{"id":4445,"date":"2010-01-08T09:24:58","date_gmt":"2010-01-08T08:24:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4445"},"modified":"2014-08-06T11:05:17","modified_gmt":"2014-08-06T09:05:17","slug":"hochschulpolitik-als-bayerische-standortpolitik-wie-die-autonomie-der-wissenschaft-untergraben-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4445","title":{"rendered":"Hochschulpolitik als bayerische Standortpolitik \u2013 Wie die Autonomie der Wissenschaft untergraben wird"},"content":{"rendered":"<p><em>&bdquo;Eine zukunftsweisende Hochschulpolitik ist Standortpolitik. Die bayerische Wirtschaft braucht hervorragend ausgebildete Hochschulabsolventinnen und -absolventen. Sie sind die Basis f&uuml;r Innovationen und damit f&uuml;r den Erfolg und die Wettbewerbsf&auml;higkeit bayerischer Unternehmen.&ldquo;<\/em> Damit sind die Ziele des <a href=\"\/upload\/pdf\/091225_mehr_exzellenz_an_bayerischen_hochschulen.pdf\">Projekts &bdquo;Mehr Exzellenz an bayerischen Hochschulen&ldquo;, das die CHE Consult im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V (vbw) [PDF &ndash; 1,4 MB]<\/a> durchgef&uuml;hrt hat, treffend beschrieben. Es soll also an den bayerischen Hochschulen nicht mehr um &bdquo;Bildung durch Wissenschaft&ldquo; oder auch um den durchaus beruflich bezogenen Kompetenzerwerb zu selbstst&auml;ndigem wissenschaftlichen Denken und Reflexions- und Urteilsverm&ouml;gen gehen und es geht auch nicht mehr um die &bdquo;gesamt&ldquo;-gesellschaftliche Verantwortung der Hochschulen, sondern um &bdquo;Standortpolitik&ldquo; f&uuml;r den &bdquo;Erfolg und die Wettbewerbsf&auml;higkeit bayerischer Unternehmen&ldquo;. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>Bayerische Schwachstellen<\/strong><\/p><p>Dennoch legt das Projekt an einigen Stellen den Finger in die Wunden bayerischer Bildungspolitik: <\/p><ul>\n<li>Bayerns Absolventenquote ist im bundesweiten Vergleich unterdurchschnittlich.<\/li>\n<li>Auch bei der Zahl der Promotionen liegen Nordrein-Westfalen und Baden-W&uuml;rttemberg deutlich vor Bayern.<\/li>\n<li>Im Bereich der Internationalisierung oder der Verkn&uuml;pfung von universit&auml;rer und au&szlig;eruniversit&auml;rer Forschung besteht ebenfalls Nachholbedarf,<\/li>\n<\/ul><p>listet die Studie als M&auml;ngelkatalog auf.<\/p><p>Bayern r&uuml;hmt sich zwar als Mustersch&uuml;ler bei den PISA-Tests, dennoch wies das Fl&auml;chenland im S&uuml;den im Jahr 2007 mit 20,9 Prozent die niedrigste Studienberechtigtenquote an allgemeinbildenden Schulen auf. Das liegt daran, dass Bayern am rigidesten am dreigliedrigen Schulsystem festh&auml;lt und die sch&auml;rfste soziale Auslese vornimmt.<\/p><p>Der Vergleichsma&szlig;stab, an dem die bayerischen Hochschulen untereinander und &uuml;berregional gemessen werden, ist &ndash; wie sollte es bei einem CHE-Projekt anders sein &ndash; das CHE-Hochschulranking, also die von der Bertelsmann- Stiftungs-Tochter zugrunde gelegten Kriterien der wettbewerbsgesteuerten &bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo;. Kein Wunder also auch, dass in der Studie ger&uuml;gt wird, dass bayerische Hochschulen beim Bologna-Prozess, d.h. bei der Einf&uuml;hrung von Bachelor- und Masterstudieng&auml;ngen, hinterherhinkten.<br>\nOb das angesichts der inzwischen allgemein anerkannten M&auml;ngel bei der &uuml;bereilten und ohne Debatte &uuml;ber die inhaltlichen Ziele eingef&uuml;hrten konsekutiven Studienstruktur nun ein wirklicher Mangel ist, sei hier dahin gestellt.<\/p><p><strong>Kein Wort zur dringend notwenigen Studienreform<\/strong><\/p><p>Bemerkenswert ist dabei allerdings, dass &uuml;ber eine Re-Reform des Bologna-Prozesses bzw. &uuml;ber Formen und Inhalte des k&uuml;nftigen Studierens auf den 184 Seiten mit keinem Wort gesprochen wird. Das Studium selbst scheint f&uuml;r die Wirtschaft jedenfalls kein Kriterium f&uuml;r &bdquo;mehr Exzellenz an bayerischen Hochschulen&ldquo; zu sein.<\/p><p>Einzig das alleinige Auswahlrecht der Hochschulen zur Pr&uuml;fung der &bdquo;Potentiale&ldquo; der Studienbewerber wird im Sinne der Ideologie des &bdquo;Kampfes um die besten&ldquo; K&ouml;pfe eingefordert. Dazu hin soll auch die Festlegung der Obergrenzen einer Studienaufnahme vollst&auml;ndig auf die Hochschulen &uuml;bergehen. (S.26). Damit w&auml;re es k&uuml;nftig m&ouml;glich, dass jede Hochschule und jedes Fach einen eigenen numerus clausus festlegen k&ouml;nnte. Was das unter gegenw&auml;rtigen Bedingungen der unterfinanzierten Massenuniversit&auml;t f&uuml;r die Studienkapazit&auml;ten bedeuten w&uuml;rde, kann sich jeder selbst ausmalen. Schon jetzt sind zwei Drittel aller neu eingef&uuml;hrten Bachelor- und Masterstudieng&auml;nge zugangsbeschr&auml;nkt.<\/p><p><strong>Wettbewerb, Hierarchisierung, Profilbildung<\/strong><\/p><p>Es versteht sich von selbst, dass das CHE, das &uuml;ber seine Wettbewerbsideologie eine Hierarchisierung der Hochschulen (mit einzelnen wenigen Elite-Uni und einer tiefen Staffelung von Hochschulen ganz unterschiedlicher Qualit&auml;t) anstrebt, die schon weit vorangetriebene Differenzierung der Hochschullandschaft in Bayern lobt. Die Autoren der Studie halten es also f&uuml;r gut und erstrebenswert, dass den Abschl&uuml;ssen etwa an den als Elite-Unis eingestuften M&uuml;nchner Hochschulen eine h&ouml;here Wertigkeit zuerkannt wird, als den Abschlusszertifikaten der Hochschulen auf dem &bdquo;flachen Land&ldquo;. Die Frage nach der Chancengleichheit f&uuml;r einen gleichwertigen Hochschulabschluss wird dabei nicht thematisiert.<\/p><p>Und nat&uuml;rlich darf in der Studie die modische Forderung nach Profilbildung nicht fehlen. Ein Begriff der jedenfalls vom CHE in Bezug auf die Studienangebote vor allem als passgenaue Ausbildung f&uuml;r berufliche Verwendungszwecke verstanden wird &ndash; jedenfalls dem Ziel einer breiten fachlichen Grundbildung f&uuml;r ein m&ouml;glichst breites berufliches Bet&auml;tigungsfeld der Absolventen zuwider l&auml;uft. Dieser Forderung liegt das Bild zugrunde, wonach im Verlauf einer Hochschulausbildung sozusagen wie bei einem Boxenstopp beim Autorennen jeweils immer nur die passende F&uuml;llmenge an aktuellem Wissen in den &bdquo;Output&ldquo; hineingepumpt wird. Es geht nicht mehr vor allem um die Vermittlung von grundlegenden Fachkenntnissen und von wissenschaftlichen Methoden zur selbst&auml;ndigen L&ouml;sung von neuen Problemen gerade auch in einer sich wandelnden Berufswelt. Der aktuelle Verwertungszweck des Wissens hat Vorrang vor der auch l&auml;ngerfristigen Besch&auml;ftigungsbef&auml;higung des Absolventen.<br>\nDas Risiko, dass das im Studium nur akkumulierte Wissen rasch veraltet, liegt dann eben beim Einzelnen. Er hat dann die Pflicht, sich durch weitere Tankstopps sich die n&ouml;tige berufliche Beweglichkeit zu erhalten. Er hat daf&uuml;r zu sorgen, dass sein &bdquo;Humankapital&ldquo; nicht an Wert verliert. <\/p><p><strong>Empfehlungen mit dem Charakter eines Referentenentwurfs f&uuml;r die Politik<\/strong><\/p><p>In der Studie finden Sie fein gegliedert und bis ins Detail abgehandelt &bdquo;Handlungsforderungen&ldquo; und &bdquo;Handlungsempfehlungen&ldquo; wie sich die bayerische Wirtschaft und ihr pseudowissenschaftlicher Schreibtisch, das CHE, die &bdquo;unternehmerische Hochschule&ldquo; und die Enstaatlichung (funktionelle Privatisierung) der Hochschullandschaft vorstellen. Sie finden Beispiele anderer, auch ausl&auml;ndischer f&uuml;r richtungsweisend gehaltener Hochschulgesetze oder Hochschulsatzungen und entsprechende Bewertungen, welche Elemente daraus f&uuml;r Bayern als empfehlenswert gehalten werden.<\/p><p>Wie ich am Beispiel <a href=\"\/?p=3333#more-3333\">Nordrhein-Westfalens belegt habe<\/a>, sind Empfehlungen des CHE keineswegs nur Vorschl&auml;ge einer privat finanzierten, m&auml;chtigen Lobbyorganisation, sondern sie haben den Charakter von Referentenentw&uuml;rfen f&uuml;r die Wissenschaftsministerien der L&auml;nder. Das d&uuml;rfte auch f&uuml;r Bayern gelten. &Uuml;ber den neuen Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch h&ouml;rt man ohnedies, dass seine wissenschaftspolitische Leitstelle der nordrhein-westf&auml;lische FDP-Parteifreund und &bdquo;Innovationsminister&ldquo; Andreas Pinkwart sein soll. Dessen vom CHE entworfenes und in der Umsetzung begleitetes &bdquo;Hochschulfreiheitsgesetz&ldquo; wird nat&uuml;rlich in der vorliegenden Studie als besonders vorbildlich gew&uuml;rdigt.<\/p><p><strong>Leitbild: die wettbewerbsgesteuerte &bdquo;unternehmerische Hochschule&ldquo;<\/strong><\/p><p>Es w&auml;re nicht angemessen, s&auml;mtliche Empfehlungen in Bausch und Bogen zu kritisieren. Sicherlich sind manche Vorschl&auml;ge richtig oder w&auml;ren zumindest konstruktiv zu diskutieren, so z.B. etwa das Duale Studium oder Teilzeitangebote weiter auszubauen, die Weiterbildung zu f&ouml;rdern, die &Uuml;bertragung des Eigentums an Liegenschaften an die Hochschulen, die Kooperationsf&auml;higkeit der Hochschulen mit der au&szlig;eruniversit&auml;ren Forschung zu steigern, das  Promotionsrecht f&uuml;r einzelne FH-Professor(inn)en oder Fachbereiche zu erm&ouml;glichen, mehr Juniorprofessuren einzurichten, Hochschulverb&uuml;nde zu nutzen oder die Internationalit&auml;t auszubauen.<\/p><p>In den wesentlichen Elementen, etwa der Steuerung von Hochschulen (Governance-Strukturen) (S. 15ff.), ihrer erg&auml;nzenden (und nachfragorientierten) Finanzierung durch Studiengeb&uuml;hren (S. 16) und Drittmittel bzw. nach &bdquo;Ergebnisorientierung&ldquo;, der Verlagerung der Verantwortung f&uuml;r die Mangelwirtschaft vor Ort (als &bdquo;entlastende Funktion&ldquo; f&uuml;r die Landespolitik) (S.16), der Vertiefung der Hierarchisierung zwischen den Hochschulen folgt die Studie der Ideologie des CHE von den &uuml;ber den Wettbewerb auf dem Ausbildungs- und Forschungsmarkt gesteuerten &bdquo;unternehmerischen Hochschulen&ldquo;. <\/p><p>Als beispielhaft wird daher auch immer wieder die Hochschulgesetzgebung in Nordrhein-Westfalen genannt. <\/p><p>Meine Kritik am sog. Hochschul-&bdquo;Freiheits&ldquo;-Gesetz insbesondere am Modell der &bdquo;unternehmerischen Hochschulen&ldquo; und ihren Managementstrukturen habe ich auf den NachDenkSeiten vielfach dargelegt und ich kann an dieser Stellt darauf verweisen.<\/p><p>(Vgl. z.B. <a href=\"\/?p=1806\">&bdquo;Hochschulfreiheitsgesetz&ldquo; NRW &ndash; Elitehochschulen &ndash; Der Einfluss von Lobbyorganisationen auf den Staat<\/a>, <a href=\"\/index.php?p=115\">&bdquo;Hochschulfreiheitsgesetz&ldquo; in NRW &ndash; oder der Putsch von oben gegen ein &ouml;ffentlich verantwortetes, demokratisches Hochschulwesen<\/a>, <a href=\"\/upload\/pdf\/Manager_erobern_die_Unis.pdf\">Manager erobern die Unis [PDF &ndash; 128 KB]<\/a> oder etwa <a href=\"\/?p=3978\">Humboldts Begr&auml;bnis<\/a>; eine ausf&uuml;hrliche Auseinandersetzung finden Sie auch in Albrecht M&uuml;llers Buch, Meinungsmache S. 219ff., viele Details sind auch in der NachDenkSeiten-Rubrik Sachfragen unter dem Kapitel Hochschulen &amp; Wissenschaft nachzulesen.)<\/p><p><strong>Der Missbrauch des Autonomiebegriffs<\/strong><\/p><p>Ich will in diesem Beitrag nur auf ein Element gesondert eingehen, das unter dem &ndash; f&uuml;r die Hochschulangeh&ouml;rigen Sympathie f&ouml;rdernden &ndash; Begriff &bdquo;Autonomie&ldquo; zu einem strategischen Hebel f&uuml;r den gr&ouml;&szlig;ten Umbruch der Hochschulstrukturen seit den preu&szlig;ischen Universit&auml;tsreformen gef&uuml;hrt hat, in dem das aufkl&auml;rerischen idealistische Leitbild Humboldts durch das Paradigma der Marktsteuerung &agrave; la Hayek abgel&ouml;st wurde. <\/p><p>In der Konzeption des CHE und so auch in dieser Studie f&uuml;r die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft wird &bdquo;Autonomie&ldquo; durchg&auml;ngig als &bdquo;Hochschul&ldquo;-Autonomie interpretiert. Das hei&szlig;t &bdquo;Autonomie&ldquo; wird ausschlie&szlig;lich bezogen auf die Institution der Hochschule und auf ihre Leitungsgremien. Das ist nicht nur eine unzul&auml;ssige Verengung des grundgesetzlichen Autonomiebegriffs sondern tangiert die individuellen Freiheitsgrundrechte der Hochschulangeh&ouml;rigen, wenn diese umdeutende Verk&uuml;rzung das subjektive Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit nicht gar schon verletzt.<\/p><p><strong>Der Doppelcharakter der Wissenschaftsfreiheit als individuelles Freiheitsrecht und institutionelle Garantie<\/strong><\/p><p>Nach der Auslegung des Bundesverfassungsgerichts gew&auml;hrt Art. 5 Abs. 3 des Grundgesetzes in der Tradition der Aufkl&auml;rung zum einen jedem, der wissenschaftlich t&auml;tig ist <em>(Wissenschaftler)<\/em> oder werden will <em>(Studierende)<\/em>, <strong>ein individuelles Freiheits- und Teilhaberecht<\/strong>. Zum anderen leitet das Gericht aus diesem (individuellen) Grundrecht eine <strong>institutionelle Garantie<\/strong> der Hochschule ab. <em>(Doppelcharakter der Wissenschaftsfreiheit, die Hochschule selbst ist wohlgemerkt nicht Grundrechtstr&auml;ger! )<\/em> Damit sich Forschung und Lehre ungehindert in dem Bem&uuml;hen um Wahrheit entfalten k&ouml;nnen, ist die Wissenschaft zu einem von staatlicher Bevormundung freien Bereich autonomer Verantwortung des einzelnen Wissenschaftlers und damit <strong>mittelbar<\/strong> auch der Institution Hochschule erkl&auml;rt worden. Dem liegt (nach Ansicht des Bundesverfassungsgerichts) der Gedanke zu Grunde, dass &ldquo;gerade eine von gesellschaftlichen N&uuml;tzlichkeits- und politischen Zweckm&auml;&szlig;igkeitsvorstellungen befreite Wissenschaft dem Staat und der Gesellschaft am besten <strong>dient<\/strong>&rdquo; <em>(BVerfGE 47, 327 (370))<\/em>.<\/p><p><strong>Hochschulautonomie zum Nutzen der gesamten Gesellschaft<\/strong><\/p><p>Dieser Freiraum ist nach der Wertung des Grundgesetzes somit nicht f&uuml;r eine vom Staat und der Gesellschaft nischenhaft <em>(in Einsamkeit und Freiheit)<em> isolierte, sondern f&uuml;r &bdquo;eine letztlich dem Wohle des einzelnen und der ganzen Gesellschaft <strong>dienende<\/strong> Wissenschaft verfassungsrechtlich garantiert&ldquo;. Der (&bdquo;Kultur&ldquo;-) Staat hat eine F&ouml;rder- und Schutzaufgabe, ihm ist deshalb auf dem Feld der Hochschulen weder Unt&auml;tigkeit gestattet, noch darf er sich damit begn&uuml;gen, sie zu finanzieren und sie im &Uuml;brigen sich selbst zu &uuml;berlassen oder sie gar gesellschaftlichen Einzelinteressen auszuliefern. <\/em><\/em><\/p><p>Die individuelle und die institutionelle Eigenst&auml;ndigkeit verlangt deshalb z.B. eine aufgabengerechte und wissenschaftsad&auml;quate Grundfinanzierung der Hochschulen durch den Staat. In der Einwerbung von die staatliche Finanzierung aufstockenden Mitteln auf dem Forschungs- und Ausbildungs-&bdquo;Markt&ldquo; sehen sehe ich jedenfalls kein dieser Ausformung des Grundrechts durch das Bundesverfassungsgericht ad&auml;quates Steuerungsinstrument f&uuml;r die Hochschulentwicklung.<br>\n(Einmal abgesehen davon bestreite ich, dass sich wissenschaftliche Qualit&auml;t, Effizienz und Effektivit&auml;t von Forschung und Lehre ma&szlig;geblich &uuml;ber marktwirtschaftliche Wettbewerbsmechanismen herstellen und sichern lasse.)<\/p><p><strong>&bdquo;Autonomie&ldquo; und staatliche Verantwortung<\/strong><\/p><p>&bdquo;Autonomie&ldquo; der Hochschule bedeutet deshalb <strong>nicht den R&uuml;ckzug der staatlichen Verantwortung<\/strong> <em>(unternehmerische Autonomie oder funktionelle Privatisierung)<\/em> zugunsten einer autokratischen und einer der einzelunternehmerischen Wettbewerbslogik unterworfenen Leitungsstruktur und auch nicht zugunsten von vordemokratischen Aufsichtsorganen ohne (gesellschaftliche) Rechenschaftspflicht, wie sie mit den Hochschulr&auml;ten eingerichtet wurden. Autonomie hei&szlig;t vielmehr die Sicherung der Freiheit der Wissenschaft in einer demokratischen Hochschule zum Nutzen und Fortschritt der gesamten Gesellschaft und nicht nur von wirtschaftlichen Einzelinteressen. <\/p><p>&bdquo;Autonomie&ldquo; der Hochschule hei&szlig;t also weder die R&uuml;ckkehr zum &bdquo;Elfenbeinturm&ldquo; noch die Verlagerung der Verantwortung des Staates auf Aufsichtsr&auml;te mit unklarer demokratischer Legitimation <em>(wie sie von Art. 20 Abs. 1 GG verlangt wird)<\/em> und mangelnder Rechenschaftspflicht <em>(Es gibt &uuml;brigens keine unpolitische Autonomie!)<\/em>. Geboten w&auml;re vielmehr ein demokratisch anschlussf&auml;higes Autonomieverst&auml;ndnis <em>(man k&ouml;nnte auch  von einem emanzipatorischen Autonomieverst&auml;ndnis sprechen)<\/em>, das die Selbstbestimmung der Grundrechtstr&auml;ger der Wissenschaftsfreiheit <strong>und<\/strong> gesellschaftliche Verantwortung miteinander vermittelt. Mitbestimmung und  Partizipation der Wissenschaftler (und auch der Studierenden) als Grundrechtstr&auml;ger ist dabei ein unverzichtbarer Bestandteil einer autonomen Hochschule.<\/p><p><strong>Verantwortung der Hochschule gegen&uuml;ber der Gesellschaft<\/strong><\/p><p>Die Gew&auml;hrleistung der Wissenschaftsfreiheit und nicht zuletzt die &uuml;berwiegende Finanzierung durch die Allgemeinheit begr&uuml;nden nicht nur die Verantwortung der Hochschulen gegen&uuml;ber der Gesellschaft und f&uuml;r deren demokratischer und sozialen Entwicklung, sondern auch die Pflicht der Wissenschaftler &uuml;ber die Ziele, Inhalte, Ergebnisse und die Folgen von Forschung und Lehre selbstkritisch gegen&uuml;ber der &Ouml;ffentlichkeit Rechenschaft abzulegen. Das verpflichtet die Hochschule zu Transparenz und Kommunikation (&bdquo;Open Access&ldquo;). <\/p><p>Allenfalls zu dieser Rechenschaftslegung k&ouml;nnten dann auch demokratisch legitimierte, die gesellschaftlichen Gruppen repr&auml;sentierende <em>(plural zusammengesetzte)<\/em> Hochschulr&auml;te dienen, die die Hochschulen bei ihrer Entwicklung beraten und unterst&uuml;tzen <em>(aber keine ma&szlig;geblichen Entscheidungskompetenzen haben)<\/em>. Die derzeitige Zusammensetzung der Hochschulr&auml;te und die fehlende Rechenschaftspflicht ihrer Mitglieder gen&uuml;gen diesem Anspruch auf gesellschaftliche Pluralit&auml;t nicht und sie gef&auml;hrden deshalb die Autonomie der Hochschule. Die Verbindung von Wissenschaft und z.B. zur Arbeitswelt sollte den gleichen Stellenwert haben wie die Kooperation mit der Wirtschaft. Forschung sollte nicht nur ihren Nutzen f&uuml;r die wirtschaftliche Verwertbarkeit sondern auch M&ouml;glichkeiten zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen aller Gruppen der Gesellschaft aufzeigen.<br>\nDer aufkl&auml;rerische Kern der Wissenschaftsfreiheit liegt in ihrem Beitrag zu einer humanen, toleranten und vernunftgeleiteten sozial gerechten und friedlichen Welt. <\/p><p><strong>Demokratisierung statt Hierarchisierung der Hochschulorganisation (Autonomie hei&szlig;t nicht Autokratie)<\/strong><\/p><p>Das marktliberale Konzept einer &bdquo;unternehmerischen&ldquo; Hochschule <em>(als Dienstleistungsunternehmen)<\/em> organisiert nach dem Modell des &bdquo;New Public Managements&ldquo; erweist sich in der Praxis vor allem als Bevormundung der Tr&auml;ger des Grundrechts der Wissenschaftsfreiheit durch autokratisch strukturierte Hochschulleitungen. Statt Hochschulfreiheit zu garantieren, schr&auml;nkt das neue (privaten Kapitalgesellschaften nachgebildete) Organisationsmodell <em>(im Namen der Effizienz)<\/em> die sich aus dem individuellen Freiheitsrecht ergebenden Selbstverwaltungs- und Mitbestimmungsrechte der am Wissenschaftsprozess Beteiligten unangemessen ein und f&ouml;rdert weder deren Motivation noch deren Identifikation mit den Zielen Hochschule. Die neu eingef&uuml;hrten &bdquo;Kommandostrukturen&ldquo; <em>(bzw. die innere Hierarchisierung)<\/em> werden &uuml;berdies modernen Formen der Mitbestimmung und der Partizipation nicht gerecht und sie gef&auml;hrden auf Dauer sowohl die Qualit&auml;t von Wissenschaft als auch die Kreativit&auml;t (Innovation) in Forschung und Lehre. <\/p><p>Das spricht nicht gegen eine Professionalisierung des Hochschulmanagements im Sinne effektiver (betriebswirtschaftlicher) Strukturen bei gleichzeitiger Respektierung (Wahrung) und Erweiterung der institutionellen und informellen Selbst- und Mitbestimmungsm&ouml;glichkeiten aller an der Hochschule t&auml;tigen Gruppen. Statt einer Hierarchisierung w&auml;re vielmehr eine Demokratisierung der Hochschulorganisation erforderlich. <\/p><p><strong>Bildung und Wissenschaft als &bdquo;&ouml;ffentliches Gut&ldquo;<\/strong><\/p><p>Aus der Schl&uuml;sselfunktion, die einer freien Wissenschaft sowohl f&uuml;r die Selbstverwirklichung des Einzelnen als auch f&uuml;r die gesamtgesellschaftliche Entwicklung zukommt, folgt, dass (Hochschul-)Bildung als ein &bdquo;&ouml;ffentliches Gut&ldquo; eingeordnet wird, das sich B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger eines demokrati&shy;schen Sozialstaates geb&uuml;hrenfrei aneignen k&ouml;nnen sollen &ndash; das muss im &Uuml;brigen f&uuml;r alle Bildungsbereiche gelten. Die f&uuml;r die Forschung und Lehre erforderlichen Mittel m&uuml;ssen statt &uuml;ber Geb&uuml;hren, die nur diejenigen Belastung, die selbst (noch) kein Einkommen beziehen, durch eine sozial gerechtere Steuergesetzgebung aufgebracht werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><em>&bdquo;Eine zukunftsweisende Hochschulpolitik ist Standortpolitik. Die bayerische Wirtschaft braucht hervorragend ausgebildete Hochschulabsolventinnen und -absolventen. Sie sind die Basis f&uuml;r Innovationen und damit f&uuml;r den Erfolg und die Wettbewerbsf&auml;higkeit bayerischer Unternehmen.&ldquo;<\/em> Damit sind die Ziele des <a href=\"\/upload\/pdf\/091225_mehr_exzellenz_an_bayerischen_hochschulen.pdf\">Projekts &bdquo;Mehr Exzellenz an bayerischen Hochschulen&ldquo;, das die CHE Consult im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V (vbw)<\/a><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4445\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[17,129,157],"tags":[803,320,231,371,408,443,565],"class_list":["post-4445","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-bayern","tag-bolognaprozess","tag-che","tag-pisa","tag-soziale-herkunft","tag-standortwettbewerb","tag-unternehmerische-hochschule"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4445","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4445"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4445\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22648,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4445\/revisions\/22648"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4445"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4445"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4445"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}