{"id":44870,"date":"2018-07-10T11:40:27","date_gmt":"2018-07-10T09:40:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44870"},"modified":"2018-07-11T15:05:28","modified_gmt":"2018-07-11T13:05:28","slug":"afd-wahlkaempfer-der-woche-jakob-augstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44870","title":{"rendered":"AfD-Wahlk\u00e4mpfer der Woche: Jakob Augstein"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180710_aug01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Was hat Jakob Augstein da nur geritten? In seiner aktuellen Kolumne konstruiert der ber&uuml;hmte SPIEGEL-Erbe einen Zielkonflikt zwischen dem Sozialstaat und einer humanen Asylpolitik, erkl&auml;rt dann im selben Gedankengang den Sozialstaat zur Verhandlungsmasse und &uuml;berl&auml;sst die Verteidigung sozialpolitischer Standards ohne jede Not den Rechten. Als ich diese Zeilen las, war ich zutiefst schockiert und suchte erst einmal nach der Ironie, die ich offensichtlich verpasst haben musste. Doch ich fand keine Ironie. Jakob Augstein meint das tats&auml;chlich so. Da werden in der AfD-Zentrale ja die Sektkorken knallen. Meine Bitte an k&uuml;nftige Historiker: Merken Sie sich bitte diesen Augstein-Text; liefert er doch eine Antwort darauf, warum die AfD im vermeintlich aufgekl&auml;rten Deutschland des jungen 21. Jahrhunderts so viel Zulauf bekommen konnte. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1559\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-44870-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180711_AfD_Wahlkaempfer_der_Woche_Jakob_Augstein_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180711_AfD_Wahlkaempfer_der_Woche_Jakob_Augstein_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180711_AfD_Wahlkaempfer_der_Woche_Jakob_Augstein_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180711_AfD_Wahlkaempfer_der_Woche_Jakob_Augstein_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=44870-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180711_AfD_Wahlkaempfer_der_Woche_Jakob_Augstein_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180711_AfD_Wahlkaempfer_der_Woche_Jakob_Augstein_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Es sind Worte, die wie Schl&auml;ge auf den Solarplexus progressiver Politik wirken:<\/p><blockquote><p>\n[Kurzfristig] kosten Einwanderer erst mal Geld. Der Sozialstaat k&uuml;mmert sich. Aber je mehr Einwanderer kommen, desto st&auml;rker ger&auml;t der Sozialstaat unter Druck. Was geschieht, wenn so viele vor der T&uuml;r stehen, dass sie zu den jetzigen Standards nicht mehr versorgt werden k&ouml;nnten? Schlie&szlig;t man die Grenzen? Oder &auml;ndert man die Standards? F&uuml;r das Einwanderungsland Deutschland ist das eine Schicksalsfrage. Auf der politischen Rechten ist sie schnell beantwortet. Weil man dort keine Einwanderung will, finden sich pl&ouml;tzlich ungeahnte Verteidiger des Sozialstaats. [&hellip;]<\/p>\n<p>Aber man kann das Argument auch umdrehen und den Rechten recht geben: Weil sich die Einwanderung nicht mit dem bisherigen Sozialstaat vertr&auml;gt, entscheiden wir uns f&uuml;r die Einwanderung und f&uuml;r einen anderen Sozialstaat.<\/p>\n<p>Das l&auml;sst sich moralisch begr&uuml;nden: wenn der Preis f&uuml;r unseren Sozialstaat die Toten im Mittelmeer sind, ist er es nicht wert. Wenn der Preis die Versklavten in den libyschen Lagern sind, ist der Preis zu hoch. Aber moralisch Begr&uuml;ndetes h&auml;lt in der Politik bekanntlich nicht viel aus. Die Moral allein tr&auml;gt nicht.<\/p>\n<p><em>&ndash; Jakob Augstein im Artikel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/einwanderung-ein-deutscher-traum-kolumne-a-1217379.html\">Ein deutscher Traum<\/a>&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Man darf bereits zu Beginn nicht den Fehler machen und Augsteins Logik auf den Leim gehen. Denn seine Argumentation steht bereits von Anfang an auf t&ouml;nernen F&uuml;&szlig;en. Augstein konstruiert hier einen Zielkonflikt: &bdquo;Schlie&szlig;t man die Grenzen? Oder &auml;ndert man die Standards?&ldquo;. Wer hat diesen Zielkonflikt eigentlich aufgestellt? Kann man denn keine humane Asylpolitik betreiben und(!) gleichzeitig die sozialstaatlichen Standards beibehalten? Selbstverst&auml;ndlich kann man das. Bereits bei diesen falschen Pr&auml;missen erweist sich Jakob Augstein fahrl&auml;ssig oder vors&auml;tzlich als Sprachrohr derjenigen, die stets &Auml;ngste sch&uuml;ren und ohnehin nicht viel vom Sozialstaat halten. Mit Verlaub, aber diese &Auml;u&szlig;erungen h&auml;tte man eigentlich eher von Beatrix von Storch und nicht von einem vermeintlich linksliberalen Publizisten erwartet. Dass er dann auch noch moralinsauer die &bdquo;Toten im Mittelmeer&ldquo; und &bdquo;Versklavte in libyschen Lagern&ldquo; ohne Sinn und Verstand als &bdquo;Preis f&uuml;r unseren Sozialstaat&ldquo; in die Debatte wirft, ist ein intellektueller und moralischer Tiefpunkt, der an Sch&auml;bigkeit kaum zu unterbieten ist. Noch einmal: Warum sollte der Sozialstaat in einem Zielkonflikt mit einer humanen Asyl- und Fl&uuml;chtlingspolitik stehen? Die inhumane Abschottung der EU-Au&szlig;engrenzen, der Verzicht einer wirkungsvollen Seenotrettung im Mittelmeer und fragw&uuml;rdige Deals mit libyschen Warlords sind doch um Himmels Willen keine Akte zur Sicherung des Sozialstaats.  Die NachDenkSeiten haben das mehrfach (u.a. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=39651\">hier<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44533\">hier<\/a>) thematisiert. <\/p><p>Ist Augsteins Argumentationsf&uuml;hrung bereits schockierend, so l&auml;sst seine Bereitschaft, den Sozialstaat als Verhandlungsmasse willf&auml;hrig zu opfern und dessen Verteidigung vollkommen ohne Not &bdquo;den Rechten&ldquo; zu &uuml;berlassen, den Leser wirklich fassungslos zur&uuml;ck. Ist das wirklich sein Ernst? Um dies besser bewerten zu k&ouml;nnen, lohnt sich ein Blick auf einen der <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/debatte\/article165675355\/Sozialstaat-oder-Einwanderung.html\">Artikel<\/a>, die Augstein wohl im Hinterkopf hat, wenn er &bdquo;den Rechten Recht geben&ldquo; will. Der rechtsextreme Publizist Henryk M. Broder will ja nicht &ndash; wie Augstein dies zwischen den Zeilen offenbar herauslesen will &ndash; den Sozialstaat bewahren, sondern fordert ganz im Gegenteil, den Sozialstaat zu schleifen, da er der Meinung ist, ein Gro&szlig;teil der Migranten k&auml;me nur wegen der Versprechen des Sozialstaats nach Deutschland. Sind diese Versprechen erst mal weg, bleiben auch die Migranten zu Hause, so Broders gewagte These. Broder und Co. wollen also den Sozialstaat abschleifen, um die Migration zu verhindern. Augstein will ihn abschleifen, um die Migration zu erm&ouml;glichen. Es ist wie im Tollhaus &ndash; und die Unternehmerverb&auml;nde k&ouml;nnen sich &uuml;ber diese eigenwillige Querfront von Broder bis Augstein als Unterst&uuml;tzung im Kampf gegen den Sozialstaat nat&uuml;rlich nur freuen.<\/p><p>Nun ist Broder aber nicht der einzige Rechtsextreme und die AfD wird Augsteins Steilvorlage sicher mit Freude vernehmen. Nat&uuml;rlich ist auch die AfD beileibe keine Freundin des Sozialstaats &ndash; <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36906\">ganz im Gegenteil<\/a>. Aber wenn noch mehr exponierte Vertreter der gesellschaftlichen oder politischen Linken Augsteins Beispiel folgen und frank und frei erkl&auml;ren, die &Ouml;ffnung bislang geschlossener Grenzen einer Verteidigung des Sozialstaats vorzuziehen und das Thema Sozialstaat ohnehin lieber der politischen Rechten zu &uuml;berlassen, wird dies den Rechten die W&auml;hler in Massen in die Arme treiben. Alleine die Vorstellung, Menschen mit derlei wirren Gedankenspr&uuml;ngen mitnehmen zu k&ouml;nnen, erscheint absurd.  Vielleicht sollte der Multimillion&auml;r Augstein auch mal seinen Elfenbeinturm im Regierungsviertel verlassen und mit normalen Menschen sprechen. Das ist hin und wieder ganz hilfreich, um seinen Kompass zu norden.<\/p><p>Man hat es derzeit als Mensch, der sich politisch links verortet, wirklich nicht einfach. Die gesamte Migrationsdebatte wird mittlerweile auch von Teilen der Linken derart unseri&ouml;s gef&uuml;hrt, dass man als bedingungsloser Verteidiger eines echten und fairen Asylrechts, das nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis gew&auml;hrleistet wird, und als Verfechter einer durchdachten Integrationspolitik, oft bereits in die &bdquo;rechte Ecke&ldquo; gedr&auml;ngt wird, nur weil man abstruse Maximalforderungen ablehnt. Wenn es nun &aacute; la Augstein auch noch Schule macht, die Verteidigung des Sozialstaats als moralisches Verbrechen an ertrinkenden Migranten zu deuten, hat die politische Linke sich wohl endg&uuml;ltig selbst ins Aus man&ouml;vriert. <\/p><p>Doch warum sollte man sich selbst in die Defensive begeben? Wer hat Jakob Augstein eigentlich die Prokura gegeben, f&uuml;r &bdquo;die politische Linke&ldquo; zu schreiben? Niemand. Es ist ja richtig &ndash; Jakob Augstein schreibt &ouml;fters auch sehr kluge, aber eben auch manchmal sehr dumme Sachen. Er ist meinungsstark und &uuml;berzieht gerne. Und wenn er mal in die falsche Richtung l&auml;uft, dann aber auch im gestreckten Galopp und mit wehenden Fahnen. Dass es ihm wohl eher um einen polarisierenden Meinungsbeitrag ganz im Sinne der Aufmerksamkeits&ouml;konomie und nicht um die Sache ging, sollte eigentlich klar sein. Und was noch wichtiger ist: Augsteins Kolumne beschreibt doch &uuml;berhaupt nicht die Position der gesellschaftlichen oder politischen Linken.<\/p><p>Mit keinem Wort geht er auf die Fluchtursachen ein. Er tr&auml;umt seinen &bdquo;deutschen Traum&ldquo; und verkennt dabei offensichtlich, dass niemand freiwillig flieht und es ziemlich egoistisch ist, die Flucht anderer Menschen zu seinem eigenen Traum zu verkl&auml;ren. Wenn man aus progressiver Sicht einen Traum haben kann, dann doch wohl den, dass kein Mensch mehr gezwungen ist, aus politischen oder &ouml;konomischen Gr&uuml;nden seine Heimat zu verlassen. Dies ist aber nicht Augsteins &bdquo;deutscher Traum&ldquo;. Man k&ouml;nnte also sagen: Da waren wir wirklich schon weiter.<\/p><p>Oder ist es vielleicht vielmehr so, dass wir Jakob Augstein viel zu ernst nehmen? Kann es nicht auch sein, dass er nicht der gro&szlig;e Denker, sondern auch nur ein ganz normaler Autor ist, der mal mehr, mal weniger schlaue Artikel und hin und wieder auch mal so richtigen Unsinn schreibt? Kann es vielleicht sogar sein, dass kein Subalterner sich dann traut, den gro&szlig;en intellektuellen Verleger darauf hinzuweisen und zu stoppen? Die Elitenverwahrlosung hat viele Gesichter. Und um Sie, liebe Leserinnen und Leser, wenigstens mit einer positiven Vision aus diesem n&ouml;tigen, aber unerfreulichen Zwischenruf zu entlassen, hier noch ein Verweis auf die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=41718\">Genfer Rede von Jeremy Corbyn<\/a>, der &ndash; anders als Jakob Augstein &ndash; seinen Kompass noch nicht verloren hat und &uuml;berzeugend darlegt, dass Sozialstaat und Humanit&auml;t keinesfalls Widerspr&uuml;che sind.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/18999ba5ffec4593bf083dbadcb0b7b2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180710_aug01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Was hat Jakob Augstein da nur geritten? 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