{"id":45456,"date":"2018-08-14T11:25:03","date_gmt":"2018-08-14T09:25:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45456"},"modified":"2018-08-15T07:22:16","modified_gmt":"2018-08-15T05:22:16","slug":"die-tuerkei-krise-ist-erdogans-und-trumps-werk-aber-unser-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45456","title":{"rendered":"Die T\u00fcrkei-Krise ist Erdogans und Trumps Werk, aber unser Problem"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180814-tuerkei-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Seit einigen Monaten verliert die t&uuml;rkische Lira kontinuierlich an Wert. Nachdem der US-Pr&auml;sident die T&uuml;rkei und ihre Lira nun am Freitag via Twitter endg&uuml;ltig zum Abschuss freigegeben hat, befindet sich die W&auml;hrung im freien Fall. Die T&uuml;rkei steht damit wohl am Beginn einer schweren Finanz- und Wirtschaftskrise. W&auml;hrend Trump und Erdogan um die Wette poltern, steckt die EU lieber den Kopf in den Sand. Das ist fatal. EU-Banken sind die gr&ouml;&szlig;ten Gl&auml;ubiger der t&uuml;rkischen Wirtschaft, die T&uuml;rkei ist ein elementar wichtiger Energiekorridor f&uuml;r Europa, das zudem bei einer Destabilisierung der Region wohl am meisten zu verlieren h&auml;tte. Nicht zu vergessen auch die drei Millionen syrischen Fl&uuml;chtlinge, die Erdogan zurzeit als Man&ouml;vriermasse in der Hinterhand h&auml;lt. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4288\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-45456-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180814_Die_Tuerkei_Krise_ist_unser_Problem_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180814_Die_Tuerkei_Krise_ist_unser_Problem_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180814_Die_Tuerkei_Krise_ist_unser_Problem_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180814_Die_Tuerkei_Krise_ist_unser_Problem_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=45456-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/180814_Die_Tuerkei_Krise_ist_unser_Problem_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"180814_Die_Tuerkei_Krise_ist_unser_Problem_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180814_lira.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180814_lira-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Der letzte Freitag k&ouml;nnte als &bdquo;Schwarzer Freitag&ldquo; in die j&uuml;ngere t&uuml;rkische Geschichte eingehen. Zun&auml;chst versuchte der t&uuml;rkische Pr&auml;sident Erdogan in einer <a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/uk-turkey-currency\/erdogan-tells-turks-to-buy-crumbling-lira-as-trump-turns-the-screws-idUSKBN1KV0WX\">seltsam anmutenden Rede<\/a> seine Mitb&uuml;rger zu einer &bdquo;Gold-gab-ich-f&uuml;r-Papier&ldquo;-Kampagne zu &uuml;berreden, um den schleichenden Verfall der Lira zu stoppen. Noch w&auml;hrend seiner Rede begann der Kurs der Lira nun erst richtig nachzugeben. Just in diesem Moment feuerte US-Pr&auml;sident Trump einen zynischen Tweet in Richtung T&uuml;rkei, in dem er neue Strafz&ouml;lle auf t&uuml;rkische Eisen- und Aluminiumexporte ank&uuml;ndigte. Das Timing k&ouml;nnte t&ouml;dlicher nicht sein und wurde von den Spekulanten auf den Devisenm&auml;rkten auch gleich genauso aufgenommen, wie es gemeint war &ndash; als Freibrief zur Spekulation gegen die Lira.<\/p><div class=\"external-2click\" data-provider=\"X (Twitter)\" data-provider-slug=\"twitter\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Tweets werden Daten an X (ehemals Twitter) &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von X (Twitter) zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><blockquote class=\"external-2click-target twitter-tweet\" data-lang=\"de\">\n<p lang=\"en\" dir=\"ltr\">I have just authorized a doubling of Tariffs on Steel and Aluminum with respect to Turkey as their currency, the Turkish Lira, slides rapidly downward against our very strong Dollar! Aluminum will now be 20% and Steel 50%. Our relations with Turkey are not good at this time!<\/p>\n<p>&mdash; Donald J. Trump (@realDonaldTrump) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/realDonaldTrump\/status\/1027899286586109955?ref_src=twsrc%5Etfw\">10. August 2018<\/a><\/p><\/blockquote><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"twitter\">Inhalte von X (Twitter) nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><p>  <\/p><p>Wenn Pr&auml;sident Erdogan sich nun als Opfer &bdquo;derer, die einen Handelskrieg gegen die ganze Welt f&uuml;hren&ldquo;, w&auml;hnt, so hat er aber nur zum Teil Recht. Ohne die zugrundeliegenden und dabei selbstverschuldeten real- und finanzwirtschaftlichen Probleme des Landes w&auml;re die Attacke auf die Lira so nicht m&ouml;glich gewesen. Wahrscheinlich hat der Erdrutsch, der Trumps Tweet folgte, die zu erwartenden Kursverluste der Lira lediglich beschleunigt. Die Vorzeichen standen n&auml;mlich schon l&auml;nger auf Abwertung.<\/p><p><strong>Mit offenen Augen in die Krise<\/strong><\/p><p>Kaum ein anderes Land ist so dynamisch aus der Finanzkrise gekommen wie die T&uuml;rkei. Angefacht durch (zu) niedrige Zinsen, eine (zu) hohe Inflation, eine expansive Geldpolitik, staatliche Investitionen in Infrastruktur und Wohnungsbau und finanziert &uuml;ber eine steigende Auslandsverschuldung wuchs die t&uuml;rkische Volkswirtschaft in letzten acht Jahren so stark wie kaum ein anderes Schwellenland. Die Wachstumsraten lagen in dieser Zeit regelm&auml;&szlig;ig zwischen f&uuml;nf und zehn Prozent. Gleichzeitig stiegen die Reall&ouml;hne durchg&auml;ngig um mehr als f&uuml;nf Prozent pro Jahr und sowohl die Unternehmen als auch die Bev&ouml;lkerung fragten aufgrund der im Verh&auml;ltnis zu starken Lira immer mehr Investitions- und Konsumg&uuml;ter aus dem Ausland nach. Offiziell <a href=\"http:\/\/www.hurriyetdailynews.com\/turkeys-12-month-current-account-deficit-stands-at-57-4-billion-135655\">betr&auml;gt<\/a> das Leistungsbilanzdefizit der T&uuml;rkei aktuell 57,4 Mrd. US$ pro Jahr. Aus keinem anderen G-20-Land flie&szlig;t nach <a href=\"https:\/\/data.worldbank.org\/indicator\/BN.CAB.XOKA.GD.ZS?year_high_desc=false\">Weltbank-Statistik<\/a> in Relation zur Wirtschaftskraft so viel Geld ab.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180814_leistungsbilanz.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180814_leistungsbilanz-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Dies war f&uuml;r Recep Erdogan lange kein Problem. Die Wirtschaft brummte, die L&ouml;hne stiegen und er galt bei vielen seiner W&auml;hler als der Vater des volkswirtschaftlichen Aufschwungs. Dabei h&auml;tten Regierung und Zentralbank durch eine K&uuml;rzung der Investitionen und eine Erh&ouml;hung der Zinsen eigentlich schon l&auml;ngst die Notbremse ziehen und Dampf aus dem Kessel lassen m&uuml;ssen. Doch sowohl Erdogan als auch sein oberster Wirtschaftsberater, der Wirtschaftsjournalist Cemil Ertem, scheinen den Ernst der Lage immer noch nicht verstanden zu haben. Erst am 28. Mai erh&ouml;hte die Zentralbank den Leitzins von 8,0 auf 16,5 Prozent und konnte damit den Absturz der Lira zwar erst einmal f&uuml;r zwei Monate stoppen, doch nun holen auch die realwirtschaftlichen Folgen der Krise das Land ein.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180814_leitzins.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180814_leitzins-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Jahrelang floss zu viel ausl&auml;ndisches Kapital in die &uuml;berhitzte t&uuml;rkische Volkswirtschaft. Vor allem der Banken- und der Unternehmenssektor pumpten sich mit &bdquo;billigen&ldquo; Auslandskrediten in Fremdw&auml;hrung voll. Investiert wurde aber weniger in eine wettbewerbsf&auml;hige Industrie, sondern vor allem in Infrastrukturprojekte und den Bau von Immobilien. Heute gibt es in der T&uuml;rkei zwei Millionen leerstehende, unverk&auml;ufliche Neubauten und die Unternehmen und Banken sind mit 350 Mrd. US$ im Ausland verschuldet &ndash; die gesamten <a href=\"http:\/\/www.hurriyetdailynews.com\/turkeys-external-debt-stock-reaches-466-7-billion-in-first-quarter-133976\">Auslandsschulden betragen 466 Mrd. US$<\/a>, wobei Schulden im Wert von 182 Mrd. US$ innerhalb eines Jahres f&auml;llig sind. Dies w&auml;re schon f&uuml;r sich gesehen ein gro&szlig;es Problem, fatalerweise sind Unternehmen und Banken jedoch auch noch fast ausschlie&szlig;lich in den Fremdw&auml;hrungen Euro und Dollar verschuldet, was aus dem Problem eine aufziehende Katastrophe macht.<\/p><p>Sobald der Devisennachschub stockt und die W&auml;hrung abwertet, beginnt die Abw&auml;rtsspirale. Wenn die eigene W&auml;hrung gegen&uuml;ber der W&auml;hrung, in der man verschuldet ist, die H&auml;lfte an Wert verliert, ist man heute schon mit zwei Jahresgeh&auml;ltern verschuldet, wenn man gestern noch mit einem Jahresgehalt verschuldet war. Als Recep Erdogan im August 2014 zum Pr&auml;sidenten gew&auml;hlt wurde, bekam man f&uuml;r einen Dollar etwas mehr als zwei Lira. Heute sind fast sieben Lira. Dies hei&szlig;t im Umkehrschluss, dass ein Unternehmen, das sich vor vier Jahren mit 10 Mio. US$ verschuldet hat, damals daf&uuml;r rund 20 Mio. t&uuml;rkische Lira investieren konnte. Heute m&uuml;sste es allerdings &ndash; ohne Zinsen &ndash; 70 Mio. t&uuml;rkische Lira aufbringen, um diesen Kredit zu tilgen. Da wird selbst der Zinsdienst zu einem Problem und es verwundert wohl kaum, dass zurzeit nahezu w&ouml;chentlich gro&szlig;e t&uuml;rkische Unternehmen Konkurs anmelden und es kaum noch Gro&szlig;konzerne oder Banken gibt, die nicht bereits von einer der Ratingagenturen herabgestuft &uuml;berpr&uuml;ft wurden. Dramatisch ist dabei vor allem die Situation der Banken, deren Eigenkapital momentan f&ouml;rmlich verpufft, w&auml;hrend die Ausfallrisiken f&uuml;r vergebene Kredite steigen. Dies ist vor allem deshalb problematisch, da die t&uuml;rkischen Banken auf dem Interbankenmarkt, also bei anderen Banken, rund 80 Mrd. US$ Nettoschulden haben. Dies ist nur unwesentlich weniger als die kompletten Devisenreserven des Landes. Selbst wenn Regierung und Zentralbank einen &bdquo;Schutzschirm&ldquo; &uuml;ber ihr Bankensystem spannen wollten, h&auml;tten sie daf&uuml;r also gar nicht die Mittel. <\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180814_interbank.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180814_interbank-small.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>War die gr&ouml;&szlig;te private Bank, die Garanti Bankasi, Anfang des Jahres noch 12,4 Mrd. US$ wert, sind es heute nur noch 3,4 Mrd. US$. Bei einer Bilanzsumme von 83 Mrd. US$ w&auml;re dies auch ohne Wirtschaftskrise auf dem Heimatmarkt ein handfestes Problem; auch weil die Gesamtverschuldung der Banken in heimischer W&auml;hrung alleine aufgrund der Devisenkurse von Tag zu Tag zunimmt. Sollte die Lira nicht schnellstens aufwerten oder Kreditausf&auml;lle durch einen wie auch immer gearteten Schutzschirm aufgefangen werden, steht der t&uuml;rkische Finanzsektor vor einem echten Problem &ndash; und nicht nur der.<\/p><p><strong>Die T&uuml;rkei-Krise ist auch eine Krise Europas<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend die USA in der T&uuml;rkei vor allem milit&auml;risch engagiert sind, sind die t&uuml;rkischen Unternehmen und Banken in sehr gro&szlig;em Stil in der EU verschuldet. Die Garanti Bakasi geh&ouml;rt beispielsweise zur H&auml;lfte der spanischen BBVA. An der privaten Nummer Zwei, der YapiKredi, ist die italienische UniCredit ma&szlig;geblich beteiligt und als besonders aktiv im t&uuml;rkischen Markt gilt auch die franz&ouml;sische Gro&szlig;bank BNP Paribas. Die gilt bei der <a href=\"http:\/\/www.crml.ch\/index.php?id=39\">Risikobewertung des Schweizer &bdquo;Center for Risk Management&ldquo;<\/a> &uuml;brigens als gef&auml;hrlichste Bank Europas mit einem systemischen Risiko in H&ouml;he von 77 Mrd. Euro. Die drei gro&szlig;en &bdquo;Finanzzentren&ldquo; USA, Gro&szlig;britannien und Deutschland haben zusammen weniger Forderungen an t&uuml;rkische Banken und Unternehmen als das ohnehin schon angeschlagene spanische Bankensystem und auch Italiens und Frankreichs Banken sind vergleichsweise stark in der T&uuml;rkei engagiert. Eine t&uuml;rkische Finanz- und Wirtschaftskrise wird also auch f&uuml;r das EU-Bankensystem negative Folgen haben.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180814_glaeubiger.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Auch realwirtschaftlich hat die EU sehr weitreichende Beziehungen zur T&uuml;rkei. Die T&uuml;rkei ist der viertwichtigste Exportmarkt der EU und bei den Importen die Nummer F&uuml;nf. Umgekehrt ist die EU mit sehr gro&szlig;em Abstand f&uuml;r die T&uuml;rkei sowohl bei den Importen als auch bei den Exporten der wichtigste Handelspartner, w&auml;hrend die USA mit vier bzw. f&uuml;nf Prozent Marktanteil bei den Importen und Exporten jeweils nur rund auf ein Zehntel des europ&auml;isch-t&uuml;rkischen Handelsvolumens kommen. Eine schwere Wirtschaftskrise in der T&uuml;rkei w&uuml;rde auch realwirtschaftlich vor allem EU-Unternehmen treffen. Noch schwerer w&auml;ren jedoch die absehbaren Sp&auml;tfolgen einer voraussehbaren und offenbar von den USA forcierten Krise zwischen &bdquo;dem Westen&ldquo; und der T&uuml;rkei.<\/p><p><strong>Unser Energiekorridor<\/strong><\/p><p>Eine ganz besondere Schl&uuml;sselrolle hat die T&uuml;rkei alleine schon wegen ihrer geographischen Lage als Energiekorridor Europas. Egal ob es sich um South Stream, Turkish Stream, TAP oder Blue Stream handelt &ndash; s&auml;mtliche bereits existierenden und geplanten &Ouml;l- und Gas-Pipelines f&uuml;r den &bdquo;europ&auml;ischen S&uuml;dkorridor&ldquo; verlaufen &uuml;ber t&uuml;rkisches Staatsgebiet. Vor allem f&uuml;r diejenigen, die die europ&auml;ischen &Ouml;l- und Gasimporte st&auml;rker diversifizieren und sich nicht voll und ganz von Russlands Monopol abh&auml;ngig machen wollen, ist die T&uuml;rkei der zentrale Energiekorridor. Die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline ist die einzige Exportroute f&uuml;r die &Ouml;lvorkommen des Kaspischen Meeres, die nicht &uuml;ber russisches Staatsgebiet verl&auml;uft. Eine Anbindung der reichen Gasvorkommen aus Katar und Iran an das europ&auml;ische Leitungsnetz ist unter Umgehung der T&uuml;rkei nicht realistisch machbar.<\/p><p>Hier sind &uuml;brigens ganz klar die US-Interessen zu erkennen. Da die EU &ndash; was auch rational verst&auml;ndlich ist &ndash; sich nicht vollkommen von Russlands Gaslieferungen abh&auml;ngig machen will, sucht sie schon l&auml;nger nach alternativen Bezugsquellen. Ein Ausfall des t&uuml;rkischen Korridors w&uuml;rde die wichtigsten dieser Alternativen (Kaspisches Meer, Iran, Katar) mit einem Schlag wegfallen lassen, sodass die USA mit ihrem teuren und unwirtschaftlichen Fracking-Gas, das verfl&uuml;ssigt nach Europa <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=42694\">geliefert werden soll<\/a>, pl&ouml;tzlich als gro&szlig;er Gewinner einer europ&auml;isch-t&uuml;rkischen Krise dastehen w&uuml;rde.<\/p><p><strong>Auch die Geostrategie spielt eine Rolle<\/strong><\/p><p>Der Syrienkrieg und der fortlaufende B&uuml;rgerkrieg im Irak zeigen, wie wichtig die T&uuml;rkei auch in geostrategischer Sicht ist. Eine T&uuml;rkei, die von Finanz- und Wirtschaftskrisen zerrissen ist, k&ouml;nnte gar Gefahr laufen, selbst zu einem weiteren Pol der Instabilit&auml;t im Nahen Osten zu werden. Der Gedanke, dass Erdogan durch eine aggressive Au&szlig;en- und Sicherheitspolitik von den zu erwartenden Krisenfolgen ablenken will und beispielsweise die t&uuml;rkische Armee die kurdischen Gebiete Syriens und des Nordiraks besetzen l&auml;sst, ist sicher nicht vollkommen unrealistisch. Auch dies w&auml;re ganz im Sinne der US-Strategie einer Schw&auml;chung der globalen Konkurrenten, in dem man Chaos an ihrer Peripherie anrichtet.<\/p><p>Die T&uuml;rkei zeigt sich mittlerweile offen f&uuml;r neue B&uuml;ndnisse. Vor drei Wochen ist Erdogan zwar mit seinem <a href=\"http:\/\/www.china.org.cn\/opinion\/2018-08\/08\/content_58236252.htm\">Wunsch<\/a>, die T&uuml;rkei zu einem Vollmitglied der BRICS-Staaten zu machen, <a href=\"https:\/\/eurasiantimes.com\/brics-turkey\/\">gescheitert<\/a> &ndash; aber mittelfristig werden vor allem Russland und China gr&ouml;&szlig;tes Interesse daran haben, das Chaos einzuhegen und die T&uuml;rkei zu einem strategischen Partner zu machen. Ob diese Staaten aber wirklich gewillt und im Falle Russland &uuml;berhaupt in der Lage sind, der T&uuml;rkei auch finanziell unter die Arme zu greifen, ist eher unwahrscheinlich. Getreu dem Motto, man soll nicht in ein fallendes Messer greifen, werden sich die BRICS-Staaten daher wohl auch erst einmal zur&uuml;ckhalten &ndash; zumal es sie auch nicht wirklich st&ouml;ren d&uuml;rfte, wenn EU-Banken und -Unternehmen nun einen Gro&szlig;teil der Forderungen an t&uuml;rkische Schuldner abschreiben k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Schl&auml;ft Merkel? Schl&auml;ft Europa?<\/strong><\/p><p>All diese Punkte sollten ein klarer Appell an die europ&auml;ischen Regierungen sein, die T&uuml;rkei-Krise ernst zu nehmen und dem Land schnellstm&ouml;glich zu helfen, eine Katastrophe abzuwenden. Denn die k&ouml;nnte schneller kommen, als es uns lieb ist. Die W&auml;hrungsreserven der T&uuml;rkei sind zu gering, um die Lira mittel- bis langfristig &bdquo;gegen die M&auml;rkte&ldquo; zu stabilisieren. Die Notbremse, die Zinsen vor&uuml;bergehend massiv anzuheben, w&uuml;rde die Realwirtschaft gleich mit abst&uuml;rzen lassen und ob Kapitalverkehrskontrollen in einem Land mit derart weitreichenden Finanzverbindungen zum Westen &uuml;berhaupt durchsetzbar sind, ist ohnehin offen. Ein formelles Hilfsersuchen beim IWF kommt auch nicht in Frage, da dies f&uuml;r Sultan Erdogan gleichbedeutend mit einem Gang nach Canossa w&auml;re. Was also tun? Die USA werden nicht helfen, weil sie kein Interesse haben. China und Russland werden wohl lieber abwarten und erst dann zu Hilfe kommen, wenn die gr&ouml;&szlig;ten Risiken vom Tisch sind. Da bleibt eigentlich nur noch die EU.<\/p><p>Doch ausgerechnet Europa und allen voran Angela Merkel schweigen beharrlich zur T&uuml;rkei-Krise. Mehr noch &ndash; die EU l&auml;sst offen zu, dass ihr &bdquo;Verb&uuml;ndeter&ldquo; USA eine Krise eskalieren lassen, die vor allem der EU schweren Schaden zuf&uuml;gen wird. Wie war das doch gleich mit der angek&uuml;ndigten Emanzipation von Trump? Pustekuchen. Au&szlig;enpolitisch wirkt die EU wie das Kaninchen vor der Schlange und weigert sich wieder einmal beharrlich, f&uuml;r ihre Interessen einzustehen, wenn diese den W&uuml;nschen der USA zuwiderlaufen. Das ist eine geostrategische Eselei, die auch f&uuml;r Europas Unternehmen und Banken noch sehr teuer werden kann. Europa hat immer nur dann ein gro&szlig;es Mundwerk, wenn der gro&szlig;e Bruder USA hinter ihm steht. Allem Gerede &uuml;ber eine angebliche Entfremdung zwischen Europa und den USA zum Trotz wirkt die EU-T&uuml;rkei-Politik immer noch so, als sei die EU ein Vasall der USA. Das Selbstbewusstsein ist nur gespielt und die Medien schweigen wie immer. Klabautermann f&uuml;hrt das Narrenschiff, volle Fahrt voraus und Kurs aufs Riff.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/42dd8acd96764d72b44880092768d70b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/180814-tuerkei-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Seit einigen Monaten verliert die t&uuml;rkische Lira kontinuierlich an Wert. Nachdem der US-Pr&auml;sident die T&uuml;rkei und ihre Lira nun am Freitag via Twitter endg&uuml;ltig zum Abschuss freigegeben hat, befindet sich die W&auml;hrung im freien Fall. Die T&uuml;rkei steht damit wohl am Beginn einer schweren<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45456\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,136,134,156,30],"tags":[290,1980,379,1334,877,999,1030,2102,499,1246,365,2052,1873,319,1878,2174,259,325,950,1800,1556,402,1085,2029],"class_list":["post-45456","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-banken-boerse-spekulation","category-finanzen-und-waehrung","category-schulden-sparen","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-brics","tag-china","tag-erdoel","tag-erdgas","tag-erdogan-recep-tayyip","tag-geldmenge","tag-geostrategie","tag-handelsbilanz","tag-immobilienblase","tag-inflation","tag-investitionen","tag-konkurs","tag-lohnentwicklung","tag-naher-osten","tag-protektionismus","tag-russland","tag-staatsschulden","tag-tuerkei","tag-trump-donald","tag-usa","tag-wachstum","tag-wechselkurse","tag-zinspolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45456","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=45456"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45456\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":45468,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45456\/revisions\/45468"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=45456"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=45456"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=45456"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}