{"id":4540,"date":"2010-02-19T18:12:50","date_gmt":"2010-02-19T17:12:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4540"},"modified":"2014-08-06T14:48:59","modified_gmt":"2014-08-06T12:48:59","slug":"immer-noch-wirtschaftspolitik-ist-gepraegt-von-mythen-vorurteilen-und-meinungsmache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4540","title":{"rendered":"Immer noch: Wirtschaftspolitik ist gepr\u00e4gt von Mythen, Vorurteilen und Meinungsmache"},"content":{"rendered":"<p>In den <a href=\"http:\/\/www.tagesthemen.de\/multimedia\/sendung\/tt2098.html\">Tagesthemen vom 16. Februar (ab Minute 9)<\/a> traten drei der f&uuml;r die Wirtschafts- und Finanzpolitik der Eurozone Verantwortlichen nacheinander auf: EZB-Pr&auml;sident Trichet, der Pr&auml;sident der Eurogruppe Junker und der Staatssekret&auml;r im deutschen Bundesfinanzministerium J&ouml;rg Asmussen. Mit markigen Worten &uuml;bten sie Druck auf Griechenland aus, die Staatsausgaben zu senken, zu &bdquo;sparen wie die Iren&ldquo; und Personal im &ouml;ffentlichen Dienst abzubauen. Das ist offensichtlich popul&auml;r bei den Kreisen, auf die es den genannten Personen ankommt. Mit dem, was sachlich geboten ist, haben diese markigen Spr&uuml;che allerdings wenig zu tun. Albrecht M&uuml;ller<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Prozyklische Politik &ndash; aus der Weltwirtschaftskrise fast nichts gelernt<\/strong><\/p><p>Sachlich geboten w&auml;re europaweit eine expansive Wirtschaftspolitik, die den Menschen Arbeit bringt und au&szlig;erdem f&uuml;r die notwendige Versorgung mit &ouml;ffentlichen G&uuml;tern und Dienstleistungen sorgt. Genau das Gegenteil wird jetzt betrieben: Menschen werden entlassen, in Griechenland wie in Brandenburg zum Beispiel; es wird in die Krise hinein gespart; &ouml;ffentliche Leistungen werden zusammengestrichen, Schwimmb&auml;der geschlossen, soziale Dienste gek&uuml;rzt, Schulen ausgehungert.<br>\nOffensichtlich haben in Europa wie auch speziell in Deutschland immer noch jene das Sagen, die mit ihrer Politik der Deregulierung und Privatisierung die jetzige Krise mitverursacht haben. Sie nutzen die Krise um diese Politik fortzuf&uuml;hren &ndash; im Interesse ihrer privaten Klientel aber auch aus Dummheit. Jedenfalls ist leider festzustellen: Der neoliberale Stall ist nicht ausgemistet.<\/p><p><strong>Die zuvor genannten Personen geh&ouml;ren allesamt mit auf die Anklagebank. <\/strong><\/p><p>Sie, die Europ&auml;ische Zentralbank, die in Europa und in Deutschland f&uuml;r die Wirtschafts- und Finanzpolitik Verantwortlichen haben zugelassen, dass es im Euro-Raum zu einer gef&auml;hrlichen Auseinanderentwicklung der Wettbewerbsf&auml;higkeit in den einzelnen Volkswirtschaften gekommen ist. Die L&ouml;hne und die Lohnst&uuml;ckkosten (das sind grob skizziert die Lohnkosten unter Beachtung der Entwicklung der Arbeitsproduktivit&auml;t) in den L&auml;ndern des Euro-Raumes haben sich weit auseinander entwickelt. In Deutschland hat man eine absolut unvern&uuml;nftige restriktive Lohnpolitik betrieben. Die Reall&ouml;hne stagnierten. Die Lohnst&uuml;ckkosten sanken. In anderen L&auml;ndern, in Griechenland, in Irland, in Spanien, Portugal und Italien sind die Lohnst&uuml;ckkosten gestiegen. Damit wurde die deutsche Wirtschaft in Relation zu diesen L&auml;ndern immer wettbewerbsf&auml;higer. Das geht in einem gemeinsamen W&auml;hrungsraum auf Dauer nicht gut. Angela Merkel Schw&auml;rmerei f&uuml;r die Exportweltmeisterei zeigt, wie weit die bei uns herrschenden Personen vom Baum der Erkenntnis entfernt sind. Meilenweit.<br>\nHeiner Flassbeck, heute Chef&ouml;konom bei der UNCTAD, hat dies in einem Interview mit dem &bdquo;Freitag&ldquo; anschaulich beschrieben. Hier die &Uuml;berschrift und die Quelle: <a href=\"http:\/\/www.freitag.de\/datenbank\/freitag\/2010\/07\/dann-bricht-europa-auseinander\/print\">&bdquo;Dann bricht Europa auseinander&ldquo;<\/a>, Heiner Flassbeck &uuml;ber die tiefer liegenden Gr&uuml;nde der W&auml;hrungskrise.<\/p><p>Flassbeck pl&auml;diert daf&uuml;r, dass die L&auml;nder der Eurozone untereinander zu einem vern&uuml;nftigen Miteinander kommen. Das hei&szlig;t konkret, dass Deutschland wesentlich h&ouml;here Lohnabschl&uuml;sse braucht als bisher, damit sich auf eine mittlere Frist die Lohnst&uuml;ckkosten in den verschiedenen Euro-L&auml;ndern und damit auch ihre Wettbewerbsf&auml;higkeit angleichen.<br>\nDie herrschende Meinung in den Medien und unter den verantwortlichen Politikern ist weit von dieser Einsicht entfernt. Der gestrige Metallabschluss wurde bundesweit gefeiert. So verst&auml;ndlich dieser Abschluss aus der Sicht der Metallarbeitgeber erscheint und aus der Sicht der IG Metall erscheinen mag, gesamtwirtschaftlich ist es nicht das richtige Signal. Im Gegenteil, dieser Abschluss wird als Druckmittel zum Beispiel gegen ver.di und deren gerade aktueller Kampf f&uuml;r einen besseren Abschluss im &ouml;ffentlichen Dienst eingesetzt werden.<br>\nAuch dies hat etwas mit vorgestanzten Vorurteilen und Mythen zu tun: niedrige L&ouml;hne gelten als etwas erstrebenswertes, so sehr bestimmt die Interessenlage der herrschenden Kreise auch das Denken weiter Teile der Arbeitnehmerschaft. Die Folgen dieser mythologischen Denke habe ich auf Seite 153 des Buches <a href=\"?page_id=4078\">&bdquo;Meinungsmache&ldquo;<\/a> beschrieben:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Stagnation der L&ouml;hne seit gut zwei Jahrzehnten, mit nur kleinen Unterbrechungen. Viele Familien kommen mit dem Verdienst nicht aus. Die Schw&auml;che der Massenkaufkraft und der Binnennachfrage war der Anfang eines neuen Konjunktureinbruchs. Gef&auml;hrliche Auseinanderentwicklung in der Euro-Zone.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p><strong>Es wurde rechtzeitig vor der Fehlentwicklung in der Euro-Zone gewarnt<\/strong><\/p><p>Heiner Flassbeck war einmal der Vorg&auml;nger des jetzigen Staatssekret&auml;rs J&ouml;rg Asmussen. Er hat am 9. Februar 1999 in einem Beitrag f&uuml;r die Frankfurter Allgemeine Zeitung (&bdquo;Von Merkantilisten und Moralisten&ldquo;) davor gewarnt, dass eine Volkswirtschaft in der Eurozone ihre Besch&auml;ftigungssituation zu verbessern versucht, in dem sie ihre Lohnentwicklung unterhalb der Produktivit&auml;tsrate h&auml;lt. Damit werden Arbeitspl&auml;tze auf Kosten der Partner in der Eurozone geschaffen. Auf diese Gefahr habe auch ich 2006 in &bdquo;Machtwahn. Wie eine mittelm&auml;&szlig;ige F&uuml;hrungselite uns zugrunde richtet&ldquo; hingewiesen. Von diesem harten Untertitel habe ich nichts zur&uuml;ckzunehmen. Die in Europa f&uuml;r die Wirtschafts- und Finanzpolitik zust&auml;ndigen Personen sind unterstes Mittelma&szlig;. Sie orientieren sich an popul&auml;ren Spr&uuml;chen und an ihrer eigenen Ideologie statt am sachlich Gebotenen.<\/p><p><strong>Die im Spiel befindlichen Klischees und Vorurteile<\/strong><\/p><p>Es ist schon erw&auml;hnt:<\/p><ul>\n<li>Sparen ist gut, auch dann, wenn der Sparerfolg gar nicht eintritt, weil man ihn mit dem Sparen selbst zunichte macht. Das ist ein Ergebnis einer auf die Volkswirtschaft angewandten einzelwirtschaftlichen Denkweise. Siehe dazu <a href=\"?p=233\">hier<\/a> und <a href=\"?p=3457\">hier<\/a> und in vielen anderen Beitr&auml;gen der NachDenkSeiten wie auch Denkfehler Nr. 31 in <a href=\"?page_id=23\">&bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo;<\/a> vom August 2004.<\/li>\n<li>Niedrige L&ouml;hne sind gut<\/li>\n<\/ul><p>Hinzu kommt das Dauerklischee:<\/p><ul>\n<li>Wir leben vom Export. &ndash; Auch zu diesem Klischee finden Sie in den NachDenkSeiten schon mehrere Beitr&auml;ge. Dort ist auch der Text des <a href=\"?p=2813\">Denkfehlers Nr. 17 aus &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo;<\/a> ins Netz gestellt.<\/li>\n<\/ul><p>Im konkreten Fall der Auseinanderentwicklung der Wettbewerbsf&auml;higkeit zwischen den s&uuml;deurop&auml;ischen L&auml;ndern und Irlands auf der einen Seite und vor allem Deutschlands auf der anderen Seite wird sichtbar, wie wenig eine Volkswirtschaft von dauernden Export&uuml;bersch&uuml;ssen hat. Wir haben die anderen L&auml;nder niederkonkurriert und d&uuml;rfen jetzt &ndash; aus eigenem Interesse &ndash; zahlen. H&auml;tten wir diesen L&auml;ndern die n&ouml;tige Luft zum Atmen gelassen, h&auml;tten wir bei uns f&uuml;r eine nach oben gerichtete Reallohnentwicklung und steigende Binnennachfrage gesorgt, dann w&auml;ren diese L&auml;nder nicht in Schwierigkeiten geraten und wir m&uuml;ssten nicht helfen.<br>\nAber die bei uns Verantwortlichen sind weit entfernt von der Erkenntnis, dass sie mitverantwortlich sind f&uuml;r die Fehlentwicklung. Sie treten auf wie arrogante Besserwisser. Dabei sind sie ein kl&auml;gliches Mittelma&szlig; gemessen an der notwendigen makro&ouml;konomischen Erkenntnis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den <a href=\"http:\/\/www.tagesthemen.de\/multimedia\/sendung\/tt2098.html\">Tagesthemen vom 16. 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Mit markigen Worten &uuml;bten sie Druck auf Griechenland aus, die Staatsausgaben zu senken, zu &bdquo;sparen wie die<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=4540\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[156,157,30],"tags":[436,423,364,1555,685,588,1001],"class_list":["post-4540","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schulden-sparen","category-wettbewerbsfaehigkeit","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-asmussen-joerg","tag-austeritaetspolitik","tag-flassbeck-heiner","tag-griechenland","tag-juncker-jean-claude","tag-personalabbau","tag-trichet-jean-claude"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4540","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4540"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4540\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4550,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4540\/revisions\/4550"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4540"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4540"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4540"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}