{"id":44657,"date":"2018-06-27T08:52:20","date_gmt":"2018-06-27T06:52:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44657"},"modified":"2019-03-11T13:55:15","modified_gmt":"2019-03-11T12:55:15","slug":"radikalislamische-hamas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44657","title":{"rendered":"\u201eRadikalislamische\u201c Hamas?"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180627_hamas.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>In fast jeder Nachrichtenmeldung zum Konflikt in Pal&auml;stina taucht die Formulierung &bdquo;radikalislamische&ldquo; Hamas auf.  Diese Formulierung verkennt jedoch die Geschichte der Hamas und die j&uuml;ngere Pal&auml;stinenser-Politik des Staates Israel. Der ehemalige Nahostkorrespondent <strong>Heiko Flottau<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44657#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] versucht dieses Thema f&uuml;r die NachDenkSeiten kritisch aufzuarbeiten und fragt sich nebenbei, warum noch niemand auf die Idee gekommen ist, die herrschenden Kr&auml;fte in Israel als &bdquo;radikal-zionistisch&ldquo; zu titulieren.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Vielleicht muss noch einmal erl&auml;utert werden, dass journalistisches Arbeiten tats&auml;chlich aus Arbeit besteht. Dass es nicht nur um das Hinhalten eines Mikrofons oder einer Kamera geht, sondern um analytische, hermeneutische, kritische Arbeit , bei der es darauf ankommt, m&ouml;glichst genau ein soziales, politisches, kulturelles Thema zu recherchieren, zu hinterfragen, zu er&ouml;rtern. Es ist verwunderlich, wie fahrl&auml;ssig manche TV-Redaktion sich selbst delegitimiert, indem sie so tut, als g&auml;be es das gar nicht: redaktionelle Arbeit.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Formuliert hat diesen bemerkenswerten Satz die Publizistin Carolin Emcke in einer Kolumne der &bdquo;S&uuml;ddeutschen Zeitung&ldquo; vom 9.Juni 2018. In dem sehr lesenswerten Text geht es zwar in erster Linie um den Umgang der Medien, insbesondere des Fernsehens, mit dem Antisemitismus. Dennoch ist der Satz auf viele andere Themen und besonders auf gedankenlos dahingesprochene Formulierungen anwendbar, &uuml;ber deren Sinn und deren m&ouml;glicherweise verheerende Effekte sich die jeweiligen Autoren schon lange keine Gedanken mehr machen.<\/p><p>Ein eher harmloses Beispiel f&uuml;r solche Gedankenlosigkeit ist die, stets so genannte, &bdquo;internationale Gemeinschaft&ldquo;. Wie an den t&auml;glichen politischen Prozessen leicht abzulesen ist, gibt es diese &bdquo;Gemeinschaft&ldquo; nicht. Es gibt Staaten, die ihre jeweiligen nationalen Interessen (bzw. jene Interessen, welche die Regierungen dieser Staaten als &bdquo;national&ldquo; definieren) verfolgen. Das gilt selbst innerhalb der Europ&auml;ischen &bdquo;Union&ldquo;. Von &bdquo;Gemeinschaft&ldquo; ist auch in dieser Union kaum die Rede.<\/p><p>Ein wirklich verheerendes Beispiel f&uuml;r solch sch&auml;dliche journalistische Routine ist fast t&auml;glich in der Berichterstattung &uuml;ber den Nahen Osten zu beklagen. Es geht um die Hamas. Nein, in diesem Text geht es nicht um eine Ehrenrettung der Hamas. Sie hat in Gaza ein islamistisches Regime errichtet, das viele Einwohner nicht bef&uuml;rworten. Dagegen geht es um die von Carolin Emcke angemahnte notwendige journalistische Arbeit &ndash; auf die selbstverst&auml;ndlich auch eine Organisation wie die Hamas Anspruch erheben darf. Die Hamas wird n&auml;mlich fast ausnahmslos mit dem Adjektiv &bdquo;radikalislamisch&ldquo; garniert. Wie verh&auml;ngnisvoll diese Formulierung f&uuml;r das Verst&auml;ndnis der nah&ouml;stlichen Situation ist, zeigen die j&uuml;ngsten Demonstrationen der Pal&auml;stinenser in Gaza gegen die israelische Besatzung &ndash; bei denen bis jetzt etwa 130 Pal&auml;stinenser vom israelischen Milit&auml;r erschossen wurden. <strong>Wer hier &bdquo;radikal&ldquo; handelt, liegt eigentlich auf der Hand. Von einem radikal-zionistischen israelischen Milit&auml;r, das mal eben Dutzende Pal&auml;stinenser erschie&szlig;t, ist indessen niemals die Rede.<\/strong><\/p><p>Dass die Demonstrationen urspr&uuml;nglich von Mitgliedern der Zivilgesellschaft organisiert worden sind, ging unter dem st&auml;ndigen Mantra der &bdquo;radikalislamischen&ldquo; Hamas unter, die sich den Demonstrationen angeschlossen, sie aber urspr&uuml;nglich nicht organisiert hatte. In einem Korrespondentenbericht des &ouml;ffentlich-rechtlichen Fernsehens war innerhalb von eineinhalb bis zwei Minuten etwa dreimal von der &bdquo;radikalislamischen&ldquo; Hamas die Rede. Selbst der begnadete ZDF-Moderator Claus Kleber benutzt gedankenlos dieses den wahren Charakter der Hamas verh&uuml;llende Adjektiv. Wenn es um den israelisch-pal&auml;stinensischen Konflikt geht, kommt keine Tagesschau, keine Tagesthemensendung, keine ZDF-Heute-Sendung und kein ZDF-Heute-Journal ohne dieses diskriminierende Adjektiv aus. Diese verh&auml;ngnisvolle Wortwahl verschleiert n&auml;mlich die wahren Beweggr&uuml;nde des pal&auml;stinensischen Protestes: der &bdquo;Marsch der R&uuml;ckkehr&ldquo;, wie ihn die Pal&auml;stinenser von Gaza nennen, soll n&auml;mlich an die Vertreibung von etwa 750 000 Pal&auml;stinensern erinnern, die bei der Gr&uuml;ndung des Staates Israel ihr Land verlassen mussten.<\/p><p>Macht man sich nun an die von Carolin Emcke angemahnte journalistische Arbeit, dann m&uuml;sste man sich als erstes mit der Frage besch&auml;ftigen, was Hamas eigentlich bedeutet. Hamas ist im Arabischen ein Akronym f&uuml;r &#7716;arakat al-muq&#257;wama al-isl&#257;miyya und bedeutet nichts anderes als &bdquo;Islamische Widerstandsbewegung&ldquo;. Warum aber &bdquo;islamisch&ldquo; ? Ganz einfach. Nachdem die durch und durch s&auml;kulare &bdquo;Pal&auml;stinensische Befreiungsorganisation&ldquo; (PLO) Jassir Arafats mit allen Bem&uuml;hungen um die Gr&uuml;ndung eines eigenst&auml;ndigen pal&auml;stinensischen Ministaates gescheitert war (vornehmlich deshalb, weil Israel einen solchen Staat nicht an seiner Seite haben will), taten sich Mitglieder der pal&auml;stinensischen Muslimbruderschaft (u.a. Scheich Ahmed Jassin und Abdel Asis Rantisi, beide sp&auml;ter von Israel get&ouml;tet) zusammen und versuchten, dem pal&auml;stinensischen Widerstand ein neues Gesicht, ein islamisches Gesicht zu geben. Daran ist zun&auml;chst einmal nichts &bdquo;Radikalislamisches&ldquo;. Im Gegenteil. Israel kam die Gr&uuml;ndung der Hamas sogar zun&auml;chst zupass. Seine Regierung versuchte, die Hamas gegen die PLO auszuspielen und so den pal&auml;stinensischen Widerstand zu schw&auml;chen. Sp&auml;ter versuchte der damalige Premier Ariel Sharon, den Kampf gegen die Hamas als einen Teil des weltweiten Kampfes der USA gegen den Terrorismus zu bezeichnen &ndash; eine propagandistisch geschickte, aber sachlich irref&uuml;hrende Politik, weil die Hamas kaum ein Teil des weltweiten Terrorismus ist, sondern in erster Linie gegen die israelische Besatzung k&auml;mpft.<\/p><p>Nachdem schlie&szlig;lich die so genannte internationale Gemeinschaft &ndash; in diesem Falle in erster Linie die USA und die EU &ndash; zur Legitimierung der Pal&auml;stinensischen Selbstverwaltungsbeh&ouml;rde freie Wahlen verlangte, ging im Jahre 2006 die Hamas als Siegerin aus dieser Abstimmung hervor. Aber: die Menschen im Westjordanland und im Gazastreifen w&auml;hlten die Hamas nicht etwa deshalb, weil sie eine &bdquo;radikalislamische&ldquo; Regierung an der Macht sehen wollten. Sie w&auml;hlten die Hamas, weil die konkurrierende PLO in all ihren Bem&uuml;hungen um die Gr&uuml;ndung eines pal&auml;stinensischen Staates gescheitert war und weil die PLO in einem Sumpf von Korruption zu versinken drohte. Selbst arabische Christen aus Beit Jala bei Bethlehem entschieden sich daf&uuml;r, wie sie dem Autor dieser Zeilen sagten, ihre Stimme der Hamas zu geben. Bemerkenswert ist im &Uuml;brigen, dass die Hamas in ihrem Wahlprogramm seinerzeit ausdr&uuml;cklich die Beachtung bestehender Vertr&auml;ge &ndash; also die Einhaltung der Oslovertr&auml;ge von 1993 und 1995 &ndash; versprochen hatte.<\/p><p>Doch es n&uuml;tzte nichts. Die &bdquo;internationale Gemeinschaft&ldquo; hatte einen Sieg der PLO bzw. der Fatah-Partei (gegr&uuml;ndet von Jassir Arafat) erwartet, die sich allen Forderungen der USA, der EU und Israels gebeugt hatte. Ein Sieg der Hamas war in den politischen Kalkulationen nicht vorgesehen. Man weigerte sich (dies ist jetzt eine verk&uuml;rzte Darstellung), mit der Hamas zusammenzuarbeiten und machte ihr den Sieg streitig. Die Folge war ein blutiger Konflikt zwischen Hamas und der PLO, in dessen Verlauf die Hamas die Kontrolle im Gazastreifen &uuml;bernahm, wo sie &ndash; das wird meistens &uuml;bersehen &ndash; einem Putsch von Mohammed Dahlan, dem skandalumwitterten PLO-Sicherheitschef in Gaza, zuvorkam. Eine Regierung der korrupten PLO wollten aber die Pal&auml;stinenser in Gaza ebenso wenig wie ihre Landsleute im Westjordanland . Bemerkenswert auch, wie die USA und die EU keine Lehre aus den algerischen Ereignissen gezogen haben. Nachdem dort in den Wahlen von 1991 im ersten Wahlgang die Islamische Heilsfront an erster Stelle lag, annullierte die Regierung die Wahlen. Es folgte ein mehrj&auml;hriger blutiger B&uuml;rgerkrieg. In Gaza folgte ein Kleinkrieg der Hamas gegen Israel. Statt die Hamas in den politischen Prozess einzubeziehen und dadurch zu z&auml;hmen, wie man das einst mit der PLO und Jassir Arafats Fatah-Bewegung getan hatte, verweigerte man der Hamas, die Fr&uuml;chte des demokratischen Wahlgangs zu ernten &ndash; und &bdquo;radikalisierte&ldquo; die Hamas.<\/p><p>Nat&uuml;rlich kann man diesen gesamten Prozess nicht in jeder Nachricht oder in jeder Hintergrundsendung so ausf&uuml;hrlich darlegen. Aber um den pal&auml;stinensischen Widerstand nicht st&auml;ndig durch das Mantra von der radikalislamischen Hamas zu diskreditieren, gen&uuml;gte es ja schon, wenn man einfach von &bdquo;Islamischer Widerstandsbewegung&ldquo; sprechen w&uuml;rde. Oder man m&uuml;sste &ndash; wenn man die von Carolin Emcke eingeforderte journalistische Arbeit weiter verweigerte &ndash; zum Ausgleich zur radikalislamischen Hamas von dem &bdquo;radikal-nationalistisch-zionistischen Premier Benjamin Netanjahu sprechen.<\/p><p>Aber Achtung: kein Redakteur, der eine solche Formulierung ben&uuml;tzte, w&uuml;rde lange auf seinem Posten verweilen. F&uuml;r seine Absetzung w&uuml;rde die radikal-zionistische Lobby mit Sicherheit sorgen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Heiko Flottau<\/strong> war von 1985 bis 1992 und von 1996 bis 2004 Nahostkorrespondent der S&uuml;ddeutschen Zeitung, mit Sitz in Kairo, von 2005 bis 2009 freier Journalist in Kairo.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180627_hamas.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>In fast jeder Nachrichtenmeldung zum Konflikt in Pal&auml;stina taucht die Formulierung &bdquo;radikalislamische&ldquo; Hamas auf. Diese Formulierung verkennt jedoch die Geschichte der Hamas und die j&uuml;ngere Pal&auml;stinenser-Politik des Staates Israel. Der ehemalige Nahostkorrespondent <strong>Heiko Flottau<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44657#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] versucht dieses Thema f&uuml;r die NachDenkSeiten kritisch aufzuarbeiten<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44657\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[183,11],"tags":[282,302,822,1557,303,2299],"class_list":["post-44657","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-buergerproteste","tag-gaza","tag-hamas","tag-israel","tag-palaestina","tag-sprachkritik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/44657","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=44657"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/44657\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50057,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/44657\/revisions\/50057"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=44657"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=44657"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=44657"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}