{"id":4455,"date":"2010-01-13T16:17:21","date_gmt":"2010-01-13T15:17:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4455"},"modified":"2014-08-06T11:10:38","modified_gmt":"2014-08-06T09:10:38","slug":"die-verarmung-des-staates-als-strategischer-hebel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4455","title":{"rendered":"Die Verarmung des Staates als strategischer Hebel"},"content":{"rendered":"<p>Gestern berichteten die Tagesthemen in einer <a href=\"http:\/\/www.tagesthemen.de\/multimedia\/sendung\/tt1876.html\">beachtlich aufkl&auml;rerischen Sendung<\/a> unter anderem davon, dass &bdquo;Kommunen und Landkreise gegen Steuersenkungspl&auml;ne der Regierung&ldquo; sind. Es wurde gezeigt, zu welchen b&uuml;rgerfeindlichen Ergebnissen die systematische Verarmung des Staates f&uuml;hrt: immer geringere &ouml;ffentliche Leistungen, h&ouml;here Geb&uuml;hren, ungerechte Mehrbelastung jener, die nicht &uuml;ber viel Geld verf&uuml;gen &ndash; und h&ouml;here Schulden f&uuml;r die Kommunen, wenn sie gegen den Trend steuern.<br>\nDie hinter der Verarmung des Staates steckende Strategie habe ich in <a href=\"?page_id=4078\">&bdquo;Meinungsmache&ldquo;<\/a> ausf&uuml;hrlich geschildert. Den Text des einschl&auml;gigen Kapitels 13 finden Sie weiter unten als Leseprobe. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\nEs gab einmal in der Bundesrepublik ganz andere Zeiten. Da wusste man, dass die ausreichende Versorgung mit &ouml;ffentlichen Leistung f&uuml;r alle in unserem Land wichtig ist und dass sie besonders wichtig ist f&uuml;r die finanziell schw&auml;cheren Familien. Nur Reiche k&ouml;nnen sich einen armen Staat leisten &ndash; das war eine Aussage die sogar von Besserverdienenden mitgetragen wurde. &bdquo;Insgesamt soll die Steuerreform eine bessere Versorgung unserer Bev&ouml;lkerung mit Leistungen, die nur noch die &ouml;ffentliche Hand erbringen kann, erm&ouml;glichen.&ldquo; Das war einer der Kerns&auml;tze eines Steuerreformprogramms der SPD.<\/p><p>Dann kam ein Inszenierter Meinungswandel gegen den Staat als Dienstleister. Heute liegt die Gesamtabgabenquote, das hei&szlig;t das Aufkommen an Steuern und Sozialabgaben in Prozent des BIP, in Deutschland bei 39,3 Prozent und damit knapp unterhalb der 27 EU-Staaten mit 39,9 Prozent. Die Abgabenquote in Deutschland liegt niedriger als in den skandinavischen Staaten, in Belgien, in Frankreich, in Italien, in den Niederlanden und in &Ouml;sterreich. D&auml;nemarks Abgabenquote liegt fast 10 Punkte &uuml;ber der deutschen, bei 49,1 Prozent, die schwedische bei 48,9%. &ndash; Aber wir sind eben auch um vieles schlechter versorgt als die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger in anderen europ&auml;ischen Staaten. <\/p><p>Es folgt der<\/p><p><strong>Auszug aus Albrecht M&uuml;ller: Meinungsmache. Wie Wirtschaft, Politik und Medien uns das Denken abgew&ouml;hnen wollen:<\/strong><\/p><p><strong>Kapitel 13<br>\nDie Verarmung des Staates als strategischer Hebel<\/strong><\/p><p>Im Jahr 1973 berichtete mir ein Freund, der kurz zuvor in den Bundestag gew&auml;hlt worden war, in seinem Wahlkreis sei er massivem Druck wegen der hohen Abz&uuml;ge an Sozialabgaben und Steuern ausgesetzt. Als Abgeordneter der gr&ouml;&szlig;eren Regierungspartei w&uuml;rde er deshalb heftig attackiert. Heute w&uuml;rde man sich dar&uuml;ber nicht wundern; deshalb muss ich kurz den Hintergrund erkl&auml;ren:<\/p><p>Wir hatten beide in der SPD-Steuerreformkommission mitgearbeitet, die unter dem Vorsitz des damaligen Entwicklungshilfeministers, Erhard Eppler, konkrete Vorschl&auml;ge erarbeitet und diese im November 1971 vorgelegt hatte. Als erstes von vier Zielen war darin vorgegeben:<\/p><p>&raquo;Insgesamt soll die Steuerreform eine bessere Versorgung unserer Bev&ouml;lkerung mit Leistungen, die nur noch die &ouml;ffentliche Hand erbringen kann, erm&ouml;glichen.&laquo;<\/p><p>Ganz selbstverst&auml;ndlich ging man damals davon aus, dass die Bev&ouml;lkerung zus&auml;tzliche &ouml;ffentliche Leistungen braucht. Es gab in Deutschland einen riesigen Nachholbedarf bei Bildung, beim Ausbau der Infrastruktur, beim Umweltschutz, bei der Wasserversorgung und beim St&auml;dtebau. Die Kommission formulierte mit Bedacht, dass dieser zuallererst in der Regie der von den B&uuml;rgern bestellten &ouml;ffentlichen H&auml;nde befriedigt werden k&ouml;nnte. Sie pl&auml;dierte f&uuml;r eine bessere Versorgung der Bev&ouml;lkerung mit (diesen) &ouml;ffentlichen Leistungen.<\/p><p>Dies sah &uuml;brigens nicht nur die Kommission unter Eppler so. Auch eine Kommission unter dem Vorsitz des sp&auml;teren Bundeskanzlers Helmut Schmidt, linker Umtriebe wahrlich nicht verd&auml;chtig, die sogenannte Langzeitkommission, hatte ein Jahr nach dem Beschluss der Steuerreformkommission im Juni 1972 gefordert, der Anteil der &ouml;ffentlichen Ausgaben am Bruttosozialprodukt solle von damals 29 Prozent auf 34 Prozent im Jahr 1985 angehoben werden. Priorit&auml;t sollten die Ausgaben f&uuml;r Bildung und Wissenschaft sowie f&uuml;r Verkehr und St&auml;dtebau haben. Der Anteil der Ausgaben f&uuml;r Bildung und Wissenschaft sollte von 4,1 Prozent im Jahr 1972 auf 7,6 Prozent des Bruttosozialproduktes 1985 steigen.<\/p><p>Heute verstehen auch Menschen, die keine Vorurteile gegen&uuml;ber staatlicher T&auml;tigkeit haben, solche ehrgeizigen Ziele f&uuml;r die Anhebung der &ouml;ffentlichen Verantwortung nicht. So wirkt sich der Stimmungswandel aus. Was sachlich richtig ist, was notwendig ist, wird durch die Stimmung nicht abgebildet. H&auml;tten wir nur ein bisschen davon realisiert und pragmatisch angegangen, was damals an Vorstellungen &uuml;ber mehr &ouml;ffentliche Verantwortung entwickelt wurde, dann h&auml;tten wir heute weniger Sorgen wegen der M&auml;ngel bei Ausbildung und Bildung zum Beispiel und wegen einer abenteuerlich schlechten Integration jener Menschen und ihrer Kinder, die wir selbst als Aussiedler und Gastarbeiter nach Deutschland geholt haben.<\/p><p>Jene zitierten Personen und politischen Gruppierungen, die vor &uuml;ber 30 Jahren f&uuml;r eine Erweiterung des Angebots von &ouml;ffentlichen Leistungen warben und entsprechende programmatische Texte entwarfen, waren nicht gepr&auml;gt von irgendeiner ideologisch begr&uuml;ndeten Staatsverg&ouml;tterung. Auch die Vorstellung, die Vergesellschaftung als solche l&ouml;se unsere Probleme, spielte allenfalls in kleinen Zirkeln am Rande eine Rolle. Eher rationale Abw&auml;gungen standen im Vordergrund: Man wusste, dass manches Gut und manche Dienstleistung sinnvollerweise vom Staat produziert und zur Verf&uuml;gung gestellt wird, weil das die &ouml;konomischste Art der Produktion ist, wenn Wettbewerb wegen der Unteilbarkeit der Produktionsweisen nicht m&ouml;glich oder nur mit Kr&uuml;cken konstruierbar ist. Und weil die Leistung in &ouml;ffentlicher Regie auch noch die fairste ist.<\/p><p>Der Satz &raquo;Nur Reiche k&ouml;nnen sich einen armen Staat leisten&laquo;, der damals in &ouml;ffentlichen Debatten eingesetzt wurde, gr&uuml;ndete nicht auf Staatsverg&ouml;tterung, sondern auf der n&uuml;chternen Einsch&auml;tzung, dass die gro&szlig;e Mehrheit und insbesondere die Schw&auml;cheren ohne staatliche T&auml;tigkeit auf ziemlich verlorenem Posten stehen. Nur die etwas Bessergestellten k&ouml;nnen sich die erg&auml;nzende Privatvorsorge zur Altersvorsorge leisten. Die anderen bleiben auf der Strecke; wenn sie &auml;lter werden, droht ihnen Altersarmut.<\/p><p>Arme und Normalverdiener k&ouml;nnen sich Privatschulen kaum leisten. Und private Krankenkassen auch nicht. Spitzenverdiener wohnen in der Regel nicht an Ausfallstra&szlig;en, sondern in den besseren Quartieren und k&ouml;nnen sich auch sonst Umwelt- und Verkehrsbelastungen leichter entziehen. Die gro&szlig;e Mehrheit der Menschen ist darauf angewiesen, dass der Staat, dass wir alle etwas tun, um die Belastungen zu verringern, dass wir insgesamt f&uuml;r mehr Lebensqualit&auml;t sorgen. Sogar bei Naturkatastrophen wird sichtbar, wie sehr die finanziell Schw&auml;cheren auf einen starken Staat und seine Leistungsf&auml;higkeit angewiesen sind. Den Verw&uuml;stungen des Hurrikans Katharina und seinen Folgen konnten sich die finanziell gut gestellten B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger von New Orleans wenigstens entziehen, die finanziell Schwachen konnten das nicht.<\/p><p>Der inszenierte Meinungswandel gegen den Staat als Dienstleister Zwischen damals und heute liegt eine harte, die &ouml;ffentliche Meinung pr&auml;gende Kampagne gegen die &ouml;ffentliche Hand als Versorger und f&uuml;r die &Uuml;berantwortung &ouml;ffentlicher Belange an Private, f&uuml;r Entstaatlichung und gegen die Wahrnehmung &ouml;ffentlicher Aufgaben durch den Staat. Die Kampagne begann ungef&auml;hr zu der Zeit, als der erw&auml;hnte Bundestagsabgeordnete von seinen Erfahrungen im Wahlkreis berichtete. Innerhalb weniger Monate war die positive Stimmung f&uuml;r mehr &ouml;ffentliche Leistungen und f&uuml;r eine rationale Abw&auml;gung zwischen privater T&auml;tigkeit einerseits und &ouml;ffentlicher T&auml;tigkeit andererseits gekippt worden.73<\/p><p>Das ist die herrschende Grundstimmung bis heute. &raquo;Der starke Staat ist schlank&laquo;, lautet die Schlagzeile &uuml;ber einem Namensartikel des FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle in der &raquo;Frankfurter Rundschau&laquo; vom 8. April 2009.<\/p><p>Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat im Juni 2008 ein sogenanntes &raquo;Manifest f&uuml;r Wachstum und Besch&auml;ftigung &laquo; zur Pr&auml;sentation f&uuml;r die Bundesregierung formuliert, in dem bis zum Jahr 2020 die Reduktion der Staatsquote von rund 43 auf 35 Prozent verlangt wird. Er tut dies in der Hoffnung, mit einer solchen Forderung bei den meisten der Wirtschaft nahestehenden Personen, bei der Mehrheit der Medienschaffenden und dar&uuml;ber hinaus in einer breiten &Ouml;ffentlichkeit Zustimmung zu finden. In den K&ouml;pfen der Multiplikatoren in unserem Land ist n&auml;mlich verankert, dass Deutschland ein Land mit einem weit &uuml;berdurchschnittlich hohen Staatsanteil sei.<\/p><p>Das ist aber eine T&auml;uschung: Vom Papier des BDI berichtete die &raquo;Financial Times Deutschland&laquo; am 23. Juni 2008. Drei Tage sp&auml;ter ver&ouml;ffentlichte Eurostat, das Statistische Amt der Europ&auml;ischen Kommission, Ergebnisse eines Vergleichs zur Abgabenquote in der EU im Jahr 2006.74 Danach lag die gewichtete Gesamtabgabenquote75, das hei&szlig;t das Aufkommen an Steuern und Sozialabgaben in Prozent des BIP, in Deutschland bei 39,3 Prozent und damit knapp unterhalb der 27 EU-Staaten mit 39,9 Prozent und schon immerhin um 1 Prozent unter jener der Eurozone mit 40,5 Prozent. Die Gesamtbelastung mit Steuern und Sozialabgaben in Deutschland ist nur die neunth&ouml;chste in Europa. Die Abgabenquote in Deutschland liegt niedriger als in den skandinavischen Staaten, in Belgien, in Frankreich, in Italien, in den Niederlanden und in &Ouml;sterreich. D&auml;nemarks Abgabenquote liegt fast 10 Punkte &uuml;ber der deutschen, bei 49,1 Prozent, die schwedische bei 48,9.<\/p><p>Eine solche Faktenlage wie auch die Frage danach, ob es in der heutigen Zeit angesichts der unerledigten &ouml;ffentlichen Aufgaben sinnvoll ist, pauschal eine niedrigere Abgabenquote zu verlangen, interessiert einen so wichtigen Verband wie den Bundesverband der Deutschen Industrie nicht. Er agitiert weiter nach dem vor &uuml;ber 30 Jahren festgelegten Schema, und er tut dies heute auf der Basis einer staatsfeindlichen Grundstimmung, die in diesen Kreisen Fu&szlig; gefasst hat. &raquo;Hassfigur Vater Staat&laquo; &uuml;berschreibt sogar das &raquo;Handelsblatt&laquo; einen Bericht zu einer &raquo;Road Show&laquo; stramm neoliberaler europ&auml;ischer &raquo;Denkfabriken&laquo; und Institute in Berlin unter F&uuml;hrung des Wiener Hayek-Instituts. &raquo;Die Marktidee ist in Deutschland aus dem Leben verschwunden&laquo;, kann die Generalsekret&auml;rin dieses Instituts dort erkl&auml;ren, ohne ausgelacht zu werden. Das ist die radikale, die Realit&auml;t ausblendende Agitation, auf der dann solche Gew&auml;chse wie das Manifest des BDI und seine Forderung nach weiterer Entstaatlichung gedeihen. Zur Entwicklung der Staatsquote zwischen 1960 und 2008 Die folgende Tabelle zeigt, wie sich die sogenannte Staatsquote zwischen 1960 und 2008 ver&auml;ndert hat. Das ist eine amtliche Tabelle des Bundesministeriums der Finanzen. Das Verst&auml;ndnis von Staatsquote weicht ab vom Begriff, der beim zitierten internationalen Vergleich zugrunde gelegt wurde. Das mindert jedoch nicht die Aussagekraft dieser Tabelle, weil es hier auf einen zeitlichen Vergleich in Deutschland ankommt. &raquo;Die Regierung definiert die Staatsquote als statistische Gr&ouml;&szlig;e, in der Ausga ben von Bund, L&auml;ndern und Gemeinden sowie der Sozialversicherung in Bezug zum nominalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) gesetzt werden.<\/p><p>&laquo; So hei&szlig;t es in einer Meldung des Deutschen Bundestages vom 4. August 2008. &raquo;Eine sinkende Staatsquote zeige an, dass die staatlichen Ausgaben langsamer zugenommen haben als das nominale BIP, eine steigende Quote signalisiere einen vergleichsweise st&auml;rkeren Ausgabenzuwachs.&laquo;<\/p><p>Zum Verst&auml;ndnis ist es hilfreich, sich den gesamten Zeitablauf anzuschauen. Zwischen 1960 und 1965, also zu Adenauers und Ludwig Erhards Zeiten, stieg die Staatsquote kr&auml;ftig an. Zwischen 1970 und 1975 stieg sowohl der Anteil der Gebietsk&ouml;rperschaften als auch der Anteil der Sozialversicherungen. Dahinter stecken die gewollte Ausweitung der &ouml;ffentlichen T&auml;tigkeit in der sozialliberalen Koalition und die damaligen Reformen &ndash; vermutlich aber auch die Stagnation des Bruttoinlandsproduktes, also des Nenners dieser Quote, nach der ersten &Ouml;lpreisexplosion von 1973.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/entwicklung_staatsquote.gif\" alt=\"Entwicklung der Staatsquote\" title=\"\"><\/p><p><strong>Download:<\/strong> <a href=\"upload\/pdf\/Entwicklung_der_Staatsquote.pdf\">Entwicklung der Staatsquote [PDF &ndash; 12 KB]<\/a><\/p><p>Mit der konjunkturellen Belebung in der zweiten H&auml;lfte der siebziger Jahre sinkt dann die Staatsquote wieder. Das geht so weiter in der ersten Phase der Regierung Kohl. Damals war die R&uuml;ckf&uuml;hrung des Staatsanteils erkl&auml;rte politische Absicht. Mit der deutschen Vereinigung kombiniert mit dem konjunkturellen Niedergang anfangs der neunziger Jahre steigt die Staatsquote 1996 auf ihren H&ouml;chstwert von 49,3 Prozent. Seitdem geht es in Schwankungen abw&auml;rts bis zu 43,9 Prozent im Jahr 2008.<\/p><p>Den konjunkturellen Einfl uss kann man auch in diesen letzten zehn Jahren beobachten: Der kleine Boom zwischen 1996 und dem Jahr 2000 lie&szlig; den Quotienten Staatsquote sinken; der Abschwung in den darauffolgenden Jahren schl&auml;gt sich sofort in einer h&ouml;heren Staatsquote nieder, die wirtschaftliche Belebung seit 2005 in Kombination mit Steinbr&uuml;cks Sparversuchen dann in einem R&uuml;ckgang der Staatsquote.<\/p><p>Wenn man auf diese Tabelle des Verlaufs des Staatsanteils und des Anteils der Sozialversicherungen im Zeitraum von 47 Jahren auch noch eine Folie mit Daten zum Wohlergehen unseres Volkes legen w&uuml;rde, dann w&uuml;rde man vermutlich schnell begreifen, wie unbedeutend niedrige Staatsquoten waren und sind.<\/p><p>Zu Beginn der siebziger Jahre begann die Stimmungsmache gegen staatliche T&auml;tigkeit &ndash; &uuml;brigens interessanterweise parallel, auch zeitlich parallel, zum Putsch in Chile und der dort bewusst und unter Einfl uss der neoliberalen Chicago-Schule betriebenen Verringerung der Rolle des Staates. Es f&uuml;gt sich, dass beim erw&auml;hnten aktuellen Versuch des Hayek-Instituts, die radikal neoliberalen Kr&auml;fte zu sammeln, Pinochets fr&uuml;herer Arbeitsminister Jos&eacute; Pi&ntilde;era mitmacht.<\/p><p>Der Einstieg &uuml;ber die hohen Abz&uuml;ge war ausgesprochen geschickt. <\/p><p>Dieses Thema erzielt noch heute die gew&uuml;nschte Wirkung.<\/p><p>Wer m&ouml;chte nicht von Steuern und Abgaben entlastet werden?<\/p><p>Wenn man diese Frage von den &ouml;ffentlichen Leistungen trennt, dann ist das Ergebnis klar. Der Hinweis auf die hohen 207 Abz&uuml;ge spaltet zudem die Arbeitnehmerschaft und l&auml;hmt die Gewerkschaften.<\/p><p>Sie sind gezwungen, im Interesse ihrer Mitglieder f&uuml;r die Verringerung der Abz&uuml;ge einzutreten, und wissen gleichzeitig, dass &ouml;ffentliche Leistungen gerade f&uuml;r Arbeitnehmer und die Schw&auml;cheren unserer Gesellschaft lebenswichtig sind. Dieses Dilemma wird weidlich genutzt, so immer wieder von der &raquo;Bild&laquo;- Zeitung. Typisch der Kommentar in &raquo;Bild&laquo; vom 4. M&auml;rz 2008:<\/p><p>&raquo;Steuer-Gier immer gr&ouml;&szlig;er!<br>\nJetzt haben wir es erneut schwarz auf wei&szlig;: Steuern und Abgaben fressen uns auf! Ob Soli, &Ouml;ko-, Mehrwert- und bald Abgeltungssteuer &ndash; die Gier des Staates wird immer gr&ouml;&szlig;er. Die Leidtragenden sind vor allem die Millionen Besch&auml;ftigten! Denn bei den L&ouml;hnen tut sich im Gegenzug nichts. Die m&auml;&szlig;igen Steigerungen sind zwar gut f&uuml;r die Bilanzen der Firmen. Aber im Geldbeutel der Arbeitnehmer kommt kein sp&uuml;rbares Plus an &ndash; die Inflation frisst alles wieder auf. Unterm Strich sind die L&ouml;hne in den letzten zehn Jahren sogar leicht gesunken. Gleichzeitig stiegen die Belastungen durch den Staat weiter an. Im Klartext: Arbeit und Flei&szlig; lohnen sich nicht wirklich. Deshalb wird es h&ouml;chste Zeit, dass die Politik Abgaben und Steuern senkt. Nur so gibt es wirklich mehr Netto f&uuml;r alle!&laquo;<\/p><p>&raquo;Bild&laquo; untermauerte diesen Kommentar noch mit einem zweiten Artikel: &raquo;Steuern und Abgaben. So raubt der Staat uns aus&laquo;.<\/p><p>Der Kommentator ist sinnigerweise Oliver Santen. Er kam von der Allianz zu &raquo;Bild&laquo; und betreibt dort Propaganda f&uuml;r die Privatvorsorge und gegen die gesetzliche Rente. Er ist also auch noch aktiv damit besch&auml;ftigt, f&uuml;r private Produkte wie Lebensversicherungen &agrave; la Riester und R&uuml;rup zu werben, die vom Staat hoch subventioniert sind. Dass das Geld daf&uuml;r auch vom &raquo;gierigen&laquo; Staat bei den B&uuml;rgern kassiert wird, spielt dann nat&uuml;rlich keine Rolle. Denn die daf&uuml;r notwendige Gier kommt seinen Freunden von der Finanzwirtschaft zugute.<\/p><p>Sparen zu wollen ist popul&auml;r, und Schulden hinzunehmen ist unpopul&auml;r. Darauf baut eine zweite Linie der Meinungsmache gegen &ouml;ffentliche Leistungen auf. Sie erscheint uns im t&auml;glichen politischen Leben in vielen Variationen. Beliebt ist die Rolle des 208 Sparkommissars. Das ist ein Ehrentitel, den sich ein kluger PRMacher f&uuml;r den fr&uuml;heren Finanzminister Hans Eichel ausgedacht hatte; Peer Steinbr&uuml;ck versucht ihn mit allen Mitteln und ohne R&uuml;cksicht auf die konjunkturellen Gegebenheiten und dringlichen Aufgaben des Staates zu erobern. Hier wird eine der Ver&auml;nderungen sichtbar, die gravierende Auswirkungen auf die Anti-Staats-Kampagne hatten: Sozialdemokraten mauserten sich von Bef&uuml;rwortern einer Erweiterung des &ouml;ffentlichen Korridors zu Sparkommissaren.<\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich ist jeder anst&auml;ndige Mensch f&uuml;r Sparen und gegen Verschuldung; deshalb l&auml;dt dieses Thema profilierungsfreudige Jungpolitiker geradezu ein, sich seiner zu bem&auml;chtigen und dabei die Anerkennung wichtiger Meinungsf&uuml;hrer in den Medien zu ergattern: Carsten Schneider (SPD), Oswald Metzger (nacheinander SPD, Die Gr&uuml;nen, CDU), Antje Hermenau (Die Gr&uuml;nen) haben sich so profiliert und das Thema in der Diskussion gehalten.<\/p><p>Wir werden st&auml;ndig und wiederum in vielen Variationen mit dem Problem zu hoher Staatsschulden konfrontiert. Wir werden vom Bund der Steuerzahler zum Blick auf die &raquo;Schuldenuhr&laquo; vor dem B&uuml;ro dieses Bundes in Berlin eingeladen. Diese Vereinigung nennt sich Bund der Steuerzahler, ist aber mehrheitlich ein Bund von Unternehmen und Freiberufl ern. Seine &raquo;Schuldenuhr&laquo;, die den Zuwachs der &ouml;ffentlichen Schulden dramatisch und optisch verwertbar anzeigt, wird von Fernsehjournalisten gerne zur Meinungsmache genutzt. So ist es gedacht und so funktioniert es.<\/p><p>Die Bertelsmann Stiftung, die nicht fehlen darf, wenn es darum geht, Stimmung f&uuml;r Entstaatlichung zu machen, unterhielt uns Ende Juni 2008 mit einem Kommunalen Finanz- und Schuldenreport 2008 &uuml;ber die finanzielle Lage der Kommunen in Deutschland. In einem Bericht von &raquo;SpiegelOnline&laquo;, &uuml;ber den &raquo;Spiegel&laquo; zu 25 Prozent im Eigentum einer Bertelsmann-Tochter, hie&szlig; es zum Einstieg sch&ouml;n stimmungsmachend: &raquo;Kommunen rechnen ihre Schulden sch&ouml;n&laquo;. Sie sind &raquo;viel st&auml;rker verschuldet als angenommen&laquo;. Lobend hie&szlig; es: &raquo;Manche St&auml;dte und Gemeinden h&auml;tten sich allerdings durch den Verkauf von kommunalem 209 Eigentum &ndash; wie beispielsweise Dresden durch die Privatisierung einer Wohnungsgesellschaft &ndash; weitgehend entschuldet.&laquo; Das zeigt die Sto&szlig;richtung, die Forderung nach weniger Staat.<\/p><p>Bei der stimmungmachenden Staatsschuldendebatte wird unverbl&uuml;mt ein Trick der Meinungsmache angewandt: die Ausblendung.<\/p><p>Von der hohen Zunahme der Verschuldung durch die schlecht gemachte deutsche Vereinigung und die dabei begangenen teuren Untaten und Fehler spricht man nicht, obwohl es im Schnitt der neunziger Jahre j&auml;hrlich Spitzenwerte von rund 80 Milliarden Euro waren. Hier gibt es offensichtlich eine Absprache unter den Meinungsmachern in Politik und Medien. Es wird weder &uuml;ber die miserable Leistungsbilanz der Treuhand noch &uuml;ber das Verscherbeln der ostdeutschen Banken an die westdeutschen gesprochen. Das Schweigen &uuml;ber wichtige Vorg&auml;nge ist ein besonderes Mittel der Meinungsmache. Und das Schweigen &uuml;ber die Rolle der so schlecht gemachten Vereinigung der beiden Teile Deutschlands ist eines der herausragenden Beispiele daf&uuml;r.<\/p><p>Zur Palette der Meinungsmache im Interesse der Reduzierung der Staatst&auml;tigkeit geh&ouml;rt weiter <\/p><ul>\n<li>der wiederkehrende Vorwurf staatlicher B&uuml;rokratie,<\/li>\n<li>die Behauptung, die Manager in der Wirtschaft seien kompetent und die Politiker seien inkompetent, und<\/li>\n<li>der Vorwurf der Verschwendung.<\/li>\n<\/ul><p>Es gibt B&uuml;rokratie, es gibt Verschwendung, es gibt inkompetente Politiker und inkompetente Verwaltungsbeamte. Aber zum einen trifft man auf diese Schw&auml;chen im privaten Sektor auch. Auch dort gibt es B&uuml;rokratien, auch dort gibt es Korruption, wie der Fall Siemens ausgiebig belegt, auch dort gibt es Inkompetenz.<\/p><p>Was auf den Finanzm&auml;rkten zwischen 2001 und 2008 geschah, war entweder kriminell oder inkompetent oder beides.<\/p><p>Zudem w&auml;re immer zuerst noch die Frage zu stellen, was man tun kann, um B&uuml;rokratisierung, Bequemlichkeit und Unbeweglichkeit bei der Bereitstellung &ouml;ffentlicher G&uuml;ter und Dienstleistungen abzumildern und letztlich loszuwerden. Dass dies praktisch geht, sehen wir hierzulande mittlerweile in vielen St&auml;dten und Gemeinden, in Rath&auml;usern und in Kreisverwaltungen, in 210 Landesverwaltungen und bei &ouml;ffentlichen Unternehmen. Es gibt in Deutschland inzwischen gut organisierte Verwaltungen, es gibt effizient arbeitende &ouml;ffentliche Verkehrsbetriebe und Stadtwerke.<\/p><p>Und dann sollte man bei einer Bewertung noch beachten, dass wir es inzwischen mit neuen B&uuml;rokratien zu tun haben, die aus der Privatisierung wichtiger &ouml;ffentlicher Einrichtungen und Unternehmen folgen. Weil die Privatisierung der Energiewirtschaft und der Telekommunikation, der Eisenbahn und des Fernsehens beziehungsweise des H&ouml;rfunks angesichts der sogenannten Unteilbarkeiten77 zu neuen privaten Monopolen und Oligopolen f&uuml;hren, sieht man sich gezwungen, sogenannte Regulierungsbeh&ouml;rden und &ndash; im Falle des Rundfunks &ndash; Medienkontrolleure zu installieren. Damit sind nolens volens neue B&uuml;rokratien entstanden.<\/p><p>Ihre Entscheidungen sind nahezu willk&uuml;rlicher Natur, und die betreibenden privaten Unternehmen bringen obendrein den Nachteil, dass sie nicht mehr &ouml;ffentlich und schon gar nicht parlamentarisch verantwortet und kontrolliert sind.<\/p><p>Einige der von der &ouml;ffentlichen Hand entlassenen und privatisierten Unternehmen haben dann &uuml;brigens erst in dieser neueren befreiten Situation ihr Talent zur Verschwendung und zu abenteuerlichem Investitionsverhalten entdeckt. Die privatisierte Deutsche Telekom AG hat genauso wie die aus der direkten Kontrolle des Staates entlassene Deutsche Bahn AG die Verschwendung von finanziellen Mitteln auf den globalen M&auml;rkten f&uuml;r Beteiligungen richtig ausgekostet &ndash; der Spieltrieb der befreiten Manager vom Typ Ron Sommer und Hartmut Mehdorn konnte sich erst in dieser privatisierten beziehungsweise de facto privatisierten Konstellation richtig austoben.<\/p><p>Fazit: Offensichtlich muss beim Urteil &uuml;ber die Frage &ouml;ffentlich oder privat die Scheidelinie nicht zwischen der privaten Organisation einerseits und der &ouml;ffentlichen Organisation einer Dienstleistung andererseits verlaufen. Unsinn ist bei beiden Formen des Eigentums m&ouml;glich.<\/p><p>Die notwendige Debatte und Beratung dieser Probleme ist heute angesichts der Vorherrschaft der Entstaatlichungs- und 211 Privatisierungsparolen kaum m&ouml;glich. Die rationale sachliche Debatte wird &uuml;berlagert durch die Vorherrschaft einer einseitigen Meinungsmache.<\/p><p>Die Propaganda gegen die staatliche T&auml;tigkeit und gegen &ouml;ffentliche Leistungen w&auml;re nicht ann&auml;hernd so wirkungsvoll wie heute, wenn sie nicht unterf&uuml;ttert und gest&uuml;tzt w&uuml;rde von politischen Entscheidungen, mit denen die Leistungsf&auml;higkeit der &ouml;ffentlichen Einrichtungen gef&auml;hrdet und verschlechtert wird &ndash; das ist hier &auml;hnlich wie bei der Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die gesetzliche Rente. Die Basis f&uuml;r die Meinungsmache wird politisch geschaffen: Man senkt die Steuern wie zum Beispiel mit der gro&szlig;en Unternehmenssteuerreform durch Rot-Gr&uuml;n und mit einem ansehnlichen Blumenstrau&szlig; von Steuersenkungen und -streichungen in Kohls Regierungszeit. Die Streichung der Verm&ouml;genssteuer und der Gewerbekapitalsteuer geht auf Kohl zur&uuml;ck; Letzteres hat die Kommunen viel Geld gekostet. Gewinner der vielen Steuersenkungsoperationen waren Unternehmen und vor allem gro&szlig;e Kapitalgesellschaften, die z.B. ihre Aktienpakete verkaufen k&ouml;nnen, ohne den dabei realisierten Gewinn zu versteuern.<\/p><p>Die Mehrheit der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger war nicht unter den Gewinnern. Sie sehen aber die mangelhafte Leistung einer unterfinanzierten &ouml;ffentlichen Hand und klagen dar&uuml;ber. Das ist das, was sie lernen sollen.<\/p><p>Jetzt ist ein neues Instrument zur Begrenzung der Leistungsf&auml;higkeit des Staates eingef&uuml;hrt worden. Die Politiker der gro&szlig;en Koalition haben sich die Idee einreden lassen, eine &raquo;Schuldenbremse &laquo; in die F&ouml;deralismusreform aufzunehmen und diese sogar im Grundgesetz zu verankern. Sie soll Bund, L&auml;nder und Gemeinden dazu zwingen, &uuml;ber einen Konjunkturzyklus hinweg die Haushalte ausgeglichen zu halten. Dieses Instrument ist schon makro&ouml;konomisch nicht zu verstehen, weil es eine prozyklische Politik st&auml;rkt, also die Konjunkturausschl&auml;ge insbesondere nach unten zu versch&auml;rfen droht. Es wird dazu f&uuml;hren, dass die &ouml;ffentlichen H&auml;nde dann am schlechtesten ausgestattet sind, wenn sie die Finanzmittel f&uuml;r &ouml;ffentliche Leistungen am dringendsten brauchen w&uuml;rden.78 Au&szlig;erdem wird dieses Instrument dazu f&uuml;hren, dass der Staat &ndash; und das sind wir alle &ndash; nicht mehr ausreichend f&auml;hig sein wird, neuen Bedarf an &ouml;ffentlichen Leistungen, falls es diesen gibt, ohne sehr gro&szlig;e Schwierigkeiten zu decken.<\/p><p>H&auml;tte es eine solche Schuldenbremse Ende der 1960er Jahre gegeben, wir h&auml;tten den v&ouml;llig vernachl&auml;ssigten Schutz von Umwelt und Gew&auml;ssern wie auch den vernachl&auml;ssigten Hochschulbau nicht finanzieren k&ouml;nnen. Die Schuldenbremse ist ein gutes Beispiel f&uuml;r eine politische Entscheidung, die vornehmlich durch Meinungsmache in die &ouml;ffentliche Debatte und in den Entscheidungsprozess eingef&uuml;hrt wurde. Und wenn sie einmal eingef&uuml;hrt ist, dann wird sie immer wieder das Thema Sparen und Schulden am Kochen halten.<\/p><p>Die Verarmung des Staates kostet uns sehr viel:<\/p><p>Wir investieren nicht mehr ausreichend f&uuml;r die Zukunft<\/p><p>Die &raquo;Frankfurter Rundschau&laquo; ver&ouml;ffentlichte am 10. Mai 2008 ein Interview mit dem Mitglied des Sachverst&auml;ndigenrates Peter Bofinger. Weil die Steuersch&auml;tzer &ndash; &uuml;brigens in gravierender Fehleinsch&auml;tzung der krisenhaften Entwicklung &ndash; bis zum Jahre 2012 mit Mehreinnahmen f&uuml;r die &ouml;ffentliche Hand in H&ouml;he von 100 Milliarden Euro rechneten, folgte ein Vorschlag dem andern, die Steuern zu senken. Der Bundesfinanzminister dagegen wollte lieber Schulden abbauen. Peter Bofinger wies auf die Selbstverst&auml;ndlichkeit hin, das Geld f&uuml;r Bildung und die Infrastruktur auszugeben.<\/p><p>Und er nannte es typisch, dass nur die anderen Optionen zur Debatte gestellt werden: Steuern senken oder Schulden abbauen. Aus seiner Sicht hat der &raquo;&ouml;ffentliche Diskurs eine gef&auml;hrliche Unwucht&laquo;. Das ist angesichts der nunmehr jahrzehntelangen aggressiven Diskussion gegen den Staat als Fiskus und daraus folgend als Leistungstr&auml;ger kein Wunder.<\/p><p>Unsere Infrastruktur wird schlechter. Kanalisationen verlottern, f&uuml;r Bildung und Ausbildung ist nicht ausreichend Geld da.<\/p><p>Deutschland gibt f&uuml;r Bildung heute anteilsm&auml;&szlig;ig weniger aus als noch Mitte der neunziger Jahre. Damals standen 6,9 % des Bruttoinlandsproduktes f&uuml;r Bildung zur Verf&uuml;gung, 2006 nur noch 6,2 %, so steht es im zweiten nationalen Bildungsbericht, der im Juni 2008 bekannt wurde. Mit 6,2 % liegt Deutschland unterhalb des Durchschnitts der OECD-L&auml;nder, also der vergleichbaren Industriestaaten auf der Welt. In den Medien wird &uuml;ber die Misere berichtet, zum Beispiel in der &raquo;Berliner Zeitung&laquo; am 13. Juni 2008: &raquo;Noch immer verlassen fast 8 Prozent eines Altersjahrgangs die Schule ohne Abschluss. 40 Prozent der ehemaligen Hauptsch&uuml;ler haben nach zwei Jahren noch keine Berufsausbildung begonnen. Der Zentralverband des Handwerks h&auml;lt jeden vierten Jugendlichen f&uuml;r nicht ausbildungsf&auml;hig. Es studieren noch immer zu wenig junge Menschen; die Weiterbildung stagniert, die Benachteiligung von Migrantenkindern bleibt bestehen.<\/p><p>Abhilfe ist kaum in Sicht. Laut Bildungsbericht wird der Nachwuchs an Lehrern und Erziehern immer knapper.&laquo; &raquo;Im Kern verrottet&laquo; &uuml;berschreibt der &raquo;Spiegel&laquo; einen Bericht &uuml;ber den baulichen und sonstigen Zustand unserer Hochschulen.79<\/p><p>Wir wissen, was zu tun w&auml;re, und es gibt sogar &uuml;ber alle Parteien hinweg einen erstaunlichen Konsens dar&uuml;ber, dass wir mehr in die Zukunft investieren m&uuml;ssen. Die Sonntagsreden unserer Politikerinnen und Politiker sind voll von sorgenvollen Analysen und von sch&ouml;nen Spr&uuml;chen: Bildung f&uuml;r alle, Wissensgesellschaft, Wissen als Rohstoff der Zukunft, Megathema Bildung (Herzog), Bildung sei die soziale Frage des 21. Jahrhunderts, deklamierte ein CDU-Parteitag schon vor &uuml;ber zehn Jahren. In der gleichen Zeit wurden die Kassen des Staates genau auch f&uuml;r dieses Aufgabenfeld immer &auml;rmer ausgestattet.<\/p><p>Was zu tun w&auml;re, wissen wir: Wir brauchten mehr Ganztagsschulen und eine bessere Vorschulerziehung; die Lehrer-Sch&uuml;ler-Relation m&uuml;sste verbessert, unsere Schulen und Universit&auml;ten saniert und modernisiert werden. Unsere Universit&auml;ten sind &uuml;berlastet.<\/p><p>In Seminarr&auml;umen f&uuml;r 50 werden 300 Studenten untergebracht.<\/p><p>Die Studienbedingungen werden mit Recht als schlecht bis katastrophal empfunden. Wir wissen, wo wir investieren m&uuml;ssten.<\/p><p>Die Ganztagsbetreuung in unseren Schulen wird zum Teil von 214 daf&uuml;r nicht ausgebildeten Personen &uuml;bernommen, auch damit man niedrigere L&ouml;hne zahlen kann. Also brauchen wir mehr Geld f&uuml;r Personal.<\/p><p>Wir wissen, dass Kinder und Jugendliche aus einkommensschw&auml;cheren Schichten in unserem Bildungssystem immer noch Schwierigkeiten haben weiterzukommen. Wir wissen, dass unsere Hochschulen wegen der mangelhaften &ouml;ffentlichen Hilfe tendenziell immer mehr von den Kindern der Bessergestellten, von Akademikerkindern besucht werden und die Kinder der finanziell Schlechtergestellten benachteiligt sind. Diese Vernachl&auml;ssigung der Begabungsreserven ist unfair und gesellschaftspolitisch genauso dumm wie in den 1950er und 1960er Jahren, als dies &raquo;Bildungsnotstand&laquo; genannt wurde. Wir wissen, dass das dicke Ende dieser Fehlentwicklung noch auf unsere Gesellschaft zukommt. Wir wissen, dass diese Konsequenz der Verarmung des Staates die eigentliche Benachteiligung der jungen Generation ausmacht. Wir wissen das, aber es geschieht nichts Entscheidendes.<\/p><p>Das gilt auch f&uuml;r benachbarte Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens: Wir wissen, dass wir mehr tun m&uuml;ssten f&uuml;r unsere Jugend &ndash; f&uuml;r Jugendzentren, f&uuml;r seelische Betreuung, f&uuml;r Jugendarbeit insgesamt. Und dennoch wird bei der Jugendhilfe immer noch gestrichen und sogar zusammengestrichen, statt neu zu investieren.<\/p><p>Wir wissen, dass wir Integrationsprobleme haben. Wir brauchten mehr Sprachunterricht f&uuml;r Kinder von Aussiedlern und Ausl&auml;ndern.<\/p><p>Aber die Mittel sind schon zu Kohls Zeiten gek&uuml;rzt worden, obwohl gerade die Regierung Kohl besonders viele Aussiedler ins Land geholt hat.<\/p><p>Die Verarmung des Staates werden k&uuml;nftige Generationen zu sp&uuml;ren bekommen. Und zwar sehr viel mehr, als die im Jahr 2008 von einigen Wortf&uuml;hrern aus der j&uuml;ngeren Generation und vom fr&uuml;heren Bundespr&auml;sidenten Herzog zum Symbol ihrer Benachteiligung durch die Rentner hochgespielte Rentenerh&ouml;hung um 1,1 Prozent die k&uuml;nftigen Generationen kosten k&ouml;nnte. Wir tun den jungen Leuten und Kindern einen Gefallen, wenn wir ihnen 215 eine gute, m&ouml;glichst perfekte, moderne Infrastruktur hinterlassen.<\/p><p>Jenen unter der j&uuml;ngeren Generation, die heute &uuml;ber Staatsschulden und die daraus angeblich folgenden Benachteiligungen jammern, w&auml;re zu w&uuml;nschen, einen aufgeschlossenen Blick in die USA zu werfen oder wenigstens zu lesen, was von dort berichtet wird. Der &raquo;Spiegel&laquo;, sonst hier nicht besonders respektvoll zitiert, hat einen kritischen USA-Korrespondenten. Dieser berichtete am 2. August 2007: &raquo;Kollaps der US-Infrastruktur. Marode Br&uuml;cken, miese Stra&szlig;en, morsche D&auml;mme. Die Br&uuml;cken-Katastrophe von Minneapolis ist ein Menetekel. Mehr als 160 000 Stra&szlig;enbr&uuml;cken in den USA gelten als einsturzgef&auml;hrdet. Fernrouten, Tunnel, D&auml;mme und Deiche sind in so miserablem Zustand, dass Ingenieure schon lange Alarm schlagen &ndash; bisher vergeblich.&laquo; <\/p><p>Das sind die Folgen einer systematischen Verarmung des Staates.<\/p><p>Das geht zu Lasten k&uuml;nftiger Generationen. Das m&uuml;sste man doch eigentlich verstehen. Dagegen stehen bei uns nicht nur die herrschende Ideologie, sondern auch gut organisierte und meinungsstarke Interessen. Wer die Profiteure der Verarmung des Staates sind, liegt auf der Hand, neben den auf diesem Feld nun wirklich virulenten Ideologen der neoliberalen Wirtschaftsvorstellungen sind auch einige handfestere Interessen erkennbar:<\/p><p>Wenn den &ouml;ffentlichen Schulen und Universit&auml;ten das Geld f&uuml;r die notwendige Modernisierung fehlt, dann bieten sich private Tr&auml;ger an. Und Eltern gehen auf die Angebote ein, weil sie es mit ihren Kindern gut meinen. Die Verarmung des Staates sorgt indirekt daf&uuml;r, dass die Kinder von Besserverdienenden eine gr&ouml;&szlig;ere Chance auf eine gute Ausbildung und damit auf ein privilegiertes Berufsleben haben. Mit der Verarmung des Staates von heute werden also die Weichen auf eine Segmentierung der Ausbildungs- und Berufschancen entsprechend der Herkunft und der finanziellen St&auml;rke der Eltern gestellt.<\/p><p>Wenn den Kreisen und St&auml;dten das Geld f&uuml;r die Krankenh&auml;user ausgeht und sie sich &uuml;berfordert f&uuml;hlen, dann privatisieren sie. Und gro&szlig;e private Krankenhauskonzerne stehen bereit.<\/p><p>Wenn unsere Kommunen Probleme haben, ihre Verwaltung ordentlich zu gestalten, dann steht die Bertelsmann-Tochter 216 Arvato bereit zur &Uuml;bernahme. Damit ist 2007 in W&uuml;rzburg begonnen worden. Verarmung und Entstaatlichung &ouml;ffnen nach Einsch&auml;tzung des Gesch&auml;ftsf&uuml;hrers von Arvato vor allem dieser Bertelsmann-Tochter ungeahnte neue Gesch&auml;ftsfelder.<\/p><p>Wenn dem Bundesverkehrsminister das Geld f&uuml;r Bundesstra&szlig;en und Autobahnen fehlt und die Staus wachsen, dann bieten sich Private zur &Uuml;bernahme an; weil die nackte Privatisierung zu auff&auml;llig ist und Widerst&auml;nde ausl&ouml;st, w&auml;hlt man seit ein paar Jahren &ndash; begonnen in Gro&szlig;britannien &ndash; den angenehmer klingenden Weg &uuml;ber sogenannte &Ouml;ffentlich-Private Partnerschaften. <\/p><p>Wenn die Schulden wachsen, weil die Steuern zur Finanzierung der &ouml;ffentlichen Aufgaben nicht reichen, dann rufen die Interessierten nach der Privatisierung &ouml;ffentlicher Unternehmen, &ouml;ffentlicher Einrichtungen und &ouml;ffentlicher Wohnungsbest&auml;nde.<\/p><p>Dann verdienen die einen an der Transaktion staatlichen Eigentums zu privatem und die andern am g&uuml;nstigen Einkauf neuer Verm&ouml;genswerte. Und eine durch permanente Meinungsmache verbildete &Ouml;ffentlichkeit glaubt wirklich, die staatlichen Stellen, die Gemeinden, die L&auml;nder, der Bund h&auml;tten etwas gewonnen, wenn sie ihre Bilanz verk&uuml;rzen &ndash; links weniger Verm&ouml;gen, rechts weniger Schulden. Wie in Dresden durch den Verkauf st&auml;dtischer Wohnungen.<\/p><p>Wenn dem Staat das Geld f&uuml;r eine ausreichende Ausstattung mit Finanzbeamten fehlt, dann haben es jene gut, die Steuern hinterziehen wollen. Dem Fiskus entgehen allein bei der Umsatzsteuer durch nationale und internationale Betrugsdelikte j&auml;hrlich zweistellige Milliardenbetr&auml;ge.80 Der Vorsitzende der deutschen Steuergewerkschaft, Dieter Ondracek, sch&auml;tzt das Volumen der j&auml;hrlichen Steuerhinterziehung auf rund 30 Milliarden Euro. Die Memo-Gruppe, eine Gruppe kritischer Wirtschaftswissenschaftler, sieht Ausf&auml;lle zwischen 70 und 100 Milliarden. Und dennoch l&ouml;sen die L&auml;nder die Vereinbarung &uuml;ber eine bessere personelle Ausstattung der Steuerpr&uuml;fung und Steuerfahndung nicht ein.<\/p><p>Wenn der Staat mehr Geld zur Bedienung gro&szlig;er privater Interessen braucht, dann fehlt es &uuml;brigens nicht an Mitteln. In die 217 Gro&szlig;betriebe der Landwirtschaft fl ie&szlig;en nach wie vor die Milliarden an Subventionen, genauso wie in die Versicherungswirtschaft und selbstverst&auml;ndlich auch die Flugzeugindustrie; zur Rettung einer einzigen privaten Bank werden weit &uuml;ber 100 Milliarden bereitgestellt, die Aktion&auml;re der eigentlich pleitegegangenen HRE, deren Kurs ohne staatlichen Rettungsschirm vermutlich bei 0,0 l&auml;ge, sollen vom staatlichen Rettungsschirm SoFFin 1,39 &euro; je Aktie erhalten (Stand: 1. Juni 2009). Das ist eine 290-Millionen-Euro-Pr&auml;mie f&uuml;r die Zocker. Einfach so, unser Geld f&uuml;r wertlose Papiere. Die 480 Milliarden, die der Rettungsschirm insgesamt bereith&auml;lt, machen insgesamt mehr als das Anderthalbfache des gesamten Bundeshaushalts aus.<\/p><p>Einige andere L&auml;nder gehen bewusst einen anderen Weg. Die skandinavischen L&auml;nder zum Beispiel haben eine merklich h&ouml;here Staatsquote. D&auml;nemark und auch Schweden &raquo;belasten&laquo; ihre B&uuml;rger um fast ein Viertel h&ouml;her als wir. Die skandinavischen L&auml;nder erzielen trotz &ndash; oder vielleicht wegen &ndash; hoher Staatsquoten durchgehend bessere wirtschaftliche Erfolge. Das m&uuml;sste doch zu denken geben. Das m&uuml;sste zun&auml;chst dazu f&uuml;hren, dass wir unsere Sprache von Vorurteilen reinigen. Es ist eben falsch, von &raquo;Belastung&laquo; zu sprechen, wenn wir gemeinsam als Staat gute Leistungen zum Beispiel f&uuml;r Bildung und Infrastruktur bieten und daf&uuml;r mehr Abgaben und Steuern einsammeln: ein besseres, durchl&auml;ssiges Bildungswesen, eine gute Infrastruktur, ein gutes soziales Netz f&uuml;r den Fall der Arbeitslosigkeit und des Alters &ndash; das sind Leistungen, die offensichtlich ihren Preis wert sind und zu Unrecht &raquo;Belastungen&laquo; genannt werden.81<\/p><p>Die Tatsache, dass Entstaatlichung und wirtschaftlicher Erfolg durchgehend nicht positiv korreliert sind, m&uuml;sste endlich doch auch bei unseren Meinungsf&uuml;hrern Nachdenken ausl&ouml;sen.<\/p><p>In der Praxis ist das nicht so. Die &raquo;Bild&laquo;-Zeitung, die Bertelsmann Stiftung, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die Wirtschaftsverb&auml;nde, die etablierten Parteien und eine Unzahl von Stiftungen, Initiativen und PR-Agenturen machen weiter ihre Propaganda gegen den Staat. Und Politiker profilieren sich 218 reihenweise mit ihrer Spartugend, die im Ernst wegen der damit verbundenen versch&auml;rften Abw&uuml;rgung der Konjunktur gar keine ist. Und je weiter unser Land in eine wirkliche Wirtschaftskrise abrutscht, umso mehr wird diese primitive Profilierung zu Lasten &ouml;ffentlicher Leistungen und zu Lasten einer aktiven Konjunkturpolitik zum Horror. Das traurige Ergebnis der gezielten Meinungsmache verhindert rationale politische Entscheidungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern berichteten die Tagesthemen in einer <a href=\"http:\/\/www.tagesthemen.de\/multimedia\/sendung\/tt1876.html\">beachtlich aufkl&auml;rerischen Sendung<\/a> unter anderem davon, dass &bdquo;Kommunen und Landkreise gegen Steuersenkungspl&auml;ne der Regierung&ldquo; sind. Es wurde gezeigt, zu welchen b&uuml;rgerfeindlichen Ergebnissen die systematische Verarmung des Staates f&uuml;hrt: immer geringere &ouml;ffentliche Leistungen, h&ouml;here Geb&uuml;hren, ungerechte Mehrbelastung jener, die nicht &uuml;ber viel Geld verf&uuml;gen &ndash; und h&ouml;here Schulden f&uuml;r<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4455\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[135,28,137],"tags":[337,413,278,570],"class_list":["post-4455","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-finanzpolitik","category-privatisierung","category-steuern-und-abgaben","tag-meinungsmache-buch","tag-schlanker-staat","tag-steuersenkungen","tag-tagesthemen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4455","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4455"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4455\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22654,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4455\/revisions\/22654"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4455"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4455"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4455"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}