{"id":4443,"date":"2010-01-07T12:46:22","date_gmt":"2010-01-07T11:46:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4443"},"modified":"2019-03-02T13:09:29","modified_gmt":"2019-03-02T12:09:29","slug":"die-unendliche-leistungstraegerluege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4443","title":{"rendered":"Die unendliche Leistungstr\u00e4gerl\u00fcge"},"content":{"rendered":"<p>Heiner Flassbeck hat sich, angesto&szlig;en von &Auml;u&szlig;erungen Peter Sloterdijk wie in einem gerade erschienen Interview in der S&uuml;ddeutschen Zeitung (<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/957\/499238\/text\/print.html\">&bdquo;Wider die Verteufelung der Leistungstr&auml;ger&ldquo;<\/a>), mit diesen obskuren Vorstellungen auseinandergesetzt. Unten finden Sie Flassbecks Beitrag. Ich halte Sloterdijk f&uuml;r einen mit Steuergeld besoldeten Ignoranten. Er besch&auml;ftigt die &ouml;ffentliche Debatte mit albernen Vorstellungen (&bdquo;Gaben- und Spendencharakter der zivilen Steuer&ldquo;) und eine sich f&uuml;r seri&ouml;s haltende Zeitung wie die SZ bietet ihm wieder einmal Raum. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die unendliche Leistungstr&auml;gerl&uuml;ge<\/strong><\/p><p>Von Heiner Flassbeck<\/p><p>Ein Diskussionsbeitrag f&uuml;r die Nachdenkseiten<\/p><p><em>(Eine k&uuml;rzere Version dieses Artikels erschien in &bdquo;Wirtschaft und Markt&ldquo; im Januar 2010)<\/em><\/p><p>Es gibt Geschichten, die kann man hundert oder gar tausend Mal erz&auml;hlen und die Zuh&ouml;rer bekommen dennoch nie genug davon. Das sind in der Regel sch&ouml;ne Geschichten. Die Zuh&ouml;rer beginnen jedes Mal von Neuem zu tr&auml;umen von einer heilen Welt, in der ein wunderbar freundlicher Herrscher nur an einem einzigen kleinen Schr&auml;ubchen dreht und schon flie&szlig;t der Honig in Str&ouml;men und die Tauben braten sich im Fluge selbst.<\/p><p>So ist es mit der unendlichen Steuer- und Leistungstr&auml;gergeschichte. Seitdem das Wirtschaftswunder Anfang der 70er Jahre brutal sein Ende fand, wird von unseren Politikern immer wieder, Jahr f&uuml;r Jahr, Wahl f&uuml;r Wahl, die sch&ouml;ne Geschichte von den magischen Steuersenkungen erz&auml;hlt. Man m&uuml;sse die Steuern f&uuml;r die &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; senken und schon sei alles gut. Leistungstr&auml;ger, das sei n&auml;mlich die Spezies von Mensch, die &ndash; gut ausgebildet und leistungsf&auml;hig &ndash; gerne ihr Bestes geben w&uuml;rde, aber unter der Abgabenlast des Staates so &auml;chzt, dass sie viel weniger &ldquo;Leistung&rdquo; erbringt, als eigentlich von ihr zu erwarten w&auml;re. N&auml;hme der Staat seine Last nur weg, w&auml;re der Rest ein Leichtes und die Wirtschaft florierte.<\/p><p>Die Geschichte ist so sch&ouml;n, weil sie immer funktioniert, ganz gleich wie viel Last der Staat schon weggenommen hat. Immer wird es einen Politiker oder einen besonders klugen Philosophen wie Peter Sloterdijk geben, der sagt &bdquo;es ist immer noch zu viel&ldquo;. Da die Mehrheit der Politiker seit vielen Jahren an die Geschichte glaubt, haben sie die Steuerbelastung f&uuml;r die Leistungstr&auml;ger schon m&auml;chtig reduziert, also etwa von einem Steuersatz f&uuml;r die Menschen mit den h&ouml;chsten Einkommen von 56 Prozent auf 42 Prozent. Da &auml;chzt der Leistungstr&auml;ger zwar etwas weniger, aber die B&uuml;rde des Staates  dr&uuml;ckt noch immer schwer.<\/p><p>Also weiter runter mit den S&auml;tzen. 35 Prozent will die Partei der Leistungstr&auml;ger jetzt, aber warum soll das reichen? Wer &bdquo;Leistung&ldquo; bringt, wird immer noch bestraft mit dem H&ouml;chstsatz! Wo ist die Logik? Warum sollen diejenigen, die schon die &ldquo;Leistung&rdquo; bringen, auch noch die gr&ouml;&szlig;te Last f&uuml;r den Staat tragen? Der Leistungstr&auml;ger tr&auml;gt doch schon die Gemeinschaft, die in der sozialen H&auml;ngematte also, warum sollte er noch mehr tun? Nein, der Leistungstr&auml;ger muss richtig entlastet werden und das hei&szlig;t, er muss weniger zahlen als diejenigen, die keine &bdquo;Leistung&ldquo; bringen. Eigentlich muss er absolut entlastet werden, weil er ja schon die &ldquo;Leistung&rdquo; tr&auml;gt.<\/p><p>Wenn man aber die vollkommen entlastet, die &bdquo;Leistung&ldquo; bringen, woher bekommt der Staat dann das Geld f&uuml;r die Justiz, f&uuml;r die Polizei, f&uuml;r die Verteidigung, f&uuml;r die Strassen und f&uuml;r die Bildung? Offenbar von den anderen. Wer aber sind die anderen? Die Nicht-Leistungstr&auml;ger! Die haben dummerweise aber keine Einkommen, weil sie ja keine &bdquo;Leistung&ldquo; erbringen. Dann gibt es aber keinen Staat, jedenfalls gibt es niemand, der die Polizei, die Verteidigung, die Strassen oder die Bildung kostenlos zur Verf&uuml;gung stellt. Das m&uuml;ssen die Leistungstr&auml;ger dann einzeln bezahlen, wenn sie es haben wollen, und die anderen gucken in die R&ouml;hre.<\/p><p>Welchen Anteil von ihrem Einkommen zahlen dann die Leistungstr&auml;ger f&uuml;r ihre Justiz, ihre Verteidigung, f&uuml;r ihre Strassen, ihre Polizei und die Bildung ihrer Kinder, nicht zu vergessen der Preis f&uuml;r die hohen Mauern, die sie bauen m&uuml;ssen, um sich und ihre Kinder vor denen zu sch&uuml;tzen, die keine &bdquo;Leistung&ldquo; bringen und kein Einkommen haben? 35 Prozent oder 42 oder doch gar 53 Prozent? Wie ist das dann mit der zus&auml;tzlichen Belastung f&uuml;r die privaten Justiz-, Sicherungs- und Bildungsdienste? Kommt dann Sloterdijk und spendet Trost nach dem Motto: Niemand nimmt dir Leistungstr&auml;ger etwas unter Zwang  und ungerechtfertigt ab, also ertrage die Kosten ohne zu klagen?<\/p><p>An dieser Stelle sp&auml;testens erkennt auch der vorletzte Philosoph, wie dumm und falsch das Bild von den Leistungstr&auml;gern ist. Eine moderne marktwirtschaftliche Ordnung ist n&auml;mlich gerade kein System, das davon lebt, dass eine &bdquo;Handvoll Leistungstr&auml;ger&ldquo; Spitzenleistungen erbringt und daraus sich die Einkommen aller anderen ergeben. Eine moderne Marktwirtschaft ist ein System der Arbeitsteilung, der Spezialisierung des Einzelnen also, in dem das Gesamtergebnis keineswegs mehr der Leistung eines einzelnen oder einiger weniger zugerechnet werden kann. Praktisch alles, was produziert wird, ergibt sich aus einem komplexen Zusammenspiel vieler Leistungen, die zum Teil in der Gegenwart, zum Teil aber auch in der Vergangenheit erbracht worden sind. Dass die Leistungen unterschiedlich entgolten werden, h&auml;ngt allein mit der Knappheit der &bdquo;Leistungstr&auml;ger&ldquo; oder ihrer Marktmacht zusammen, in einer Marktwirtschaft aber gerade nicht mit ihrer &bdquo;Leistung&ldquo; in irgendeinem vern&uuml;nftig zu interpretierenden Sinne. <\/p><p>Wer Tennisb&auml;lle sicher &uuml;ber ein Netz schlagen kann, schnell mit einem Auto im Kreis f&auml;hrt oder popul&auml;re Liedchen tr&auml;llert, wird in der &bdquo;Leistungsgesellschaft&ldquo; schon vor Erreichen des drei&szlig;igsten Lebensjahres mit einem ungeheuren Verm&ouml;gen entlohnt. Wie sinnvoll diese &ldquo;Leistung&rdquo; ist, wird nicht einmal gefragt, weil sich die westliche Gesellschaft, freilich ohne zu wissen, was sie tut, im Zuge der neoliberalen Revolution f&uuml;r ein Knappheitsprinzip ohne wenn und aber entschieden hat. Derjenige dagegen, der sein Leben lang die B&ouml;den in Universit&auml;ten und Betrieben schrubbt, muss statt eine ordentliche Rente zu erhalten, am Ende zum Sozialamt betteln gehen. Noch schlimmer, wer f&uuml;r die Gesellschaft vollkommen unproduktive Gesch&auml;fte t&auml;tigt, also z. b. auf den Finanzm&auml;rkten die Preise f&uuml;r Rohstoffe oder W&auml;hrungen hoch treibt, weil er und viele seiner Kumpane darauf mit Schulden gewettet haben, erbringt offenbar eine &bdquo;Leistung&ldquo; in der Sloterdijkschen FDP-Welt. Auch wenn dabei schlie&szlig;lich das gesamte System zu kollabieren droht und der kleine Putzmann f&uuml;r die Verluste haften muss, ist der Spieler nach Sloterdijk ein Leistungstr&auml;ger, weil an dem von ihm selbst aufgeblasenen Spekulationsballon so viel verdient hat, dass er &ndash; selbst wenn er brav seine Steuern bezahlt &ndash; danach nie wieder arbeiten muss. Das ist nicht die Leistung, die eine Gesellschaft tr&auml;gt! Weil in einer Marktwirtschaft gerade nicht Leistung belohnt wird, ist es gerechtfertigt und notwendig, dass der Staat wesentlich mehr von denen verlangt, die durch gl&uuml;ckliche Umst&auml;nde, Privilegien oder die inh&auml;rente Knappheitslogik des Systems &uuml;berdurchschnittlich &bdquo;entlohnt&ldquo; worden sind.  <\/p><p>Unabh&auml;ngig davon ist der Staat einer der wichtigsten Vorleister des Systems. Ganz gleich, ob er durch verbesserte Infrastruktur, Rechtssicherheit, mehr Bildung, &auml;u&szlig;ere Sicherheit oder auch durch sozialen Frieden mithilfe einer menschenw&uuml;rdigen sozialen Absicherung zur Gesamtleistung beitr&auml;gt, er ist ein Vorleister wie alle anderen und muss vern&uuml;nftig bezahlt werden. Bei keinem anderen Vorleister k&auml;men Philosophen und andere Ideologen auf die Idee, die Bezahlung generell in Frage zu stellen, ohne &uuml;ber den Wert und die Qualit&auml;t der Vorleistung zu reden. Nur beim Staat wird die einfache, aber fundamentale Tatsache der Vorleistung in einer arbeitsteiligen Gesellschaft ignoriert oder von ideologischen Debatten &uuml;berlagert. Sloterdijk hat es nun sogar geschafft, Freiwilligkeit der Leistungen der Leistungstr&auml;ger an den Staat ins Spiel zu bringen (SZ vom 5.1.2010). Klar, in der Zukunft gehen wir zur Bank und bieten eine freiwillige Spende f&uuml;r die dort erbrachten Dienstleistungen an, oder wir finanzieren Professoren nur noch aus Spendengeldern. Fragt sich nur, wer den Beruf des Professors noch ergreifen w&uuml;rde, wenn dessen Entlohnung von der Lust und Laune irgendwelcher &ldquo;Leistungstr&auml;ger&rdquo; abhinge?<\/p><p>Leistungstr&auml;ger in einem funktionierenden und auf lange Sicht erfolgreichen Team sind alle, selbst wenn ab und an der eine oder der andere einen besonders guten Tag hat. Wer die Beitr&auml;ge der Einzelnen zur Bezahlung der Vorleistungen des Staates in einer arbeitsteiligen Gesellschaft diskutieren will, sollte ehrlich sein und offen die Frage stellen, ob die Armen oder die Reichen &ndash; absolut und proportional &ndash; mehr beitragen sollen. Da werden sich sicher auch die Geister scheiden. Die d&uuml;mmliche Phrase von den Leistungstr&auml;gern, die ja nur zur Verteidigung der Reichen vorgebracht wird, kann man sich dann aber getrost schenken. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiner Flassbeck hat sich, angesto&szlig;en von &Auml;u&szlig;erungen Peter Sloterdijk wie in einem gerade erschienen Interview in der S&uuml;ddeutschen Zeitung (<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/957\/499238\/text\/print.html\">&bdquo;Wider die Verteufelung der Leistungstr&auml;ger&ldquo;<\/a>), mit diesen obskuren Vorstellungen auseinandergesetzt. Unten finden Sie Flassbecks Beitrag. 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Er besch&auml;ftigt die &ouml;ffentliche Debatte mit albernen Vorstellungen (&bdquo;Gaben- und Spendencharakter<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4443\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[13,137,11],"tags":[690,417,279,278,460,291],"class_list":["post-4443","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-steuern-und-abgaben","category-strategien-der-meinungsmache","tag-neusprech","tag-sloterdijk-peter","tag-spitzensteuersatz","tag-steuersenkungen","tag-sz","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4443","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4443"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4443\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49745,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4443\/revisions\/49745"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4443"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4443"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4443"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}