{"id":44694,"date":"2018-06-29T08:30:38","date_gmt":"2018-06-29T06:30:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44694"},"modified":"2018-06-29T10:48:34","modified_gmt":"2018-06-29T08:48:34","slug":"leserbriefe-zu-zusammenfuehren-statt-spalten-eine-kritik-des-aufrufs-solidaritaet-statt-heimat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44694","title":{"rendered":"Leserbriefe zu: Zusammenf\u00fchren statt spalten. Eine Kritik des Aufrufs \u201eSolidarit\u00e4t statt Heimat\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Auf diesen Artikel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44613\">Zusammenf&uuml;hren statt spalten. Eine Kritik des Aufrufs &bdquo;Solidarit&auml;t statt Heimat&ldquo;<\/a> hin erreichte uns innerhalb weniger Tage eine gro&szlig;e Zahl von Leserbriefen, von denen im Folgenden einige wiedergegeben sind. An den Zuschriften l&auml;sst sich auch ablesen, wie verworren die Debatte um Migration in der Linkspartei und derem Umfeld mittlerweile geworden ist.  Man m&ouml;chte sich w&uuml;nschen, dass es irgendwie gelingt, die fortschrittlichen Kr&auml;fte zu b&uuml;ndeln, damit die auch auf anderen Politikfeldern so dringend ben&ouml;tigte Kurskorrektur, oder eher Richtungswechsel, doch noch stattfindet. Zusammengestellt von <strong>Moritz M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>1. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Lieber Herr M&uuml;ller, die Kritik an dem Aufruf &ldquo;Solidarit&auml;t statt Heimat&rdquo; teile ich. &Uuml;ber den Begriff &ldquo;Heimat&rdquo; hat sich &uuml;brigens Kurt Tucholsky in einem gleichnamigen Beitrag schon 1929 ge&auml;u&szlig;ert. Er, dem jede Deutscht&uuml;melei zutiefst zuwider war, verteidigt darin den Heimatbegriff gegen seine Vereinnahmung durch jene, &ldquo;die sich &lsquo;national&rsquo; nennen und nichts sind als b&uuml;rgerlich-militaristisch..&rdquo;<\/p><p>Fazit: Die Linke in diesem Land war schon einmal weiter.<\/p><p>R. S.<\/p><p><em><strong>Anmerkung Moritz M&uuml;ller:<\/strong> Hier der Link zu <a href=\"https:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Heimat_(Tucholsky)%20\">Tucholsky&rsquo;s &ldquo;Heimat&rdquo; (1929)<\/a><\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>2. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Liebe NDS-Redaktion,<\/p><p>da Albrecht M&uuml;ller am Ende des Beitrags von Hans Werner Horn um Belege zum &ldquo;m&ouml;glichen Motiv und den Hintergr&uuml;nden&rdquo; bittet, unten ein Link zu dieser Thematik.<\/p><p>Es ist ein Beitrag von Johanna Bussemer bei neues Deutschland vom 25.06., indem es eben genau um das Thema einer europ&auml;ischen Allianz der Linken geht. Auch wenn es wahrscheinlich euch nicht gerade gef&auml;llt, dass Jeremy Corbyn nun gerade das Treffen mit Katja Kipping so lobt, behandelt Johanna Bussemer vor allem die Problematik einer europ&auml;ischen linken Bewegung inkl. der Motive und Hintergr&uuml;nde der einzelnen linken Vereinigungen. <\/p><p>Sich mal hiermit zu besch&auml;ftigen, ist f&uuml;r mich angebrachter als sich in irgendwelchen Theorien &uuml;ber eine Verschw&ouml;rung gegen Frau Wagenknecht zu ergehen. Das nervt langsam, weil eigentlich jeden von uns klar sein m&uuml;sste, dass die Kritik an ihr innerhalb der Linken sp&auml;testens seit 2016 ein permanenter Gemeinplatz ist (Stichwort &ldquo;Torten-Attacke&rdquo;). Auch erm&uuml;det es ziemlich, wenn Hans Werner Horn da permanent Nachweise verlangt, nachdem die Kritik an Sahra Wagenknechts Vorstellungen mittlerweile Ordner f&uuml;llt (in der aktuellen Ausgabe der linken Gewerkschaftszeitung &ldquo;express&rdquo; ist &uuml;brigens dem migrationspolitischen Streit der Linkspartei&rdquo; sogar der Leitartikel gewidmet).<\/p><p>Mit dem Verweis auf den Beitrag von Johanna Bussemer will ich nochmals den Versuch wagen, von einer Kipping-Verschw&ouml;rung wieder zur (linken) Sache zu kommen. Hans Werner Horn l&auml;sst einen da ziemlich sprachlos zur&uuml;ck (Frage: lohnt sich da noch eine Auseindersetzung?). Denn ich bin &ndash; wie noch einige andere der Unterst&uuml;tzerInnen des antirassistischen Aufrufs &ndash; weder Intellektueller noch irgendwie eng mit der Linkspartei verbandelt. Was da Hans Werner Horn alles den Beteiligten an dem Aufruf &ldquo;Solidarit&auml;t statt Heimat&rdquo; unterstellt, ist &ndash; sagen wir mal &ndash; f&uuml;r viele Linke abschreckend (und auch ziemlich wirr und konstruiert). Mein Angebot deshalb: Eine Auseinandersetzung &uuml;ber St&auml;rkung der Linke im &ldquo;deutschen Vaterland&rdquo; und dar&uuml;ber hinaus. Johanna Bussemer bringt, was die europ&auml;ische Seite betrifft, viel Wichtiges dazu. Schade, wenn es nicht zur Gemeinsamkeit k&auml;me. Denn euer NDS enthalten viel Interessantes. Mein Verst&auml;ndnis von Motiven und Hintergr&uuml;nde mag euren Erwartungen nicht entsprechen. Aber mir geht es halt um politische Motive und Hintergr&uuml;nde.<\/p><p>Mit besten Gr&uuml;&szlig;en<br>\nArmin Kammrad, Augsburg<\/p><p>Hier der Link zu &ldquo;<a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1092156.die-linke-und-jeremy-corbyn-auf-der-suche-nach-allianzen.html?pk_campaign=Newsletter\">Auf der Suche nach Allianzen &ndash; Die Kontaktaufnahme zwischen Labour und DIE LINKE k&ouml;nnte die Parteibeziehungen in Europa ver&auml;ndern<\/a>&rdquo; von Johanna Bussemer.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>3. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Sehr geehrte Damen und Herren, <\/p><p>der im Betreff genannte Beitrag hat mich ein wenig ratlos zur&uuml;ckgelassen. Wenn Sie nach Gr&uuml;nden suchen, warum die Linke auseinander f&auml;llt, dann finden Sie genau hier einen Grund daf&uuml;r. <\/p><p>Ich glaube schon, dass ich einen gefestigten Standpunkt in politischen Dingen habe (nicht zuletzt als treuer Leser der NDS), aber trotz akademischer Vorbildung will es mir nicht gelingen den Kritikansatz an dem Aufruf zu verstehen, der hier so massiv unter Beschuss genommen wird. F&uuml;r mich ist es eine Form der Wortklauberei, was soll das bringen? In dem Aufruf werden keine neoliberalen Standpunkte vertreten, hier wird kein Rassismus betrieben und auch keine Besitzstandwahrung proklamiert etc.. F&uuml;r mich tr&auml;gt der Aufruf klare humanistische, solidarische Z&uuml;ge. Man verzeihe, wenn die eine oder andere Formulierung diesem oder jenem gegen den intellektuellen Strich geht. Am Ende l&auml;uft es auf das Prinzip hinaus: &ldquo;Der eine dr&uuml;ckt sich falsch aus und der andere versteht ihn nicht.&rdquo; Vielleicht begibt man sich aus diesem Kontext heraus einmal auf die Ursachensuche, warum die Linke so leicht auseinander zu dividieren ist. <\/p><p>Wenn eine Gedankenakrobatik wie diese hier betrieben wird und die folgende Auseinandersetzung, in der &Ouml;ffentlichkeit zelebriert, dazu f&uuml;hrt, dass die gemeinsame Linie zerst&ouml;rt wird, dann brauchen wir uns &uuml;ber gar nichts zu wundern. Das ist ein Teil der deutschen Krankheit. <\/p><p>Da kann ich nur sagen: weiter so, es wird schon werden. <\/p><p>Mit freundlichen Gr&uuml;&szlig;en<br>\nBj&ouml;rn Ehrlich <\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>4. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Liebe NDS-Redaktion,<\/p><p>Ihr heutiger Beitrag zu dem Aufruf &ldquo;Solidarit&auml;t&rdquo; statt Heimat hat mich zu der kleinen Finger&uuml;bung verleitet, den Text des Aufrufs inhaltlich etwas gerade zu r&uuml;cken. Herausgekommen ist eine kritsche, bisweilen parodistisch-polemische Bearbeitung mit dem Titel &ldquo;Heimat statt Elfenbeinturm&rdquo;. Ich hoffe, es gef&auml;llt Ihnen.<\/p><p>Herzliche Gr&uuml;&szlig;e<br>\nRalf Vogel<\/p><p>Heimat statt Elfenbeinturm<\/p><p>Von der &bdquo;rassistischen Tafel&ldquo; in Essen &uuml;ber die &bdquo;national-soziale&ldquo; Sahra Wagenknecht, vom &bdquo;Ken Jebsen-Skandal&ldquo; im Berliner Babylon-Kino &uuml;ber den angeblichen &bdquo;Antisemitismus&ldquo; von Israelkritikern, von der Ver&auml;chtlichmachung realer Abstiegs&auml;ngste infolge unbegrenzter Zuwanderung in der unteren Mittel- und der Unterschicht bis zur Leugnung der Gefahren durch rechtsradikalen Dschihadismus in Deutschland: Wir erleben seit Monaten eine unertr&auml;gliche &ouml;ffentliche Schmutzkampagne, einen regelrechten &Uuml;berbietungswettbewerb der Hetze gegen linke Politikvorstellungen, aber auch gegen die solidarischen Milieus dieser Gesellschaft. Die politischen Debatten &uuml;ber ein selbstbestimmtes, ausk&ouml;mmliches und friedliches Leben f&uuml;r Alle in Deutschland werden seit Monaten aus dem Elfenbeinturm befeuert und dominiert &ndash; und kaum jemand l&auml;sst es sich nehmen, auch noch mit auf den elit&auml;ren Zug aufzuspringen.<\/p><p>Doch nicht nur das. Inmitten einer immer noch lebendigen Willkommens- und Unterst&uuml;tzungsbewegung, inmitten der gro&szlig;en und wachsenden Proteste gegen die AfD, inmitten der beeindruckenden K&auml;mpfe von Fl&uuml;chtlingen f&uuml;r ihr Recht auf ein gutes Leben und inmitten wachsender Bewegungen f&uuml;r eine nachhaltige, globale Gerechtigkeit wird in den linksliberalen akademischen Milieus so getan, als sei der Offene-Grenzen-Populismus der einzig ma&szlig;gebliche Ausdruck der aktuellen gesellschaftlichen Stimmungslage. Diese Behauptung ist falsch. Und sie ist politisch fatal.<\/p><p>Es ist daher f&uuml;r uns an der Zeit, gemeinsam und eindeutig Stellung zu beziehen. Wir verweigern uns ausdr&uuml;cklich der politischen Logik einer sich verfestigenden  Hegemonie liberaler Wohlstandsb&uuml;rger. Wir wenden uns gegen eine Politik des Ressentiments &ndash; und gegen Strategien, die hieraus Kapital schlagen wollen f&uuml;r eine nur dem Anschein nach progressive oder soziale Politik. Wir sind uns sicher, dass es keine fortschrittlichen Antworten auf reaktion&auml;re Fragen gibt. Der selbstgef&auml;llige Diskurs der linksliberalen Eliten formuliert keine Probleme. Er ist das Problem.<\/p><p>Nennen wir das Problem beim Namen.<br>\nEs hei&szlig;t nicht Rassismus.<br>\nEs hei&szlig;t Elitend&uuml;nkel.<\/p><p>In den letzten Jahren hat sich in weiten Teilen Europas ein politischer Elitend&uuml;nkel etabliert, der die Grenzen zwischen den kapitalistischen, linken und neoliberalen Lagern zunehmend verschwimmen l&auml;sst. F&uuml;r Deutschland gilt: Der bislang gr&ouml;&szlig;te Erfolg der liberalen Eliten bei Gr&uuml;nen, Sozialdemokraten, CDU und Linken war nicht ihr Einzug in den Bundestag. Ihr mit Abstand gr&ouml;&szlig;ter Erfolg ist, dass man sich in diesem Land wieder hemmungslos menschenverachtend gegen&uuml;ber Menschen aus der Unterschicht und unteren Mittelschicht, Menschen ohne Abitur, geben und &auml;u&szlig;ern kann. Elitend&uuml;nkel ist wieder ganz normales Alltagsgesch&auml;ft geworden, im hohen Haus in Berlin wie beim B&auml;cker um die Ecke. Bei &bdquo;Spitzenpolitikern&ldquo; und Normalsterblichen, bei &bdquo;Liberalen&ldquo; &ndash; und selbst unter Linken.<\/p><p>49 Jahre, nachdem Willy Brandt zum Kanzler gew&auml;hlt wurde und der gesamten deutschen Gesellschaft mehr Demokratie, Frieden und Wohlstand versprach, erleben wir wieder eine Politik, die ohne Not und am laufenden Band Zugest&auml;ndnisse an neoliberale Ressentiments macht. Es wird auf Abschottung und Ausschluss gesetzt, die Grenzen zwischen Mittel- und Oberschicht werden wieder hochgezogen, Bed&uuml;rftige unter Hartz4-Kuratel gestellt, Menschenrechte missachtet, Arbeitsrecht und B&uuml;rgerrechte systematisch abgeschafft und dort, wo sie noch existieren, kaltschn&auml;uzig umgangen.<\/p><p>Die Willkommensdiskurse des kurzen Sommers der Migration haben sich in feindselige Abwehrdiskurse der Bef&uuml;rworter offener Grenzen gegen&uuml;ber denjenigen, die die Zeche daf&uuml;r zahlen sollen, verwandelt. Die Einschr&auml;nkung des Familiennachzuges und die geplanten ANKER-Zentren beschneiden massiv die Rechte von Migranten, erh&ouml;hen den existenziellen Druck auf sie und sind blo&szlig;e Instrumente der Isolation und der Ausgrenzung. L&auml;nder, die von Krieg zerst&ouml;rt und von den Kriegsfolgen gezeichnet sind, werden zu sicheren Orten erkl&auml;rt &ndash; aus den tats&auml;chlich sicheren Amtsstuben eines Landes, das mit seiner Wirtschaftsweise, seinen Wirtschaftssanktionen und seiner aktiven Unterst&uuml;tzung der NATO-Kriege gegen die Heimat der Menschen, die bei uns Schutz suchen, systematisch zum Elend der Welt beitr&auml;gt. Unterst&uuml;tzung dschihadistischer Gruppen in islamischen L&auml;ndern (deren Terror eine wesentliche Fluchtursache ist), Wirtschaftssanktionen gegen die betroffenen L&auml;nder, Heimatministerium, Abschiebeoffensive, Hetzkampagnen und institutioneller Rassismus geh&ouml;ren zum Alltag &ndash; doch der massive Protest aus der b&uuml;rgerlichen Mitte bleibt hier genauso aus wie ihr Protest gegen den R&uuml;ckbau des Sozialstaats auf ein Almosensystem, dessen Ungeist sich gleicherma&szlig;en im Hartz4-Regime wie im Umgang mit Fl&uuml;chtlingen und ihren Herkunftsl&auml;ndern zeigt.<\/p><p>Was ist eigentlich los in diesem Land?<\/p><p>Nicht nur die b&uuml;rgerliche Mitte bekennt nicht Farbe. Auch Teile der politischen Linken machen Zugest&auml;ndnisse an rechte Rhetorik und neoliberale Ideen und verkl&auml;ren die Ablehnung des souver&auml;nen Staates als Garant sozialstaatlicher Ordnung sogar zum widerst&auml;ndigen Moment, ja unterstellen ihr einen rationalen, klassenpolitischen Kern. Doch eines muss klar sein: Elitend&uuml;nkel ist niemals ein Akt des Widerstands. Und ebenso klar ist, dass der neue Elitend&uuml;nkel, ob von rechts oder links, ohne uns l&auml;uft.<\/p><p>Diese Gesellschaft ist gepr&auml;gt durch die zahlreichen, millionenfachen Geschichten der Migration. Migration ist eine Tatsache. Sie ist mindestens seit den Zeiten der &bdquo;Gastarbeit&ldquo; in der alten Bundesrepublik bzw. der &bdquo;Vertragsarbeit&ldquo; in der DDR und bis auf den heutigen Tag keine Gefahr, sondern eine Kraft der Pluralisierung und Demokratisierung dieser Gesellschaft. Im Sommer 2015 haben wir das erneut erlebt. Damals war die offene Gesellschaft der Vielen f&uuml;r alle real, sie war greifbar und lebendig und schuf eine Menge praktischer Probleme, von denen die Bewohner des Elfenbeinturms bis heute nichts wissen wollen. Schlimmer noch: sie beschimpfen alle, die den Finger in die Wunde legen, die darauf hinweisen, welche Probleme f&uuml;r sie selbst entstehen, als &bdquo;Rassisten&ldquo;, obwohl sie in der Regel genauso solidarisch sein wollen und oft auch mehr praktische Solidarit&auml;t an den Tag legen als die abgehobenen akademischen Eliten in ihren urbanen Milieus der Bessergestellten, in die sich kaum einmal ein Fl&uuml;chtling oder Bed&uuml;rftiger verirrt.<\/p><p>Seitdem hat sich an den Gr&uuml;nden f&uuml;r Flucht und Migration nichts ge&auml;ndert. Ge&auml;ndert haben sich auch nicht die solidarischen Praktiken in den Stadtteilen und den Regionen (genauso wenig wie die unsolidarischen Praktiken in den Stadtteilen der Bessergestellten). Ver&auml;ndert haben sich aber der &ouml;ffentliche Konsens und der politische Wille, mit den Folgen des westlich-kapitalistischen Treibens in der Welt auf solidarische Weise umzugehen. Das begann in Deutschland mit dem Regierungsantritt der rot-gr&uuml;nen Regierung unter Schr&ouml;der und Fischer 1998, die zun&auml;chst mit dem grundgesetzwidrigen Angriffskrieg gegen Jugoslawien inner-europ&auml;ische Fluchtbewegungen ausl&ouml;sten und sodann mit der Hartz- und Riester-Gesetzgebung die halbe Gesellschaft in Existenz&auml;ngste trieb. Genauso verfolgt die Europ&auml;ische Union, im Konsens mit den europ&auml;ischen Eliten und den Bewohnern der europ&auml;ischen Elfenbeint&uuml;rme, trotz drei Jahrzehnten des Sterbens innerhalb Europas und an Europas Grenzen, eine Versch&auml;rfung ihres Grenzregimes nach Au&szlig;en und des radikalen Sozialstaatsabbaus nach Innen, die den Weg nach Europa und das Leben in Europa noch t&ouml;dlicher werden lassen und den Zugang zu Fl&uuml;chtlingsschutz und Sozialversicherung zu einem Gnadenrecht degradieren.<\/p><p>In Deutschland und Europa sind infolge der Ideologie &bdquo;ausgeglichener&ldquo; Haushalte wichtige Ressourcen f&uuml;r gesellschaftliche Solidarit&auml;t blockiert. Dringend notwendige &ouml;ffentliche Investitionen in soziale Infrastruktur, in Bildung, Gesundheit, Pflege, sozialen Wohnungsbau und eine integrative Demokratie bleiben aus. Der deutsche Pfad von Sparpolitik und einseitiger Exportorientierung schlie&szlig;t viele Menschen von Wohlstand aus, schafft prek&auml;re Arbeits- und Lebensbedingungen und n&auml;hrt Zukunfts&auml;ngste. Seine Probleme lassen sich jedoch nicht durch eine nicht existierende und nicht absehbare irgendwie &bdquo;globale&ldquo; Wohlfahrtsstaatlichkeit l&ouml;sen, die am Ende doch nur auf soziale Vorrechte und Abschottung der Eliten gegen&uuml;ber der Mittel- und Unterschicht setzen w&uuml;rde &ndash; und auf weltfremde Phantasien einer &bdquo;Finanzierung&ldquo; von Migration auf Kosten der &Auml;rmsten, und mit der die Ver&auml;chtlichmachung der Heimatgef&uuml;hle in der Bev&ouml;lkerung durch abgehobene Eliten einhergeht, die sich f&uuml;r was Besseres halten, obwohl sie sich f&uuml;r die &Ouml;kobilanz ihres Lebensstils mit drei Autos, teuer beheizten Riesenwohnungen und viel zu h&auml;ufigen Urlaubsreisen in ferne L&auml;nder in Grund und Boden sch&auml;men m&uuml;ssten. <\/p><p>Das Ausblenden der sozialen Realit&auml;ten wird nicht funktionieren. Mit Zuschauen und Schweigen muss endlich Schluss sein: Wir werden Elitend&uuml;nkel und Entrechtung konsequent beim Namen nennen. Wir werden uns dem neuen antisozialen Konsens entziehen und uns allen Versuchen entgegenstellen, die Schotten der Elfenbeint&uuml;rme dicht zu machen.<\/p><p>Unsere Solidarit&auml;t ist unteilbar &ndash; denn Migration und das Begehren nach einem guten Leben und einer lebenswerten, selbstbestimmt gestalteten Heimat sind global, grenzenlos, universell, allgemein, generell und f&uuml;r Alle.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>5. Leserbrief<\/strong><\/p><p>In der Tat ist auffallend, dass unter den Unterzeichnenden viele Akademiker (Hochschulprofessoren) und Kulturschaffende zu finden sind. Deshalb ist es kein Zufall, dass in dem Appell &ldquo;Solidarit&auml;t statt Heimat&rdquo; gegen Ressentiments aufgerufen wird: &ldquo;Wir wenden uns gegen eine Politik des Ressentiments &ndash; und gegen Strategien, die hieraus Kapital schlagen wollen f&uuml;r eine nur dem Anschein nach progressive oder soziale Politik.&rdquo; Dieser Satz impliziert, dass die Unterzeichner sich selbst als fortschrittlich erachten und f&uuml;r eine Umverteilungspolitik des Geldes und der damit verbundenen Macht eintreten w&uuml;rden. Leider ist zu bef&uuml;rchten, dass das Gegenteil der Fall ist. Denn die b&uuml;rgerlich-akademischen Werte, die vornehmlich die neueren gesellschaftlichen Eckpfeiler, wie gendergerechte Sprache, sexuelle Vielfalt oder die Feminisierung der Vorstandsetagen der Dax-Konzerne betreffen, d&uuml;rfen unter keinen Umst&auml;nden l&auml;cherlich gemacht werden. Sonst schlie&szlig;t man sich selbst aus dem Diskurskonsens aus.<\/p><p>Anders sieht dies f&uuml;r die prek&auml;ren Existenzen in unserer Gesellschaft aus. Diejenigen, die sich zu den ressentimentfreien Diskursethikern z&auml;hlen, die in vielen Medien zu Wort kommen d&uuml;rfen, sind die eigentlichen Urheber des Ressentiments, das sie nun wortreich und distinguierend beklagen. Sie sprechen gerne von &ldquo;Bildungsfernen&rdquo; von &ldquo;Klientel&rdquo;, aber auch schon mal von &ldquo;dummen W&auml;hlern&rdquo;, wenn diese rechts der eigenen Mitte ihr Wahlkreuz setzen. &Uuml;ber Prek&auml;re sich despektierlich zu zeigen, sie in ihrer Armut zu bel&auml;cheln, entspricht zwar nicht ganz der political correctness, wird aber von der bildungsb&uuml;rgerlichen Elite schon noch akzeptiert. Denn sonst h&auml;tte sie die letzten f&uuml;nfzehn Jahre nicht stillgehalten und sich mit diesem Skandal arrangiert.<\/p><p>W&uuml;rden die gesellschaftlichen Fortschritte, die im Umgang mit Minderheiten erzielt wurden, auf den Gegensatz von Kapital und Arbeit &uuml;bertragen, m&uuml;ssten die Bildungseliten erkennen, dass die Forderungen der sozial Benachteiligten aus den &Auml;ngsten entspringen, die ihrer wirtschaftlichen Lage und ihrer daran h&auml;ngenden Lebensperspektive entsprechen. Was diese &auml;u&szlig;ern als Ressentiments zu beklagen, ist Hybris angesichts der eigenen gesellschaftlichen Stellung und der damit verbundenen M&ouml;glichkeit, die Pers&ouml;nlichkeit in Wohlstand mit hohen Selbstverwirklichungsanteilen zu entfalten. Der Begriff des Ressentiments wird in diesem Aufruf genutzt, Protest zu unterminieren und zu zeigen, dass man weltoffen, liberal, aber auch sozial und engagiert eingestellt sei. Au&szlig;erdem: Man schafft es, dass die soziale Frage ausgeklammert bleibt.<\/p><p>Rudi Brenzinger<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>6. Leserbrief<\/strong><\/p><p>Sehr geehrter Herr M&uuml;ller,<\/p><p>wie Sie wissen, sch&auml;tze ich Ihre Arbeit und Ihr Engagement seit Jahren.<\/p><p>Gerade deshalb erlauben Sie mir bitte folgende Anmerkungen:<\/p><p>Im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen innerhalb der Linkspartei um den richtigen Umgang mit Migration, vertreten Sie zwar genauso wie Herr Lafontaine und Frau Wagenknecht die richtige Position, allerdings sind der Ton und die Art der Argumentation durchaus geeignet, weit verbreitete xenophobe Haltungen zu best&auml;rken.<\/p><p>Ja, es ist richtig, dass im linken Juste-Millieu eine naiv-romantische Vorstellung von bunten Multi-Kulti-Gesellschaften herrscht, die jenseits vom Prenzlauer Berg nichts mit der Realit&auml;t zu tun hat. Und ja, es ist auch richtig, dass die Fl&uuml;chtenden zus&auml;tzlichen Druck auf ohnehin prek&auml;re Arbeits- und Wohnungsm&auml;rkte aus&uuml;ben.<\/p><p>Au&szlig;erdem stimmt nat&uuml;rlich, dass unmittelbar nur im nationalen Rahmen gehandelt werden kann.<\/p><p>Nichtsdestotrotz bleibt das Fl&uuml;chtlingsproblem ein internationales und die Probleme der Fl&uuml;chtenden sind nicht weniger gravierend, als die der ans&auml;ssigen Bev&ouml;lkerung. Es darf f&uuml;r einen verantwortungsbewussten Menschen (nicht: Politiker!) keine Rolle spielen, woher ein Mensch stammt, wenn es um die L&ouml;sung existenzieller N&ouml;te geht.<\/p><p>Es ist selbstverst&auml;ndlich unendlich schwieriger, einem Menschen, der vielleicht seit Jahren unter dem ungerechten Hartz-IV-Regime leidet, klar zu machen, dass ein Mensch auf der Flucht vor Krieg und Gewalt genauso Anspruch auf Hilfe hat wie er, obwohl er nie in nationale Systeme einbezahlt hat. Aber genau hier ist der Grat zwischen nationalstaatlichem Pragmatismus und inhumanem &bdquo;Germans-First-Denken&ldquo; sehr, sehr schmal.<\/p><p>Ich erlebe selbst im t&auml;glichen Gespr&auml;ch, dass Menschen vermeintlich logisch argumentieren, den latenten Chauvinismus ihrer Ausf&uuml;hrungen dabei aber gar nicht bemerken. H&auml;ufig &ndash; bei weitem nicht immer &ndash; auch eine Folge unzureichender Bildung.<\/p><p>Letztlich m&uuml;ssen aber gerade wir, die wir uns f&uuml;r aufgekl&auml;rte Linke halten, Acht geben, dass wir nicht den falschen Leuten das Wort reden. Aufkl&auml;rung insbesondere derjenigen, die am meisten unter misslungener Integration leiden, ist das Gebot der Stunde. Ihnen gilt es klarzumachen, dass sie mit der AfD oder der CSU ihre eigenen Schl&auml;chter w&auml;hlen und dass die Bedrohung von innen, n&auml;mlich von oben kommt und nicht, wie viele meinen, von au&szlig;en.<\/p><p>Wenn wir das nicht schaffen, stehen wir vor gewaltigen Problemen. Besonders wenn die Fl&uuml;chtlingszahlen im Zuge des Klimawandels erst so richtig ansteigen werden und die Panik in Europa immer gr&ouml;&szlig;er werden wird. Die Nazis nannten sich nicht von Ungef&auml;hr &bdquo;Arbeiter-Partei&ldquo;. Wehe uns allen, wenn sich die Verzweiflung der Abgeh&auml;ngten iummer mehr gegen &bdquo;die Anderen&ldquo; richtet.<\/p><p>Mit freundlichem Gru&szlig; aus Taufkirchen<br>\nMartin Sutor<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf diesen Artikel <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44613\">Zusammenf&uuml;hren statt spalten. Eine Kritik des Aufrufs &bdquo;Solidarit&auml;t statt Heimat&ldquo;<\/a> hin erreichte uns innerhalb weniger Tage eine gro&szlig;e Zahl von Leserbriefen, von denen im Folgenden einige wiedergegeben sind. An den Zuschriften l&auml;sst sich auch ablesen, wie verworren die Debatte um Migration in der Linkspartei und derem Umfeld mittlerweile geworden ist. Man<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44694\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[35,165,103,11],"tags":[1435,339,374,1759,1055,1343,826,389,291,632,2037,340],"class_list":["post-44694","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufbau-gegenoeffentlichkeit","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-leserbriefe","category-strategien-der-meinungsmache","tag-buergerinitiative","tag-chauvinismus","tag-eliten","tag-entsolidarisierung","tag-fluechtlinge","tag-kipping-katja","tag-rassismus","tag-sozialrassismus","tag-verteilungsgerechtigkeit","tag-wagenknecht-sahra","tag-zukunftsangst","tag-zuwanderung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/44694","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=44694"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/44694\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":44705,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/44694\/revisions\/44705"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=44694"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=44694"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=44694"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}