{"id":44822,"date":"2018-07-07T11:45:18","date_gmt":"2018-07-07T09:45:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44822"},"modified":"2018-07-09T07:33:51","modified_gmt":"2018-07-09T05:33:51","slug":"frank-castorfs-macho-sommernachts-sex-tragoedie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44822","title":{"rendered":"Frank Castorfs Macho-Sommernachts-Sex-Trag\u00f6die"},"content":{"rendered":"<p>Gerade haben wir das Theaterst&uuml;ck mit dem Titel &bdquo;Koalitionskrach&ldquo; &uuml;berstanden, da tritt der Berliner Theatermacher Frank Castorf mit Macho-Spr&uuml;chen seine eigene Sommerloch-Debatte los. H&auml;tte er doch geschwiegen &ndash; das kann man allerdings auch &uuml;ber einige seiner Kritiker sagen. Von <strong>Tobias Riegel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nFrank Castorf macht wieder Theater &ndash; doch es ist nicht die Art von Inszenierungen, die der gro&szlig;e Theatermacher an der Volksb&uuml;hne in raffinierten und stundenlangen Torturen zwischen Scharfsinn und Anarchie schwanken lie&szlig;. <\/p><p>Statt dessen verwandelte er ein Interview mit der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/frank-castorf-im-interview-es-ist-so-wie-mit-einer-liebe-die-vorbei-ist-1.4033924?reduced=true\">S&uuml;ddeutschen Zeitung (Bezahlschranke)<\/a> in ein verungl&uuml;cktes Feuerwerk an anti-feministischen Stammtisch-Parolen. Was m&ouml;glicherweise als hemds&auml;rmelige Satire auf eine in Teilen der Gesellschaft gepflegte &uuml;bertriebene politische Korrektheit gedacht war &ndash; es ist in dieser Form doch eher traurig. So wurde aus der von Castorf geplanten aufr&uuml;ttelnden Farce ein Auftritt, der nun eher Z&uuml;ge einer Trag&ouml;die tr&auml;gt.<\/p><p>So verteidigte der 66-j&auml;hrige Ex-Chef der Berliner Volksb&uuml;hne etwa die Tatsache, dass in seiner Zeit wenige Regisseurinnen zum Zuge kamen mit einem kruden Fu&szlig;ball-Vergleich: &bdquo;Wir haben eine Frauen-Fu&szlig;ballweltmeisterschaft und eine M&auml;nner-Fu&szlig;ballweltmeisterschaft, und in der Qualit&auml;t des Spiels unterscheidet sich das schon sehr.&ldquo;<\/p><p><strong>Frauen m&uuml;ssen &bdquo;besser&ldquo; sein<\/strong><\/p><p>Damit wolle er sagen, dass eine Frau dieselbe Qualit&auml;t haben m&uuml;sse, so Castorf weiter. &bdquo;Ich war ein gro&szlig;er Verehrer von Pina Bausch, oft kopiert, nie ist einer rangekommen. Nicht jeder, der ein Diplom in Theaterwissenschaft hat, ist daf&uuml;r pr&auml;destiniert, Kunst aus&uuml;ben zu d&uuml;rfen und andere Menschen damit zu bel&auml;stigen.&ldquo; Wenn eine Frau besser sei, habe er nichts dagegen, so der gro&szlig;e G&ouml;nner. &bdquo;Nur habe ich so viele nicht erlebt.&ldquo; Interessant: Frauen m&uuml;ssen demnach nicht gut, sie m&uuml;ssen besser sein. Immerhin: Als Kandidaten f&uuml;r die k&uuml;nftige Leitung der Volksb&uuml;hne bringt Castorf einen Mann und eine Frau ins Spiel: das Duo Vegard Vinge und Ida M&uuml;ller.<\/p><p>Ist das nun zwanghafter Drang zur polternden Provokation? Die Angst davor, vergessen zu werden? Oder &ndash; angesichts der zu erwartenden Reaktionen &ndash; Untergangssehnsucht? Auf jeden Fall m&ouml;chte man ausrufen: &bdquo;H&auml;tte er doch geschwiegen!&ldquo; Diesen Satz m&uuml;sste man allerdings gleichzeitig einigen seiner Kritiker ins Stammbuch schreiben.<\/p><p>Ein Offener Brief hat nicht lange auf sich warten lassen. Einen solchen hat die freiberufliche Kuratorin und Dramaturgin Felizitas Stilleke in der <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/theater\/article178746588\/Offener-Brief-Eine-Antwort-auf-sexistische-Aeusserungen-von-Frank-Castorf.html\">&bdquo;Welt&ldquo; ver&ouml;ffentlicht<\/a> &ndash; und man kann durchaus fragen, ob eine Zeitung des Springer-Verlags die angemessene B&uuml;hne ist, um einen &ndash; abgesehen von dem j&uuml;ngsten Interview &ndash; &auml;sthetisch bahnbrechenden und politisch linken K&uuml;nstler zu attackieren. <\/p><p><strong>Kritik an Castorf schie&szlig;t &uuml;bers Ziel hinaus<\/strong><\/p><p>Auch ist schade, dass der von &uuml;ber 600 Kulturschaffenden unterzeichnete Brief weit &uuml;ber die Kritik an den konkreten &Auml;u&szlig;erungen Castorfs hinausgeht: So m&ouml;chte Stilleke zwar &bdquo;die Inhalte und &Auml;sthetiken der Volksb&uuml;hnen-Zeit unter der Leitung Herrn Castorfs in guter Erinnerung halten&ldquo; &ndash; m&ouml;chte diesen Wunsch aber wegen des Interviews dann doch einem &bdquo;grunds&auml;tzlichen &Uuml;berdenken&ldquo; unterziehen. Hier soll mit einem Federstrich eine jahrzehntelange k&uuml;nstlerische Entwicklung in Zweifel gezogen werden. Wenn also unbedachte &Auml;u&szlig;erungen im Alter ein Lebenswerk derartig besch&auml;digen k&ouml;nnen, w&uuml;sste man von der Autorin gerne, welche K&uuml;nstler solch hohen Kriterien ein ganzes Leben lang gerecht werden k&ouml;nnen. <\/p><p>Und warum nutzt Stilleke, die nach eigenen Worten eine &bdquo;verbindende Sprache&ldquo; suche, dann doch eine Sprache mit zahlreichen ausschlie&szlig;enden Codes: So m&ouml;chte sie festgestellt wissen, &bdquo;dass ich die white male privileged-&sbquo; Gedanken- und Assoziationsstrudel&lsquo; satt habe&ldquo;. Oder sie fragt sich: &bdquo;Wer mansplaint Herrn Castorf nun den Unterschied zwischen Sexismus und Sexualit&auml;t?&ldquo;<\/p><p><strong>Besch&auml;digtes Lebenswerk?<\/strong><\/p><p>&Uuml;bers Ziel hinaus schie&szlig;t auch ein kritischer <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Offener-Brief-an-Frank-Castorf\/!5519227\/\">Artikel in der taz<\/a>, der die (durch das Interview teils begr&uuml;ndeten) pers&ouml;nlichen Animosit&auml;ten gegen&uuml;ber Castorf gar auf eine ganze Schule des Regietheaters bezieht: In einem fragw&uuml;rdigen Rundumschlag wird auf engstem Raum alles Theater verdammt, das nicht &bdquo;inklusiv, nicht queer, nicht vielf&auml;ltig&ldquo; sei. So entstehe &bdquo;Kunst, die ohnehin nur f&uuml;r einen erlauchten Kennerkreis gedacht ist, der sich immer wieder um sich selbst&rdquo; drehe. In diesem Theater hat angeblich &bdquo;die Kunst von Frauen, Schwarzen Menschen, People of Color und anderen Marginalisierten keinen Platz&ldquo;. Au&szlig;erdem w&uuml;rden dort &bdquo;vorwiegend tote Dichter und Denker immer wieder neu interpretiert. Neu &ndash; aber immer motiviert durch die Liebe zum Alten&ldquo;. <\/p><p>War die Autorin jemals in der Volksb&uuml;hne? Ausgerechnet Castorf einen Hang zum bildungsb&uuml;rgerlichen D&uuml;nkel anzudichten, offenbart eine gro&szlig;e Unkenntnis seines Werkes. Was auch &uuml;bersehen wird, ist, dass Castorf durch sein Lebenswerk das kritische Denken seines Publikums erheblich mehr stimuliert hat als mutma&szlig;lich alle Springer-Redakteure zusammen &ndash; auch jene, die sich nun als liberale Feministen-Freunde geben.  Diese Leistung Castorfs wird nicht durch ein unbedachtes Interview zerst&ouml;rt. <\/p><p>Damit kein Missverst&auml;ndnis entsteht: Das Interview selber ist infam. Schade ist nur, dass die berechtigte Kritik daran &uuml;bers Ziel hinausschie&szlig;t und in einer sehr pauschalen Theater-Betrachtung m&uuml;ndet, die gro&szlig;e Wissensdefizite offenbart. Auch und vor allem ist die &bdquo;Welt&ldquo;, wie gesagt, ein mindestens merkw&uuml;rdiger Verb&uuml;ndeter f&uuml;r die Aktion gegen Castorf. Und um so &auml;rgerlicher ist, dass Castorf dieser Art von Journalisten eine so wohlfeile M&ouml;glichkeit gibt, sich &bdquo;fortschrittlicher&ldquo; als dieser wichtige Kulturmacher zu geben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade haben wir das Theaterst&uuml;ck mit dem Titel &bdquo;Koalitionskrach&ldquo; &uuml;berstanden, da tritt der Berliner Theatermacher Frank Castorf mit Macho-Spr&uuml;chen seine eigene Sommerloch-Debatte los. H&auml;tte er doch geschwiegen &ndash; das kann man allerdings auch &uuml;ber einige seiner Kritiker sagen. 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