{"id":44770,"date":"2018-07-04T09:06:11","date_gmt":"2018-07-04T07:06:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44770"},"modified":"2019-04-10T10:31:56","modified_gmt":"2019-04-10T08:31:56","slug":"schauen-wir-doch-einmal-genauer-auf-die-russischen-medien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44770","title":{"rendered":"Schauen wir doch einmal genauer auf die russischen Medien"},"content":{"rendered":"<p>Ein Kommentator der Tagesthemen regte unl&auml;ngst an, bei Russland etwas genauer hinzuschauen. Die NachDenkSeiten hatten diesen Kommentar bereits <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44676\">kritisiert<\/a> und Leserbriefe dazu <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44734\">ver&ouml;ffentlicht<\/a>. Man sollte die Kernaussage aber ernst nehmen und auf jeden Fall genauer auf Russland schauen. Schade, dass die ARD es meist nicht ihrem Auftrag entsprechend tut, obwohl sie doch alle Freiheit dazu h&auml;tte &ndash; zumindest auf den ersten Blick. Ein Zwischenruf von <strong>Gert-Ewen Ungar<\/strong>, der f&uuml;r die NachDenkSeiten die WM in Russland vor Ort beobachtet.<br>\n<!--more--><br>\nGlaubt man westlichen Medien, dann ist es um die Freiheit der Presse in Russland schlecht bestellt. In Russland gibt es staatliches Fernsehen und staatliche Presse, im j&auml;hrlichen Ranking von Reporter ohne Grenzen schneidet die Russische F&ouml;deration regelm&auml;&szlig;ig schlecht ab. Andere NGOs wie Human Rights Watch bescheinigen dem Land schwere Missst&auml;nde im Hinblick auf die Einhaltung von Menschenrechten. Allerdings wird man sich wohl an den Gedanken gew&ouml;hnen m&uuml;ssen, dass westliche NGOs eben keine unabh&auml;ngigen, objektiven Beobachter sind, sondern selbst eine politische Agenda verfolgen. <\/p><p>Man wird das sicherlich in jedem Einzelfall nachweisen m&uuml;ssen, f&uuml;r Reporter ohne Grenzen steht es jedoch fest. Sie sind nicht objektiv. Schlie&szlig;lich versuchte die Organisation doch unl&auml;ngst den Schweizer Presseclub zu <a href=\"https:\/\/swprs.org\/die-grenzen-der-pressefreiheit\/\">zensieren<\/a>, weil dort Kritik an den syrischen &ldquo;Wei&szlig;helmen&rdquo; zu erwarten war. Reporter ohne Grenzen zeigten damit deutlich, dass sie keineswegs eine unabh&auml;ngige NGO sind, sondern tats&auml;chlich ein eigenes politisches Programm verfolgen.<\/p><p>Da westliche NGOs in ihrer Bewertung unzuverl&auml;ssig sind, lohnt ein eigener, ein eigenst&auml;ndiger Blick auf die russische Medienlandschaft. Ich will das im Folgenden versuchen.<\/p><p>Ja, es stimmt. Es gibt hier Staatsfernsehen, es gibt hier staatliche Agenturen und staatliche Zeitungen. Besser w&auml;re es allerdings zu sagen: Es gibt hier auch staatliche Medien. Denn die russische Medienlandschaft ersch&ouml;pft sich keineswegs in einigen staatlichen Sendern und Verlagsh&auml;usern. Die russische Medienlandschaft ist vielf&auml;ltig. Eine Marktkonzentration auf wenige Verlage, wie sie in Deutschland stattgefunden hat, gibt es in der Russischen F&ouml;deration nicht. <\/p><p>W&auml;hrend in Deutschland wenige Medienkonzerne den Markt beherrschen, gibt es in Russland eine Vielzahl von Verlagen, die nur wenige, oft auch nur ein Presseerzeugnis herausgeben. Die auflagenst&auml;rkste Wochenzeitung Argumenti i Fakti ist hierf&uuml;r ein Beispiel. Die Marktkonzentration auf wenige Akteure ist ein Teil der Erkl&auml;rung f&uuml;r den ausgesprochen schlechten Zustand des deutschen Journalismus, der sich in der Enge des von ihm Sagbaren zeigt. Das Spektrum des Sagbaren, die politischen Positionen zu zentralen Themen ist in Russland breiter als in Deutschland, schon weil die Verlagsvielfalt gr&ouml;&szlig;er ist. <\/p><p>Das mag &uuml;berraschen, steht es doch diametral zu der These von der mangelnden Pressefreiheit in Russland. Novaja Gaseta, Radio Doschd, alle, die angeblich von Schlie&szlig;ung und Zensur bedroht waren, berichten weiterhin munter vor sich hin. <\/p><p>Was in Russland zudem fehlt, sind Think-Tanks, die sich der vorhandenen Presselandschaft als PR-Instrumente bedienen. Denkfabriken wie die Transatlantikbr&uuml;cke sind f&uuml;r den Westen typisch. Ihr Zweck ist weniger das Denken selbst. Das verm&ouml;gen diese Organisationen nur sehr eingeschr&auml;nkt. Der gr&ouml;&szlig;ere Teil dieser Organisationen dient im Wesentlichen der Steuerung von Demokratie und der Regulierung von Meinungsbildungsprozessen im Interesse einer kleinen &ouml;konomischen und politischen Elite. <\/p><p>Es ist eine ihrer zentralen Aufgaben, die ver&ouml;ffentlichte Meinung zu kontrollieren, um so die &ouml;ffentliche Meinung zu beeinflussen. Kein gro&szlig;es deutsches Medium, in dem die Chefredaktion nicht mit diesen Think-Tanks eng verwoben ist.<\/p><p>Ideologisch sind sich westliche Think-Tanks weitgehend &auml;hnlich. Westliche Werte werden beschworen und hochgehalten, die transatlantische Partnerschaft gepflegt.<br>\nDass der Westen an seinen eigenen Werten t&auml;glich grundlegend scheitert, findet daher auch keinen Eingang in den deutschen Mainstream. An diesen Werten m&uuml;ssen sich immer die anderen messen lassen. <\/p><p>Eine der interessantesten Wortsch&ouml;pfungen dieser Think-Tanks, diese kleine gedankliche Schleife sei mir erlaubt, ist das Wort &ldquo;Whataboutism&rdquo;. Es bedeutet, dass man auf den Vorwurf, in Russland w&uuml;rde beispielsweise die Meinungsfreiheit eingeschr&auml;nkt, keinesfalls darauf reagieren darf, die zahlreichen Einschr&auml;nkungen der Meinungsfreiheit in westlichen L&auml;ndern dagegenzuhalten. Das ist politisch nicht korrekt. Dabei ist genau das notwendig, um zu einer realistischen Einsch&auml;tzung zu kommen.<\/p><p>Sicherlich. Es gibt in Russland Zensur. Webseiten werden zugemacht, weil sie gegen Gesetze versto&szlig;en. Andere bleiben offen, obwohl sie offensichtlich gegen die gleichen Gesetze versto&szlig;en. Oft ist der Ma&szlig;stab daher nicht klar. Aber Zensur gibt es eben auch bei uns. Bei uns werden private Institutionen damit beauftragt, das Internet zu kontrollieren. Ein absolut wahnsinniger Vorgang. Willk&uuml;r sind hier Tor und T&uuml;r ge&ouml;ffnet. <\/p><p>Und noch ein Beispiel: Auf den Vorwurf, in Russland g&auml;be es regelm&auml;&szlig;ig den Verdacht, Menschenrechte w&uuml;rden verletzt, verbietet sich die Antwort, der Westen, allen voran die USA, w&uuml;rden in gro&szlig;em Ma&szlig;stab und staatlich organisiert gegen Menschenrechte versto&szlig;en; man solle erst mal vor der eigenen Haust&uuml;re kehren, bevor man sich in die Sache anderer L&auml;nder einmischt.  Eine derartige Antwort geh&ouml;rt sich nicht, das ist n&auml;mlich Whataboutism. Genial, wer sich diesen Begriff ausgedacht hat. Er baut Rechtfertigungsdruck in einer Richtung auf, ohne quantitative Gegenargumente zuzulassen. Eine perfide Technik. &nbsp;<\/p><p>Doch zur&uuml;ck zum Thema Think-Tanks. Zwar sind westliche Think-Tanks auch in Russland aktiv, aber die Medienlandschaft ist nicht mit den Multiplikatoren dieser Organisationen durchsetzt, wie das bei uns der Fall ist. Diese weitgehende Infiltrierung hat gro&szlig;en Anteil daran, dass die Vielfalt der in den Medien abgebildeten Meinungen in Russland gr&ouml;&szlig;er ist als bei uns.<br>\nIm Interesse einer vielf&auml;ltigen, pluralen Presse und einer lebendigen demokratischen Kultur geh&ouml;ren die PR-Aktivit&auml;ten von Think-Tanks stark kontrolliert und reglementiert.<br>\nDie unglaubliche Einseitigkeit des deutschen Mainstreams bei zentralen Themen wie Geopolitik und Makro&ouml;konomie l&auml;sst sich unter anderem durch die massive Einflussnahme dieser Think-Tanks erkl&auml;ren. &nbsp;&nbsp;<\/p><p>So unterscheidet sich denn der deutsche Mainstream vom russischen in einem wichtigen Punkt: In der Vielfalt, in der Pluralit&auml;t. Und die russische Gesellschaft h&auml;lt diese Vielfalt aus. Als der russischsprachige Kanal der Deutschen Welle bei der Pr&auml;sidentenwahl sich Nawalny anschloss und aktiv zum Boykott der Wahl aufrief, passierte in Russland &ndash; nichts. Man muss sich das andersrum vorstellen. &nbsp;&nbsp;<\/p><p>Nat&uuml;rlich gibt es auch in Russland Medien, die westlichen Think-Tanks nahestehen, sich ihre Informationen von dort holen. Gemeinhin werden diese von unseren Medien als regierungskritisch bezeichnet. Die Novaja Gaseta ist daf&uuml;r ein Beispiel. <\/p><p>Allerdings gibt es auch noch andere &ldquo;regierungskritische&rdquo; Medien. Insbesondere die Publikationen, die den Kommunisten nahestehen, sind hier hervorzuheben. Allerdings trifft ihre Kritik mit ihrer deutlich linken, kommunistischen Ausrichtung den Geschmack der westlichen Medien nicht, weswegen ihre Position zu aktuellen politischen Themen regelm&auml;&szlig;ig keinen Eingang in den westlichen Mainstream findet. Das Pr&auml;dikat &ldquo;regierungskritisch&rdquo; ist nur neoliberalen Positionen vorbehalten. <\/p><p>Die Positionen, die sich in russischen Presseerzeugnissen und Medien abbilden, sind vielf&auml;ltig. Und auch die Staatssender verdienen eine etwas genauere Betrachtung. Da ist zum Beispiel der Sender TNT. Gazprom betreibt ihn und da Gazprom ein staatliches Unternehmen ist, gilt er dem deutschen Mainstream als staatliches Medienunternehmen. Kann man dar&uuml;ber streiten, ob das sinnvoll ist. Ich will das an dieser Stelle jedoch gar nicht tun, sondern einfach das Programm des Senders beschreiben.<\/p><p>Der Sender TNT richtet sich mit seinem Programm an eine junge, urbane Mittelklasse, gebildet und aufstrebend. Es werden Lifestyle-Themen bearbeitet, es geht um sexuelle Identit&auml;ten, kurz um alles, was gro&szlig;st&auml;dtische Mittelschicht auch in Deutschland umtreibt. Kaum eine Serie ohne schwule Akteure, Sex, sexuelle Identit&auml;t und Geschlechterverh&auml;ltnisse sind omnipr&auml;sente Themen. <\/p><p>Vor einigen Tagen gab es in einer Comedy-Show auf TNT einen tanzenden Hitler in High-Heels. Muss man nicht geschmackvoll finden, aber zur Kenntnis nehmen, dass so etwas im staatlichen Fernsehen m&ouml;glich ist, das muss man schon. Im angeblich homophoben Russland machen Schwule und Lesben Programm. &nbsp;&nbsp;<\/p><p>Nat&uuml;rlich gibt es auch Sendungen, die &uuml;ber Europa und die EU nur das Allerschlechteste berichten. Das erledigt der Sender REN TV. Der ist allerdings nicht staatlich, sondern eine Hinterlassenschaft von RTL. RTL hat sich vom russischen Markt zur&uuml;ckgezogen, der einstmals als kritisch geltende Sender wurde verkauft. Heute berichtet REN TV &uuml;ber UFOs, bringt C- und D-Movies und beweist allabendlich die Dekadenz Europas. Ob das jemand Ernst nimmt? Im Nordkaukasus sind mir Menschen begegnet, die das tun. Man muss also ganz weit ab vom Schuss wohnen, um dem Glauben zu schenken. In Moskau und Sankt Petersburg rollt man beim Namen REN TV mit den Augen. Aber auch schlechtes Programm geh&ouml;rt zur Vielfalt.<\/p><p>Insgesamt ist die Nachrichtenvielfalt breit. Es wird auch breit berichtet, was in anderen L&auml;ndern passiert und wie Russland dort wahrgenommen wird. Anl&auml;sslich des Sieges der russischen Nationalelf gab es einen kurzen Abriss, wie in anderen L&auml;ndern dar&uuml;ber und &uuml;ber die WM im Allgemeinen berichtet wird. Das Res&uuml;mee: Allgemein freute man sich international &uuml;ber die WM und mit Russland. &ldquo;Nur Deutschland widmet sich wieder mal seinem Lieblingsthema&rdquo;, sagte der Moderator und meinte damit die Warnungen vor angeblichen Gefahren f&uuml;r Schwule in Russland. Die deutsche Medienlandschaft musste in Russland f&uuml;r einen Lacher herhalten und der Witz war auch noch gut. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180704_wm02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Diese drei jedenfalls haben mit dem Spiel Russland gegen Spanien Ber&uuml;hmtheit erlangt.<\/p><p>Sie werden offensichtlich mit Interview-Anfragen &uuml;bersch&uuml;ttet. Die drei genie&szlig;en ihre Popularit&auml;t. Im Moment noch zumindest. <\/p><p>F&uuml;r Deutschland w&auml;re es ein Gewinn, w&uuml;rde es sich an der medialen Vielfalt in Russland orientieren. Man muss sich an solche S&auml;tze sicherlich gew&ouml;hnen. Aber je schneller das geht, desto besser f&uuml;r die Diskussionskultur im Land. Die ideologische Einseitigkeit und die aggressiven Zuspitzungen zu im Grunde v&ouml;llig unwesentlichen Themen ist in Deutschland nahe am Unertr&auml;glichen, vor allem aber nahe am Totalit&auml;ren. Es lohnt sich tats&auml;chlich, genauer auf Russland zu schauen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Kommentator der Tagesthemen regte unl&auml;ngst an, bei Russland etwas genauer hinzuschauen. Die NachDenkSeiten hatten diesen Kommentar bereits <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44676\">kritisiert<\/a> und Leserbriefe dazu <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44734\">ver&ouml;ffentlicht<\/a>. Man sollte die Kernaussage aber ernst nehmen und auf jeden Fall genauer auf Russland schauen. 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