{"id":45306,"date":"2018-08-04T11:45:23","date_gmt":"2018-08-04T09:45:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45306"},"modified":"2019-08-26T11:36:02","modified_gmt":"2019-08-26T09:36:02","slug":"das-monsterprojekt-stuttgart-21-die-aussagen-von-thilo-sarrazin-im-verkehrsausschuss-am-11-6-2018-und-das-droehnende-schweigen-der-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45306","title":{"rendered":"Das Monsterprojekt Stuttgart 21, die Aussagen von Thilo Sarrazin im Verkehrsausschuss am 11. 6. 2018 und das dr\u00f6hnende Schweigen der Politik"},"content":{"rendered":"<p>Am 11. Juni 2018 gab es im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestags eine &ouml;ffentliche Anh&ouml;rung mit dem Titel &bdquo;Ausstieg aus Stuttgart 21&ldquo;. Thilo Sarrazin war dort als Sachverst&auml;ndiger geladen; er war 2000\/2001 Netzvorstand der Deutschen Bahn AG. Laut dem seit Mitte Juli 2018 vorliegenden Wortprotokoll trug er dort in zwei Beitr&auml;gen h&ouml;chst Interessantes vor. Und zwar erstens zu den Kosten von S21, zweitens zur Kapazit&auml;t von S21 und vor allem zum Vorgang, wie das unwirtschaftlichste aller Bahnprojekte dann doch bevorzugt angegangen wurde. Von <strong>Winfried Wolf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die Kosten von S21<\/strong><\/p><p>Zu diesem Thema f&uuml;hrte Sarrazin aus: &bdquo;Wir hatten damals bereits gesch&auml;tzt, dass die Kosten [von Stuttgart 21; W.W.] nach Endabrechnung &ndash; damals gingen wir davon aus, dass das Projekt vielleicht 2015 fertig sein w&uuml;rde &ndash; [&hellip;] sich irgendwo bei dem Doppelten und dem Dreifachen [der ersten Kalkulation; W.W.] einpendeln w&uuml;rden. Diese Zusammenh&auml;nge waren nat&uuml;rlich auch bei der Bahn und auch im Bahnvorstand bekannt. Hier begann der Punkt mit den normativen Vorgaben. Von Seiten der Bahnfinanzer wollte man nat&uuml;rlich jetzt nicht f&uuml;r Kosten Raum geben. Von Seiten der Ingenieure wollte man m&ouml;glichst viel bauen. Von Seiten des Bundes wollte man m&ouml;glichst niedrige Zahlen sehen. Also waren da (alle) [&hellip;] dankbar daf&uuml;r, dass die Zahlen nicht so hoch waren, weil man dann mehr bauen konnte. Diese Abl&auml;ufe waren allen bekannt [&hellip;] Insofern haben wir bei Stuttgart 21 etwas, was zeigt, was bei der Bahn &uuml;blich war. Nur zeigt es sich hier im besonders extremen Umfang. Denn es war ja ganz unten in allen Prognosen. Es gab damals zu diesem Vorhaben zwei Wirtschaftsgutachten, eins von der Unternehmensberatung Wibera, aus dem Jahr 2001, das sagte: das Vorhaben ist selbst dann, wenn man die Kostenrisiken nicht einbezieht, so nicht wirtschaftlich. Und es gab ein Gutachten von PWC vom Fr&uuml;hjahr 2001, welches unter der Annahme, dass kein Risiko eintritt [&hellip;] eine knappe Wirtschaftlichkeit errechnete. Das bedeutete f&uuml;r jeden, der Zahlen &uuml;bersetzte [&hellip;] dass das Vorhaben unwirtschaftlich sein w&uuml;rde.&ldquo;<\/p><p><strong>In welcher Rangordnung stand Stuttgart 21?<\/strong><\/p><p>Im zweiten Statement von Th. Sarrazin stellte dieser das Projekt S21 in einen Kontext unterschiedlicher Bahnprojekte und f&uuml;hrte dazu u.a. das Folgende aus:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Als ich mir das [die Infrastrukturprojekte der Bahn und die begrenzten Mittel; W.W.] damals [2000; W.W.] als der zust&auml;ndige Netzvorstand anschaute, habe ich gesagt, wir m&uuml;ssen an die Sache anders  rangehen. Die Frage [ist], was ist rentabel? Was ist nicht rentabel? [&hellip;] Wichtig ist, damit wir die Mittel, die immer knapp sind, auch richtig verbauen, m&uuml;ssen wir im System eine Rentabilit&auml;tsrangordnung herstellen und m&uuml;ssen dann die jeweils rentabelsten Dinge machen. [&hellip;] Wo sind die Kapazit&auml;tsengp&auml;sse? Wo gibt es den meisten Ertrag? Das waren damals ganz eindeutig gewisse Engpassfaktoren im Netz und das war der [notwendige; W.W.] Ausbau des G&uuml;terverkehrs. Bei uns standen zum Beispiel der sogenannte Eiserne Rhein [Bahnverbindung aus den Niederlanden nach Deutschland; W.W.] und die Zuf&uuml;hrungsstrecke nach Basel ganz vorne. Dann fielen viele Dinge raus. Bei uns fielen damals schon raus die Projekte 8.1., 8.2., das war einfach nicht darstellbar [gemeint ist die Hochgeschwindigkeitsstrecke Berlin &ndash; M&uuml;nchen; W.W.] [&hellip;] Und ganz tief unten, unter der 8.1., 8.2., stand das Projekt Stuttgart 21, was letztlich keinerlei Kapazit&auml;tserweiterung hat. Sondern eigentlich nur eine ma&szlig;volle Fahrzeitverk&uuml;rzung und einen gro&szlig;en st&auml;dtebaulichen Gewinn f&uuml;r die Stadt Stuttgart. Das stand ganz unten und h&auml;tte an sich [&hellip;] nie in die Rentabilit&auml;tsrechnung eingehen k&ouml;nnen. <\/p>\n<p>Nachdem das alles fertig war und ich das dem Konzernvorstand vorgestellt hatte und er das auch allgemein f&uuml;r sehr gut befand, bekam ich eines Tages den Auftrag &ndash; ich habe ihn nat&uuml;rlich auch umgesetzt &ndash; letztlich doch die Rahmenvereinbarungen f&uuml;r Stuttgart 21 zu verhandeln. [&hellip;] Dann hab ich gefragt: Herr Mehdorn [&hellip;] was ist ihr Motiv? Das ist doch v&ouml;llig unrentabel. Ja, sagte er, das Motiv ist, dadurch gewinnen wir die Ausschreibung f&uuml;r den Nahverkehr &ndash; oder &ndash; damals gab es noch keine Ausschreibung &ndash; daf&uuml;r gewinnen wir den ganzen Nahverkehrsvertrag f&uuml;r Baden-W&uuml;rttemberg. Und in der Abw&auml;gung ist das f&uuml;r das Unternehmen aus Konzernsicht so wichtig, dass wir das Risiko in Kauf nehmen. [&hellip;] Das war die Antwort. Und so kam es zur Rahmenvereinbarung [zum Bau von Stuttgart 21; W.W.] und so kam man auf die Schiene. Nat&uuml;rlich sind das &auml;u&szlig;erst irrationale Systeme, denn es wirken unterschiedliche Kr&auml;fte. Bei Stuttgart 21 wirkten die &ouml;rtlichen politischen Kr&auml;fte. [&hellip;] Hier und da gab es auch eine Wahl und jeder hatte sein Lieblingsprojekt. Dann kam das zustande und irgendwie ist es auch zu erkl&auml;ren, es war nur nicht rational.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Wie hoch war der widerrechtlich gew&auml;hrte &bdquo;Zuschuss&ldquo;, der S21 m&ouml;glich machte?<\/strong><\/p><p>In derselben &ouml;ffentlichen Anh&ouml;rung erg&auml;nzte der Gr&uuml;nen-MdB Matthias Gastel nach demselben Wortprotokoll, dass das Land Baden W&uuml;rttemberg im Fall dieses &bdquo;v&ouml;llig &uuml;berteuerten Nahverkehrsvertrags [&hellip;] eine Milliarde Euro zu viel bezahlt&ldquo; hat. <\/p><p>Wobei es dabei nicht einmal um Landesmittel geht. Es geht hier um sogenannte Regionalisierungsmittel, die der Bund den L&auml;ndern, in diesem Fall Baden-W&uuml;rttemberg, zur Verf&uuml;gung stellt &ndash; und zwar zum Zweck der Bestellung von Schienenpersonennahverkehr. Das Geld, mit dem S21 erm&ouml;glicht wurde, stammte nicht einmal aus der eigenen Kasse (die auch nur eine Art &bdquo;Kasse der Vertrauens&ldquo; ist; Geld, das der Staat im Interesse der Steuerzahlenden zu verwalten hat). Indem man f&uuml;r eine m&auml;&szlig;ige Nahverkehrsleistung massiv zu viel zahlte, wurden gleichzeitig alle Regionen in Baden-W&uuml;rttemberg und die Fahrg&auml;ste im Schienenverkehr massiv gesch&auml;digt.<\/p><p><strong>Wertung<\/strong><\/p><p>Grunds&auml;tzlich war der Zusammenhang &uuml;berteuerter Nahverkehrsvertrag &ndash; Stuttgart 21 bekannt. Es fehlte jedoch immer ein stichhaltiger Beleg. In einer Zusammenfassung der Thematik schrieb in KONTEXT 170 vom 2. Juli 2014 J&uuml;rgen Lessat, es mehrten &bdquo;sich inzwischen die Indizien, dass die damalige schwarz-gelbe Landesregierung sich mit dem Milliardengeschenk den Tiefbahnhof Stuttgart 21 erkaufte.&ldquo; Auch der Bundesrechnungshof monierte 2006, dass &bdquo;langfristige Zusicherungen von Nahverkehrsbestellungen bei der DB Regio im Gegenzug zur Durchf&uuml;hrung und Mitfinanzierung von Bahnhofsprojekten wie Stuttgart 21  oder ICE-Bahnhof Jena-Paradies&ldquo; beigetragen haben k&ouml;nnten. Im KONTEXT-Artikel hie&szlig; es damals allerdings auch, dass &bdquo;die Staatsanwaltschaft bislang keinen Handlungsbedarf&ldquo; sehe, jedoch &bdquo;die Diskussion &uuml;ber einen neuen U-Ausschuss des Landtags&ldquo; begonnen habe. Zitiert wurde in dem Artikel auch der Gr&uuml;nen-Politiker Andreas Schwarz, wonach sich &bdquo;eine strafrechtliche Bewertung des Verkehrsvertrags&ldquo; aufdr&auml;nge. Und w&ouml;rtlich: &bdquo;Es w&auml;re zu pr&uuml;fen, ob der Verdacht der Untreue besteht.&ldquo; Die M&ouml;glichkeiten f&uuml;r eine solche &bdquo;Pr&uuml;fung&ldquo; haben sich mit der Anh&ouml;rung vom 11. Juni 2018 offensichtlich wesentlich verbessert.<\/p><p>Damals &ndash; 2014 &ndash; erkl&auml;rte eine Sprecherin der Stuttgarter Staatsanwaltschaft, man habe bislang &bdquo;keinen Grund t&auml;tig zu werden&ldquo;, schlie&szlig;lich l&auml;gen &bdquo;keine Strafanzeigen vor&ldquo;. Auch hier haben wir eine neue Situation. Unter Bezugnahme auf die zitierten Sarrazin-Aussagen am 11. Juni 2018 erstatten am 26. Juni 2018 Dr. Eisenhart von Loeper und Dieter Reicherter eine Strafanzeige gegen den Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn &bdquo;wegen Tatverdacht der Untreue&ldquo;.  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 11. Juni 2018 gab es im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestags eine &ouml;ffentliche Anh&ouml;rung mit dem Titel &bdquo;Ausstieg aus Stuttgart 21&ldquo;. 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