{"id":4442,"date":"2010-01-07T09:23:11","date_gmt":"2010-01-07T08:23:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4442"},"modified":"2014-08-06T11:02:43","modified_gmt":"2014-08-06T09:02:43","slug":"dreikoenigstreffen-jetzt-regiert-die-fdp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4442","title":{"rendered":"Dreik\u00f6nigstreffen: \u201eJetzt regiert die FDP\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Auch beim traditionellen <a href=\"http:\/\/www.fdp-bundespartei.de\/webcom\/show_websiteprog.php?wc_c=648&amp;wc_lkm=&amp;wc_id=13211&amp;\">Dreik&ouml;nigstreffen der FDP<\/a> geh&ouml;rte es wieder einmal zu den Eigenheiten der Reden Westerwelles, dass er h&ouml;chst selten Probleme konkret benennt. Das erspart ihm, sie zu analysieren und aus einer gr&uuml;ndlichen Auseinandersetzung L&ouml;sungen abzuleiten. Seine rhetorische Welt ist die st&auml;ndige Wiederholung von abgegriffenen Phrasen. Wo ihm seine Ideologie keine Spr&uuml;che anbietet, ist er sprachlos. Westerwelle ist eine Marketing-Figur f&uuml;r eine Ideologie, deren Scheitern wir soeben erleben. Das ist das Raffinierte und zugleich Gef&auml;hrliche. Er redet von einer &bdquo;geistig-politischen Wende&ldquo;, dabei trimmt der politische &bdquo;Leichtmatrose&ldquo; (Stoiber) nur die Segel f&uuml;r die Beibehaltung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Crash-Kurses. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nWesterwelle geht in seiner neuen Rolle als Mitglied der Regierung bestenfalls implizit auf die anstehenden Herausforderungen an die deutsche Politik ein. Er spricht weder &uuml;ber die Finanzkrise, noch &uuml;ber die Wirtschaftskrise, noch dar&uuml;ber, wie die Regierung den Haushalt in Ordnung bringen will, das ist f&uuml;r ihn <em>&bdquo;Gegenwartsfixierung&ldquo;<\/em>:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Wir wollen ein Deutschland, das sich nicht im Gestr&uuml;pp der Tagespolitik verheddert, sondern das sich mit langen Linien auf die Zukunft einstellt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Westerwelle versucht wie ein Schauspieler, der die immer gleiche Rolle schon seit Jahren spielt, seinem immer gleichen Text bei jedem Auftritt immer wieder neues Leben einzuhauchen. Westerwelle deklamiert in gespreizter Pose &uuml;ber <em>&bdquo;mehr Freiheit zur Verantwortung&ldquo;<\/em>, &uuml;ber die <em>&bdquo;Mitte&ldquo;<\/em>, &uuml;ber die <em>&bdquo;Lust am Wettbewerb&ldquo;<\/em>, &uuml;ber mehr Wachstum, mehr Export, &uuml;ber mehr <em>&bdquo;Chancen f&uuml;r das Neue&ldquo;<\/em>, &uuml;ber <em>&bdquo;mehr Zukunft wagen&ldquo;<\/em>, &uuml;ber eine <em>&bdquo;neue Haltung&ldquo;<\/em>, selbst die Phrase von der Leistung, die sich wieder lohnen m&uuml;sse, durfte in Stuttgart nicht fehlen. <\/p><p>Das Raffinierte dabei ist, dass er die Regierungszeit von Rot-Gr&uuml;n und der Gro&szlig;en Koalition als ein <em>&bdquo;Jahrzehnt der b&uuml;rokratischen Staatswirtschaft&ldquo;<\/em> karikiert, dass er selbst die CDU und die Kanzlerin in eine sozialdemokratische Ecke stellt. Westerwelle tut also so, als sei nicht schon mit der Durchsetzung der Lambsdorff-Agenda unter den 16 Jahren Helmut Kohls und vollends mit der Agenda 2010 Schr&ouml;ders die einschneidendste marktliberale Wende in der Nachkriegsgeschichte vollzogen worden, und zwar mit allen Elementen, die nun Westerwelle als seine &bdquo;geistig-politische Wende&ldquo; ank&uuml;ndigt. <\/p><p>Wurde etwa nicht unter dem Schlagwort &bdquo;Eigenverantwortung&ldquo; die gesetzliche Rente ruiniert und die private Eigenvorsorge eingef&uuml;hrt? Wurde nicht etwa mit der F&ouml;deralismusreform, aus &bdquo;Lust am Wettbewerb&ldquo; der kooperative F&ouml;deralismus zugunsten des wettbewerblichen Gegeneinanders abgeschafft, dessen folgen wir nun im Chaos der Bildungspolitik erfahren m&uuml;ssen? Wurden nicht aus &bdquo;Lust am Wettbewerb&ldquo; die L&ouml;hne und die sog. &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; gedr&uuml;ckt, um unsere Nachbarl&auml;nder nieder zu konkurrieren? Wurde nicht die gesamte Wirtschaftspolitik auf &bdquo;mehr Export&ldquo; ausgerichtet und wurde nicht der Titel des Exportweltmeisters geradezu zum Staatsziel erhoben? Wurde nicht von den Kommunen, &uuml;ber die L&auml;nder die &bdquo;Staatswirtschaft&ldquo; von der Post bis zu Schulbauten durch Privatisierung und PPP verscherbelt? Wurden nicht durch einen verantwortungslosen Unternehmensteuersenkungswahn die Staatsquote deutlich unter den Durchschnitt des Euro-Raumes gesenkt und dadurch erst die Staatschulden aufget&uuml;rmt? Haben Schr&ouml;der und Clement &ndash; um nur ein Detail aus der Rede zu benennen &ndash; nicht die ethischen Grenzen gegen die Genforschung schon l&auml;ngst weitgehend geschleift? <\/p><p>Man k&ouml;nnte die Aufz&auml;hlung beliebig fortsetzen und man k&ouml;nnte Westerwelles Rede Punkt f&uuml;r Punkt durchgehen und man w&uuml;rde &ndash; wenn man die Verhei&szlig;ungen auf ihre Substanz reduziert &ndash;  nur feststellen, dass Westerwelle nichts anderes anstrebt, als eine Erh&ouml;hung der Dosis der gescheiterten Medikation. Um sich als Wunderheiler aufzuspielen, gaukelt er vor, als habe er eine neue Medizin anzubieten. Und das ist das Gef&auml;hrliche an dieser &bdquo;geistig-politischen Wende&ldquo;. <\/p><p>Anders als noch bei Kohls &bdquo;geistig-moralischer&ldquo; Wende, braucht sich Westerwelles &bdquo;geistig-politische Wende&ldquo; nicht einmal den Anschein von Moral zu geben, denn sie kann auch keine f&uuml;r sich in Anspruch nehmen. Denn Westerwelle und seine FDP m&uuml;ssen nicht l&uuml;gen, um Wortbr&uuml;che zu begehen. Sie deuten schon die urspr&uuml;ngliche Bedeutung der Worte so um, dass sie eine L&uuml;ge enthalten. So geht es etwa bei dem Slogan &bdquo;Arbeit muss sich wieder lohnen&ldquo;, keineswegs darum dass Arbeit wieder gut be-&bdquo;lohnt&ldquo; wird, sondern ausschlie&szlig;lich darum, dass die Steuern und Abgaben auf den Lohn gesenkt werden.<\/p><p>Machen wir bei dem von Westerwelle vorgetragenen Gesellschaftsbild einmal die Probe aufs Exempel: <\/p><blockquote><p>&bdquo;Wir Liberale haben ein Gesellschaftsbild: wir vertrauen zuerst auf die Kraft der B&uuml;rger, und setzen erst dann auf den Staat.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Hat denn der Sozialstaat ein anderes Verst&auml;ndnis, au&szlig;er dass er hinzuf&uuml;gt, dass dort wo die &bdquo;Kraft&ldquo; des einzelnen B&uuml;rgers nicht ausreicht, die Solidarit&auml;t der Gesellschaft gefordert ist? <\/p><blockquote><p>&bdquo;Wir glauben, dass die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger f&uuml;r sich selbst besser entscheiden k&ouml;nnen als noch so wohlmeinende Politiker es f&uuml;r sie je tun k&ouml;nnten.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Das ist die klassische staatsfeindliche Kampfformel, wie sie schon von den Urv&auml;tern des Neoliberalismus Ludwig Mises und vor allem auch seinem Sch&uuml;ler Friedrich August von Hayek gegen jedes gesellschaftliche, soziale oder &ouml;kologische Anliegen ins Feld gef&uuml;hrt wurde. Jeder Einzelne kenne seine Interessen und Bed&uuml;rfnisse besser als jede kollektive Vernunft. Keine Regierung, auch keine demokratische, wisse mehr von den N&ouml;ten und W&uuml;nschen des Volkes, als die Individuen selbst. Der Staat ist das Biest, das ausgehungert werden m&uuml;sse, so lautete der Schlachtruf der Reaganomics und des Thatcherismus. Der freie Unternehmer, der freie Konsument auf dem freien Markt lenken sich selbst. Die Ergebnisse sind bekannt.<\/p><p>Der Steuerzahler zahlt nach dieser individualistischen Ideologie seine Steuern nicht, damit der Staat eine ausreichende Versorgung mit &ouml;ffentlichen G&uuml;tern, insbesondere im Bereich der Bildung und der Infrastruktur gew&auml;hrleistet. Nein, sagt Westerwelle in einer Anleihe zu Sloterdijks Staat als bettelndem Almosenempf&auml;nger, <em>&bdquo;der Steuerzahler schenkt dem Staat etwas Geld&ldquo;<\/em>.<\/p><p>Und konsequenterweise f&auml;hrt Westerwelle fort:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Wir wollen eine freie und faire Gesellschaft.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Die Voraussetzungen von Freiheit f&uuml;r den Einzelnen spielen bei ihm keine Rolle. Deshalb muss es auch nicht mehr gerecht, sondern nur noch fair zugehen. Und eine faire Gesellschaft braucht eben nicht mehr sozial gerecht zu sein oder gar auf Gleichheit zu achten, nein, <em>&bdquo;fair ist eine Gesellschaft, wenn sich Leistung lohnt.&ldquo;<\/em>  Und  das &bdquo;lohnt&ldquo; darf man hier durchaus als Geldwert ausdr&uuml;cken. In Westerwelles Denkwelt gibt es also keine Skandale um die Entlohnung von Bankstern und es gibt nicht den leistungsbereiten Arbeitnehmer, der durch das reichlich &bdquo;entlohnte&ldquo; Spekulantentum seinen Lohn gek&uuml;rzt bekommt oder gar seinen Arbeitsplatz verliert. In seiner Denkwelt kommt es nicht vor, dass der Lohn den jemand durch seinen beruflichen Aufstieg bekommt, immer mehr von der sozialen Herkunft bestimmt wird.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Fair ist eine Gesellschaft, in der Leistung sich lohnt: In der Schule, im Beruf, im Leben. Unfair ist eine Gesellschaft, die ihrer Jugend die Illusion des anstrengungslosen Einkommens vorgaukelt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>In einer Gesellschaft, in der jedes f&uuml;nfte Kind arm ist, in der weit &uuml;ber hundert Tausend Schulabg&auml;nger keinen Ausbildungsplatz haben und in Wartschleifen landen, in der selbst junge Akademiker von einem unbezahlten Praktikum zum anderen verwiesen werden, kann das Gerede von einer &bdquo;Illusion eines anstrengungslosen Einkommens&ldquo; nur noch als blanker Zynismus bezeichnet werden. <\/p><blockquote><p>&bdquo;Fair ist eine Gesellschaft, in der jeder die Chance hat, durch gute Bildung seinen Weg zu gehen. Unfair ist eine Gesellschaft, die in der Bildung den Mangel verwaltet und junge Talente vergeudet.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Dieser Phrase k&ouml;nnte man durchaus zustimmen, doch sie hat mit der Politik der FDP nichts zu tun. Wie FDP-Generalsekret&auml;r Lindner stolz verk&uuml;ndet, regiere seine Partei in allen gro&szlig;en Bundesl&auml;ndern, doch wo hat sie dort auch nur ein St&uuml;ck weit dazu beigetragen, dass jeder seine Chance hat und dass dort in der Bildung nicht nur der Mangel verwaltet wird.<\/p><blockquote><p>&bdquo;Fair ist eine Gesellschaft, in der ein Leben harter Arbeit eine sichere Rente bringt. Unfair ist eine Gesellschaft, in der Rente zum Almosen wird, weil der Mut zur politischen Entscheidung fehlt.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Man schaue sich dazu nur einmal das rentenpolitische Konzept der FDP an: Dort steht w&ouml;rtlich, dass die gesetzliche Rente &bdquo;nicht mehr die Aufgabe der Lebensstandardsicherung &uuml;bernehmen, sondern nur noch eine erh&ouml;hte Basissicherung darstellen&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.fdp-fraktion.de\/webcom\/show_libargs_neu.php?wc_c=540&amp;wc_id=68&amp;bis=18\">k&ouml;nne<\/a>. Es ist doch vor allem die FDP die am liebsten alle sozialen Sicherungssysteme privatisieren und der Unsicherheit der Kapitaldeckung aufliefern w&uuml;rde.<\/p><p>Westerwelle h&auml;lt an der beispielsweise unter Ronald Reagan grandios gescheiterten Ideologie, durch Steuersenkungen Wachstum zu erzeugen und damit die daf&uuml;r in Kauf genommen Schulden refinanzieren zu k&ouml;nnen, fest. Auch da bleibt er der radikalsten Variante des Neoliberalismus treu.<br>\nDas unausgesprochene Ziel sollte dabei aber niemand aus den Augen verlieren: Es geht letztlich &ndash; wie damals &ndash; um das Aushungern des Staates. Mit der in neu in der Verfassung verankerten &bdquo;Schuldenbremse&ldquo; steht ja das Instrument schon zur Verf&uuml;gung, die Steuersenkungen auf Pump &uuml;ber die Abschaffung sozialstaatlicher &bdquo;Staatswirtschaft&ldquo; wieder zu kompensieren. Deshalb braucht Westerwelle auch kein Wort dar&uuml;ber zu verlieren, wie er sich die Konsolidierung des Haushalts vorstellt. Der Zwang wird sich automatisch einstellen.<\/p><p>Dann wird endlich &bdquo;Freiheit&ldquo; herrschen, dass die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger selbst entscheiden k&ouml;nnen, wie sie ohne den Staat und ohne die solidarische Gesellschaft zurecht kommen. Jeder hat dann die Freiheit, unter der Br&uuml;cke zu schlafen. <\/p><p>&Uuml;berall dort, wo Westerwelle in seinem politischen Amt gefordert w&auml;re, da schweigt er sich aus:<br>\nKein Wort &uuml;ber den Koalitionskonflikt um die Vertriebenen-Pr&auml;sidentin Steinbach. Nichts Konkretes zu Afghanistan. Ganze 17 Zeilen zur Au&szlig;enpolitik, f&uuml;r die er Verantwortung tr&auml;gt.<br>\n&Uuml;berall dort, wo die neoliberale Ideologie keine Formeln mehr anbietet, ist Westerwelle sprachlos.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch beim traditionellen <a href=\"http:\/\/www.fdp-bundespartei.de\/webcom\/show_websiteprog.php?wc_c=648&amp;wc_lkm=&amp;wc_id=13211&amp;\">Dreik&ouml;nigstreffen der FDP<\/a> geh&ouml;rte es wieder einmal zu den Eigenheiten der Reden Westerwelles, dass er h&ouml;chst selten Probleme konkret benennt. Das erspart ihm, sie zu analysieren und aus einer gr&uuml;ndlichen Auseinandersetzung L&ouml;sungen abzuleiten. Seine rhetorische Welt ist die st&auml;ndige Wiederholung von abgegriffenen Phrasen. 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