{"id":44357,"date":"2018-06-11T08:44:17","date_gmt":"2018-06-11T06:44:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44357"},"modified":"2026-01-27T11:59:46","modified_gmt":"2026-01-27T10:59:46","slug":"aggressives-aussenpolitisches-handeln-erfolgt-oft-auf-erpresserischen-druck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44357","title":{"rendered":"Aggressives au\u00dfenpolitisches Handeln erfolgt oft auf erpresserischen Druck"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180611_paulitz.jpg\" alt=\"Henrik Paulitz\" title=\"Henrik Paulitz\"><\/div><p>&bdquo;Es ist schlimm, dass die &Ouml;ffentlichkeit in Europa offenkundig wieder an den Gedanken eines Krieges gew&ouml;hnt werden soll&ldquo;, sagt <strong>Henrik Paulitz<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Der Friedens- und Konfliktforscher warnt davor, das angespannte Verh&auml;ltnis zwischen Russland und den USA durch die Brille des Ost-West-Konflikts zu betrachten, wie es zur Zeit des Kalten Krieges der Fall war. Paulitz, der Leiter der &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.akademie-bergstrasse.de\/lexikon\/henrik-paulitz\">Akademie Bergstra&szlig;e f&uuml;r Ressourcen-, Demokratie- und Friedensforschung<\/a>&ldquo; ist, erl&auml;utert, dass es vielmehr darum geht, sich auf die vielschichtigen Interessen aller Beteiligten zu konzentrieren. Die Erwartungen anderer Staaten, wonach Deutschland wieder zu einer milit&auml;rischen F&uuml;hrungsmacht werden solle, m&uuml;ssten &bdquo;ins Zentrum der friedenspolitischen Diskussion ger&uuml;ckt&ldquo; werden, so Paulitz. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>&bdquo;Wenn eine Krise oder Krieg kommt&ldquo;, lautet der Titel einer <a href=\"https:\/\/www.msb.se\/en\/Tools\/News\/The-brochure-If-Crisis-or-War-Comes-is-available-to-download\/\">Info-Brosch&uuml;re<\/a>, die die schwedische Regierung vor kurzem herausgegeben hat. Im vergangenen Jahr wurde auch in Deutschland ein neues &bdquo;Zivilschutzkonzept&ldquo; vorgestellt und der Bev&ouml;lkerung geraten, dass Haushalte pro Person zwei Liter Wasser f&uuml;r f&uuml;nf Tage vorr&auml;tig haben sollten.<\/strong><br>\n<strong>Wie sch&auml;tzen Sie diese Ma&szlig;nahmen ein?<\/strong><\/p><p>Es ist schlimm, dass die &Ouml;ffentlichkeit in Europa offenkundig wieder an den Gedanken eines Krieges gew&ouml;hnt werden soll. In Kriege schlittern L&auml;nder nicht hinein, sie werden von langer Hand unter anderem auch ideologisch-propagandistisch vorbereitet.  <\/p><p><strong>Wie sehen Sie als Friedensforscher die aktuellen Entwicklungen zwischen West und Ost? Liegt hier tats&auml;chlich Potenzial f&uuml;r einen neuen <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43687\">gro&szlig;en Krieg<\/a> oder geht der Gedanke zu weit?<\/strong><\/p><p>Ich wundere mich insbesondere dar&uuml;ber, dass man die Welt nach zwei Jahrzehnten enger Kooperation mit Russland, erinnert sei nur an die lange Phase der G8-Gipfel, urpl&ouml;tzlich wieder durch die alte Kamera einer Ost-West-Konfrontation pr&auml;sentiert bekommt. Warum akzeptiert man diese Betrachtungsweise so leichtfertig, die ein angebliches Hineinschlittern in einen Krieg plausibel erscheinen lassen w&uuml;rde? Die ganze Debatte bereitet ideologisch den Boden daf&uuml;r, dass sich am Ende niemand wundern m&uuml;sste, wenn es zum &Auml;u&szlig;ersten kommt. Auch bietet diese Sichtweise eines Ost-West-Konflikts die M&ouml;glichkeit, die tats&auml;chlichen Hintergr&uuml;nde der Kriege im Nahen Osten und in Afrika zu verschleiern. Verantwortung f&uuml;r den Frieden in Europa und in der Welt zu &uuml;bernehmen, bedeutet daher in erster Linie, die Einordnung der aktuellen Geschehnisse in das Schema eines Ost-West-Konflikts zu &uuml;berdenken. <\/p><p><strong>Was hei&szlig;t das? Wie sollte man dann auf den Konflikt zwischen Ost und West blicken?<\/strong><\/p><p>Der ma&szlig;gebliche Vorgang, mit dem eine Ost-West-Konfrontation begr&uuml;ndet wird, war die Angliederung der Krim an Russland, der Ostukrainekrieg und die offiziell damit begr&uuml;ndeten Russland-Sanktionen des Westens. Dazu muss man wissen, dass die Ukraine geplant hatte, eigenes Erdgas zu f&ouml;rdern statt &uuml;berteuertes Erdgas von Gazprom zu importieren. Mit der Krimkrise und dem Ostukrainekrieg wurde aber genau diese &bdquo;Energieautonomie-Strategie&ldquo; der Ukraine treffsicher vereitelt. Davon profitieren Gazprom bzw. seine Gro&szlig;aktion&auml;re, der russische Staat und die Bank of New York Mellon, also eine Gro&szlig;bank mit Sitz in den USA. Die anschlie&szlig;end verh&auml;ngten Russland-Sanktionen darf man sich ebenfalls nicht ganz so einfach als &bdquo;Bestrafung&ldquo; Russlands vorstellen: Bei n&auml;herer Betrachtung entpuppen sich diese Sanktionen als hoch-selektives Instrument der Ressourcenkontrolle, da sehr spezielle Teilsegmente der &Ouml;lf&ouml;rderung sanktioniert wurden. Dieses Knapphalten des &Ouml;langebots wiederum stabilisiert die &Ouml;l- und indirekt die Gaspreise, was den &Ouml;lmultis und dem russischen Staatshaushalt zugutekommt. <\/p><p><strong>Was wollen Sie damit sagen? Dass die USA und Russland irgendwie doch miteinander klarkommen?<\/strong><\/p><p>Ich will damit sagen, dass die Situation ziemlich <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43915\">komplex<\/a> ist. Ein Denken, das sich in einem &bdquo;Ost-West-Schema&ldquo; bewegt, kann diese Situation nicht erfassen. Zwischen den USA und Russland gibt es ja auch eine offene Zusammenarbeit, beispielsweise im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Zwar werden medial gerne Szenen pr&auml;sentiert, wo man sich im Sicherheitsrat gegenseitig blockiert. Jenseits dessen arbeitet man aber im Sicherheitsrat eng zusammen. Ich erinnere beispielhaft an die im vergangenen Jahr einstimmig beschlossenen Sanktionen gegen Nordkorea. Oder daran, dass der russische Pr&auml;sident Vladimir Putin 2015 in der UNO-Vollversammlung &bdquo;eine wirklich umfassende Anti-Terror-Koalition&ldquo; im Nahen Osten vorgeschlagen hatte, die &bdquo;ganz verschiedene Kr&auml;fte vereinigen&ldquo; k&ouml;nne. Die USA und Russland haben 2015 ein Flug-Abkommen unterzeichnet. Auf dieser Grundlage haben amerikanische und russische Kampfjets die Energie-Infrastruktur in Syrien bombardiert. Rex Tillerson, langj&auml;hriger ExxonMobil-Chef, sagte als US-Au&szlig;enminister 2017 unmissverst&auml;ndlich: &bdquo;Russland ist nat&uuml;rlich Teil unseres Engagements in Syrien.&ldquo; <\/p><p><strong>Sollte man sich also bei dem Konflikt zwischen Russland und dem Westen eher auf die Interessen der Beteiligten konzentrieren?<\/strong><\/p><p>Auf jeden Fall. Anstelle der leidenschaftlich gef&uuml;hrten Debatte &uuml;ber &bdquo;gute und b&ouml;se Staaten&ldquo; m&uuml;ssen wir in erster Linie die wirtschaftlichen Interessen von Staaten in den Blick und auch sehr ernst nehmen. Die deutsche Volkswirtschaft w&uuml;rde mit einer Abwanderung der Automobilindustrie massiv getroffen werden. Die russische Volkswirtschaft wiederum ist existenziell abh&auml;ngig von Energielieferungen unter anderem nach Westeuropa. Der Export von Erdgas und Erd&ouml;l macht zwei Drittel aller Ausfuhren des Landes aus. Das sind die Aspekte, die wir betrachten m&uuml;ssen. Durch die aktuellen Debatten &uuml;ber die Automobilindustrie steht die deutsche Politik unter Druck. Russland steht unter Druck, weil f&uuml;r den westeurop&auml;ischen Markt seit Jahren konkurrierende Erdgaslieferanten unter anderem aus Nahost und aus Afrika ins Spiel gebracht werden. Solche Szenarien, beispielsweise auch der vor Jahren geplante Ausbau Syriens zu einer &bdquo;Energiedrehscheibe&ldquo; zur Belieferung Westeuropas mit iranischem Erdgas war unter anderem f&uuml;r Russland existenzbedrohend. Staaten, die wirtschaftlich unter Druck gesetzt werden, werden erpressbar. Man kann sie zu einer aggressiven Au&szlig;enpolitik und nicht zuletzt auch zu milit&auml;rischen Schritten n&ouml;tigen. <\/p><p><strong>Gibt es f&uuml;r die N&ouml;tigung oder gar Erpressung von Staaten konkrete Hinweise?<\/strong><\/p><p>Ja. Der russische Au&szlig;enminister Sergei Lawrow sagte 2012, Russland sei erpresst worden, um im Sicherheitsrat Sanktionen gegen Syrien zu unterst&uuml;tzen. Auch die deutsche Bundesregierung wird seit Jahren massiv unter Druck gesetzt, au&szlig;enpolitisch eine aggressive F&uuml;hrungsrolle einzunehmen. Die exportabh&auml;ngige deutsche Wirtschaft sei auf freie Handelswege und Absatzm&auml;rkte in aller Welt angewiesen, daher m&uuml;sse sich Deutschland als milit&auml;rische Ordnungsmacht in Europa, im Nahen Osten und in Afrika engagieren. Andernfalls seien Wohlstand, Sicherheit und Frieden bedroht. Diese wirtschaftliche Erpressung Deutschlands ist nachlesbar, zum Beispiel in der Studie &bdquo;Neue Macht Neue Verantwortung&ldquo;. Rex Tillerson hatte in einer au&szlig;enpolitischen Grundsatzrede 2017 ganz offen gesagt, man setze andere Staaten unter Druck. Der Direktor des Londoner &bdquo;Royal Institute of International Affairs&ldquo;, ein m&auml;chtiger Think Tank, der auch unter der Bezeichnung Chatham House bekannt ist, schrieb Anfang 2018: &bdquo;In aller Welt geraten Regierungschefs unter Druck, oft wider Willen, au&szlig;enpolitisch aktiver zu werden ..&ldquo;. Dass Staaten Getriebene sind und aggressives au&szlig;enpolitisches Handeln vielfach auf erpresserischen Druck hin erfolgt, ist eine Schl&uuml;sselerkenntnis, mit der die Debatte &uuml;ber Krieg und Frieden vom Kopf auf die F&uuml;&szlig;e gestellt werden kann. <\/p><p><strong>Wie bewerten Sie das Agieren der Bundesregierung?<\/strong><\/p><p>Politologen jeglicher Couleur attestieren der Bundesrepublik Deutschland traditionell einen Kurs der &bdquo;milit&auml;rischen Zur&uuml;ckhaltung&ldquo;. F&uuml;r den Regensburger Professor Stephan Bierling ist Deutschland eine &bdquo;Vormacht wider Willen&ldquo;, die milit&auml;rische Interventionen, wenn &uuml;berhaupt, dann nur widerwillig mitgetragen habe. Regierung und Parlament h&auml;tten bewusst nur wenig unternommen, um die Bundeswehr konzeptionell und materiell f&uuml;r Kampfeins&auml;tze im Ausland auszur&uuml;sten. Doch in den vergangenen Jahren hat der Militarisierungs-Druck auf die Bundesregierung enorm zugenommen. Chatham-House-Direktor Robin Niblett trug 2015 entsprechende &bdquo;internationale Erwartungen&ldquo; an die deutsche Bundesregierung heran und betonte, die deutsche Bev&ouml;lkerung m&uuml;sse wissen, dass sie keine Wahl habe, als der Weltwirtschaft zu dienen. Von Deutschland werde unter anderem erwartet, dass die Streitkr&auml;fte &bdquo;professionalisiert&ldquo; werden. <\/p><p><strong>Seit geraumer Zeit ist immer wieder davon die Rede, dass Deutschland endlich seinen Verteidigungshaushalt erh&ouml;hen m&uuml;sse. Wie nehmen Sie diese Diskussion auf?<\/strong><\/p><p>Das ist eine der so genannten internationalen Erwartungen an Deutschland. Der Verteidigungshaushalt soll perspektivisch auf 2 Prozent des Bruttoinlandproduktes (BIP) erh&ouml;ht werden und 20 Prozent davon sollen in die R&uuml;stung flie&szlig;en. Die deutschen Steuerzahlerinnen und Steuerzahler sollen aber nicht nur eine Aufr&uuml;stung in Deutschland bezahlen, sondern sich dar&uuml;ber hinaus auch noch an der Aufr&uuml;stung in anderen EU-Staaten beteiligen. Die EU-Kommission legte hierf&uuml;r den Entwurf eines &bdquo;Europ&auml;ischen Verteidigungsfonds&ldquo; vor. Die neue deutsche Au&szlig;enpolitik werde &bdquo;enorm teuer&ldquo;, hei&szlig;t es in Expertenkreisen. Es ist also zu bef&uuml;rchten, dass es zu massiven Aufr&uuml;stungen in Europa kommen wird, was den Frieden nicht zuletzt auch auf unserem Kontinent bedroht. <\/p><p><strong>Wie m&uuml;sste konkret die Politik aussehen, um im Sinnes des Friedens unter den Nationen zu wirken?<\/strong><\/p><p>Von der Politik muss erwartet werden, dass sie den Kurs der milit&auml;rischen Zur&uuml;ckhaltung beibeh&auml;lt. An die Gesellschaft geht die Empfehlung, nicht prim&auml;r nur Regierungen zu kritisieren, sondern vielmehr den erpresserischen Druck, mit dem Regierungen in Ost und West, in Nord und S&uuml;d in eine aggressive Au&szlig;enpolitik und in Kriege getrieben werden. Zudem sollten die internationalen Erwartungen an Deutschland, eine milit&auml;rische F&uuml;hrungsmacht werden zu sollen, ins Zentrum der friedenspolitischen Diskussion ger&uuml;ckt werden. Dies zu thematisieren, k&ouml;nnte ein Schl&uuml;ssel daf&uuml;r sein, den Frieden in Europa zu bewahren. <\/p><p><em>Lesetipp: Paulitz, Henrik: Anleitung gegen den Krieg &ndash; Analysen und Friedenspolitische &Uuml;bungen. Akademie Bergstra&szlig;e. Taschenbuch. 2016. 2. Aufl. 2017;  Paulitz, Henrik: Kriegsmacht Deutschland? Farbdruck, DIN A4, 102 Seiten. Akademie Bergstra&szlig;e, 2018<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180611_paulitz.jpg\" alt=\"Henrik Paulitz\" title=\"Henrik Paulitz\"\/><\/div>\n<p>&bdquo;Es ist schlimm, dass die &Ouml;ffentlichkeit in Europa offenkundig wieder an den Gedanken eines Krieges gew&ouml;hnt werden soll&ldquo;, sagt <strong>Henrik Paulitz<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. 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