{"id":45334,"date":"2018-08-06T09:05:41","date_gmt":"2018-08-06T07:05:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45334"},"modified":"2019-05-20T11:32:58","modified_gmt":"2019-05-20T09:32:58","slug":"ryanair-die-hoelle-friert-zu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45334","title":{"rendered":"Ryanair: Die H\u00f6lle friert zu"},"content":{"rendered":"<p>Der kommende Freitag k&ouml;nnte ein Schwarzer Freitag f&uuml;r Ryanair werden. Der nach Passagierzahlen gr&ouml;&szlig;ten Airline Europas droht mitten in der Urlaubssaison der gr&ouml;&szlig;te Streik ihrer 34-j&auml;hrigen Firmengeschichte. Es k&ouml;nnte zu Pilotenstreiks in sechs L&auml;ndern kommen, auch das Kabinen-Personal und Fluglotsen sind in Unruhe. Der Streik verspricht auch deshalb historisch zu werden, weil hier ein skrupelloser Konzern durch konzertiertes Vorgehen organisierter Lohnabh&auml;ngiger europaweit in die Zange genommen wird. Von <strong>Elmar Wigand<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer ehemalige <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Michael_O%27Leary_(businessman)\">KPMG-Berater Michael O&rsquo;Leary<\/a> hat Ryanair in der Finanzoase Irland nach allen Regeln der hohen K&uuml;nste Steuervermeidung und Sozial-Dumping aufgebaut. Ryanair besitzt eine Flotte von &uuml;ber 450 Flugzeugen an 87 Standorten in Europa. Das Unternehmen versteht es meisterhaft, Subventionen, Schlupfl&ouml;cher und mangelhafte Regulierung in einzelnen L&auml;ndern zu nutzen und ausgefuchste Vertragskonstruktionen zu entwerfen, um die Besch&auml;ftigten verschiedener Standorte gegeneinander auszuspielen. Das Bild einer Europ&auml;ischen Union, in der die Lohnabh&auml;ngigen in einem Hauen und Stechen um Arbeitspl&auml;tze und Standortvorteile quasi &uuml;bereinander herfallen, wird durch Konzerne wie Ryanair erzeugt. Es ist gut, dass sich endlich konstruktive Gegenwehr regt.<\/p><p>Piloten aus Irland, Belgien, Schweden und den Niederlanden wollen die Arbeit niederlegen. Die Vereinigung Cockpit informiert am kommenden Mittwoch in Frankfurt &uuml;ber Streikma&szlig;nahmen. Zu einem sp&auml;teren Zeitpunkt k&ouml;nnte die britische Arline Pilots Association (BALPA) einsteigen, die nach unbefriedigenden Tarifverhandlungen eine Urabstimmung vorbereitet. In London-Stansted liegt das logistische Drehkreuz von Ryanair, ein Viertel der Ryanair-Fl&uuml;ge <a href=\"https:\/\/www.bloomberg.com\/news\/articles\/2018-08-01\/ryanair-s-u-k-pilots-said-to-make-move-toward-possible-strike\">gehen von oder nach<\/a> Gro&szlig;britannien.<\/p><p>Unklar ist, ob auch die Internationale Transportarbeiter F&ouml;deration (ITF), ein Gewerkschaftsdachverband im Transportgewerbe, zu dem auch Verdi geh&ouml;rt, das Kabinenpersonal erneut zu Streiks aufrufen wird. Die ITF hatte mit mit zwei Streiktagen am 25. + 26. Juli durch Flugbegleiter aus Portugal, Spanien, Italien und Belgien einen Ausfall von 600 Fl&uuml;gen herbei gef&uuml;hrt.<\/p><p>Der Zeitpunkt scheint &auml;u&szlig;erst g&uuml;nstig. Das europ&auml;ische Flugverkehrsnetz steht auch ohne Streiks schon vor dem Kollaps. Ma&szlig;loses Wachstum der Passagierzahlen bei gleichzeitigem profit-getriebenen Sparzwang, organisatorisches Chaos durch ein Dickicht aus ausgelagerten Sub-Unternehmen (&ldquo;Optimierung der Wertsch&ouml;pfungskette&rdquo; nach McKinsey), katastrophale Personalausstattung bei Sicherheitspersonal, Fluglotsen, Piloten und Einsatzzentralen (Dispatcher) haben zu einer derart wackligen Situation gef&uuml;hrt, dass kleine St&ouml;&szlig;e schon zum Zusammenbruch f&uuml;hren k&ouml;nnen. <\/p><p>So legte eine Passagierin, die aus Zeitnot am unaufmerksamen Sicherheitspersonal vorbeigegangen war, um ihren Flug nicht zu verpassen, (was die Bundespolizei erst eine Stunde sp&auml;ter bemerkte! ) am 28. Juli das gesamte Terminal 2 des M&uuml;nchner Flughafens f&uuml;r Stunden lahm: 330 Fl&uuml;ge und damit ein Drittel der Fl&uuml;ge <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/chaos-flughafen-muenchen-start-sommerferien-1.4074143\">fielen aus<\/a>. Ryanair musste 2017 mehrere Tausend Fl&uuml;ge streichen, weil 260 der 4200 Kapit&auml;ne und Erste Offiziere <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article169108176\/Ryanair-streicht-nochmal-18-000-Fluege.html\">gek&uuml;ndigt hatten<\/a> und weitere Piloten ausstehenden Urlaub nahmen. Der Flughafen Hamburg stellte aufgrund eines <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/flughafen-hamburg-stellt-betrieb-fuer-gesamten-sonntag-ein-a-1210947.html\">Stromausfalls<\/a> und mangelhafter Notstrom-Versorgung am 3. Juni den Verkehr ein &ndash; knapp 200 Fl&uuml;ge fielen aus, am 29. April <a href=\"https:\/\/www.epochtimes.de\/politik\/europa\/chaos-am-flughafen-amsterdam-schiphol-nach-naechtlichem-stromausfall-a2413134.html\">fielen aus dem selben Grund<\/a> dutzende Fl&uuml;ge am Amsterdamer Flughafen Schiphol aus. (Merkw&uuml;rdigerweise fielen beide Stromausf&auml;lle auf einen Sonntag.) <\/p><p>Hinzu kommen Streiks franz&ouml;sischer Fluglotsen, denen sich spanische Kollegen anschlie&szlig;en k&ouml;nnten. In Frankreich, dem Land, das die meisten europ&auml;ischen Verbindungen &uuml;berqueren m&uuml;ssen, f&uuml;hrte ein f&uuml;nft&auml;giger Fluglostenstreik 2017 zu einem <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/handel-konsumgueter\/fuenf-tage-streik-franzoesische-lotsen-laehmen-den-luftverkehr\/19482940.html\">Rekord-Ausfall<\/a> von fast 4.000 Fl&uuml;gen. Insbesondere im Kontroll-Zentrum von Marseille <a href=\"https:\/\/www.mallorcazeitung.es\/unterwegs\/2018\/06\/29\/marseille-umfliegen-so-leicht\/60789.html\">setzen sich<\/a> die Fluglotsen derzeit vehement gegen Liberalisierungspl&auml;ne der Regierung Macron zur Wehr. Auch in Spanien brodelt es aufgrund von Privatisierungen und Personalknappheit, etwa im Kontrollzentrum von Barcelona. Michael O&rsquo;Leary macht sich auch hier keine Freunde: Er <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/handel-konsumgueter\/fuenf-tage-streik-franzoesische-lotsen-laehmen-den-luftverkehr\/19482940.html\">fordert<\/a> eine europ&auml;ische Liberalisierung, um die nationalen Flugsicherungen durch noch mehr Wettbewerb unter Druck zu setzen und Streikkerne zu zerschlagen.<\/p><p>Ein Erfolg ist der l&auml;nder&uuml;bergreifenden Streikbewegung jetzt schon sicher: Der hemds&auml;rmelig, mitunter gro&szlig;m&auml;ulig auftretende Ryanair-Boss hatte noch im September 2017 verk&uuml;ndet, eher friere die H&ouml;lle zu und hacke er sich beide Arme ab, als dass Ryanair mit Gewerkschaften verhandele. Inzwischen unterzeichnet man immerhin schon Agreements und Absichtserkl&auml;rungen zu Tarifverhandlungen mit bevorzugten Mainstream-Gewerkschaften und spricht zumindest pro Forma auch mit der renitenteren UFO (Unabh&auml;ngige Flugbegleiter Organisation), ja selbst mit streikerprobten Piloten-Gewerkschaften. Diese gehen allerdings von einer Hinhaltetaktik aus. <\/p><p>Bei n&auml;herer Betrachtung handelt es sich um zwei Streikbewegungen, die parallel und korrespondierend stattfinden. Am 18.3. 2018 haben die europ&auml;ischen Pilotenverb&auml;nde in Luxemburg eine europ&auml;ische, l&auml;nder&uuml;bergreifende &ldquo;Ryanair Transnational Pilot Group&rdquo; (RTPG) gegr&uuml;ndet. Deren europ&auml;ische Tarifkommission soll mit dem Ryanair-Management in Dublin einheitliche Regeln f&uuml;r alle europ&auml;ischen Piloten <a href=\"https:\/\/mallorcamagazin.com\/nachrichten\/wirtschaft\/2018\/03\/19\/61367\/ryanair-und-germania-piloten-organisieren-sich-gewerkschaftlich.html\">verhandeln<\/a>, w&auml;hrend Ryanair nach dem Prinzip Teile und Herrsche nur Gespr&auml;che auf nationaler Ebene f&uuml;hren will. Auf dieser nationalen Ebene sucht man sich zun&auml;chst die harmlosesten Gespr&auml;chspartner, um sie aus einer entstehenden Streikfront herauszubrechen und das Spiel der Steuer- und Arbeitsrechts-Schlupfl&ouml;cher in verschiedenen Nationalstaaten nach Kr&auml;ften weiterzutreiben. Die Gespr&auml;chspartner sind derzeit Verdi, die britische Unite und die &ouml;sterreichische <em>Gewerkschaft der Privatangestellten<\/em> (GPA), die mit der Ryanair-Tochter Lauda Air verhandelt. Als Drohkulisse fungiert Polen. Nachdem irische Piloten am 12. Juli in den Ausstand traten und eine Serie von Ein-Tages-Streiks begannen, k&uuml;ndigte Ryanair als Vergeltungsma&szlig;nahme die Verlagerung von mindestens sechs Flugzeugen sowie 100 Piloten und 200-Flugbegleiter-Jobs nach Polen an &ndash; <a href=\"https:\/\/www.independent.co.uk\/travel\/news-and-advice\/ryanair-strike-600-flights-cancelled-airline-cabin-crew-pilots-propaganda-war-100000-passengers-a8462506.html\">das w&auml;ren<\/a> 20% der irischen Belegschaft. Eine &auml;hnliche Drohung stie&szlig; Ryanair gegen&uuml;ber den deutschen Piloten aus, um sie sp&auml;ter zu dementieren. <\/p><p>Am 10. 7. 2018 ver&ouml;ffentlichte die RTPG gemeinsame Forderungen an das Management. Sie drehen sich kaum um prozentuale Lohnforderungen, sondern um die Anerkennung kollektiver Interessenvertretung und die Durchsetzung europaweit verallgemeinerter tariflicher Regelungen. Alle Piloten, die das w&uuml;nschen, sollen Festvertr&auml;ge mit Ryanair bekommen anstatt &uuml;ber Leiharbeitsfirmen oder Scheinselbst&auml;ndigen-Agenturen angeheuert zu werden. Piloten sollen Vertr&auml;ge nach nationalem Arbeitsrecht ihres Wohnortes bekommen, anstatt irische Arbeitsvertr&auml;ge. Die teils massiven Ausfallzeiten f&uuml;r Transfers zwischen einzelnen Abflug- und Ankunftsh&auml;fen sollen fair geregelt werden. (Bislang sind sie unbezahlt.) <a href=\"https:\/\/www.vcockpit.de\/fileadmin\/dokumente\/presse\/2018\/RTPG_Common_Pilot_Issues_18_0702_F.pdf\">u.v.m.<\/a> <\/p><p>Die ITF organiserte unter dem Slogan &ldquo;Cabin Crew United&rdquo; am 4. Juli in Dublin eine Konferenz von Ryanair-Kabinen-Personal aus Europa und Nord-Afrika. Die Flugbegleiter legten 34 Forderungen vor, darunter &ldquo;geregelte und planbare Arbeitszeiten&rdquo; oder &ldquo;nicht gezwungen zu werden, ein irisches Bankkonto anzulegen&rdquo;. Die Kern-Forderung ist &ldquo;ein fairer Lohn, der zum Leben reicht&rdquo;, ferner geht es um Entsch&auml;digung f&uuml;r unzusammenh&auml;ngende Zeitpl&auml;ne, freie Verpflegung mit Essen und Wasser, kostenlose Arbeitsmaterialien und Uniformen. Das Kabinen-Personal fordert zudem eine Dienstaltersverg&uuml;tung. Im Spiegel erkl&auml;rte eine Flugbegleiterin, sie arbeite seit f&uuml;nf Jahren bei Ryanair und habe nie eine Lohnerh&ouml;hung erhalten. Ferner bek&auml;me sie keine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, sie w&uuml;rde kurzfristig von ihrem Wohn-Standort in andere L&auml;nder versetzt. Durch ungeregelte Arbeitszeiten sei ihr monatlicher Verdienst unsicher. Er <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/karriere\/ryanair-streik-flugbegleiterin-packt-ueber-miese-arbeitsbedingungen-aus-a-1220092.html\">schwanke<\/a> netto zwischen 700 bis 1.300 Euro.<\/p><p>Es ist zu hoffen, dass diese Streikbewegung erfolgreich wird. Eine solidarische Kooperation von Lohnabh&auml;ngigen verschiedener L&auml;nder w&auml;re eine Methode, kreative Nutznie&szlig;er von EU-Schlupfl&ouml;chern in den Griff zu kriegen &ndash; wenn Regulierungsbeh&ouml;rden, Regierungen, Staatsanwaltschaften und Gerichte weitgehend versagen oder sogar mit den Konzernen paktieren. Es w&auml;re zu w&uuml;nschen, dass auch Amazon, Deliveroo, Flixbus, DHL und viele andere Bad Companies, die Besch&auml;ftigte verschiedenster Nationalit&auml;ten gezielt gegeneinander ausspielen und stetig Schlupfl&ouml;cher im Arbeits- und Steuerrecht suchen und schaffen, europaweit angegangen w&uuml;rden.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>Elmar Wigand<\/strong> ist Pressesprecher der <a href=\"https:\/\/aktion.arbeitsunrecht.de\/\">aktion .\/. arbeitsunrecht<\/a>. Er erforscht in dem Projekt &ldquo;Prek&auml;re Piloten&rdquo; Arbeitsbedingungen und Arbeitsk&auml;mpfe im Cockpit. Mehr dazu <a href=\"https:\/\/www.startnext.com\/studie-prekaere-piloten\">hier<\/a>.<\/em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/3b857675265e42528992bb9108207567\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der kommende Freitag k&ouml;nnte ein Schwarzer Freitag f&uuml;r Ryanair werden. Der nach Passagierzahlen gr&ouml;&szlig;ten Airline Europas droht mitten in der Urlaubssaison der gr&ouml;&szlig;te Streik ihrer 34-j&auml;hrigen Firmengeschichte. Es k&ouml;nnte zu Pilotenstreiks in sechs L&auml;ndern kommen, auch das Kabinen-Personal und Fluglotsen sind in Unruhe. 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