{"id":45113,"date":"2018-07-24T08:35:34","date_gmt":"2018-07-24T06:35:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45113"},"modified":"2019-04-10T10:31:17","modified_gmt":"2019-04-10T08:31:17","slug":"besuch-in-wolgograd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45113","title":{"rendered":"Besuch in Wolgograd"},"content":{"rendered":"<p>Das war sie also, die, glaubt man den Expertenmeinungen au&szlig;erhalb des deutschen Mainstreams, beste WM aller Zeiten. Es war eine wunderbare Zeit, f&uuml;r mich ein wundervoller, erf&uuml;llender Monat in Russland. Nun ist die WM vorbei, meine Faszination f&uuml;r Russland jedoch nicht. Als ich vor Kurzem in Wolgograd war, war der Gro&szlig;teil der Besucher aus Wolgograd bereits wieder abgereist, denn das letzte Spiel im neu gebauten Stadion war bereits gespielt. Der spannende, internationale Teil der WM mit zahlreichen ausl&auml;ndischen G&auml;sten in der Stadt war f&uuml;r Wolgograd schon zu Ende. Die St&auml;nde und Zelte vor dem Stadion wurden wieder abgebaut. Doch auch ohne gro&szlig;e Zahl an ausl&auml;ndischen G&auml;sten verblieb die Stadt im WM-Fieber. Die Stimmung in der Fan-Zone war beeindruckend. Ganz Wolgograd schien sich dort allabendlich zu versammeln und gemeinsam zu feiern. Von <strong>Gert-Ewen Ungar<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5091\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-45113-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180724_Besuch_in_Wolgograd_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180724_Besuch_in_Wolgograd_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180724_Besuch_in_Wolgograd_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180724_Besuch_in_Wolgograd_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=45113-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180724_Besuch_in_Wolgograd_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180724_Besuch_in_Wolgograd_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Doch Wolgograd war f&uuml;r mich weniger wegen der WM ein Ort, den ich unbedingt besuchen wollte. Die Stadt, die vormals den Namen Stalingrad trug und zum Sinnbild des Schreckens moderner Kriege wurde, m&uuml;sste eigentlich ein herausragender Ort russisch-deutscher Erinnerungskultur sein. Dachte ich. Schlie&szlig;lich gilt die Schlacht von Stalingrad als der Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges. Die Stadt ist in der Tat ein Ort des Andenkens, allerdings nur des russischen.<br>\nIch habe dort mit Maks von der Pop-Formation &ldquo;Elektroheel&rdquo; gesprochen. Ihm ist Wolgograd fast schon zu ausschlie&szlig;lich Erinnerungskultur. &ldquo;Es gibt hier die Schlacht von Stalingrad, sonst gibt es hier eigentlich nichts.&rdquo; <\/p><p>Ich kann das nicht beurteilen, ich war zu kurz in der Stadt, um eine wom&ouml;glich doch vorhandene Underground-Kultur, um Varianten und Verborgenes entdecken zu k&ouml;nnen. Was ich allerdings sagen kann, ist, dass Wolgograd f&uuml;r mich die erste Stadt war, die noch etwas von Sowjetunion ausstr&ouml;mte. Ich kenne zahlreiche St&auml;dte im europ&auml;ischen Teil Russlands. In allen St&auml;dten finden sich Statuen von Lenin und die Symbolik der Sowjetunion als Zeichen der Geschichte. Doch in Wolgograd war es zum ersten Mal, dass ich das Gef&uuml;hl hatte, so muss es wohl in etwa gewesen sein in der UdSSR. <\/p><p>Und dann nahm ich teil an der Erinnerungskultur. Es war mir wichtig. Als Deutscher, als Friedensfreund und Pazifist, als jemand, der Krieg nicht f&uuml;r ein robustes Mandat und schon gar nicht f&uuml;r eine humanit&auml;re Intervention, sondern f&uuml;r das Tor zu unserer Kehrseite, zur Unmenschlichkeit h&auml;lt. Krieg ist Scheitern an uns selbst.<\/p><p>Maks hat recht, wenn er sagt, die Schlacht von Stalingrad sei in Wolgograd auch heute noch allgegenw&auml;rtig. Mitten in der Stadt befindet sich das Panorama-Museum der Schlacht von Stalingrad. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180724-Wolgograd-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Schon auf dem Au&szlig;engel&auml;nde steht milit&auml;risches Ger&auml;t aus der Zeit, das einen ersten Eindruck vermittelt, was an Kriegsmaterial aufgewendet worden war. Granatwerfer, gepanzerte Fahrzeuge und vieles mehr. Welchen Effekt es erzielte, sieht man an der alten M&uuml;hle, die zerbombt als Denkmal im Zentrum des Museumsgel&auml;ndes steht.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180724-Wolgograd-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Im Museum selbst eine nahezu un&uuml;berschaubare Zahl an Exponaten. Kriegsger&auml;t, Dokumente, Briefe, Bilder. Das Museum ist gut besucht, doch ich bin vermutlich der einzige Deutsche, der sich heute erinnern lassen m&ouml;chte. Wir gehen die Treppe hoch in den gro&szlig;en Panorama-Saal. Ein Panorama-Gem&auml;lde zeigt Momentaufnahmen aus der Schlacht. Es findet aktuell eine F&uuml;hrung statt. Wir h&ouml;ren zu. Die Museumsp&auml;dagogin schildert mit viel Enthusiasmus die Vorg&auml;nge, die im Bild dargestellt sind. <\/p><p>Mich erstaunt der andere Umgang. W&auml;hrend f&uuml;r Deutsche Stalingrad immer noch so etwas ist wie das deutsche Trauma schlechthin, die Schlacht, die wir gegen die Russen verloren haben, ist es hier der gewonnene Kampf gegen den Faschismus.<br>\nRusslands Pr&auml;sident Putin sagte einmal, die Deutschen seien die ersten Opfer des Faschismus geworden. Es scheint, diese Differenzierung teilt ganz Russland. Zumindest ist sie hier im Panorama-Museum und in der Stadt Wolgograd deutlich zu sp&uuml;ren.<br>\nDeutsche und deutsche Kultur werden gesch&auml;tzt. Unweit der Uferpromenade der Wolga findet sich das Restaurant &ldquo;Bamberg&rdquo;, daneben die Bierstube &ldquo;Gretel&rdquo;. Mich &uuml;berrascht, so viel deutsche Ess- und Trinkkultur ausgerechnet hier zu finden. Ich hatte mit Ressentiments gerechnet, aber nicht mit in der ganzen Stadt zu findenden Zeugnissen der Aufgeschlossenheit gegen&uuml;ber der deutschen Kultur.<\/p><p>Wir denken anders. Wir denken in anderen Begriffen. Generell kann ich sagen, ich wurde in Russland aufgrund meiner Herkunft noch nie diskriminiert. Ich wurde schon geh&auml;nselt wegen meinem starken Akzent. Man hat sich schon lustig gemacht, weil ich mal wieder die falsche grammatische Form erwischt und dadurch Unsinn erz&auml;hlt habe. Aber mein Deutschsein wurde noch nie mit Faschismus gleichgesetzt und dann auf entsprechenden NAZI-Stereotypen herumgeritten, wie das beispielsweise in den USA gerne mal passiert. Russland ist zur Differenzierung in der Lage. <\/p><p>Umgekehrt ist das leider nicht so. Alle meine russischen Freunde, die schon einmal hier waren, k&ouml;nnen von Diskriminierung wegen ihrer Herkunft berichten. In einigen F&auml;llen wurde ich Zeuge. Man hat es nicht leicht als Russe in Deutschland, denn wir Deutschen lieben Stereotype und Schubladen. Etwas l&auml;uft schief in unserer Erinnerungskultur. Sie l&auml;uft nicht synchron, obwohl sie das aufgrund der zu erinnernden Geschichte eigentlich m&uuml;sste.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180724-Wolgograd-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Am n&auml;chsten Tag besuchen wir den Mamajew-H&uuml;gel. Der Mamajew-H&uuml;gel ist als architektonische Inszenierung eine Meisterleistung. Oben auf dem H&uuml;gel die Mutter-Heimat-Statue mit dem erhobenen Schwert. Darunter der Saal des Soldatenruhmes. Man kann den Eindruck, den all das hinterl&auml;sst, nicht schildern, man muss es gesehen haben.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180724-Wolgograd-04.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Wir treffen zuf&auml;llig Bekannte, die in Moskau wohnen, die wir aber in Spanien kennengelernt haben. Wir plaudern, erinnern uns an den Urlaub. Zu meiner Verwunderung unterbleibt wieder jeder Hinweis auf meine Herkunft. Ich erwarte die ganze Zeit so etwas wie &ldquo;Du? Als Deutscher hier?&rdquo; <\/p><p>Erst sp&auml;ter verstehe ich, es geht &uuml;berhaupt nicht um Herkunft. Es geht die Erinnerung an den Faschismus und die Schrecken des Krieges. Die Erinnerung ist notwendig, damit man in der Lage ist, rechtzeitig die Zeichen seiner Wiederkehr zu sehen. Faschismus ist unabh&auml;ngig von der Zugeh&ouml;rigkeit zu einer Nation. (Auch wenn meiner Meinung nach die Deutschen eine besondere Veranlagung dazu mitbringen. Die Blockwart-Mentalit&auml;t der Antideutschen, der Antifa- und Ditfurth-J&uuml;nger mit ihren anonymen Watchblogs und Prangern im Internet wiederholt mit modernen technischen Mitteln den autorit&auml;ren Geist der drei&szlig;iger Jahre und versucht jenseits von aufgekl&auml;rter Diskussion und Argumentation einen Konformit&auml;tsdruck zu erzeugen, wie er f&uuml;r den deutschen autorit&auml;ren und autorit&auml;tsgl&auml;ubigen Charakter typisch ist.)<br>\nDie deutsche Geschichte ist mit der russischen aufs Engste verflochten. Insbesondere in der j&uuml;ngeren Geschichte verdanken wir der Sowjetunion und Russland viel. Die mit unglaublichem Blutzoll vollzogene Befreiung vom Faschismus, die Wiedervereinigung, die wohl schon viel fr&uuml;her als 1990 h&auml;tte stattfinden k&ouml;nnen, all das verbindet uns mit Russland. Es war Adenauer, der Stalins Vorschlag einer Wiedervereinigung Deutschlands als neutraler, blockfreier Staat zugunsten einer Westeinbindung der Bundesrepublik ablehnte. <\/p><p>Auch die Rolle Russlands bei der Wiedervereinigung 1990 scheint mir viel zu wenig gew&uuml;rdigt und zunehmend vergessen.<br>\nEs ist dieses Land, dem wir so viel verdanken, gegen das wir Sanktionen verh&auml;ngen, gegen das wir jetzt wieder unsere Raketen richten und unsere Armeen in Stellung bringen, wobei gleichzeitig die deutsche Propaganda auf Hochtouren l&auml;uft, damit alles Trennende im Vordergrund gehalten wird und wir auf keinen Fall das Denken in Stereotypen und Schubladen aufgeben.<br>\nMan muss es immer wieder wiederholen: Es l&auml;uft etwas grunds&auml;tzlich schief in unserer gemeinsamen Erinnerungskultur. Es geht dabei gar nicht darum, moralisch zu werden, mit dem erhobenen Zeigefinger zu kommen, sondern einfach darum zu erinnern, wie es kam, damit es nie wieder kommt. Wir in Deutschland tun das nicht, Russland tut es, obwohl es auch unsere Geschichte ist. Russland tut es gleichsam f&uuml;r uns mit und das mit gro&szlig;er Leichtigkeit, wie es hier in Wolgograd an den St&auml;tten der Erinnerung zu sp&uuml;ren war, denn es fehlte jede belastende Schwere und der Begriff &ldquo;Schuld&rdquo;.<\/p><p>Da wir unsere Geschichte nicht wachhalten, sind wir vermutlich dazu verdammt, alle gemachten Fehler zu wiederholen. Aktuell sieht es ganz stark danach aus. Wir schlafwandeln geschichtslos in die n&auml;chste Katastrophe. &nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das war sie also, die, glaubt man den Expertenmeinungen au&szlig;erhalb des deutschen Mainstreams, beste WM aller Zeiten. Es war eine wunderbare Zeit, f&uuml;r mich ein wundervoller, erf&uuml;llender Monat in Russland. Nun ist die WM vorbei, meine Faszination f&uuml;r Russland jedoch nicht. 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