{"id":45141,"date":"2018-07-25T14:01:12","date_gmt":"2018-07-25T12:01:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45141"},"modified":"2019-08-26T10:54:16","modified_gmt":"2019-08-26T08:54:16","slug":"solidaritaet-statt-heimat-wirklich-von-winfried-wolf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45141","title":{"rendered":"Solidarit\u00e4t STATT Heimat \u2013 wirklich? Von Winfried Wolf."},"content":{"rendered":"<p>Das ist die &Uuml;berschrift eines neuen Artikels von <strong>Winfried Wolf<\/strong>. Die NachDenkSeiten haben zwar schon einiges &uuml;ber den Aufruf &bdquo;Solidarit&auml;t statt Heimat&ldquo; geschrieben &ndash; im Wesentlichen sehr Kritisches. Winfried Wolf geh&ouml;rt zu den Unterzeichnern und hat sich jetzt dennoch kritisch ge&auml;u&szlig;ert. Wir geben hier seinen Essay wieder, am Ende dann nicht nur mit einem Link auf das schon einmal in den Hinweisen des Tages verlinkte Gedicht von Kurt Tucholsky, sondern mit vollem Text. Viele Leser gehen erfahrungsgem&auml;&szlig; an einem Link vorbei, an einem Text weniger. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Solidarit&auml;t STATT Heimat &ndash; wirklich?<\/strong><\/p><p>Der Aufruf &bdquo;Solidarit&auml;t statt Heimat&ldquo; fand viele &bdquo;Unterst&uuml;tzerinnen und Unterst&uuml;tzer&ldquo;. Ich z&auml;hle zu ihnen. Die Grundaussage, die von vielen getragene Stellungnahme gegen Fremdenhass und Rassismus, die vehemente Forderung &bdquo;ausgehetzt!&ldquo;, wie dies in M&uuml;nchen am vergangenen Sonntag, dem 22. Juli, Zehntausende forderten, ist jede Unterst&uuml;tzung wert. <\/p><p>Inzwischen hat sich eine engagierte Debatte um diesen Aufruf entwickelt. Im Mittelpunkt steht dabei offensichtlich die Debatte innerhalb der Partei DIE LINKE. Gefragt, was er von dem Aufruf halte, antwortete das IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-J&uuml;rgen Urban: &bdquo;Gro&szlig;artig! Wenn Menschen ihre Stimme gegen einen Rassismus erheben, der bis weit in die Mitte der Gesellschaft hineinragt, dann k&ouml;nnen es nicht genug sein.&ldquo; Auf die Nachfrage von Johannes Schulten im &bdquo;Freitag&ldquo;, warum er selbst den Aufruf nicht unterzeichnet habe, antwortete dieser: &bdquo;Weil dieser Aufruf neben den offenkundigen antirassistischen Botschaften, denen ich mich anschlie&szlig;e, auch eine versteckte Agenda enth&auml;lt [&hellip;] Die Subbotschaft des Aufrufs zielt auf eine innerlinke Kontroverse. Sein Anlass war offenbar die Auseinandersetzung in der Partei Die Linke um Migration [&hellip;] Der Aufruf stellt sich in diesem Konflikt auf eine Seite und bezichtigt [&hellip;] einen Teil der Linken des Rassismus.&ldquo; (<a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/anti-rassismus-und-eine-versteckte-agenda\">siehe hier<\/a>)<\/p><p>Nun d&uuml;rfte diesen Teil der Debatte nur ein kleiner Teil der &Ouml;ffentlichkeit, die diesen Appell zur Kenntnis nimmt, nachvollziehen k&ouml;nnen. Dies ist eine &ndash; berechtigte &ndash; innerlinke Debatte, die auch auf den Nachdenkseiten intensiv gef&uuml;hrt wurde. <\/p><p>Aber wie kommt die &Uuml;berschrift zu dem Appell zustande? Warum soll es diese Art Gegensatz zwischen &bdquo;Solidarit&auml;t&ldquo; und &bdquo;Heimat&ldquo; geben? Das stie&szlig; mir sehr fr&uuml;h in Diskussionen &uuml;ber den Appell und nach der Frage eines Freundes, warum ich denselben denn unterzeichnet h&auml;tte, auf. In der &Uuml;berschrift ist das Wort &bdquo;Heimat&ldquo; nicht in Anf&uuml;hrungszeichen gesetzt. Im Appell selbst taucht nur ganz kurz ein teilweise nachvollziehbarer Bezug auf: &bdquo;Heimatministerium, Abschiebeoffensiven, Hetzkampagnen und institutioneller Rassismus geh&ouml;ren zum Alltag&hellip;&ldquo; <\/p><p>Doch dann hei&szlig;t es dort auch: &bdquo;Der deutsche Pfad von Sparpolitik und einseitiger Exportorientierung [&hellip;] schafft prek&auml;re Arbeits- und Lebensbedingungen und n&auml;hrt Zukunfts&auml;ngste. Seine Probleme lassen sich nicht durch [&hellip;] nationalistische Wohlfahrtsstaatlichkeit l&ouml;sen, die auf [&hellip;] Abschottung setzt &ndash; und auf weltfremde Phantasien einer &acute;Steuerung&acute; von Migration und des wohligen Privatgl&uuml;cks in der &acute;Heimat&acute;&ldquo;. <\/p><p>Einmal abgesehen von der verqueren Sprachf&uuml;hrung (auf den &bdquo;Problemen des Pfads&ldquo; m&ouml;chte man nicht ernstlich wandeln; der Genitiv am Satzende bezieht sich auf &bdquo;Phantasien&ldquo;; bei derlei &bdquo;Phantasien [&hellip;] des Privatgl&uuml;cks in der &acute;Heimat&acute;&ldquo; wird einem ganz schwummerant) &ndash; die negative Konnotation von &bdquo;Gl&uuml;ck&ldquo; beziehungsweise &bdquo;Privatgl&uuml;ck&ldquo; einerseits und &bdquo;Heimat&ldquo; &ndash; nun in Anf&uuml;hrungszeichen &ndash; andererseits ist ungut. Dies stellt eine fatale Kapitulation vor den S&ouml;der, Seehofer &amp; Salvini dar.<\/p><p>Fragte mich jemand, was denn meine &bdquo;Heimat&ldquo; sei, w&uuml;rde ich vielleicht kurz z&ouml;gern, aber dann doch antworten: &bdquo;Oberschwaben&ldquo; und &bdquo;Bodensee&ldquo;. Z&ouml;gern, weil das Substantiv inzwischen doch etwas fremd &ndash; weil CSU-belastet &ndash; erscheint. Wobei mir dann auch wieder die wunderbare TV-Serie von Edgar Reitz einf&auml;llt, die just den Titel &bdquo;Heimat&ldquo; tr&auml;gt: Und die in keiner Weise mit rechten Positionen belastet, sondern voll von solidarischer &ndash; gemeinschaftlicher &ndash; Liebe zur Heimat Hunsr&uuml;ck erf&uuml;llt ist.<\/p><p>Sp&auml;testens bei einer abgewandelten Adjektiv-Frage, der Frage, wo ich mich &bdquo;heimatlich&ldquo; oder &bdquo;heimatlich verbunden&ldquo; f&uuml;hlte, g&auml;be ich ohne jegliches Z&ouml;gern die genannte Antwort. Und ich w&uuml;rde an den 1. Mai in diesem Jahr erinnern, als es in meiner HEIMATstadt Ravensburg einen alternativen Ersten Mai zu feiern gab, den die Leute vom &bdquo;Politischen Wohnzimmer&ldquo; in Ravensburg um Micha und Frank Matschinski und viele andere phantasiereich, bunt und heimatverbunden gestalteten; unter den mehr als hundert Anwesenden waren gut zwei Drittel Gefl&uuml;chtete. Der Clown, der die Fl&uuml;chtlingskids bespa&szlig;te, sprach schw&auml;bisch &ndash; doch, was wunder: Er ward von den afghanischen, pal&auml;stinensischen und irakischen Kindern sehr wohl verstanden.<\/p><p>Und wie sah das am vergangenen Sonntag auf dem K&ouml;nigsplatz in M&uuml;nchen aus, als f&uuml;nfzigtausend gegen S&ouml;der, Seehofer &amp; Salvini demonstrierten? Da gab es &ndash; wiedergegeben in der &bdquo;S&uuml;ddeutschen Zeitung&ldquo; (23.7.) &ndash; ein Transparent mit der Aufschrift &bdquo;Home is where the Seehofer not is&ldquo;. Diese Zeitung berichtet von einer Stefanie Stohwasser, &bdquo;die vom Chiemsee gekommen ist und ein traditionelles Dirndl tr&auml;gt. [&hellip;] Das Dirndl hat sie extra angezogen: um zu zeigen, dass sie &acute;Bayern sich nicht wegnehmen l&auml;sst&acute;&ldquo;. In der Demo wurde &ndash; ganz bewusst getragen &ndash; eine Bayern-Fahne mitgef&uuml;hrt. Sein Tr&auml;ger wird zitiert mit: &bdquo;Damit ich mich f&uuml;r Bayern nicht nur sch&auml;men muss&ldquo;. Der von Josef Wirnshofer verfasste, verdienstvolle Seite-Drei-Artikel der SZ endet wie folgt: Die Kulturwissenschaftlerin Simone &bdquo;Egger will gerade aufbrechen, da sammelt sich pl&ouml;tzlich eine Hochzeitsgruppe um die Bavaria. M&auml;nner in Dreadlocks und Trachtenjacken. &Uuml;ppig t&auml;towierte Frauen, deren Dirndlsch&uuml;rzen flattern, wenn sie lachen. Egger z&uuml;ckt ihr Smartphone, das muss sie fotografieren, genau das meint sie: Die Leute wollen sich nicht vorschreiben lassen, wie Heimat aussieht.&ldquo;<\/p><p>Ach ja. Und dann las ich gestern zu Bette in meiner derzeitigen n&auml;chtlichen Lust- und Pflichtlekt&uuml;re S&auml;tze, die mich f&ouml;rmlich elektrisierten und eine gute Stunde Schlafs kosteten: &bdquo;Nun wollen wir auch einmal Ja sagen. Ja -: zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland. [&hellip;] Dem einen geht das Herz auf in den Bergen, wo Feld und Wiese in die kleinen Stra&szlig;en sehen, am Rande der Gebirgsseen, wo es nach Wasser und Holz und Felsen riecht und wo man einsam sein kann; wenn da einer seine Heimat hat, dann h&ouml;rt er dort ihr Herz klopfen. [&hellip;] So widerw&auml;rtig mir jene sind, die &ndash; umgekehrte Nationalisten &ndash; nun &uuml;berhaupt nichts mehr Gutes an diesem Land lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle &ndash; so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterl&auml;ndische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen &ndash; aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verb&auml;nde &uuml;ber die Wege trommeln &ndash; mit dem gleichen Recht [&hellip;] nehmen wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel &ndash; mit genau demselben Recht nehmen wir Fluss und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen &ndash; weil wir es lieben.&ldquo;<\/p><p>Kurt Tucholsky schrieb diese S&auml;tze in einem Beitrag mit Titel &bdquo;Heimat&ldquo; im Jahr 1929, angesichts eines damals aufziehenden Nationalismus. Man lese die zwei Seiten in Band 7, Gesammelte Werke (Rowohlt 1981), Seite 312 oder <a href=\"https:\/\/www.textlog.de\/tucholsky-heimat.html\">HIER<\/a> und hier der Text:<\/p><p><strong>Heimat<\/strong><\/p><blockquote><p>\nAber einen Trost hast du immer, eine Zuflucht, ein Wegschweifen. Selbst auf Umgebungsflachheiten stehen B&auml;ume, Wasseraugen schimmern dich an, Horizonte sind weit, und auch durch d&uuml;stere Verh&auml;ngung kommt noch Feldatem.<br>\n<em>Alfons Goldschmidt:&nbsp;&rsaquo;Deutschland heute&lsaquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Nun haben wir auf vielen Seiten Nein gesagt, Nein aus Mitleid und Nein aus Liebe, Nein aus Ha&szlig; und Nein aus Leidenschaft &ndash; und nun wollen wir auch einmal Ja sagen. Ja &ndash;: zu der Landschaft und zu dem Land Deutschland.<\/p><p>Dem Land, in dem wir geboren sind und dessen Sprache wir sprechen.<\/p><p>Der Staat schere sich fort, wenn wir unsere&nbsp;<em>Heimat<\/em>&nbsp;lieben. Warum grade sie &ndash; warum nicht eins von den andern L&auml;ndern &ndash;? Es gibt so sch&ouml;ne.<\/p><p>Ja, aber unser Herz spricht dort nicht. Und wenn es spricht, dann in einer andern Sprache &ndash; wir sagen &rsaquo;Sie&lsaquo; zum Boden; wir bewundern ihn, wir sch&auml;tzen ihn &ndash; aber es ist nicht das.<\/p><p>Es besteht kein Grund, vor jedem Fleck Deutschlands in die Knie zu sinken und zu l&uuml;gen: wie sch&ouml;n! Aber es ist da etwas allen Gegenden Gemeinsames &ndash; und f&uuml;r jeden von uns ist es anders. Dem einen geht das Herz auf in den Bergen, wo Feld und Wiese in die kleinen Stra&szlig;en sehen, am Rand der Gebirgsseen, wo es nach Wasser und Holz und Felsen riecht, und wo man einsam sein kann; wenn da einer seine Heimat hat, dann h&ouml;rt er dort ihr Herz klopfen. Das ist in schlechten B&uuml;chern, in noch d&uuml;mmeren Versen und in Filmen schon so verf&auml;lscht, dass man sich beinah sch&auml;mt, zu sagen: man liebe seine Heimat. Wer aber wei&szlig;, was die Musik der Berge ist, wer die t&ouml;nen h&ouml;ren kann, wer den Rhythmus einer Landschaft sp&uuml;rt &hellip; nein, wer gar nichts andres sp&uuml;rt, als dass er zu Hause ist; dass das da sein Land ist, sein Berg, sein See, auch wenn er nicht einen Fu&szlig; des Bodens besitzt &hellip; es gibt ein Gef&uuml;hl jenseits aller Politik, und aus diesem Gef&uuml;hl heraus lieben wir dieses Land. Wir lieben es, weil die Luft so durch die Gassen flie&szlig;t und nicht anders, der uns gewohnten Lichtwirkung wegen &ndash; aus tausend Gr&uuml;nden, die man nicht aufz&auml;hlen kann, die uns nicht einmal bewu&szlig;t sind und die doch tief im Blut sitzen.<\/p><p>Wir lieben es, trotz der schrecklichen Fehler in der verlogenen und anachronistischen Architektur, um die man einen weiten Bogen schlagen mu&szlig;; wir versuchen, an solchen Monstrosit&auml;ten vorbeizusehen; wir lieben das Land, obgleich in den W&auml;ldern und auf den &ouml;ffentlichen Pl&auml;tzen manch Konditortortenbild eines Ferschten dr&auml;ut &ndash; la&szlig; ihn dr&auml;uen, denken wir und wandern fort &uuml;ber die Wege der Heide, die sch&ouml;n ist, trotz alledem.<\/p><p>Manchmal ist diese Sch&ouml;nheit aristokratisch und nicht minder deutsch; ich vergesse nicht, dass um so ein Schlo&szlig; hundert Bauern im Notstand gelebt haben, damit dieses hier gebaut werden konnte &ndash; aber es ist dennoch, dennoch sch&ouml;n. Dies soll hier kein Album werden, das man auf den Geburtstagstisch legt; es gibt so viele. Auch sind sie stets unvollst&auml;ndig &ndash; es gibt immer noch einen Fleck Deutschland, immer noch eine Ecke, noch eine Landschaft, die der Fotograf nicht mitgenommen hat &hellip; au&szlig;erdem hat jeder sein Privat-Deutschland. Meines liegt im Norden. Es f&auml;ngt in Mitteldeutschland an, wo die Luft so klar &uuml;ber den D&auml;chern steht, und je weiter nordw&auml;rts man kommt, desto lauter schl&auml;gt das Herz, bis man die See wittert. Die See &ndash; Wie schon Kilometer vorher jeder Pfahl, jedes Strohdach pl&ouml;tzlich eine tiefere Bedeutung haben &hellip; wir stehen nur hier, sagen sie, weil gleich hinter uns das Meer liegt &ndash; f&uuml;r das Meer sind wir da. Windumweht steht der Busch, feiner Sand knirscht dir zwischen den Z&auml;hnen &hellip;<\/p><p>Die See. Unverge&szlig;lich die Kindheitseindr&uuml;cke; unverwischbar jede Stunde, die du dort verbracht hast &ndash; und jedes Jahr wieder die Freude und das &raquo;Guten Tag!&laquo; und wenn das Mittell&auml;ndische Meer noch so blau ist &hellip; die deutsche See. Und der Buchenwald; und das Moos, auf dem es sich weich geht, dass der Schritt nicht zu h&ouml;ren ist; und der kleine Weiher, mitten im Wald, auf dem die M&uuml;cken tanzen &ndash; man kann die B&auml;ume anfassen, und wenn der Wind in ihnen saust, verstehen wir seine Sprache. Aus Scherz hat dieses Buch den Titel&nbsp;&rsaquo;<em>Deutschland, Deutschland &uuml;ber alles<\/em>&lsaquo;&nbsp;bekommen, jenen t&ouml;richten Vers eines gro&szlig;m&auml;uligen Gedichts. Nein, Deutschland steht nicht &uuml;ber allem und ist nicht &uuml;ber allem &ndash; niemals. Aber&nbsp;<em>mit<\/em>&nbsp;allen soll es sein, unser Land. Und hier stehe das Bekenntnis, in das dieses Buch m&uuml;nden soll:<\/p><p><em>Ja, wir lieben dieses Land.<\/em><\/p><p>Und nun will ich euch mal etwas sagen:<\/p><p>Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich &rsaquo;national&lsaquo; nennen und nichts sind als b&uuml;rgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache f&uuml;r sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da.<\/p><p>Sie rei&szlig;en den Mund auf und rufen: &raquo;Im Namen Deutschlands &hellip; !&laquo; Sie rufen: &raquo;Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.&laquo; Es ist nicht wahr.<\/p><p>Im Patriotismus lassen wir uns von jedem &uuml;bertreffen &ndash; wir f&uuml;hlen international. In der Heimatliebe von niemand &ndash; nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es.<\/p><p>Und so widerw&auml;rtig mir jene sind, die &ndash; umgekehrte Nationalisten &ndash; nun &uuml;berhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle &ndash; so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterl&auml;ndische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen &ndash; aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verb&auml;nde &uuml;ber die Wege trommeln &ndash; mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel &ndash; mit genau demselben Recht nehmen wir Flu&szlig; und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen &ndash; weil wir es lieben. Man hat uns zu ber&uuml;cksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn &rsaquo;Deutschland&lsaquo; gedacht wird &hellip; wie einfach, so zu tun, als bestehe Deutschland nur aus den nationalen Verb&auml;nden.<\/p><p>Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.<\/p><p>Und in allen Gegens&auml;tzen steht &ndash; unersch&uuml;tterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalit&auml;t und ohne gez&uuml;cktes Schwert &ndash; die stille Liebe zu unserer Heimat.<\/p><p><em><strong>Kurt Tucholsky<\/strong><\/em><br>\n<em>Aus: Deutschland, Deutschland.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist die &Uuml;berschrift eines neuen Artikels von <strong>Winfried Wolf<\/strong>. Die NachDenkSeiten haben zwar schon einiges &uuml;ber den Aufruf &bdquo;Solidarit&auml;t statt Heimat&ldquo; geschrieben &ndash; im Wesentlichen sehr Kritisches. Winfried Wolf geh&ouml;rt zu den Unterzeichnern und hat sich jetzt dennoch kritisch ge&auml;u&szlig;ert. Wir geben hier seinen Essay wieder, am Ende dann nicht nur mit einem Link<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45141\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[165,161],"tags":[1435,1055,835,826,1332,340],"class_list":["post-45141","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-wertedebatte","tag-buergerinitiative","tag-fluechtlinge","tag-nationalismus","tag-rassismus","tag-tucholsky-kurt","tag-zuwanderung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45141","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=45141"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45141\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":54377,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45141\/revisions\/54377"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=45141"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=45141"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=45141"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}