{"id":45072,"date":"2018-07-22T11:45:25","date_gmt":"2018-07-22T09:45:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45072"},"modified":"2018-12-30T14:20:41","modified_gmt":"2018-12-30T13:20:41","slug":"argentinien-brasilien-2018-spekulanten-paradiese-mit-sozialem-truemmerhaufen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45072","title":{"rendered":"Argentinien-Brasilien 2018 \u2013 Spekulanten-Paradiese mit sozialem Tr\u00fcmmerhaufen"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180720-Argentinien-Brasilien-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>&bdquo;Die Geduld ist bald zu Ende! Wenn es keine klare Antwort der Regierung gibt, werden wir unsere Forderungen erh&auml;rten, weil der Preis, den sie uns abverlangen, zu hoch ist&rdquo;, warnte Daniel Men&eacute;ndez &ndash; Sprecher der einflussreichen sozialen Bewegung &ldquo;Barrios de Pie&rdquo; (so viel wie &ldquo;Wohnbezirke mit aufrechtem Gang&rdquo;) &ndash; w&auml;hrend des j&uuml;ngsten Generalstreiks, der am vergangenen 25. Juni Argentinien landesweit lahmlegte, und forderte die Ausrufung des wirtschaftlichen Notstandes. Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&ldquo;Barrios de Pie&rdquo; ist bekannt f&uuml;r den Betrieb von Volksk&uuml;chen und Gemeinschafts-B&auml;ckereien f&uuml;r die Armen-Speisung, ferner f&uuml;r die Anlage von gemeinschaftlichen G&auml;rten f&uuml;r den Gem&uuml;seanbau und die Schaffung alternativer Arbeitspl&auml;tze. Im Bildungsbereich f&uuml;hrt die Bewegung unter anderem Seminare zum Abbau der Gewalt in der Familie durch, bietet Alphabetisierungskurse, Lernunterst&uuml;tzung f&uuml;r Sch&uuml;ler sowie Gesundheitskampagnen an.<\/p><p>Zorn und Verachtung auch im Lager der Gewerkschaften. Juan Carlos Schmid &ndash; Vorsitzender der Argentinischen Konf&ouml;deration der Transportarbeiter (CATT) und Generalsekret&auml;r des Allgemeinen Argentinischen Gewerkschaftsbundes (CGT) &ndash; erz&auml;hlte von gescheiterten Verhandlungen, bei denen die Arbeitervertretungen die Regierung Macri wegen inakzeptabler Entlassungsbedingungen zur Rede stellten. Worauf Finanzminister Nicol&aacute;s&nbsp;Dujovne mit selten geh&ouml;rter H&auml;me geantwortet hatte, die Regierung k&ouml;nne &bdquo;nicht in das Spiel des Marktes eingreifen&rdquo;, weil dies die Schaffung von Arbeitspl&auml;tzen beeintr&auml;chtigen w&uuml;rde (La CGT se decidi&oacute; y convoc&oacute; a un paro nacional &ndash; Pagina12, 13. Juni 2018).<\/p><p>&bdquo;Sie sagen, der Markt habe kein Vertrauen und dr&uuml;cke alles platt, was ihm im Weg steht. Es ist nicht zu glauben! Wegen diesem Teufel ist die H&auml;lfte des Landes wieder unter der Armutsgrenze. Wegen diesem M&uuml;ll namens &acute;Markt&acute;, der niemandem traut, grassiert Hunger und neu erh&ouml;hte Kindersterblichkeit, Entlassungen stehen auf der Tagesordnung, die L&ouml;hne haben ihren Wert verloren. Und wer ist der Markt?&ldquo;, hinterfragte der einflussreiche argentinische Journalist Luis Bruschtein, Mitherausgeber von Pagina12, der zurzeit einzigen unabh&auml;ngigen Tageszeitung in Buenos Aires.<\/p><p>&bdquo;Die gro&szlig;en Konzerne sorgten daf&uuml;r, dass ihre Vertreter in Staatssekretariaten, Ministerien, Vorst&auml;nden, Aufsichtsbeh&ouml;rden und sogar in den Gerichten untergebracht wurden. Der Pr&auml;sident selbst vertritt eines der m&auml;chtigsten Unternehmen&ldquo;, beklagte Bruschtein in einer bitteren politischen Abrechnung mit der Regierung Mauricio Macri, die seit ihrem Machtantritt Elend verbreitet.<\/p><p>&bdquo;In den &auml;rmeren Vierteln &hellip; vor allem in den Hauptstadt-Vororten herrscht eine echte Ern&auml;hrungsnotlage. Diese Regierung der Reichen hat kein Mitgef&uuml;hl, sie ignoriert die Armen. Und sie hat einen undenkbaren Zusammensto&szlig; im Karussell fertiggebracht. Die &acute;populistischen&acute; Esel &ndash; die (Anm.: Peronisten), die angeblich &sbquo;alles geklaut haben&lsquo; sollen &ndash; hatten einst das Land aus einer noch schlimmeren Lage heraus gerettet und es wieder funktionst&uuml;chtig gemacht. Im Gegenzug haben die Reichen, die ja alles besser wissen, das Land nun wieder in die Katastrophe gest&uuml;rzt, in die sie es in den 1990-ern bis zum Aufstand von 2001-2002 heruntergewirtschaftet hatten&rdquo; (L&iacute;nea de pobreza, Pagina12, 30. Juni 2018).<\/p><p><strong>Der soziale Preis des IWF-Eingriffs<\/strong><\/p><div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180720-Argentinien-Brasilien-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Es war der dritte Generalstreik seit dem Amtsantritt Mauricio Macris im Dezember 2015. Diesmal als Warnstreik gegen den Notruf der Regierung beim Internationalen W&auml;hrungsfonds (IWF). Ihm folgten am vergangenen 9. Juli &ndash; Feiertag der Nationalen Unabh&auml;ngigkeit Argentiniens &ndash; erneute Massenkundgebungen gegen die zu erwartenden Folgen der IWF-Finanzspritze, die zun&auml;chst f&uuml;r 30 Milliarden Dollar zugesagt wurde, doch insgesamt 50 Milliarden Dollar erreichen kann.<\/p><p>Den Ausschlag f&uuml;r den Hilferuf gab die Spekulation mit dem US-Dollar. Nachdem die Regierung dar&uuml;ber die Kontrolle verloren hatte, st&uuml;rzte Ende April der argentinische Peso in eine mehr als 10-prozentige Abwertung und trieb umgekehrt die Inflationsrate in die H&ouml;he. Mit breitspuriger Ambition hatte Macri schon w&auml;hrend seiner Wahlkampagne im Jahr 2015 versprochen, die Inflation auf &bdquo;Null&ldquo; zu senken, doch die radikal-liberale Finanzpolitik zur Beg&uuml;nstigung von Bankern und Rentiers besorgte das Gegenteil. N&auml;mlich mit 24,6 Prozent, nach Venezuela die zweith&ouml;chste Inflationsrate auf dem lateinamerikanischen Kontinent im Jahr 2017. Die erste Folge davon war, l&auml;ngst vor dem Anruf beim IWF, eine drakonische K&uuml;rzung der Haushaltsausgaben von umgerechnet 3,0 Milliarden Dollar.<\/p><p>Doch ist die Dollar-Spekulation nicht die Ursache, sondern umgekehrt die Folge einer neuen Schuldenspirale, nachdem Ex-Pr&auml;sident N&eacute;stor Kirchner im Jahr 2006 durch einen mit Argentiniens Gl&auml;ubigern ausgehandelten Schuldenschnitt s&auml;mtliche Obligationen gegen&uuml;ber dem IWF tilgte und die Landesfinanzen wieder auf gesunde F&uuml;&szlig;e stellte. Besonders renitente, sogenannte &bdquo;Geierfonds&ldquo;, bildeten eine Ausnahme und verklagten Argentinien vor internationalen Gerichten.<\/p><p>Mit massiver Emission von Schuldtiteln versuchte Macri, die von ihm nicht gebremste, sondern angeregte Neuverschuldung zu &uuml;berwinden. Beim Versuch, die Flucht der Investoren vor dem Absturz des Pesos zu stoppen, reagierte die argentinische Zentralbank zwischen Ende April und Anfang Mai 2018 mit einem Verzweiflungsakt. In einer einzigen Woche erh&ouml;hte sie dreimal die Zinss&auml;tze von 27,25 Prozent auf 40,0 Prozent und notierte damit den Zinssatz-Weltrekord an den internationalen B&ouml;rsen.<\/p><p>Doch es waren Staatsanleihen, vor deren fortgesetzter Emission amerikanische Privatbanker und die US-Regierung bereits eine im Januar 2018 eilends angereiste argentinische Delegation mit Finanzminister Luis Caputo an der Spitze diskret warnten. Offenbar hatte der &bdquo;Markt&ldquo; signalisiert, die Titel k&ouml;nnten angesichts der Zahlungsengp&auml;sse bald nur noch Ramschwert besitzen. Selbstverst&auml;ndlich hat der R&uuml;ckgriff auf den IWF einen hohen politischen und sozialen Preis; der Fond verschenkt nichts. Die Entscheidung weckte in der Bev&ouml;lkerung dramatische Erinnerungen an die Unruhen vom Dezember 2001, als die argentinischen Finanzen kollabierten und Pr&auml;sident Fernando de la Rua zum R&uuml;cktritt zwangen, dem die Noternennung und der unmittelbare Sturz von drei weiteren Pr&auml;sidenten folgte. <\/p><p>Die ausschlaggebenden Parteien der argentinischen Opposition, wie die peronistische Frente por la Victoria \/ B&uuml;ndnis f&uuml;r den Sieg (FPV), meldeten scharfe Kritik an der IWF-Vereinbarung, insbesondere an den damit verkn&uuml;pften &bdquo;brutalen&rdquo; sozialpolitischen Anpassungen an. Agust&iacute;n Rossi, Fraktionsvorsitzender des FPV im argentinischen Kongress, erkl&auml;rte, &bdquo;das wirtschaftspolitische Handbuch des IWF verordnet stets Beschneidungen von Geh&auml;ltern und Renten, Entlassung von &ouml;ffentlichen Bediensteten, usw. &hellip;&ldquo;.<\/p><p>&bdquo;Wir wissen doch, wie diese Geschichte endet. Es geschah so im Jahr 2001, aber auch schon unter der Diktatur, und danach mit der Hyperinflation von 1989, den Privatisierungen von Pr&auml;sident Carlos Menem und so weiter &hellip; es ist immer das Gleiche. Nicht die Arbeiter sollen nochmal f&uuml;r diese Krise zahlen, sondern die gro&szlig;en Wirtschaftsverb&auml;nde!&rdquo;, protestierte Nicol&aacute;s del Ca&ntilde;o, Abgeordneter der Frente de Izquierda (Linke Front). F&uuml;r die Beanspruchung der IWF-&Uuml;berbr&uuml;ckungs-Anleihe musste die Regierung ein entsprechendes Memorandum &uuml;ber die vom IWF erwarteten Anpassungsma&szlig;nahmen in der Wirtschafts- und Finanzpolitik unterzeichnen.<\/p><p>Insgesamt erh&auml;lt die Administration Mauricio Macri &ndash; die im Fall eines Wahlverlustes im Dezember 2019 aus dem Amt scheidet &ndash; bis zu 29,6 Milliarden Dollar. Die Zahlung des Restpostens erstreckt sich auf Macris eventuelle(n) Nachfolger(in) und endet im Jahr 2021. Die IWF-Anleihe ist in ein Austerit&auml;ts-Korsett gepresst. Zu den einzelnen vertraglichen Verpflichtungen geh&ouml;rt die Senkung des Haushaltsdefizits und der Inflation, eine restriktive Geldpolitik und ein mit dem Dollar als Leitw&auml;hrung gekoppelter, variabler Wechselkurs. Als &bdquo;Gegenleistung&ldquo; akzeptierte die Regierung Macri ferner die K&uuml;rzung staatlicher Subventionen und Sozialausgaben, die K&uuml;ndigung &ouml;ffentlicher Bediensteter und die Abschaffung einzelner Steuern.<\/p><p><strong>Argentinischer Experte: &bdquo;Die Verschuldung ist ein Betrug&rdquo;<\/strong><\/p><p>Alejandro Olmos Gaona, Historiker und Fachmann f&uuml;r Internationales Recht, hat nachgewiesen, dass es sich bei der argentinischen Auslandsverschuldung in der Hauptsache um <em>odious debt<\/em> &ndash; zu Deutsch: &ldquo;verhasste&rdquo; oder illegitime Schulden &ndash; handelt. Olmos Gaonas Vater, Alejandro Olmos, war Autor einer 1982 eingeleiteten, 18 Jahre andauernden Rechtsklage gegen den mutma&szlig;lich illegalen Ursprung der argentinischen Staatsschulden. Zwei Monate vor seinem Tod erlie&szlig; Richter Jorge Ballestero ein weltweit beispielloses Urteil, das die Illegalit&auml;t der Auslandsschulden, die Verantwortung der Beamten der Milit&auml;rdiktatur (1976-1983) und die Mitverantwortung internationaler Institutionen wie des IWF, der illegale und betr&uuml;gerische Kredite genehmigte, best&auml;tigt.<\/p><p>Da das entsprechende Kriminalurteil jedoch verj&auml;hrt war, adressierte Ballestero mit Berufung auf Artikel 75 der argentinischen Verfassung &ndash; der die &Uuml;berwachung der Auslandsschulden regelt &ndash; sein Urteil an das argentinische Parlament mit einer Anordnung zur Ergreifung entsprechender Rechtsmittel. Unverst&auml;ndlicherweise hat sich die parlamentarische Mehrheit im argentinischen Kongress niemals f&uuml;r die akute Staatssache engagiert. Angesichts der Apathie des Kongresses und der Bef&uuml;rchtung, dass die Ermittlungen seines Vaters im Sande verlaufen w&uuml;rden, trat Olmos Gaona selbst als Kl&auml;ger im Verfahren auf, das die gesamte Neufinanzierung der urspr&uuml;nglichen Schulden bis zum neuen Millennium untersuchte.<\/p><p>Im Dezember 2005 reichte der Jurist &ndash; gefolgt vom Friedensnobelpreistr&auml;ger Adolfo Perez Esquivel und mehr als 50 Vertretern sozialer, religi&ouml;ser, gewerkschaftlicher und Menschenrechts-Organisationen &ndash; eine Einstweilige Verf&uuml;gung gegen die vom IWF geforderte R&uuml;ckzahlung erteilter Darlehen ein, bis das Bundesgericht &uuml;ber die Legitimit&auml;t des Anspruchs entschied. Der damalige Pr&auml;sident N&eacute;stor Kirchner handelte vorteilhafte Konditionen aus und tilgte Argentiniens IWF-Schulden.<\/p><p>Doch damit war l&auml;ngst nicht die Frage beantwortet, wie die Hauptschulden gegen&uuml;ber den gro&szlig;en internationalen Banken zustande kamen und &ldquo;verwaltet&rdquo; wurden. Olmos Gaona schrieb dar&uuml;ber drei hochexplosive B&uuml;cher: &ldquo;La deuda odiosa. El valor de una doctrina jur&iacute;dica como instrumento de soluci&oacute;n pol&iacute;tica&rdquo; (Illegitime Schulden, Der Wert einer Rechtslehre als Instrument der politischen L&ouml;sung), &ldquo;La deuda argentina como delito&rdquo; (Argentiniens Schulden als Verbrechen) und &ldquo;La deuda externa argentina y los derechos humanos&rdquo; (Argentiniens Auslandsschulden und die Menschenrechte).<\/p><p>Der Verschuldungs-Rechtsexperte ist eindeutig in seinem Urteil: Die vierzigj&auml;hrige Geschichte der Staatsverschuldung &bdquo;war ein skandal&ouml;ser Betrug&rdquo; (Alejandro Olmos Gaona: &ldquo;Vamos inexorablemente a una crisis de la deuda&rdquo; &ndash; Izquierda Diario, 26. Mai 2018). Die gewagte Bilanz ist kein dahingeworfener Spruch. Olmos Gaona kennt die Umtriebe des internationalen Finanzkapitals aus den Gesch&auml;fts- und Gerichtsakten. <\/p><p>In einer dieser Urkunden stie&szlig; er auf einen Brief des ehemaligen Finanzministers Domingo Cavallo an Citibank, Deutsche Bank, J.P. Morgan und Credit Suisse, der sich doch tats&auml;chlich erkundigte, &bdquo;wie viel wir ihnen schuldeten&rdquo;; derart skandal&ouml;s war die unverantwortliche &bdquo;&Uuml;berwachung&ldquo; der zig Milliarden Dollar schweren Auslandsverschuldung. F&uuml;r die Jahreswende 2018\/2019 k&uuml;ndigte Olmos Gaona ein viertes Buch an.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180720-Argentinien-Brasilien-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><strong>Schauplatz Brasilien: Paradies der Rentiers, H&ouml;lle der Armen<\/strong><\/p><p>Aus dem 1.600 Kilometer Luftlinie n&ouml;rdlich von Buenos Aires gelegenen S&atilde;o Paulo meldete am gleichen Tag des Bruschtein-Protestes die Internet-Zeitung <em>Brasil 247<\/em>, dass &bdquo;nach Angaben der nationalen Stichprobenerhebung brasilianischer Haushalte die Anzahl Arbeitsloser im erwerbsf&auml;higen Alter, die es aufgegeben haben, nach Arbeit zu suchen, Rekordwerte erreicht hat. Die Menschen finden keinen Arbeitsplatz &hellip; Nach Angaben des brasilianischen statistischen Amtes IBGE waren 12,7 Prozent &ndash; insgesamt 13,2 Millionen Menschen &ndash; im ersten Quartal 2018 ohne Arbeit (Desalento de trabalhadores bate recorde no pa&iacute;s &ndash; Brasil247, 30. Juni 2018).<\/p><p>Dem folgte die Kontrastmeldung aus der Regionalzeitung <em>O Tempo<\/em>: &bdquo;Mitten in der Krise werden in Brasilien 7.000 neue Million&auml;re geboren. Die Einkommen der reichsten 20 Prozent wuchsen um 10,8 Prozent, w&auml;hrend das Einkommen der &auml;rmsten 20 Prozent um 5 Prozent abst&uuml;rzte&rdquo; (Em plena crise, Brasil ganha 7.000 novos milion&aacute;rios &ndash; 04\/07\/18). Und dann die Skandalnachricht: Nach der Gewinnaussch&uuml;ttung von 17,6 Milliarden Reais (umgerechnet ca. 4,0 Milliarden Euro) &ndash; entsprechend 70,6 Prozent des Rekordgewinns von umgerechnet 5,5 Milliarden Euro im Steuerjahr 2017 &ndash; an die Hauptbesitzer der Bankengruppe Ita&uacute; Unibanco, k&ouml;nnten diese Familien 2018 bis zu umgerechnet 2,0 Milliarden erhalten.<\/p><p>&bdquo;Sollte sich in den n&auml;chsten drei Quartalen der Gewinntrend der Bank durchsetzen und 25,7 Milliarden Reais (5,7 Milliarden Euro) erreichen, k&ouml;nnen die Eigent&uuml;mer eine Mindestaussch&uuml;ttung von 9 Milliarden Reais (2,0 Milliarden Euro) erwarten&rdquo;, war in der Tageszeitung <em>Jornal do Brasil<\/em> mit einem opportunen Vergleich zu lesen. Dass n&auml;mlich das von der Regierung Luis In&aacute;cio Lula da Silva geschaffene und von der De-facto-Regierung Michel Temer zwar stark gek&uuml;rzte, aus wahlpolitischen Gr&uuml;nden dennoch weitergef&uuml;hrte Sozialprogramm <em>Bolsa Fam&iacute;lia<\/em> im Jahr 2017 &auml;hnlich viel &ndash; 29,0 Milliarden Reais (6,4 Milliarden Euro) &ndash; ausgegeben hat.<\/p><p>Der &bdquo;kleine Unterschied&rdquo;: Die Gewinnaussch&uuml;ttung bei Ita&uacute; Unibanco, der f&uuml;hrenden Bankengruppe S&uuml;damerikas, flie&szlig;t in die Taschen von maximal 20 Individuen, w&auml;hrend das Sozialprogramm Bolsa Fam&iacute;lia 13 Millionen Familien mit monatlich 19 Euro, in extremer Armut Lebende mit bis zu 43 Euro unter die Arme greift (Itau&#769;: R$ 9 bilho&#771;es aos donos &ndash; Jornal do Brasil, 03. Mai 2018).<\/p><p>Entgegen der offiziellen Version der Regierung Temer, das Problem des Haushaltsdefizits seien die &ouml;ffentlichen, vor allem die Sozialausgaben, ist der explosionsartige Anstieg der Staatsverschuldung die Hauptursache des seit Amts&uuml;bernahme der De-facto-Regierung herrschenden Finanzlochs. Die brasilianische Staatsverschuldung, die den Rekordwert von 3,7 Billionen Reais (ca. 820 Milliarden Euro) erreicht hat, verschlingt 44,93 Prozent des Staatshaushalts allein mit der Verzinsung der Schuldenbedienung. Eine der Folgen: der erneute Absturz von Millionen Brasilianern in die extreme Armut. <\/p><p>In der brasilianischen Ausgabe der spanischen Tageszeitung <em>El Pa&iacute;s<\/em> war dar&uuml;ber Mitte Juli zu lesen: &bdquo;Als Brasilien 2014 aus der Liste der L&auml;nder ausschied, in denen mehr als 5 Prozent der Bev&ouml;lkerung t&auml;glich weniger Kalorien zu sich nehmen als (Anm.: von der Weltern&auml;hrungsorganisation) empfohlen, hatte es eine beispiellose Errungenschaft vollbracht: es hatte die sogenannte UNO-Weltkarte des Hungers verlassen. Drei Jahre sp&auml;ter warnte jedoch schon ein von 20 Organisationen der Zivilgesellschaft im Juli 2017 ver&ouml;ffentlichter Bericht vor den Risiken einer Wiederaufnahme in die unerw&uuml;nschte Hunger-Karte&ldquo; (&ldquo;A extrema pobreza voltou aos n&iacute;veis de 12 anos atr&aacute;s&rdquo; &ndash; El Pa&iacute;s Brasil, 15. Juli 2018).<\/p><p>Francisco Menezes, National&ouml;konom am Brasilianischen Institut f&uuml;r Sozial- und Wirtschaftsanalyse (Ibase), Forscher von ActionAid Brasil und Herausgeber des erw&auml;hnten Berichts, warnte vor wenigen Tagen, dass eine f&uuml;r Ende Juli 2018 geplante Aktualisierung des Berichts die vor einem Jahr angedeuteten Bef&uuml;rchtungen auf dramatische Weise best&auml;tigt. Demnach attestieren neueste ActionAid-Untersuchungen der Indikatoren f&uuml;r Armut und extreme Armut, dass Brasilien zwischen 2015 und 2017 auf das Niveau von vor 12 Jahren &ndash; also vor dem Start der Armuts- und Hungerbek&auml;mpfungs-Programme der Regierung von Pr&auml;sident Luis In&aacute;cio Lula da Silva &ndash; zur&uuml;ckgefallen ist. In nackten, abschreckenden Zahlen ausgedr&uuml;ckt: Mindestens 10 Millionen Brasilianer sind gegenw&auml;rtig in neue Armut abgest&uuml;rzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180720-Argentinien-Brasilien-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>&bdquo;Die Geduld ist bald zu Ende! Wenn es keine klare Antwort der Regierung gibt, werden wir unsere Forderungen erh&auml;rten, weil der Preis, den sie uns abverlangen, zu hoch ist&rdquo;, warnte Daniel Men&eacute;ndez &ndash; Sprecher der einflussreichen sozialen Bewegung &ldquo;Barrios de Pie&rdquo; (so viel wie<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45072\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[136,20,156,132],"tags":[965,881,423,282,1613,308,292,285,365,589,2006,2056,2199,233,312,479,637,325,1176,1976,687,1085],"class_list":["post-45072","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-banken-boerse-spekulation","category-landerberichte","category-schulden-sparen","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-argentinien","tag-armut","tag-austeritaetspolitik","tag-buergerproteste","tag-brasilien","tag-existenzminimum","tag-finanzkasino","tag-hedgefonds","tag-inflation","tag-iwf","tag-kirchner-nestor","tag-lula-da-silva-luiz-inacio","tag-macri-mauricio","tag-marktliberalismus","tag-reformpolitik","tag-reservearmee","tag-staatsanleihen","tag-staatsschulden","tag-streik","tag-temer-michel","tag-ungleichheit","tag-wechselkurse"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45072","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=45072"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45072\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48073,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45072\/revisions\/48073"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=45072"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=45072"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=45072"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}