{"id":451,"date":"2005-01-25T20:28:59","date_gmt":"2005-01-25T18:28:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=451"},"modified":"2016-03-20T10:38:21","modified_gmt":"2016-03-20T09:38:21","slug":"studienkosten-belasten-die-falschen-eine-populistische-kampagne-der-insm-fur-die-einfuhrung-von-studiengebuhren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=451","title":{"rendered":"\u201eStudienkosten belasten die Falschen.\u201c Eine populistische Kampagne der INSM f\u00fcr die Einf\u00fchrung von Studiengeb\u00fchren"},"content":{"rendered":"<p>Mit dem Bild eines Studierenden, der auf dem R&uuml;cken eines gleichaltrigen Automechanikers an seinem Studiertisch sitzt, schaltet die &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; eine Anzeige, in der sie auf ziemlich demagogische Weise ein Vorurteil der nichtakademischen Erwerbst&auml;tigen zu sch&uuml;ren versucht, n&auml;mlich dass aus den Steuermitteln der &Auml;rmeren das Studium der Reichen finanziert w&uuml;rde. Das, gezielt einen Tag vor einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, in der Karlsruhe dar&uuml;ber urteilt, ob mit der Regelung im Hochschulrahmengesetz, wonach ein Erststudium geb&uuml;hrenfrei sein soll, der Bund in die Gesetzgebungszust&auml;ndigkeit der L&auml;nder eingegriffen hat.<br>\n<!--more--><br>\nEinmal mehr darf Oswald Metzger, Kuratoriumsmitglied der INSM, als &bdquo;Kronzeuge&ldquo; f&uuml;r eine irref&uuml;hrende Behauptung herhalten, n&auml;mlich dass Studiengeb&uuml;hren nicht etwa zu einer noch gr&ouml;&szlig;eren sozialen Benachteiligung von Studierenden aus Familien mit geringerem Einkommen f&uuml;hrten, sondern sogar umgekehrt mehr Verteilungsgerechtigkeit br&auml;chten. Der in der &Ouml;ffentlichkeit immer noch als &bdquo;Gr&uuml;ner&ldquo; gehandelte Metzger l&auml;sst sich offenbar vor jeden Karren spannen, wenn es gegen die rot-gr&uuml;ne Bundesregierung oder um den Abbau sozialer Errungenschaften geht. <\/p><p>Mit dem demagogischen Argument, dass etwa die Zahnarzthelferin mit ihren Steuern das teure Studium des Zahnarztes aus reichem Hause mitfinanziere, wurde schon &ouml;fters versucht, vor allem bildungsfernere Bev&ouml;lkerungsschichten oder W&auml;hlerkreise aus der Arbeitnehmerschaft gegen die bisher gesetzlich gebotene Studiengeb&uuml;hrenfreiheit aufzuwiegeln.<br>\nDa die INSM, nachdem die Parteien weitgehend auf deren neoliberalen Kurs eingeschwenkt sind, vom Unternehmerverband &bdquo;Gesamtmetall&ldquo; den Auftrag bekommen hat, jetzt auch noch das widerspenstige Volk auf Sozialabbau und Umverteilung von unten nach oben einzuschw&ouml;ren, bedient sie sich dieses Motivs des Sozialneides um Propaganda f&uuml;r die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren zu machen. <\/p><p>Die Behauptung Studiengeb&uuml;hren schafften mehr &bdquo;Verteilungsgerechtigkeit&ldquo; hat vor &uuml;ber zehn Jahren einmal der Erlanger Finanzwirtschaftler Karl-Dieter Gr&uuml;ske in die Debatte eingebracht. Seine Studie wurde zwar schon mehrfach widerlegt, doch selbst wenn es richtig w&auml;re, dass &ndash; wie das INSM schreibt &ndash; &bdquo;Akademiker im Erwerbsleben einen Einkommensvorteil genie&szlig;en, der von allen Steuerzahlern bezahlt wird&ldquo;, die angehenden Akademiker aber &bdquo;f&uuml;r ihr Studium selbst aber nicht aufkommen m&uuml;ssen&ldquo;, so w&auml;re diese Aussage entweder trivial oder allenfalls ein weiteres Beispiel f&uuml;r ein sozial ungerechtes Steuersystem. <\/p><p>Trivial w&auml;re das Argument deshalb, weil f&uuml;r viele &ouml;ffentliche Leistungen gilt, dass sie von geringer Verdienenden mitfinanziert werden, ohne dass diese von ihnen in Anspruch genommen w&uuml;rden: Das f&auml;ngt bei den Operh&auml;usern an und h&ouml;rt bei den Forschungssubventionen f&uuml;r Gro&szlig;unternehmen nicht auf. Wer &bdquo;den Staat&ldquo; nur f&uuml;r das bezahlen will, wof&uuml;r er eine unmittelbare Gegenleistung erh&auml;lt, will weg von der Errungenschaft des &bdquo;Steuerstaats&ldquo; und hin zum &bdquo;Geb&uuml;hrenstaat&ldquo;. Im &bdquo;Geb&uuml;hrenstaat&ldquo; zahlt jeder nur die Leistung, die er in Anspruch nimmt &ndash; sofern er sie bezahlen kann. Ein sozialer Ausgleich &uuml;ber eine Steuerprogression findet im nicht mehr statt. Der &bdquo;Geb&uuml;hrenstaat&ldquo; hei&szlig;t Verteilung und Inanspruchnahme &ouml;ffentlicher Leistungen nach der &bdquo;Prim&auml;rverteilung&ldquo;, also nach den bestehenden Verm&ouml;gens- und Verteilungsverh&auml;ltnissen. <\/p><p>In der Bildungspolitik, wo es ja um die Verteilung der Chancen der zuk&uuml;nftigen Generation geht, wo also wenigstens nicht schon die Chancen f&uuml;r junge Leute vom &bdquo;Geldbeutel&ldquo; der Eltern abh&auml;ngig sein sollten, kann oder sollte es jedenfalls nicht von den bestehenden Verm&ouml;gensverh&auml;ltnissen abh&auml;ngen, ob jemand seine Bildungschancen bezahlen kann oder nicht. <\/p><p>Scheinbar merkt Oswald Metzger als Vork&auml;mpfer f&uuml;r mehr &bdquo;Verteilungsgerechtigkeit&ldquo; mittels Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren nicht einmal, dass er mit seiner Behauptung ein &bdquo;Eigentor&ldquo; schie&szlig;t: Sollte es n&auml;mlich wirklich so sein, dass ein besser verdienender Akademiker die &ouml;ffentlichen Kosten f&uuml;r sein Studium nicht &uuml;ber seine sp&auml;ter abzuf&uuml;hrende (Einkommens- oder Ertrags-) Steuer refinanziert, dann hie&szlig;e das schlicht, dass er im Vergleich zum geringer verdienenden Nichtakademiker zu wenig Steuern bezahlen muss. <\/p><p>Es w&auml;re dann jedenfalls erheblich gerechter, um ein Vielfaches einfacher und weniger aufw&auml;ndig gewesen, den bisherigen Spitzensteuersatz beizubehalten, statt &uuml;ber ein teures zus&auml;tzliches Verwaltungsverfahren eine Studiengeb&uuml;hr in gerade in der Lebensphase eines jungen Menschen einzutreiben, wo er jedenfalls nicht viel verdient oder noch nicht viel verdient hat. Das bedeutete n&auml;mlich einen weiteren Bruch des &bdquo;Generationenvertrages&ldquo;. Es ist schon merkw&uuml;rdig, dass gerade die Gewinner der Bildungsexpansion, die selbst von einem geb&uuml;hrenfreien Studium profitierten, nun bei der Nachfolgegeneration abkassieren wollen. <\/p><p>Verteilungs- und Chancengerechtigkeit w&uuml;rden im &uuml;brigen viel direkter dadurch erreicht, wenn man die F&ouml;rderung der Kinder von Geringverdienern so attraktiv machte, dass sie &ndash; wenn man schon so rechnen will &ndash; wenigstens bis zu ihrem Anteil an der Finanzierung der Hochschulausbildung auch an den Hochschulen vertreten w&auml;ren. Besser w&auml;re nat&uuml;rlich noch, wenn alle Einkommensschichten gleich repr&auml;sentiert w&auml;ren. <\/p><p>Mit Studiengeb&uuml;hren h&auml;tte die Tochter der vielzitierten &bdquo;Zahnarzthelferin&ldquo; jedenfalls eine noch viel h&ouml;here Finanzbarriere f&uuml;r ein Studium zu &uuml;berwinden. <\/p><p>&Uuml;ber diese harten Tatsachen hilft auch die Sch&ouml;nrederei &uuml;ber &bdquo;sozial ausgewogene Bildungskredite&ldquo; nicht hinweg: <\/p><ol>\n<li>Weil es noch nirgendwo ein System von &bdquo;sozial ausgewogenen&ldquo; Bildungskrediten gibt. Auch hier scheint f&uuml;r deren Protagonisten &ndash; wie bei Hartz IV &ndash; zu gelten, erst einmal &bdquo;fordern&ldquo; und die &bdquo;F&ouml;rderung&ldquo; kann dann warten.<\/li>\n<li>W&uuml;rde mit einem umfassenden Studentendarlehenssystem allenfalls der unter schlechten Gesch&auml;ften leidenden Kreditwirtschaft ein Milliardengesch&auml;ft mit Studierenden er&ouml;ffnet &ndash; wom&ouml;glich gar mit staatlicher Ausfallb&uuml;rgschaft.<\/li>\n<li>W&auml;re mit den aufgelaufenen Darlehensschulden die Benachteiligung von Studierenden aus niedrigeren Einkommensverh&auml;ltnissen nicht etwa aufgehoben, sondern nur als Start- und Einkommensnachteil in die Berufsphase fortgeschrieben. Wer reiche Eltern hat, startete ohne Hypothek.<\/li>\n<li>Wer behauptet, dass eine Darlehensschuld keine Bildungsbarriere darstellt, offenbart ein typisches &bdquo;Oberschichtendenken&ldquo;. Es ist nachweislich so, dass auf Grund des niedrigeren Einkommens in statusniedrigeren Familienverh&auml;ltnissen das Risiko und die Kosten eines Studiums h&ouml;her eingesch&auml;tzt werden als in statush&ouml;heren und meist zugleich auch verm&ouml;genderen. Es ist nicht verwunderlich, dass bei besser Verdienenden &bdquo;der Apfel nicht weit vom Stamm f&auml;llt&ldquo;, in solchen Familien droht bei einer Entscheidung gegen das Studieren ein aktueller Statusverlust. &Auml;rmere stehen bei dieser Frage vor dem Risiko, ob ein Studium tats&auml;chlich zu einem Statusgewinn f&uuml;hrt.<\/li>\n<li>Bildungskredite benachteiligen in besonderer Weise Frauen. Die R&uuml;ckzahlungsverpflichtungen vor dem Hintergrund nach wie vor schlechterer Einkommenserwartungen von Frauen oder deren (biologisch und kulturell bestimmte) Unterbrechung der Erwerbst&auml;tigkeit in der &bdquo;Kindererziehungsphase&ldquo; haben f&uuml;r weibliche Studierwillige einen noch h&ouml;heren Abschreckungseffekt als bei m&auml;nnlichen.<\/li>\n<\/ol><p>Nicht &bdquo;Studienkosten belasten die Falschen&ldquo;, wie die INSM meint, sondern Studiengeb&uuml;hren belasten die Falschen. Aber das ist ja nichts Neues von der Initiative &bdquo;Neue&ldquo; Soziale Marktwirtschaft.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Bild eines Studierenden, der auf dem R&uuml;cken eines gleichaltrigen Automechanikers an seinem Studiertisch sitzt, schaltet die &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; eine Anzeige, in der sie auf ziemlich demagogische Weise ein Vorurteil der nichtakademischen Erwerbst&auml;tigen zu sch&uuml;ren versucht, n&auml;mlich dass aus den Steuermitteln der &Auml;rmeren das Studium der Reichen finanziert w&uuml;rde. 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