{"id":45186,"date":"2018-07-29T11:45:24","date_gmt":"2018-07-29T09:45:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45186"},"modified":"2026-01-27T11:59:34","modified_gmt":"2026-01-27T10:59:34","slug":"kurt-gritsch-journalisten-schaffen-durch-ihre-sprache-freund-und-feindbilder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45186","title":{"rendered":"Kurt Gritsch: \u201eJournalisten schaffen durch ihre Sprache Freund- und Feindbilder\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150611_gritsch.jpg\" alt=\"Kurt Gritsch\" title=\"Kurt Gritsch\"><\/div><p>Was ist Friedensjournalismus? Unter anderem darum geht es im NachDenkSeiten-Interview mit <strong><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26380\">Kurt Gritsch<\/a><\/strong>. Der Schweizer Historiker und Friedensforscher, der sich intensiv mit der Berichterstattung gro&szlig;er Medien zum Kosovo-Krieg <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33128\">auseinandergesetzt<\/a> hat, betont, dass ein Journalismus, der sich dem Frieden verpflichtet f&uuml;hlt, nicht die Sprache des Milit&auml;rs &uuml;bernehmen d&uuml;rfe. Ein Friedensjournalismus bezeichne Bombenangriffe als Bombenangriffe und nicht als &bdquo;Luftoperationen&ldquo;. Das Interview f&uuml;hrte <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8406\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-45186-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180730_Journalisten_schaffen_durch_ihre_Sprache_Freund_und_Feindbilder_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180730_Journalisten_schaffen_durch_ihre_Sprache_Freund_und_Feindbilder_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180730_Journalisten_schaffen_durch_ihre_Sprache_Freund_und_Feindbilder_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180730_Journalisten_schaffen_durch_ihre_Sprache_Freund_und_Feindbilder_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=45186-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180730_Journalisten_schaffen_durch_ihre_Sprache_Freund_und_Feindbilder_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180730_Journalisten_schaffen_durch_ihre_Sprache_Freund_und_Feindbilder_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Gritsch, durch Ihre Studie zum <a href=\"https:\/\/weltnetz.tv\/video\/1402-der-kosovo-krieg-eine-gesteuerte-debatte\">Kosovo-Krieg<\/a> haben Sie sich auch mit <a href=\"https:\/\/weltnetz.tv\/video\/1406-wie-koennen-wir-uns-gegen-eine-manipulation-unserer-einstellungen-ueberzeugungen-und\">Propaganda<\/a> in der Berichterstattung auseinandergesetzt. Welchen Eindruck haben Sie, wenn Sie sich heute die Medien anschauen?<\/strong><\/p><p>Noch immer ist festzustellen, dass eines der gro&szlig;en Probleme in der Sprache liegt, die Journalisten verwenden.<\/p><p><strong>Was hei&szlig;t das?  <\/strong><\/p><p>Journalisten schaffen durch ihre Sprache Freund- und Feindbilder. Wenn vor unserer aller Augen ein Krieg gef&uuml;hrt wird, aber &ndash; aus welchen Gr&uuml;nden auch immer &ndash; das Wort &bdquo;Krieg&ldquo; vermieden werden soll, dann h&ouml;ren wir in der Berichterstattung, dass wir es mit einer &bdquo;Intervention&ldquo; zu tun haben. Also man versucht <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=36428\">Ersatzbegriffe<\/a> zu finden, die die Wirklichkeit &bdquo;entsch&auml;rfen&ldquo;. Will man hingegen einen &bdquo;Gegner&ldquo; eindeutig als &bdquo;b&ouml;se&ldquo; darstellen, dann findet sich das Wort Krieg in gro&szlig;er Zahl in der Berichterstattung. Dann ist ganz problemlos davon die Rede, dass die entsprechende &bdquo;Kriegspartei&ldquo; &bdquo;das V&ouml;lkerrecht bricht&ldquo;. Mir f&auml;llt also auf, dass auch heute noch Journalisten sich nicht an dem Konzept des Friedensforschers Johan Galtung orientieren, der betont, wie wichtig Friedensjournalismus ist. <\/p><p><strong>Was ist unter einem Friedensjournalismus zu verstehen? <\/strong><\/p><p>Der Friedensjournalismus schaut genau, was die Interessen der verschiedenen Konfliktparteien sind und beh&auml;lt immer im Auge, wie man &uuml;ber potenzielle Friedensm&ouml;glichkeiten berichten kann. Dazu stellt er die Unbeteiligten, die Zivilisten, in den Mittelpunkt der Berichterstattung, wobei er die Verbrechen aller Beteiligten anprangert und sich nicht auf eine bestimmte Seite stellt. Er l&auml;sst anders als heute oft getan wird eben nicht in erster Linie Milit&auml;rs zu Wort kommen. Denn Milit&auml;rs haben einen anderen Zugang zu Konflikten &ndash; sie gehen von Sieg oder Niederlage aus, w&auml;hrend Diplomaten m&uuml;hsam Kompromisse erstreiten m&uuml;ssen. Friedensjournalismus verwendet, was besonders wichtig ist, nicht die Sprache der Milit&auml;rs. Er wird also nicht von &bdquo;Luftoperationen&ldquo; sprechen, sondern von Bombenangriffen. Friedensjournalismus <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42552\">distanziert sich von Krieg<\/a> im Allgemeinen, er r&uuml;ckt L&ouml;sungsm&ouml;glichkeiten in den Mittelpunkt, er zielt auf Kompromisse. Demgegen&uuml;ber geht es in der Kriegsberichterstattung eher um Sieg oder Niederlage, weshalb wir dann auch immer Feindbilder vorfinden. Wenn ich als Journalist oder als Chefredakteur davon &uuml;berzeugt bin, dass es in einem Konflikt eine gute und eine b&ouml;se, eine richtige und eine falsche Seite gibt, dann ist klar, dass der Gegner auch sprachlich diskreditiert wird. <\/p><p><strong>Wir k&ouml;nnen also festhalten: Es gilt das, worauf die NachDenkSeiten seit Jahren immer wieder aufmerksam machen, n&auml;mlich, dass Mediennutzer unbedingt auf die <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=40414\">Sprache<\/a> achten sollten, die Journalisten verwenden.<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich. Es ist doch ein gro&szlig;er Unterschied, ob ich eine Gruppe von &bdquo;Untergrundaktivisten&ldquo; als eine &bdquo;Miliz&ldquo;, die in einem Kriegsgebiet aktiv ist, bezeichne, oder ob ich von Freiheitsk&auml;mpfern, Separatisten oder Terroristen spreche. Das ist eigentlich ein altbekanntes Beispiel, aber man kann es nicht oft genug anf&uuml;hren, um zu verdeutlichen, was die Gewichtung von Sprache in Medien bedeutet. Als Historiker versuche ich immer einen m&ouml;glichst neutralen Begriff zu finden, um dann zu beschreiben, was diese Gruppe, &uuml;ber die ich rede, tut. &ldquo;In den Medien ist es leider so, dass eine Gruppe, die mit den Interessen des eigenen Staates verbunden ist, dem der Journalist oder das Medium also nahesteht, besch&ouml;nigend als &ldquo;Aufst&auml;ndische&rdquo;, &bdquo;Rebellen&ldquo; oder &bdquo;Freiheitsk&auml;mpfer&ldquo; bezeichnet wird, w&auml;hrend die Gruppen, die vorgeblich auf der Gegenseite, also gegen die Interessen des eigenen Staates stehen, als &bdquo;Terroristen&ldquo; oder beispielsweise &bdquo;Separatisten&ldquo; bezeichnet werden &ndash; man blicke auf die Berichterstattung zur Ukraine.&rdquo;<\/p><p><strong>Nun haben Journalisten doch in aller Regel ein sehr ausgepr&auml;gtes Sprachverst&auml;ndnis und sie d&uuml;rften auch dar&uuml;ber Bescheid wissen, wie weitreichend Sprache gerade dann sein kann, wenn es um Krieg und Frieden geht. Warum kommt es dennoch immer wieder zu einer Berichterstattung, in der sich einer Sprache bedient wird, die Wirklichkeit verzerrt oder gar verf&auml;lscht wiedergegeben wird?<\/strong><\/p><p>Ich habe ja exemplarisch den Kosovo-Krieg untersucht. Die Erkenntnisse, zu denen ich dabei gelangt bin, lassen sich auch auf die Berichterstattung zu anderen Kriegen &uuml;bertragen. Beim Kosovo-Krieg hat sich gezeigt, dass sehr viele Medien unkritisch die Wortwahl der Milit&auml;rs &uuml;bernommen haben. Ich konnte also immer wieder feststellen, dass die Berichterstattung einseitig war. Man hat tats&auml;chlich die Sprechschablonen des Nato-Pressesprechers Jamie Shea in Br&uuml;ssel &uuml;bernommen. <\/p><p><strong>Was hat er gesagt? <\/strong><\/p><p>Er hat nat&uuml;rlich nicht von einem Angriffskrieg gesprochen (um den es sich faktisch gehandelt hat!), sondern von einer &bdquo;humanit&auml;ren Intervention&ldquo;. Die Absicht dahinter ist eindeutig: Es ging darum, das Wort Krieg zu vermeiden. H&auml;tte er von einem &bdquo;Krieg&ldquo; gesprochen, dann w&auml;re schnell klargeworden, dass wir es hier mit einem Bruch des V&ouml;lkerrechts zu tun haben. Dann w&auml;re aber auch klargeworden, dass die NATO nicht die Guten waren &ndash; genau das mussten sie aber sein, um die eigene Gewaltanwendung vor der westlichen &Ouml;ffentlichkeit, auf deren Zustimmung sie angewiesen waren (und sind), zu rechtfertigen. Jamie Shea hat das also sehr clever gemacht, indem er das m&auml;chtigste Milit&auml;rb&uuml;ndnis der Welt, das gerade dabei war, sich von Verteidigung auf globale Interventionskriege umzustellen, als den Besch&uuml;tzer der Schwachen (konkret wurde ja behauptet, den unterdr&uuml;ckten Albanern im Kosovo helfen zu wollen) darzustellen. Wobei dies ein alter Hut ist &ndash; Aggressoren stellen zur Rechtfertigung ihrer Handlungen stets den Angegriffenen als &bdquo;wahren Aggressor&ldquo; dar.<\/p><p><strong>Worauf sollten Mediennutzer achten, wenn sie nicht einer <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42216\">Propaganda-Sprache<\/a> auf den Leim gehen m&ouml;chten? <\/strong><\/p><p>Es gilt darauf zu achten, ob die verwendete Sprache in der Berichterstattung deskriptiv oder normativ, also beschreibend oder wertend ist. Wenn n&auml;mlich ein Begriff wertend ist, findet sich in ihm auch eine bestimmte Haltung. Und damit ist dann klar: Hier wird nicht sachlich berichtet, sondern h&ouml;chst subjektiv. Wenn Journalisten sich wertender Begriffe bedienen, ist es auch v&ouml;llig egal, ob ich nun die S&uuml;ddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine oder den russischen Sender RT konsumiere. Bei allen Medien, die wertende Begriffe in ihrer nachrichtlichen Berichterstattung unterbringen, ist Vorsicht geboten.  Wer auf eine wertende Berichterstattung st&ouml;&szlig;t, sollte immer versuchen, weitere Quellen zum Vergleich zu finden. Der Mediennutzer sollte sich die Frage stellen: Gibt es auch andere wertende Positionen? Wenn ja: Wie sehen diese aus? Widersprechen sie der Meldung, die ich gelesen oder geh&ouml;rt habe? Das Wichtigste ist, dass man sich nicht von der emotionalen Zuschreibung mitrei&szlig;en l&auml;sst, sondern k&uuml;hlen Kopf bewahrt. Eine Berichterstattung, die Feindbilder produziert, will ja etwas erreichen &ndash; sie will, dass ich als Medienrezipient Partei ergreife. Deshalb sollten wir uns von einer Einteilung in Gut und B&ouml;se distanzieren. Das wird der Realit&auml;t nicht gerecht. Konflikte entstehen n&auml;mlich aufgrund unterschiedlicher Interessen und nicht aufgrund eines Kampfes von Gut gegen B&ouml;se. Und sie lassen sich nur durch Kompromisse l&ouml;sen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/150611_gritsch.jpg\" alt=\"Kurt Gritsch\" title=\"Kurt Gritsch\"\/><\/div>\n<p>Was ist Friedensjournalismus? Unter anderem darum geht es im NachDenkSeiten-Interview mit <strong><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=26380\">Kurt Gritsch<\/a><\/strong>. Der Schweizer Historiker und Friedensforscher, der sich intensiv mit der Berichterstattung gro&szlig;er Medien zum Kosovo-Krieg <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33128\">auseinandergesetzt<\/a> hat, betont, dass ein Journalismus, der sich dem Frieden verpflichtet f&uuml;hlt,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45186\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,209,123,183,171],"tags":[2175,432,304,690,2299],"class_list":["post-45186","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-interviews","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","category-militaereinsaetzekriege","tag-interventionspolitik","tag-kosovo","tag-kriegsverbrechen","tag-neusprech","tag-sprachkritik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45186","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=45186"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45186\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":84464,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45186\/revisions\/84464"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=45186"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=45186"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=45186"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}