouml;te nach der anderen schluckt? Warum unterwerfen sie sie sich nach willk&uuml;rlichen Kriterien veranstalteten Rankings und arbeiten Akkreditierungsagenturen zu, die auch ihnen selbst finanziellen Schaden zuf&uuml;gen? Wieso beteiligen sie sich an &bdquo;Exzellenzinitiativen&ldquo;, obwohl ihnen klar sein muss, dass jeder Euro, der ihrem Projekt zuflie&szlig;t, an einer anderen Stelle im Bildungswesen weggek&uuml;rzt wurde? Aus welchem Grund lassen sich die Hochschulen und Fakult&auml;ten von den Regierenden in eine sinnlose Konkurrenz treiben, anstatt solchen Zumutungen geschlossen entgegen zu treten? Nach meiner Einsch&auml;tzung ist das all diesen &bdquo;Mitmachern&ldquo; gemeinsame Motiv die von der Obrigkeit absichtsvoll gesch&uuml;rte Hoffnung, f&uuml;r sich selbst oder den eigenen Fach- oder Forschungsbereich irgendeinen noch so begrenzten Profit aus der allgemeinen Bildungsmisere zu schlagen. In den letzten Jahren sind zwar die Ausgaben f&uuml;r das Bildungswesen noch weiter zur&uuml;ckgegangen, aber durch Umverteilung der geschrumpften Mittel ist f&uuml;r manche Beteiligte doch noch etwas zu gewinnen, wenn auch auf Kosten der weniger &bdquo;exzellenten&ldquo; Mitbewerber. Dies erkl&auml;rt hinreichend, warum die ohnehin schon besser gestellten Hochschulen und Professoren das Konkurrenzsystem st&uuml;tzen. Warum aber machen die weniger Privilegierten mit, die doch t&auml;glich erfahren, dass ihre Situation immer schlechter wird? Meine Erkl&auml;rung daf&uuml;r ist eine depressive Grundstimmung der Unterprivilegierten, die dazu f&uuml;hrt, dass es auch im &bdquo;Untergeschoss&ldquo; des Hochschulwesens eine Konkurrenz gibt. Hier besteht der angestrebte Erfolg darin, bei der mit Sicherheit zu erwartenden n&auml;chsten K&uuml;rzungswelle etwas schonender behandelt zu werden als  die anderen. Das Mittel dazu ist die bedingungslose Unterwerfung, ja der vorauseilende Gehorsam gegen&uuml;ber allen Zumutungen der Regierenden: Folgsamkeit als &bdquo;Exzellenz der Armen&ldquo;!<\/p><p>Betrachten wir nun die n&auml;chst h&ouml;here Ebene, die Hochschulen selbst. Hier k&ouml;nnen wir gleich zu Anfang feststellen, dass mit dem Bologna-Prozess eine Aufwertung der Fachhochschulen einhergeht. Auch sie d&uuml;rfen Bachelor-, ja sogar Master-Studieng&auml;nge anbieten und nutzen diese neue M&ouml;glichkeit auch.<br>\nDie erworbenen Titel sollen trotz der nach wie vor unterschiedlichen Zugangsvoraussetzungen (sowohl f&uuml;r Studierende als auch f&uuml;r die Lehrenden) nicht unterschieden werden, wie schon im Jahre 1999 von der Kultusministerkonferenz beschlossen wurde. Selbst Johanna Witte, eine Mitarbeiterin des CHE, stellt in Ihrem Aufsatz &uuml;ber die deutsche Umsetzung des<\/p><p>Bologna-Prozesses[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] verwundert fest, dieser von ihr als Revolution bezeichnete Vorgang sei bemerkenswert still &uuml;ber die B&uuml;hne gegangen, und erkl&auml;rt sich das Ausbleiben einer eigentlich ja h&ouml;chst notwendigen Grundsatzdiskussion damit, dass es auf politischer Ebene viel Sympathie f&uuml;r eine Aufwertung der Fachhochschulen gegeben habe. Diese Deutung ist wahrscheinlich richtig, denn es gab schon vorher deutliche Anzeichen f&uuml;r eine solche Absicht, wie etwa die mit jeder neuen &bdquo;Eckdatenverordnung&ldquo; verbesserten M&ouml;glichkeiten, an Fachhochschulen erbrachte Studienleistungen f&uuml;r ein universit&auml;res Diplomstudium anrechnen zu lassen, oder die in Nordrhein-Westfalen geschaffene M&ouml;glichkeit, Fachhochschulabsolventen mit Einserabschluss direkt in ein Promotionsstudium an der Universit&auml;t aufr&uuml;cken zu lassen. Diese wohl politisch gewollte Nivellierung  der traditionellen Unterschiede zwischen mehr theoretisch orientierten und &uuml;berwiegend anwendungsbezogenen Studieng&auml;ngen hat l&auml;ngerfristig nicht nur f&uuml;r die Universit&auml;ten negative Konsequenzen, die damit in der Konkurrenz zu den ja kosteng&uuml;nstiger arbeitenden Fachhochschulen unter einen zus&auml;tzlichen Kostendruck geraten, sondern auch f&uuml;r die Studierenden, denn die angestrebte Angleichung der Hochschularten wird sich nicht durch eine Anhebung des wissenschaftlichen Niveaus der Fachhochschulen ereignen!<\/p><p>Es sollte zu denken geben, wie hier Entscheidungen von gro&szlig;er Tragweite und grunds&auml;tzlicher Bedeutung in kleinen Zirkeln unter Umgehung einer &ouml;ffentlich gef&uuml;hrten Debatte getroffen worden sind, weil vermutlich keine an einer Landesregierung beteiligte politische Partei diese famose Sparm&ouml;glichkeit verpassen wollte. Die Interessenvertreter der Universit&auml;ten aber haben dieses brisante Ereignis offenbar verschlafen, wobei wir ihnen zugute halten sollten, dass die volle Bedeutung dieses einzelnen Schrittes damals noch nicht so klar ersichtlich sein konnte wie heute, wo das ganze Ensemble der nach und nach in Kraft getretenen Elemente des Bologna-Prozesses und seiner Begleitentwicklungen vor unseren Augen liegt. <\/p><p>Wie aber stellt sich heute die Lage der Universit&auml;ten dar? Beginnen wir vor einer sp&auml;ter notwendigen Differenzierung mit den Gemeinsamkeiten: Alle werden nach wie vor von staatlicher Seite zu sparsam finanziert, so dass sie gen&ouml;tigt sind, sich zus&auml;tzliche Finanzierungsquellen zu erschlie&szlig;en. Dabei ist zu bemerken, dass die Lage der Hochschulen umso dramatischer aussieht, je weiter sich die zust&auml;ndige Landesregierung aus ihrer Verantwortung f&uuml;r sie davongestohlen hat. Nehmen wir Nordrhein-Westfalen als instruktives Beispiel, denn hier hat die derzeit regierende Koalition aus CDU und FDP mit dem im Jahre 2006 beschlossenen &bdquo;Hochschulfreiheitsgesetz&ldquo; neue  Ma&szlig;st&auml;be gesetzt. Dieses Gesetz entl&auml;sst die Hochschulen formal weitgehend aus der Zust&auml;ndigkeit des Landes, was auch beamtenrechtliche und arbeitsrechtliche Konsequenzen mit sich brachte. Aber wie sieht die neue Freiheit denn konkret aus? Die Landesregierung handelt mit den Hochschulen ein Budget aus und nimmt sie gleichzeitig mit einer Zielvereinbarung in die Verantwortung. Mit anderen Worten: Man kann jetzt den Landeshaushalt ungeniert durch weitere Einsparungen im Hochschulbereich sanieren, ohne die dadurch verursachten Sch&auml;den gegen&uuml;ber den Betroffenen oder der politischen &Ouml;ffentlichkeit noch selbst verteidigen oder rechtfertigen zu m&uuml;ssen. Die Entscheidung dar&uuml;ber, wen oder was man opfern soll, muss jetzt das Rektorat oder Pr&auml;sidium jeder einzelnen Hochschule selbst treffen, w&auml;hrend die Landesregierung sich aus der Schusslinie zur&uuml;ckgezogen hat.<\/p><p>&Uuml;ber das Steuerungsinstrument der Zielvereinbarungen beh&auml;lt die Regierung aber dennoch die Kontrolle &uuml;ber das Geschehen an den Hochschulen, denn im Falle der Nichterf&uuml;llung dieser sehr detaillierten Vorgaben droht den Hochschulen im Hintergrund immer die Keule der Mittelk&uuml;rzung. Bei Licht besehen, stellt sich also die vom Gesetzestitel suggerierte gro&szlig;e Freiheit der Hochschulen als sehr viel k&uuml;mmerlicher heraus: es ist die Verpflichtung, den vorgegebenen Mangel selbst zu verwalten. De facto sind die Universit&auml;ten abh&auml;ngiger als zuvor. Sie k&ouml;nnen sich zum Beispiel nicht aus dem Bologna-Prozess verabschieden, denn dieser ist ein prominenter Teil der Zielvereinbarung[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>], verursacht aber zus&auml;tzliche Kosten, die den Hochschulen von der Regierung nicht erstattet werden. Da sind einmal die schon erw&auml;hnten Betr&auml;ge zu nennen, die privaten Akkreditierungsagenturen zugeschanzt werden, weil die Regierung sich von der Fachaufsicht &uuml;ber die Hochschulen verabschiedet hat, kostenintensiv war aber auch die Erweiterung der Pr&uuml;fungs&auml;mter in den einzelnen Fakult&auml;ten, die sonst unter der Last der permanenten Pr&uuml;fungen und der Verwaltung der Leistungsdaten der BA-\/MA-Studierenden zusammengebrochen w&auml;ren. Auch der durch die unn&ouml;tig komplizierte neue Studienstruktur deutlich erh&ouml;hte Beratungsbedarf der Studierenden f&uuml;hrte zu vorher nicht angefallenen Kosten: In vielen Fakult&auml;ten musste die Personalkapazit&auml;t der Studienberatung erh&ouml;ht werden. Nicht unerw&auml;hnt soll auch bleiben, dass die f&uuml;r das Umstrukturieren der alten Studieng&auml;nge aufgewendeten Arbeitsstunden des wissenschaftlichen Personals besser f&uuml;r Forschung und Lehre eingesetzt worden w&auml;ren. <\/p><p>Ein in seiner Wirkung nicht zu untersch&auml;tzender Aspekt der jetzt propagierten &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo; ist eine Versch&auml;rfung der Priorit&auml;tensetzung zwischen Forschung und Lehre. Schon fr&uuml;her zahlte es sich f&uuml;r Lehrende  nicht aus, besonders viel M&uuml;he in gute Lehrveranstaltungen zu investieren. F&uuml;r die eigene Karriere war eine lange Liste von Publikationen deutlich wichtiger. Jetzt sollen ganze Hochschulen miteinander konkurrieren in Rankings und Exzellenzinitiativen, wobei den weniger Erfolgreichen irgendwann der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit droht. Hieraus ergibt sich ein Anreiz f&uuml;r die Hochschulleitungen, prestigetr&auml;chtige Forschungsaktivit&auml;ten bei der hausinternen Mittelvergabe zulasten der Lehre zu bevorzugen. So w&auml;re an der Universit&auml;t Bielefeld das vor allem der Lehre dienende Medienzentrum um ein Haar aufgel&ouml;st worden, um mehr Platz f&uuml;r eine &bdquo;exzellente&ldquo; und intensiv beworbene Forschungseinrichtung zu schaffen. Nur der laute Protest der Gesch&auml;digten hat dann wenigstens die Rettung eines Teils der Lehreinrichtung bewirkt. <\/p><p>An der Universit&auml;t Stuttgart will der dortige Rektor im Bunde mit seiner Hochschulleitung nach einem Zeitungsbericht anscheinend gleich mehrere geisteswissenschaftliche Lehrst&uuml;hle streichen, um mit Hilfe der eingesparten Gelder das technische Profil seiner Hochschule zu sch&auml;rfen, in der Hoffnung, damit seine Wettbewerbsposition bei Exzellenzinitiativen zu verbessern[<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>]. Hier zeigt sich exemplarisch die gef&auml;hrliche Kehrseite der neuen Leitungsstruktur. Ein machtbewusster und ehrgeiziger Rektor kann mit seinem Hochschulrat im R&uuml;cken gegen die Mehrheit der Hochschulangeh&ouml;rigen Ver&auml;nderungen von gro&szlig;er Tragweite und mit m&ouml;glicherweise irreversiblen Folgen durchsetzen. Gleichzeitig wird deutlich, dass im Zweifelsfall der Wunsch, mit seiner Hochschule in den erlauchten Kreis der &bdquo;Elitehochschulen&ldquo; aufzur&uuml;cken, weit mehr Bedeutung haben kann als etwa kleinliche Bedenken, ob nicht vielleicht Unwiederbringliches geopfert wird, und Interessen von Studierenden spielen anscheinend sowieso gar keine Rolle. <\/p><p>Hier wird der Effizienzgedanke zulasten der Betroffenen pervertiert! An diesem Beispiel zeigt sich dar&uuml;ber hinaus, zu welch unsinnigen Konsequenzen der Versuch f&uuml;hrt, in Deutschland ein Hochschulsystem nach amerikanischem Muster einzuf&uuml;hren. Bisher war zumindest die Ausbildungsqualit&auml;t aller Universit&auml;ten so gleichm&auml;&szlig;ig hoch, dass es f&uuml;r das berufliche Fortkommen der Absolventen unerheblich war, an welcher von ihnen er seinen Abschluss gemacht hatte. Dies wird sich nach dem Willen der Politik nicht mehr lange so durchhalten lassen, und damit w&auml;re dann eine der letzten verbliebenen Errungenschaften  der gro&szlig;en Bildungsreform der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts dahin. Dann wird es eine kleine Anzahl von besonders privilegierten Hochschulen geben, die mit hohen Studiengeb&uuml;hren daf&uuml;r sorgen, dass sich kein unterprivilegierter Student dorthin verirrt, eine Reihe von Hochschulen, die vor allem dazu dienen, die erforderlichen akademisch ausgebildeten Dienstleister f&uuml;r die umliegende Region bereitzustellen, und schlie&szlig;lich eine tief gestaffelte Reihe von Bildungsinstituten, die aufgrund mangelnder Mittelausstattung t&auml;glich um ihr &Uuml;berleben k&auml;mpfen m&uuml;ssen. <\/p><p>Mit diesem Ausblick k&ouml;nnen wir nun die Frage beantworten, ob die Universit&auml;ten in Deutschland vom Bologna-Prozess und den ihn begleitenden Reformen profitiert haben: F&uuml;r die &uuml;berwiegende Mehrzahl lautet die Antwort eindeutig Nein. Allenfalls die zu Eliteuniversit&auml;ten hochstilisierten Hochschulen k&ouml;nnen Vorteile f&uuml;r sich verbuchen. Aber auch dort wage ich zu bezweifeln, dass die neue Leitungsstruktur sich auf Dauer  gesehen als segensreich erweist. Dadurch, dass die Hochschulr&auml;te oder &auml;hnliche Entscheidungsgremien inzwischen weitgehend mit hochschulfremden Personen besetzt sind, die obendrein noch eigene, wirtschaftliche Interessen in die Hochschulen tragen, steht zu bef&uuml;rchten, dass nach Ablauf einer gewissen Schamfrist sich die Einflussnahme der gro&szlig;en Wirtschaftsverb&auml;nde und anderer Interessengruppen auf inhaltliche Ausrichtung und Forschungsziele der Hochschulen noch einmal verst&auml;rken wird. Mit dem Instrument Stiftungsprofessuren kann z. B. leicht das Gesicht ganzer Fakult&auml;ten ver&auml;ndert werden, und die gezielte Zusammenarbeit der Industrie mit Forschungsinstituten der Universit&auml;ten zahlt sich schon heute eher f&uuml;r die Mittelgeber aus, die daf&uuml;r keine eigene Forschung mehr betreiben m&uuml;ssen. Die Wirtschaft hat im Zuge der Hochschulreformen &uuml;ber die Besetzung der Entscheidungsgremien staatlicher Hochschulen inzwischen eine nicht demokratisch legitimierte faktische Macht gewonnen, wie schon das Handelsblatt in seiner Ausgabe vom 12. Oktober 2007 freudig berichtet[<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>]. <\/p><p>Dass diese Tendenz sich fortsetzt und verst&auml;rkt, daf&uuml;r wird die Instanz sorgen, die schon bisher der Motor aller beschriebenen Ver&auml;nderungen war: die Bertelsmann-Stiftung. Diese betreibt seit ihrer Gr&uuml;ndung im Jahre 1977 offensiv eine neoliberale Politik der Entstaatlichung der Gesellschaft und damit auch des Bildungswesens, um dort ihre spezifischen Interessen voranzutreiben, die nicht zu trennen sind von den Gesch&auml;ftsinteressen der Bertelsmann AG, von deren Aktien die Stiftung einen Anteil von 76 % h&auml;lt. Sie hat sich im Laufe der Jahre zum einflussreichsten Sto&szlig;trupp des Privatisierungsgedankens im Bildungswesen entwickelt[<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>].  Bezogen auf die Hochschulpolitik war der folgenreichste Schachzug der &bdquo;Bertelsm&auml;nner&ldquo; die Gr&uuml;ndung des schon erw&auml;hnten &bdquo;Centrums f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE)&ldquo; zusammen mit der daf&uuml;r ins Boot geholten Hochschulrektorenkonferenz (HRK) im Jahre 1994 in der Rechtsform einer gemeinn&uuml;tzigen GmbH. Die vorher eher betulich und konservativ agierende HRK verwandelte sich unter dem Einfluss der Bertelsmann-Stiftung zu einer Institution, die von sich aus den Bologna-Prozess aggressiv vorantreibt. Auf ihrer Internetseite kann man zum Beispiel einen Fahrplan zur Umstrukturierung von Studieng&auml;ngen herunterladen (Titel: 10 Schritte nach &bdquo;Bologna&ldquo;)[<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>].  <\/p><p>Einen weiteren Hinweis auf die Durchsetzungskraft der Bertelsmann-Stiftung bietet der &uuml;berst&uuml;rzte, ohne erkennbare Rechtsgrundlage erfolgte Aufbau eines privaten Akkreditierungswesens in Deutschland. In keinem anderen Land Europas gibt es bisher eine &auml;hnliche Entwicklung. Mit der Einrichtung von Akkreditierungsagenturen, die f&uuml;r teures Geld jeden einzelnen neuen Studiengang nach willk&uuml;rlichen und vor allem weitgehend wissenschaftsfremden Kriterien bewerten, ist ein gro&szlig;er Schritt zur Privatisierung des Hochschulwesens vollzogen worden. Wie der Verfassungsrechtler Joachim Lege[<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>] feststellt, ist der von den Landesregierungen ausge&uuml;bte Zwang zur Akkreditierung ein deutlicher Versto&szlig; gegen die grundgesetzlich verbriefte Freiheit von Forschung und Lehre, und die Abgabe der Fachaufsicht &uuml;ber die Hochschulen an private Agenturen entbehrt jeder Rechtsgrundlage. Hier k&ouml;nnte es noch &uuml;berraschende Entwicklungen geben, wenn sich ein Kl&auml;ger findet. <\/p><p>Der Kronzeuge f&uuml;r die von der Bertelsmann-Stiftung ausge&uuml;bte Macht ohne Mandat ist aber das schon erw&auml;hnte &bdquo;Hochschulfreiheitsgesetz&ldquo; des Landes Nordrhein-Westfalen, dessen Text nachweislich im Hause Bertelsmann vorformuliert wurde. Eine besonders pikante Pointe bildet in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass der Bildungsminister des Landes schlie&szlig;lich auch noch das CHE mit der &Uuml;berwachung der Implementation dieses Gesetzes betraute. Inhaltlich ist die Autorschaft der Bertelsmann-Stiftung insbesondere daran abzulesen, dass nicht nur die universit&auml;re Selbstverwaltung zerschlagen wurde, ein erkl&auml;rtes Ziel der Bertelsmann-Stiftung seit der Gr&uuml;ndung des CHE, sondern dar&uuml;ber hinaus der Einfluss der Wirtschaft auf die Hochschulen ganz offiziell institutionalisiert wurde. <\/p><p>Wir k&ouml;nnen an dieser Stelle res&uuml;mieren, dass sowohl die Bertelsmann-Stiftung als auch die Interessenvertreter der gro&szlig;en Wirtschaftsbetriebe im Zusammenhang mit dem Bologna-Prozess einen Machtgewinn verbuchen k&ouml;nnen. Finanzielle Vorteile genie&szlig;en in seinem Gefolge die h&ouml;chst parasit&auml;ren quasi-staatlichen Parallelverwaltungsinstitute der Akkreditierungsagenturen.<br>\nVorteile tragen aber auch die Regierungen der einzelnen Bundesl&auml;nder davon. Dies zeigt sich schon an der Vorgehensweise bei der Installierung der Reform. Die seinerzeit in Bologna verk&uuml;ndete Absichtserkl&auml;rung der versammelten Bildungsminister w&auml;re v&ouml;llig folgenlos geblieben, wenn die Hochschulen sich widersetzt h&auml;tten, denn die EU hat keinerlei rechtliche Kompetenz, dergleichen durchzusetzen. <\/p><p>Einzige Rechtsgrundlage f&uuml;r die Umwandlung des Hochschulwesens war in Deutschland zun&auml;chst das Hochschulrahmengesetz aus dem Jahre 2002. Dort aber wird nur die M&ouml;glichkeit formuliert, BA-\/MA-Studieng&auml;nge einzurichten, keine Empfehlung, geschweige denn eine Verpflichtung. Schon die Kompetenz der L&auml;nder in Bildungsfragen stand dem im Wege. Erst die &Uuml;bernahme dieser Empfehlung in neue Hochschulgesetze der Bundesl&auml;nder gab dem unter Vorspiegelung von Zw&auml;ngen l&auml;ngst in Gang befindlichen Umwandlungsprozess &uuml;berhaupt eine Rechtsgrundlage. Dennoch wurde &uuml;berall verk&uuml;ndet, die von den Bologna-Beschl&uuml;ssen gesetzten Standards m&uuml;ssten auf der Ebene jedes Landes umgesetzt werden[<a href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a>].<\/p><p>Da nicht anzunehmen ist, dass der gesammelte juristische Sachverstand der Landesministerialen diese rechtlichen Zusammenh&auml;nge nicht durchschaut hat, kommen wir unausweichlich zu der Schlussfolgerung, dass mit dieser Sachzwangsrhetorik nur die wahren Motive verdeckt werden sollten, welche die Bundesl&auml;nder zur zwingenden Durchsetzung der Bologna-Beschl&uuml;sse getrieben haben. Diese aber sind vor dem Hintergrund der Tatsache, dass fast alle Hochschulen seit &uuml;ber zwei Jahrzehnten systematisch kaputt gespart worden sind, leicht auszumachen. Es ging und geht darum, Reformaktivit&auml;t zu zeigen, ohne dass es etwas kostet, besser noch: dass die Reformaktivit&auml;t sogar Argumente oder M&ouml;glichkeiten f&uuml;r weitere Einsparungen liefert. Als problematisch wurde ja schon seit l&auml;ngerem die hohe Verweildauer deutscher Studierender an den Hochschulen angesehen, ein zweiter Punkt war die gegen&uuml;ber verschulteren Hochschulsystemen h&ouml;here Abbrecherquote. Was lag da n&auml;her als die Einf&uuml;hrung eines nur sechssemestrigen Kurzstudiengangs, der k&uuml;hn als berufsqualifizierend bezeichnet wurde und durch Verschulung und herabgesetzte wissenschaftliche Anforderungen auch solchen Studierenden das Erreichen eines  Hochschulabschlusses erm&ouml;glichen sollte, die mit der Anforderung wissenschaftlichen Denkens schlicht &uuml;berfordert w&auml;ren?<\/p><p>Ein weiteres Motiv f&uuml;r die Durchsetzung des Bologna-Prozesses war sicherlich der Vorteil in der Au&szlig;endarstellung gegen&uuml;ber der OECD, die ja in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden immer wieder die angeblich zu geringe Hochschulabsolventenquote in Deutschland moniert. Wenn man also die Mehrheit der Studierenden schon nach sechs Semestern wieder von der Hochschule schicken k&ouml;nnte, h&auml;tte man billig die Statistik gesch&ouml;nt und das Risiko, ob diese Qualifikation auch bei potentiellen Arbeitgebern Anerkennung findet, auf die Studierenden abgew&auml;lzt. Schade nur, dass diese Rechnung nicht aufgegangen ist!<\/p><p>H&auml;tte es den zweifachen Bildungsstreik und die Meldungen &uuml;ber aufkeimenden Widerstand gegen die vom CHE veranstalteten Hochschulrankings nicht gegeben, w&auml;re mein Beitrag an dieser Stelle zu Ende gewesen, und allenfalls h&auml;tte noch die rhetorische Frage gestellt werden k&ouml;nnen, was eigentlich sich als konservativ bezeichnende Politiker oder Parteien heute noch bewahren oder wovor sie uns noch bewahren wollen oder k&ouml;nnen. Der &uuml;berraschende Aufstand der vom unertr&auml;glich gewordenen Bildungssystem Betroffenen und die schlie&szlig;lich von ihnen erstrittenen Reformversprechungen von h&ouml;chster Stelle lassen mich jetzt etwas zuversichtlicher in die Zukunft schauen. Einerseits haben die in den Bildungsstreik Getretenen bewiesen, dass sie nicht mehr gewillt sind, jede Zumutung zu ertragen, andererseits haben die f&uuml;r das Bildungsdesaster Verantwortlichen Wirkung gezeigt. Der an den Hochschulen sich entwickelnde Widerstand gegen die G&auml;ngelung durch Rankings ermutigt ebenfalls, vor allem deshalb, weil jetzt auch endlich einmal der wissenschaftssch&auml;dliche Einfluss der Wirtschaft auf die Hochschulen ausdr&uuml;cklich zum Thema gemacht wurde[<a href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a>].  Zum Schluss wage ich eine Prognose: Ich gehe davon aus, dass in n&auml;chster Zukunft tats&auml;chlich die schlimmsten Ausw&uuml;chse der Bologna-Reform beseitigt werden, um dem Protest die Spitze zu nehmen. Vielleicht w&auml;chst auch bei den an den Hochschulen t&auml;tigen Wissenschaftlern endlich wieder das Selbstvertrauen, das einen Widerstand gegen&uuml;ber sachfremden Zumutungen tragen k&ouml;nnte. Was ich mir allerdings nicht vorstellen kann, ist ein auf Zur&uuml;ckdr&auml;ngen des &uuml;berm&auml;&szlig;igen Einflusses der Wirtschaft gerichtetes Umdenken der regierenden Politiker und Parteien. Da sei Bertelsmann vor!<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<strong>Anmerkungen:<\/strong>\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"http:\/\/www.bmbf.de\/de\/3336.php\">http:\/\/www.bmbf.de\/de\/3336.php<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] Der Titel Bundesbildungsministerin ist gleich in zweifacher Hinsicht irref&uuml;hrend. Einerseits ist sie de facto seit der F&ouml;deralismusreform im Jahre 2006 eine Ministerin ohne Gesch&auml;ftsbereich und Zust&auml;ndigkeiten, weil der gesamte Bildungsbereich in Deutschland durch Aufgabe aller Bundeskompetenzen endg&uuml;ltig provinzialisiert wurde. Zum anderen ist es gerade Frau Schavan, die alle Bem&uuml;hungen, den Begriff Bildung als Leitidee des Hochschulstudiums zu retten, bewusst desavouiert. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] Scholz, C., Stein, V. (Hrsg.): Schwarzbuch Bologna, DHV-Verlag Bonn 2009. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] Die eine beschwerte sich in einem Interview allen Ernstes &uuml;ber die Ungeduld der streikenden Studenten, die andere will die von ihr geplante Bologna-Konferenz erst im April n&auml;chsten Jahres terminieren.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>]In diesem Zusammenhang sollte die wichtige Rolle von Internetportalen wie forum-kritische-paedagogik.de oder <a href=\"?cat=17\">nachdenkseiten.de<\/a> nicht &uuml;bersehen werden, die schon kritische Beitr&auml;ge publizierten, als die Presse noch unisono die angeblichen Fortschritte der Studienreform pries. Im Forum kritische P&auml;dagogik wurde z.B. der nach wie vor lesenswerte Aufsatz von Ulrich Herrmann &uuml;ber die &bdquo;entsorgte deutsche Universit&auml;t&ldquo; ver&ouml;ffentlicht, auf den Nachdenkseiten erschien u. a. mein Beitrag &bdquo;Lernen im Gleichschritt. Die sch&ouml;ne neue Hochschulwelt&ldquo;, der Reaktionen auch aus den Niederlanden und England hervorrief. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Siehe Anmerkung 5.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Es ist also noch schlimmer, als Frau Wintermantel es darstellt, indem sie von einer &bdquo;kostenneutralen&ldquo; Umstrukturierung der Studieng&auml;nge spricht, was ja das Ausbleiben weiterer K&uuml;rzungen unterstellt. Selbst dieses Verfahren h&auml;tte allerdings eine fatale &Auml;hnlichkeit mit dem legend&auml;ren Beschluss der Stadt Glasgow, ein neues Gef&auml;ngnis auf dem Grundst&uuml;ck und aus dem Material des alten zu errichten, wobei bis zur Fertigstellung des Neubaus das alte Gef&auml;ngnis weiter benutzt werden sollte.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Die Akkreditierung eines Studiengangs hat bisher ungef&auml;hr 15.000 &euro; gekostet, wobei Bachelor- und Master-Studiengang eines Faches extra berechnet werden. Nach meinen Recherchen hat die Universit&auml;t Bielefeld im Laufe der Jahre mindestens eine Million Euro f&uuml;r die Akkreditierung von Studieng&auml;ngen aufwenden m&uuml;ssen. Welch eine Verschwendung!<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Keine Teilnahme an kommerziellen Rankings! Offener Brief des Konvents der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakult&auml;t der Universit&auml;t zu Kiel, unterzeichnet von Prof. Dr. Lutz Kipp als Dekan. In: Forschung und Lehre 7\/2009, S. 507. <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] In: Aus Politik und Zeitgeschichte 48\/2006. Siehe dazu die Internetadresse <a href=\"www.bpb.bund.de\/publikationen\/ONPUIK,4,0,Die_deutsche_Umsetzung_des_\">www.bpb.bund.de\/publikationen\/ONPUIK,4,0,Die_deutsche_Umsetzung_des_&hellip;<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>]So wird z. B. in der derzeit geltenden Zielvereinbarung der Landesregierung mit der Universit&auml;t Bielefeld die Exekutierung des Bologna-Prozesses gleich im &sect; 2 thematisiert.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] Siehe dazu den Bericht von J&uuml;rgen Kaube: Exzellenz nach Masterplan, in: FAZ.NET vom 14. 6. 2009.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] Der Titel des entsprechenden Artikels lautet: &bdquo;Manager erobern die Kontrolle an den Unis&ldquo;. Genaueres und vor allem Kritischeres zu diesem Thema bietet der Artikel <a href=\"?p=3954\">&bdquo;Manager erobern die Unis&ldquo; von Wolfgang Lieb auf den &bdquo;Nachdenkseiten&ldquo; vom 20.05.2009<\/a> . Nur zur Erinnerung: Zun&auml;chst wurde auf breiter Front versucht, durch Gr&uuml;ndung privater Hochschulen wirtschaftsfreundliche &bdquo;Eliteabsolventen&ldquo; heranzuziehen. Nach dem Scheitern der meisten Projekte dieser Art setzte sich dann die Erkenntnis durch, dass es eine viel kosteng&uuml;nstigere Alternative gab: die Macht&uuml;bernahme der Wirtschaftsvertreter an den staatlichen Universit&auml;ten. Dass dies durchgesetzt werden konnte, ist eine Schande f&uuml;r die Politiker, die sich daf&uuml;r hergegeben haben!\n<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] Siehe hierzu folgende Publikationen:  Biermann, Werner, Kl&ouml;nne, Arno: Agenda Bertelsmann. Ein Konzern stiftet Politik, 2. Aufl., K&ouml;ln 2008; Wernicke, Jens, Bultmann, Torsten (Hrsg.): Netzwerk der Macht &ndash; Bertelsmann, Marburg 2007; Lieb, Wolfgang: <a href=\"?p=3514\">Drahtzieher hinter den Kulissen, Nachdenkseiten vom 16.10.2008<\/a>.\n<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] Online unter: <a href=\"http:\/\/www.hrk.de\/bologna\/de\/download\/Teil2.pdf\">http:\/\/www.hrk.de\/bologna\/de\/download\/Teil2.pdf<\/a>.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] Lege, Joachim: Die Akkreditierung von Studieng&auml;ngen, urspr&uuml;nglich publiziert in der Juristen Zeitung (JZ) 2006<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo;17<\/a>] Sehr instruktiv ist in diesem Zusammenhang der Artikel &bdquo;So wird   Sachzwang gebaut&ldquo; von Hauke Brunckhorst in der taz vom 12.08.2006.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo;18<\/a>] So hei&szlig;t es am Schluss des oben in Anmerkung 9 genannten &bdquo;offenen Briefs&ldquo;: &bdquo;Der Beschluss sollte nicht zuletzt auch als ein Zeichen gegen die nachweislich zunehmende Einflussnahme wirtschaftsnaher Verb&auml;nde und Stiftungen auf die Hochschulpolitik in Deutschland gesehen werden, welche die Unabh&auml;ngigkeit der deutschen Hochschulen sowie damit letztendlich das Grundrecht auf Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre tangiert.&ldquo; Sollte noch irgendjemand an der Berechtigung dieses Vorwurfs zweifeln, dann sei ihm die Internetseite der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) zur Lekt&uuml;re empfohlen. Besonders aufschlussreich ist die Publikation &bdquo;Bildung neu denken! Das Zukunftsprojekt&ldquo;, die federf&uuml;hrend von Dieter Lenzen, dem Pr&auml;sidenten der &bdquo;unternehmerischsten Hochschule Deutschlands&ldquo; gestaltet wurde. Es ist schon erstaunlich, wie weit dieser einstige Sch&uuml;ler von Herwig Blankertz sich von dessen egalit&auml;ren &Uuml;berzeugungen entfernt hat!<\/p>\n<\/div><p><strong>Dietrich Lemke<\/strong> ist Professor f&uuml;r P&auml;dagogik an der Universit&auml;t Bielefeld.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>H&auml;tte es noch eines Beweises daf&uuml;r bedurft, dass nicht jedes Jubil&auml;um ein Anlass zum Jubeln ist, so w&auml;re der Bologna-Prozess ein geradezu klassischer Beleg. 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