{"id":4438,"date":"2010-01-05T09:14:54","date_gmt":"2010-01-05T08:14:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4438"},"modified":"2019-02-15T12:36:56","modified_gmt":"2019-02-15T11:36:56","slug":"eine-kritische-bilanz-von-hartz-iv-fuenf-jahre-nach-inkrafttreten-des-gesetzes-am-112005","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4438","title":{"rendered":"Eine kritische Bilanz von Hartz IV f\u00fcnf Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes am 1.1.2005"},"content":{"rendered":"<p>Die sog. Hartz-Gesetze, vor allem das am 1. Januar 2005 in Kraft getretene vierte als ihr unr&uuml;hmlicher H&ouml;hepunkt, sind Kernbestandteil eines Projekts zur Restrukturierung der Gesellschaft, das die ganze Architektur und die innere Konstruktionslogik des bisherigen Sozialstaates in Frage stellt. Es ging dabei nicht blo&szlig; um Leistungsk&uuml;rzungen in einem Schl&uuml;sselbereich des sozialen Sicherungssystems, vielmehr um einen Paradigmawechsel, anders formuliert: um eine gesellschaftliche Richtungsentscheidung, die das Gesicht der Bundesrepublik seither pr&auml;gt. Die rot-gr&uuml;ne, durch eine Mehrheit der damaligen Oppositionsparteien CDU\/CSU und FDP im Bundesrat und die Kompromissbereitschaft der Regierungsparteien radikalisierte Arbeitsmarktreform hat unser Land so tiefgreifend ver&auml;ndert, dass es kaum &uuml;bertrieben erscheint, von der &bdquo;Hartz-IV-Republik&ldquo; oder der &bdquo;Hartz-IV-Gesellschaft&ldquo; zu sprechen. Von Christoph Butterwegge<br>\n<!--more--><br>\n<em>Mit dem Vierten Gesetz f&uuml;r moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt<\/em> waren einschneidende &Auml;nderungen im Arbeits- und Sozialrecht verbunden. Hartz IV markierte nicht blo&szlig; eine historische Z&auml;sur f&uuml;r die Entwicklung von Armut bzw. Unterversorgung in Ost- und Westdeutschland, sondern es steht als Symbol f&uuml;r die Transformation des Sozialstaates, f&uuml;r seine Umwandlung in einen Minimalstaat, der Langzeitarbeitslose gem&auml;&szlig; dem Motto &bdquo;F&ouml;rdern und fordern!&ldquo; zu &bdquo;aktivieren&ldquo; vorgibt, sich aber aus der Verantwortung f&uuml;r ihr Schicksal weitgehend verabschiedet.<\/p><p>Bundeskanzler Schr&ouml;der erkl&auml;rte am 14. M&auml;rz 2003 in seiner ber&uuml;hmt-ber&uuml;chtigten Rede zur <em>Agenda 2010<\/em>, man m&uuml;sse die Zust&auml;ndigkeiten und Leistungen f&uuml;r Erwerbslose in einer Hand vereinigen, um die Chancen derjenigen zu erh&ouml;hen, die nicht nur arbeiten k&ouml;nnten, sondern auch wirklich wollten: &bdquo;Das ist der Grund, warum wir die Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammenlegen werden, und zwar einheitlich auf einer H&ouml;he &ndash; auch das gilt es auszusprechen &ndash;, die in der Regel dem Niveau der Sozialhilfe entsprechen wird.&ldquo; Was wegen des Zwittercharakters der Arbeitslosenhilfe (Alhi) &ndash; sie war durch Beitragszahlungen begr&uuml;ndet und von der fr&uuml;heren H&ouml;he des Arbeitsentgelts ihres Beziehers abh&auml;ngig, jedoch steuerfinanziert und bed&uuml;rftigkeitsgepr&uuml;ft &ndash; h&auml;tte sinnvoll sein k&ouml;nnen, um eine Politik der &bdquo;Verschiebebahnh&ouml;fe&ldquo; zwischen beiden Hilfesystemen zu beseitigen, f&uuml;hrte allerdings nicht zu einer Grundsicherung auf h&ouml;herem Niveau, sondern einer Schlechterstellung von sehr vielen Menschen sowie einer gleichfalls problematischen Aufspaltung der Sozialhilfeempf&auml;nger\/innen in erwerbsf&auml;hige, die Arbeitslosengeld (Alg) II beziehen, und nichterwerbsf&auml;hige, die Sozialgeld bzw. -hilfe erhalten. Daraus wiederum erwuchsen neue Gefahren einer Stigmatisierung nach dem Grad der N&uuml;tzlichkeit bzw. nach der &ouml;konomischen Verwertbarkeit dieser Personen.<\/p><p>Einerseits zeitigte das Gesetzespaket negative Verteilungseffekte im untersten Einkommensbereich, andererseits wandelten sich durch Hartz IV auch die Struktur des Wohlfahrtsstaates (Abschied vom Prinzip der Lebensstandardsicherung), die politische Kultur und das soziale Klima der Bundesrepublik. Mit dem, was gewerkschaftliche Arbeitsloseninitiativen als &bdquo;Verfolgungsbetreuung&ldquo; charakterisieren, wurde der Kontrolldruck auf (potenzielle) Leistungsbezieher\/innen sp&uuml;rbar erh&ouml;ht sowie eine Verletzung der Privat- und Intimsph&auml;re durch &bdquo;Sozialdetektive&ldquo; vorprogrammiert. Hartz IV hat also sehr viel mehr bewirkt, als gesetzlich zu verankern, dass Millionen fr&uuml;here und potenzielle Alhi-Empf&auml;nger\/innen seither weniger Geld erhalten.<\/p><p><strong>Ausweitung des Niedriglohnsektors<\/strong><\/p><p>Durch die Umsetzung des im Vermittlungsausschuss von Bundestag und -rat noch weiter radikalisierten Konzepts der sog. Hartz-Kommission (Ausweitung nicht nur &bdquo;haushaltsnaher&ldquo; Mini-Jobs sowie der Leih- bzw. Zeitarbeit) hat der Niedriglohnsektor enorm an Bedeutung gewonnen. Den armen Erwerbslosen, die das Fehlen von oder die unzureichende H&ouml;he der Entgeltersatzleistungen auf das Existenzminimum zur&uuml;ckwirft, treten massenhaft erwerbst&auml;tige Arme zur Seite. L&auml;ngst reichen selbst viele Vollzeitarbeitsverh&auml;ltnisse (besonders in Ostdeutschland) nicht mehr aus, um &bdquo;eine Familie zu ern&auml;hren&ldquo;, sodass man einen oder mehrere Nebenjobs &uuml;bernimmt und nach Feierabend bzw. an Wochenenden (schwarz) weitergearbeitet wird.<\/p><p>Hartz IV sollte nicht blo&szlig; durch Abschaffung der Arbeitslosenhilfe und Abschiebung der Langzeitarbeitslosen in die Wohlfahrt den Staatshaushalt entlasten, sondern auch durch Einsch&uuml;chterung der Betroffenen mehr &bdquo;Besch&auml;ftigungsanreize&ldquo; im Niedriglohnbereich schaffen. Man zwingt sie mit Hilfe von Leistungsk&uuml;rzungen, sch&auml;rferen Zumutbarkeitsklauseln und Ma&szlig;nahmen zur &Uuml;berpr&uuml;fung der &bdquo;Arbeitsbereitschaft&ldquo; (vor allem sog. 1-Euro-Jobs), fast jede Stelle anzunehmen und ihre Arbeitskraft zu Dumpingpreisen zu verkaufen. Dies hat gravierende Auswirkungen auf die (noch) Besch&auml;ftigten und die Angst in den Belegschaften vermehrt. Dass heute selbst das Essen von Frikadellen und die Einl&ouml;sung von Pfandbons im Wert von 1,30 Euro als K&uuml;ndigungsgr&uuml;nde herhalten m&uuml;ssen, zeigt zusammen mit der Bespitzelung von Betriebsr&auml;t(inn)en in gro&szlig;en Konzernen, wie sich das Arbeitswelt ver&auml;ndert hat.<\/p><p>Da trotz des irref&uuml;hrenden Namens &bdquo;Grundsicherung f&uuml;r Arbeitsuchende&ldquo; auch immer mehr (voll) Erwerbst&auml;tige das Alg II als sog. Aufstocker, d.h. im Sinne eines &bdquo;Kombilohns&ldquo; in Anspruch nahmen bzw. nehmen mussten, um leben zu k&ouml;nnen, etablierte Hartz IV ein Anreizystem zur Senkung des Lohnniveaus durch die Kapitalseite. Ein staatlich subventionierter Niedriglohnsektor vermehrt die Armut, statt auch nur ansatzweise zur L&ouml;sung dieses Kardinalproblems beizutragen. Mittlerweile hat die Bundesrepublik unter den entwickelten Industriestaaten den breitesten Niedriglohnkorridor nach den USA. Trotz des im Wesentlichen konjunkturell bedingten R&uuml;ckgangs der offiziell registrierten Arbeitslosigkeit leiden heute in der Bundesrepublik wahrscheinlich mehr Menschen unter prek&auml;ren Arbeits- und Lebensbedingungen als vor dem 1. Januar 2005.<\/p><p><strong>Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland<\/strong><\/p><p>Da die Zumutbarkeitsregelungen mit Hartz IV erneut versch&auml;rft und die Mobilit&auml;tsanforderungen gegen&uuml;ber (Langzeit-)Arbeitslosen noch einmal erh&ouml;ht wurden, haben sich die M&ouml;glichkeiten f&uuml;r Familien, ein geregeltes, nicht durch permanenten Zeitdruck, Stress und\/oder r&auml;umliche Trennung von Eltern und Kindern beeintr&auml;chtigtes Leben zu f&uuml;hren, weiter verschlechtert. Auf dem H&ouml;hepunkt des zur&uuml;ckliegenden Konjunkturaufschwungs, im M&auml;rz 2007, lebten nach Angaben der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit fast 1,929 Mio. Kinder unter 15 Jahren (von knapp 11,5 Mio. dieser Altersgruppe insgesamt) in SGB-II-Bedarfsgemeinschaften, die landl&auml;ufig &bdquo;Hartz-IV-Haushalte&ldquo; genannt werden. Rechnet man die &uuml;brigen Betroffenen &ndash; Kinder in Sozialhilfehaushalten, in Fl&uuml;chtlingsfamilien, die nach dem Asylbewerberleistungsgesetz ein Drittel weniger als die Sozialhilfe erhalten, und von sog. Illegalen, die gar keine Transferleistungen beantragen k&ouml;nnen &ndash; hinzu und ber&uuml;cksichtigt au&szlig;erdem die sog. Dunkelziffer &ndash; d.h. die Zahl jener eigentlich Anspruchsberechtigter, die aus Unwissenheit, Scham oder anderen Gr&uuml;nden keinen Antrag auf Sozialhilfe bzw. Arbeitslosengeld II stellen &ndash; , leben etwa 2,8 Millionen Kinder, d.h. mindestens jedes f&uuml;nfte Kind dieses Alters, auf oder unter dem Sozialhilfeniveau.<\/p><p>Versch&auml;rft wird das Problem durch erhebliche regionale Disparit&auml;ten (Ost-West- und Nord-S&uuml;d-Gef&auml;lle). So lebten in G&ouml;rlitz 44,1 Prozent aller Kinder unter 15 Jahren in Hartz-IV-Haushalten, w&auml;hrend es im ausgesprochen wohlhabenden bayerischen Landkreis Starnberg nur 3,9 Prozent waren. Wie die traurige Rekordh&ouml;he der Kinderarmut, welche auf dem H&ouml;hepunkt nach dem Inkrafttreten der gr&ouml;&szlig;ten Arbeitsmarktreform am 1. Januar 2005 beweist, geh&ouml;ren Heranwachsende zu den Hauptverlierer(inne)n von Hartz IV.<\/p><p>Hartz IV trug durch das Abdr&auml;ngen der Langzeitarbeitslosen samt ihren Familienangeh&ouml;rigen in den F&uuml;rsorgebereich dazu bei, dass Kinderarmut &bdquo;normal&ldquo; wurde, was sie schwerer skandalisierbar macht. Auf das Leben der Kinder, die zur &bdquo;unteren Schicht&ldquo; geh&ouml;ren, wirkte sich das Gesetzespaket wegen der katastrophalen Lage des Arbeitsmarktes in den &ouml;stlichen Bundesl&auml;ndern besonders verheerend aus. Die finanzielle Lage von Familien mit Alhi-Empf&auml;nger(inne)n verschlechterte sich durch den &Uuml;bergang zum Alg II, was erhebliche materielle Einschr&auml;nkungen f&uuml;r betroffene Kinder einschloss. Betroffen sind auch diejenigen Kinder, deren V&auml;ter aufgrund ihres gegen&uuml;ber der Arbeitslosenhilfe niedrigeren Arbeitslosengeldes II keinen oder weniger Unterhalt zahlen (k&ouml;nnen), denn die Unterhaltsvorschusskassen bei den Jugend&auml;mtern treten nur maximal 6 Jahre lang und auch nur bis zum 12. Lebensjahr des Kindes ein.<\/p><p>Nicht nur die materielle Situation, sondern auch die Position von Frauen und (alleinerziehenden) M&uuml;ttern auf dem Arbeitsmarkt hat sich verschlechtert. Die sog. Mini- und Midi-Jobs &uuml;bernehmen gr&ouml;&szlig;tenteils Frauen. &bdquo;Haushaltsnahe Dienstleistungen&ldquo;, die sie erbringen sollen, hei&szlig;t im Wesentlichen, dass ihnen Besserverdienende, denen daf&uuml;r nach einem vor&uuml;bergehenden Wegfall des sog. Dienstm&auml;dchenprivilegs nun auch wieder Steuerverg&uuml;nstigungen einger&auml;umt werden, geringe (Zu-)Verdienstm&ouml;glichkeiten als Reinigungskraft oder Haush&auml;lterin bieten. Ist die &bdquo;Mini-Jobberin&ldquo; mit einem sozialversicherungspflichtig Besch&auml;ftigten verheiratet, braucht sie wegen der kostenfreien Familienmitversicherung keine Krankenkassenbeitr&auml;ge zu entrichten. Um die vollen Leistungen der Rentenversicherung in Anspruch nehmen zu k&ouml;nnen, muss eine (Putz-)Frau jedoch erg&auml;nzende Beitr&auml;ge zahlen. Selbst dann l&auml;sst sich Altersarmut kaum vermeiden. Gleichzeitig vergr&ouml;&szlig;ert sich der Abstand zwischen den Altersrenten von M&auml;nnern und Frauen weiter zu Lasten der Letzteren.<\/p><p>Eine soziale Grundsicherung, wie sie das Arbeitslosengeld II laut Gesetzestext sein m&ouml;chte, muss vor Armut sch&uuml;tzen, damit sie diesen Namen verdient. Das kann man in Anbetracht der &auml;u&szlig;erst niedrigen Regelleistungen beim Alg II allerdings nicht behaupten. Mehr qualifizierte Arbeitspl&auml;tze mit ausreichend hohen L&ouml;hnen bzw. Geh&auml;ltern, ein dichtes Netz &ouml;ffentlicher (Ganztags-) Kinderbetreuungseinrichtungen und Gemeinschaftsschulen bilden den Schl&uuml;ssel zur Bek&auml;mpfung der Kinderarmut.<\/p><p><em>Prof. Dr. Christoph Butterwegge lehrt Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln. Zuletzt ist sein Buch &bdquo;Armut in einem reichen Land. Wie das Problem verharmlost und verdr&auml;ngt wird&ldquo; (Campus Verlag, Frankfurt am Main\/New York 2009) erschienen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die sog. Hartz-Gesetze, vor allem das am 1. 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