{"id":4449,"date":"2010-01-11T16:59:23","date_gmt":"2010-01-11T15:59:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4449"},"modified":"2014-08-06T11:06:39","modified_gmt":"2014-08-06T09:06:39","slug":"ueber-die-vergessenen-nebenwirkungen-von-hartz-iv-und-agenda-2010-die-zerstoerung-der-sozialen-sicherheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4449","title":{"rendered":"\u00dcber die vergessenen \u201eNeben\u201cwirkungen von Hartz IV und Agenda 2010: Die Zerst\u00f6rung der sozialen Sicherheit."},"content":{"rendered":"<p>Ein Freund berichtete mir gestern davon, seiner Tochter sei nach 18 Jahren Betriebszugeh&ouml;rigkeit die K&uuml;ndigung &bdquo;empfohlen&ldquo; worden, weil sie im letzten Jahr zu viele Krankheitstage hatte &ndash; verbunden mit entw&uuml;rdigenden Drohungen. Einer unserer Hinweisgeber aus Th&uuml;ringen hat seinen Arbeitsplatz im S&uuml;den wieder einmal verloren, obwohl er die M&uuml;he der Mobilit&auml;t auf sich nimmt. F&uuml;nfzigj&auml;hrige verlassen nach der K&uuml;ndigung heulend ihren langj&auml;hrigen Arbeitsplatz. So geht es Tausenden. Hartz IV droht. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die lange vergessene Hauptwirkung: Die Verbreitung von Angst vor dem Arbeitsplatzverlust<\/strong><br>\nLange Zeit wurde Hartz IV nur unter dem Aspekt der Wirkung auf Arbeitslose und fr&uuml;here Sozialhilfeempf&auml;nger diskutiert. Wir haben in den NachDenkSeiten und in den Jahrb&uuml;chern, in &bdquo;Machtwahn&ldquo; und &bdquo;Meinungsmache&ldquo; immer wieder versucht, die Aufmerksamkeit auf die Wirkung dieser so genannten Reformen auf die noch arbeitenden und potentiell vor der Entlassung stehenden Menschen zu lenken. Jetzt langsam wird dies begriffen. Immerhin hat Anne Will gestern Abend von sich aus auf die Angst vor der Arbeitslosigkeit hingewiesen, die mit Hartz IV versch&auml;rft wurde. Siehe dazu auch die Hinweise von heute. Diese Angst, der Verlust der zumindest einigerma&szlig;en gew&auml;hrten sozialen Sicherheit vor den finanziellen Folgen der Arbeitslosigkeit, hat in der Tat die Szene total ver&auml;ndert. Das war aus meiner Sicht auch so geplant. Hartz IV und andere Elemente der Agenda 2010 zielten darauf, der Arbeitnehmerschaft und ihren gewerkschaftlichen Vertretungen das R&uuml;ckgrat zu brechen. Das ist &uuml;ber weite Strecken gelungen.<\/p><p><strong>Eine ebenfalls vergessene Hauptwirkung: R&uuml;cksichtslose Arbeit&ldquo;geber&ldquo; haben moralisch Oberwasser bekommen<\/strong><br>\nWer sich umh&ouml;rt und Einblick in die Verh&auml;ltnisse zwischen Unternehmensmanagern und den Arbeitern und Angestellten eines Unternehmens gewinnt, erf&auml;hrt, dass sich die Atmosph&auml;re wesentlich ge&auml;ndert hat. Partnerschaftliche Verh&auml;ltnisse sind Seltenheit geworden. &bdquo;In&ldquo; sind heute der kaltschn&auml;uzige Umgang, die Missachtung menschlicher Belange, Druck und Drohung. Dies gab es immer schon. Aber die Begleitmusik von Hartz IV hat die Atmosph&auml;re ver&auml;ndert. Das Wort vom &bdquo;Fordern&ldquo; hat quasi alle zu potentiellen Missbrauchern der Arbeitslosenversicherung und der sozialen Leistungen in diesem Bereich gemacht; die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe haben ihr &uuml;briges getan. Mit dem Anschein, dass &bdquo;Fordern&ldquo; in jedem Fall notwendig sei, ist der Charakter des Anrechtes auf eine Arbeitslosenversicherung zerst&ouml;rt worden. Auch das ver&auml;ndert das Verh&auml;ltnis von Chefs zu Mitarbeitern. Fordern, nur noch fordern, ist auch auf der Ebene der Betriebe zum Usus geworden.<\/p><p><strong>Hartz IV und die Agenda 2010 haben in Kombination mit dem besch&auml;ftigungspolitischen Nichtstun besonders schlimme Auswirkungen<\/strong><br>\nVermutlich f&auml;llt es den meisten Teilnehmern sowie den Zuschauern und Zuh&ouml;rern der &ouml;ffentlichen Debatte um Hartz IV gar nicht mehr auf, dass mit dieser Reform der Schwerpunkt der Regierungsarbeit vom Kampf gegen Arbeitslosigkeit auf die Verwaltung der Arbeitslosigkeit verschoben worden ist. &Uuml;ber weite Strecken hat sich die Bundesregierung vor allem um die Technik der Reformgesetze und die bessere Verwaltung der Arbeitslosigkeit gek&uuml;mmert. Probleme der Zusammenlegung von Arbeitsverwaltung und Sozialhilfe und die Organisation der Zumutbarkeit standen im Mittelpunkt der Debatte. Auch jetzt, beim Nachdenken &uuml;ber die Revision von Hartz IV, gelten die Gedanken vor allem neuen Regelungen zur Behandlung der Arbeitslosen und nicht dem Kampf gegen Arbeitslosigkeit und f&uuml;r Besch&auml;ftigung. <\/p><p>Das ist schon sehr eigenartig. Denn die dem&uuml;tigende Wirkung der Entlassung in die Arbeitslosigkeit wird ja insbesondere dadurch versch&auml;rft, dass die Betroffenen Menschen heute kaum mehr eine Alternative finden oder diese nur mit immer weiteren Einkommensverschlechterungen f&uuml;r sich erkaufen k&ouml;nnen. Die Arbeitsmarktlage, die gekennzeichnet ist von einem dramatischen Ungleichgewicht zu Ungunsten der Arbeitnehmerschaft, versch&auml;rft die Wirkung der Hartz-Reformen.<\/p><p><strong>N&ouml;tig ist eine Generalrevision, die beides enth&auml;lt:<\/strong><\/p><ol type=\"a\">\n<li><strong>die Wiederherstellung einer einigerma&szlig;en funktionierenden Arbeitslosenversicherung und<\/strong><\/li>\n<li><strong>die massive makro&ouml;konomische Intervention des Staates mit dem Versuch, mehr Besch&auml;ftigung und letztendlich Vollbesch&auml;ftigung zu erreichen.<\/strong><\/li>\n<\/ol><p>Die jetzt debattierten und vorgeschlagenen Revisionen deuten in die richtige Richtung, wenn die Verl&auml;ngerung der Zahlung des Arbeitslosengelds I verlangt wird Sie sind aber nicht ausreichend, in jedem Fall fehlt die besch&auml;ftigungspolitische Komponente. Noch schlimmer: Trotz allen Schwadronierens &uuml;ber Wachstumsbeschleunigung stehen die Zeichen auf Absenkung &ouml;ffentlicher Besch&auml;ftigung zum Beispiel; die Gemeinden geraten immer mehr unter den Druck mangelnder finanzieller Ausstattung; sie sparen an binnenmarktwirksamen Ausgaben und entlassen Leute statt Neue einzustellen. Es gibt hier keinerlei rationale Zusammenschau. Die Politik enth&auml;lt prozyklische Elemente der Versch&auml;rfung des Besch&auml;ftigungsabbaus neben kleinen Versuchen des Besch&auml;ftigungsaufbaus.<br>\nDas hat viel damit zu tun, dass die politische Aufgabe der makro&ouml;konomischen Steuerung in Deutschland &uuml;ber einen Zeitraum von gut 20 Jahren nicht mehr gesehen wurde und auch jetzt nur halbherzig gesehen wird.<br>\nWir weisen auch deshalb immer wieder darauf hin, weil auch in Kreisen, die sich fortschrittlich nennen, die Einsicht in besch&auml;ftigungspolitische Notwendigkeiten auf eine F&uuml;lle von Vorurteilen st&ouml;&szlig;t: auf die Kritik an &bdquo;Wachstums&ldquo;politik, auf den Glauben an das vorhergesagte Scheitern des Kapitalismus, auf den Glauben, Vollbesch&auml;ftigung k&ouml;nne es nie mehr geben und so weiter.<\/p><p><strong>Hartz IV sei ein wichtiger Systemwechsel. Man m&uuml;sse Schr&ouml;der daf&uuml;r dankbar sein. Das glaubt man in konservativen wie in sozialdemokratischen Kreisen.<\/strong><br>\nDer erw&auml;hnte Hinweis von Anne Will auf die durch Hartz IV gef&ouml;rderte Angst der noch Arbeitenden ist eine r&uuml;hmliche Ausnahme in der &ouml;ffentlichen Debatte. Ansonsten wird diese stark gepr&auml;gt von einer seltsamen Mischung <\/p><ul>\n<li>aus Anerkennung der Rolle Schr&ouml;ders und seiner Regierung als sozialdemokratischer Ausputzer im Interesse der rechtskonservativen Wirtschaftsinteressen und ihrer neoliberalen Ideologie,<\/li>\n<li>aus &auml;ngstlicher Loyalit&auml;t von gestandenen Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen zu den Taten der Regierung Schr&ouml;der und<\/li>\n<li>aus von den Medien weit verbreiteten Meinungen &uuml;ber diese &bdquo;gro&szlig;e Leistung&ldquo; Schr&ouml;ders.<\/li>\n<\/ul><p>Der typische, leidlich gebildete Mittvierziger und Zeit-Leser entnimmt sein Urteil &uuml;ber diese Reform genau diesem scheinbar aufgekl&auml;rten Zeit-Milieu: Was Schr&ouml;der gemacht hat, sei richtig gewesen; leider wird ihm das noch nicht gedankt &ndash; so die hier verankerte mediale Sicht der Dinge.<br>\nTypisch auch die Reaktion einer altgedienten Sozialdemokratin aus urspr&uuml;nglich linkem Milieu, gesegnet mit Erfahrung mit fr&uuml;heren Sozialhilfeempf&auml;ngern: Jetzt endlich sei mit den Schr&ouml;derschen Reformen die Arbeitsmarktf&ouml;rderung dieser Menschen m&ouml;glich geworden.<br>\nDas sind jeweils Betrachtungen aus engem Blickwinkel &ndash; und jedes Mal artikuliert und verst&auml;rkt durch meinungsmachende Medien. Und in allen diesen F&auml;llen bleibt au&szlig;en vor, was Hartz IV und die Agenda 2010 unter den Arbeitnehmern insgesamt angerichtet hat. Siehe oben.<br>\nDeshalb halte ich das Studium von Vorg&auml;ngen der <a href=\"?page_id=4078\">&bdquo;Meinungsmache&ldquo;<\/a> f&uuml;r wichtig, wenn man die politischen Abl&auml;ufe und die Irrwege der Entscheidungsfindung erkennen will. Der Kernsatz des Buches &bdquo;Meinungsmache&ldquo; gilt auch f&uuml;r diese Betrachtung: Jene, die &uuml;ber viel Geld und publizistische Macht verf&uuml;gen, haben erkannt, dass sie die politischen Entscheidungen bestimmen k&ouml;nnen, wenn sie die Herrschaft &uuml;ber das Denken der Menschen erreichen. H&auml;ufig reicht schon die Herrschaft &uuml;ber die Meinung der Multiplikatoren.<br>\nDiese Herrschaft muss gebrochen werden, wenn man eine wirkliche Revision von Hartz IV und Agenda 2010 erreichen und obendrein vermeiden will, dass die Reformen nach dem Muster von Hartz IV weitergehen.<\/p><p><strong>Download:<\/strong> <a href=\"upload\/pdf\/HartzIV.pdf\">&Uuml;ber die vergessenen &bdquo;Neben&ldquo;wirkungen von Hartz IV und Agenda 2010: Die Zerst&ouml;rung der sozialen Sicherheit [PDF &ndash; 95 KB]<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Freund berichtete mir gestern davon, seiner Tochter sei nach 18 Jahren Betriebszugeh&ouml;rigkeit die K&uuml;ndigung &bdquo;empfohlen&ldquo; worden, weil sie im letzten Jahr zu viele Krankheitstage hatte &ndash; verbunden mit entw&uuml;rdigenden Drohungen. Einer unserer Hinweisgeber aus Th&uuml;ringen hat seinen Arbeitsplatz im S&uuml;den wieder einmal verloren, obwohl er die M&uuml;he der Mobilit&auml;t auf sich nimmt. 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