{"id":44737,"date":"2018-07-02T12:19:00","date_gmt":"2018-07-02T10:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44737"},"modified":"2018-07-03T07:44:01","modified_gmt":"2018-07-03T05:44:01","slug":"es-war-einmal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44737","title":{"rendered":"Es war einmal &#8230;"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180702_spon1_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Eines muss man dem SPIEGEL ja lassen. Er schafft es mit seinen Titelgeschichten in unregelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden doch tats&auml;chlich immer wieder, sich selbst zu unterbieten. Der aktuelle Titel &bdquo;Es war einmal ein starkes Land&ldquo; geh&ouml;rt zweifelsohne dazu. Da wird munter vermischt, was selbst mit viel Fantasie einfach nicht in einen Zusammenhang zu bringen ist &ndash; die Performance der deutschen Fu&szlig;ballnationalmannschaft und die Performance der deutschen Kanzlerin. Zwischen jeder Menge Merkel-Verg&ouml;tterung lautet die Botschaft: Fr&uuml;her war alles wunderbar und heute schw&auml;cheln &bdquo;wir&ldquo;. &bdquo;Wir&ldquo; &ndash; das sind oberfl&auml;chlich Jogi L&ouml;w und Angela Merkel; gemeint sind jedoch absurderweise wir alle. Diese &bdquo;Fr&uuml;her-war-alles-besser&rdquo;-Rhetorik mutet schon recht absurd an. Was, lieber SPIEGEL, war denn abseits des Fu&szlig;ballplatzes w&auml;hrend der letzten Jahre so toll? Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5902\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-44737-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180702_Es_war_einmal_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180702_Es_war_einmal_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180702_Es_war_einmal_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180702_Es_war_einmal_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=44737-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180702_Es_war_einmal_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180702_Es_war_einmal_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>In der Parallelwelt der SPIEGEL-Redakteure muss das letzte Jahrzehnt wunderbar gewesen sein. Deutschland wurde nicht nur Export-, sondern auch Fu&szlig;ballweltmeister, &bdquo;wir&ldquo; waren &bdquo;Schland&ldquo;, so herrlich multikulti, patriotisch und doch unverkrampft, gef&uuml;hrt von Angela Merkel, der &Uuml;berkanzlerin. Der SPIEGEL bezeichnet sie dann auch gleich als &bdquo;heimliche Anf&uuml;hrerin der westlichen Welt, mindestens aber Europas&ldquo; &ndash; da ist sie wieder diese Bescheidenheit, f&uuml;r die wir Deutschen seit Kaisers Zeiten so geliebt werden. Und genau hier ist bereits der erste gro&szlig;e Riss in der Matrix des SPIEGELs. <\/p><p>2004 lag das Land laut SPIEGEL am Boden. Politisch und wirtschaftlich galt &bdquo;Deutschland [demnach] als der kranke Mann Europas&ldquo; und gleichzeitig schied die Fu&szlig;ballnationalmannschaft bei der EM sang- und klanglos bereits nach der Vorrunde aus. Dann kam die Wende. J&uuml;rgen Klinsmann brachte den deutschen Fu&szlig;ball auf Vordermann und Gerhard Schr&ouml;der setzte die neoliberalen Reformen um, die auch vom SPIEGEL mit Nachdruck gefordert wurden. In der aktuellen Titelstory zitiert man den Fu&szlig;ballmanager Oliver Bierhoff mit dem d&uuml;mmlichen Vergleich, &bdquo;beide (gemeint sind Merkel und L&ouml;w) h&auml;tten von einer guten Vorarbeit profitiert&ldquo;. Dies ist geschickte Propaganda, da man die erfolgreichen und sympathischen Neuerungen des Fu&szlig;balltrainers J&uuml;rgen Klinsmann mit den katastrophalen Reformen des Kanzlers Schr&ouml;der in einen Topf wirft. Kein Wort davon, dass Klinsmann den deutschen Fu&szlig;ball weitergebracht hat, w&auml;hrend Schr&ouml;ders Reformen nicht nur Teile der Gesellschaft in die Armut getrieben haben, sondern auch ganz Europa mit einem Rattenrennen um mehr Wettbewerbsf&auml;higkeit in eine Abw&auml;rtsspirale aus Lohnsenkungen, Konjunktureinbr&uuml;chen und Steuerausf&auml;llen getrieben haben, von der sich der Kontinent noch immer nicht erholt hat.&nbsp;<\/p><p>Und in dieser Machart geht die SPIEGEL-Geschichte weiter. Im Sommer 2010, vier Jahre nach dem &bdquo;Sommerm&auml;rchen&ldquo;, l&auml;uft Deutschland zur H&ouml;chstform auf. Merkel regiert durch und ihr Pendant am Spielfeldrand l&auml;sst &bdquo;unsere Jungs&ldquo; bei der WM in S&uuml;dafrika ihr wohl erfolgreichstes Turnier spielen. Vier Jahre sp&auml;ter sind beide dann auf dem verdienten H&ouml;hepunkt angelangt und kassieren den &bdquo;gerechten Lohn&ldquo;. Doch von dort an geht es bergab. Was f&uuml;r die Kanzlerin die Fl&uuml;chtlinge, ist f&uuml;r L&ouml;w der Fototermin von &Ouml;zil und G&uuml;ndogan bei Erdogan und das absurde Theaterst&uuml;ck vom &bdquo;Koalitionskrach&ldquo; wird in Verbindung zum wohl verdienten Fr&uuml;hausscheiden der Nationalmannschaft bei der diesj&auml;hrigen WM in Russland gesetzt. Merkel gibt ihre F&uuml;hrungsrolle an Macron ab und &bdquo;die Mannschaft&ldquo; wird von der &Eacute;quipe Tricolor in den Schatten gestellt, w&auml;hrend laut SPIEGEL China &ndash; was auch immer das hei&szlig;en soll &ndash; wieder zur&uuml;ck zu den Machtgrenzen der Qing-Dynastie will, Putin den Traum eines hegemonialen Russlands tr&auml;umt und Trump die EU und die Uno &bdquo;wom&ouml;glich gleich mit&ldquo; zerbrechen s&auml;he. Ei der Daus! In diesen S&auml;tzen steckt so viel Unsinn, dass man gar nicht wei&szlig;, ob man sich wirklich ernsthaft damit auseinandersetzen sollte.<\/p><p>Wichtig ist zun&auml;chst, dass die Fu&szlig;ball-Metapher schlicht nicht passt. Fu&szlig;ball ist ein Wettkampf, bei dem eine Mannschaft verliert und die andere gewinnt. Als Merkel &ndash; laut SPIEGEL &ndash; 2010 ihre beste Performance hinlegte, st&uuml;rzte die Eurozone in eine schwere Wirtschaftskrise, die durch Merkels Politik massiv verschlimmert wurde. Nun ist es aber nicht so, dass Deutschland &ndash; wie beim Fu&szlig;ball &ndash; gegen L&auml;nder wie Irland, Griechenland, Spanien oder Portugal gewonnen h&auml;tte. In einer Wirtschaftsgemeinschaft sind die Niederlagen des Einen eben nicht die Siege des Anderen. &bdquo;Den Deutschen&ldquo; geht kein Jota besser, weil es &bdquo;den Griechen&ldquo; schlechter geht. Im Gegenteil. Aber ein ehemaliges Nachrichtenmagazin, das tats&auml;chlich die Fu&szlig;ballweltmeisterschaft mit der Exportweltmeisterschaft vergleicht, wird diesen Zusammenhang wohl nie verstehen.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180702_spon2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180702_spon2-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><em>Fr&uuml;her war alles besser? SPIEGEL-Titel der letzten Wochen<\/em><\/p><p>Als L&ouml;ws Mannschaft 2014 den Titel holte und Angela Merkel laut SPIEGEL den H&ouml;hepunkt ihrer politischen Karriere erklommen hatte, standen EU und Eurozone kurz vor dem Zusammenbruch. Wenige Tage vor Beginn der WM konnte die AfD bei den Europawahlen zum ersten Mal mit 7,1% deutlich bei bundesweiten Wahlen einen Erfolg erzielen. Der Titelgewinn der Nationalmannschaft war nat&uuml;rlich eine sch&ouml;ne Sache &ndash; politisch war das Jahr, das der SPIEGEL im R&uuml;ckblick so toll findet, aber nicht nur f&uuml;r Angela Merkel eine einzige Katastrophe.&nbsp;<\/p><p>War 2014 f&uuml;r Sie der absolute H&ouml;hepunkt? Herzlichen Gl&uuml;ckwunsch. Dann geh&ouml;ren Sie sicher nicht zu den Opfern der Rentenk&uuml;rzungen, haben kein prek&auml;res Arbeitsverh&auml;ltnis, beziehen kein Hartz IV, sind nicht aufgrund ihres Alters vom Arbeitsmarkt aussortiert, hangeln sich nicht von einem befristeten Job zum n&auml;chsten und haben kein Problem, die immer h&ouml;heren Mieten und Mietnebenkosten zu bezahlen. Dann, und nur dann, geh&ouml;ren auch Sie zum &bdquo;wir&ldquo;, f&uuml;r das Angela Merkel sich so erfolgreich eingesetzt hat und k&ouml;nnen zusammen mit dem SPIEGEL wehm&uuml;tig an die guten, alten Tage zur&uuml;ckdenken. <\/p><p>Bleibt die Frage &ndash; was hat das alles mit Fu&szlig;ball zu tun? Gar nichts! Alles andere ist pure Legende. H&auml;tte Mesut &Ouml;zil f&uuml;r die deutsche Nationalmannschaft im Weltmeisterjahr 2014 im Achtelfinale gegen Algerien nicht in der vorletzten Minute der Verl&auml;ngerung getroffen, w&auml;re die Mannschaft wom&ouml;glich mit Schimpf und Schande im dann n&ouml;tigen Elfmeterschie&szlig;en ausgeschieden. Und h&auml;tten nicht die S&uuml;dkoreaner, sondern die Deutschen am letzten Mittwoch kurz vor Spielende noch einen Treffer erzielt, w&uuml;rde heute kein Mensch auf die Idee kommen, den fu&szlig;ballerischen Untergang des Abendlandes zu bejammern. Aber im Fu&szlig;ball sind die Grenzen zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betr&uuml;bt nun einmal flie&szlig;end. Das unterscheidet den Fu&szlig;ball auch von der Politik.  Bei der EM 2020, die erstmals in ganz Europa ausgetragen wird, d&uuml;rfte &bdquo;die Mannschaft&ldquo; mit oder ohne Jogi L&ouml;w wieder zu den Mitfavoriten geh&ouml;ren. Ob Angela Merkel 2020 noch Kanzlerin ist, erscheint momentan hingegen eher unwahrscheinlich. Aber das ist nebens&auml;chlich. 2020 wird kein Grieche arbeitslos sein und kein deutscher Rentner Pfandflaschen sammeln m&uuml;ssen, weil Mario Gomez in der 89. Minute seinen Kopf nicht im richtigen Moment zum Ball bekommen hat &hellip; Fu&szlig;ball ist ein Spiel, Angela Merkels Politik ist die d&uuml;stere Wirklichkeit. Das Eine mit dem Anderen gleichzusetzen, ist absurd und ein weiteres Zeichen daf&uuml;r, dass vor allem der SPIEGEL seinen H&ouml;hepunkt schon sehr, sehr lange &uuml;berschritten hat. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/975ec5312eb5467088d7713b5c01e113\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180702_spon1_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Eines muss man dem SPIEGEL ja lassen. Er schafft es mit seinen Titelgeschichten in unregelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden doch tats&auml;chlich immer wieder, sich selbst zu unterbieten. Der aktuelle Titel &bdquo;Es war einmal ein starkes Land&ldquo; geh&ouml;rt zweifelsohne dazu. 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