{"id":45628,"date":"2018-08-23T09:00:53","date_gmt":"2018-08-23T07:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45628"},"modified":"2018-12-30T14:15:19","modified_gmt":"2018-12-30T13:15:19","slug":"die-rueckkehr-der-linken-ist-ein-albtraum-die-geballte-macht-des-iwf-der-maerkte-justiz-und-medien-contra-luiz-inacio-lula-da-silva","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45628","title":{"rendered":"\u201eDie R\u00fcckkehr der Linken ist ein Albtraum!\u201d \u2013 Die geballte Macht des IWF, der \u201cM\u00e4rkte\u201d, Justiz und Medien contra Luiz In\u00e1cio Lula da Silva"},"content":{"rendered":"<p>Curitiba, S&uuml;dbrasilien, im August 2018. Seit vergangenem 7. April sitzt der mit mangelnden Beweisen und h&ouml;chst umstrittener Rechtsbegr&uuml;ndung zu 12 Jahren Haft verurteilte, zugleich erfolgreichste und popul&auml;rste Pr&auml;sident Brasiliens aller Zeiten in einer zur Behelfszelle umgebauten Unterkunft der Regionalvertretung der brasilianischen Bundespolizei (Pol&iacute;cia Federal -PF). Ein Bericht von <strong>Frederico F&uuml;llgraf<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAls Luiz In&aacute;cio da Silva, dessen Kindheits-Kosename <em>Lula<\/em> ihm zu Weltruhm verhalf, Anfang 2011 seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff die Pr&auml;sidenten-Sch&auml;rpe &uuml;ber die Schulter legte, hatte seine Regierung nach Angaben der Weltern&auml;hrungs-Organisation (FAO) die extreme Armut um 75 Prozent abgebaut und rund 40 Millionen Brasilianer aus der Armut befreit. Aus diesen, neben anderen Gr&uuml;nden, wie dem Aufbau Brasiliens zum politischen <em>Global Player<\/em>, verabschiedete ihn sein Land nach seiner achtj&auml;hrigen Amtszeit mit einer ebenso weltweit beneideten Popularit&auml;tsrate von 87 Prozent.<\/p><p>Vier Jahre nach Beginn von &bdquo;Opera&ccedil;&atilde;o Lavajato&rdquo; (Unternehmen Waschanlage) zur angeblichen Bek&auml;mpfung der Korruption &ndash; die sich mit nahezu militanter Unterst&uuml;tzung konservativer Medien auf eine fl&auml;chendeckende  Kriminalisierung linksdemokratischer Politiker und die Zerst&ouml;rung der Arbeiterpartei (PT) konzentrierte &ndash; erlebt Lula nun mit rund <a href=\"https:\/\/www.revistaforum.com.br\/pesquisa-estadao-ipsos-com-41-lula-e-o-politico-mais-aprovado-do-brasil-rejeicao-a-temer-alcanca-94\/\">41 Prozent W&auml;hlerzustimmung<\/a> seine politische Wiedergeburt als der beliebteste unter den brasilianischen Politikern. Die bizarre Pointe: Es ist ein Comeback hinter Gittern.<\/p><p><strong>Das abgekartete Spiel zwischen M&auml;rkten und politischer Justiz<\/strong><\/p><p>Gegen das Popularit&auml;ts-Hoch des Altpr&auml;sidenten und seine F&uuml;hrung in Wahlumfragen l&auml;uft seit Monaten der Internationale W&auml;hrungsfonds (IWF) Sturm, gefolgt von den sogenannten &bdquo;M&auml;rkten&rdquo; und &bdquo;Investoren&rdquo; (in Wahrheit B&ouml;rsenspekulanten und Hedge-Fonds-Verwaltern), dem US-Department of Justice, der von ihm als <em>Trainee<\/em> eingesetzten brasilianischen Justiz und der einschl&auml;gigen Medien dieser M&auml;rkte.<\/p><p>Am 24. Januar 2018 war Pr&auml;sidentschaftskandidat Luiz In&aacute;cio Lula da Silva vom TRF4-Bundesgericht zu 12 Jahren Haft verurteilt worden. Einen Tag sp&auml;ter lancierte bereits der IWF &bdquo;Warnungen&rdquo; in brasilianischen Medien, wonach die f&uuml;r Oktober 2018 in&nbsp;Brasilien geplanten Pr&auml;sidentschaftswahlen&nbsp;ein &bdquo;Risiko f&uuml;r die Verbesserung der Wirtschaft&rdquo; darstellten (FMI v&ecirc; riscos para melhora da economia brasileira com elei&ccedil;&atilde;o -Valor Econ&ocirc;mico, 25.Januar 2018).<\/p><p>An der Wall Street herrschte &uuml;ber Lulas Verhaftung gro&szlig;e Erleichterung bis hin zu Feststimmung. Mit einem &uuml;berraschenden Plus von 8,63 Prozent &ndash; dem h&ouml;chsten Wert seit Oktober 2014, als Pr&auml;sidentin Dilma Rousseff ihre erste Amtsperiode beendete &ndash; schossen die Petrobras-Aktien an der New Yorker B&ouml;rse in die H&ouml;he. Investoren des staatlichen Eletrobras-Konzerns, dessen Privatisierung die De-facto-Regierung Michel Temer bereits angek&uuml;ndigt hat, feierten mit einem 11,55-prozentigen Anstieg auf dem US-Aktienmarkt noch h&ouml;here Gewinne. &bdquo;Jede neue Verlautbarung der Richter stemmte den Aktienwert immer weiter nach oben&rdquo;, beschrieb die Londoner BBC das Zusammenspiel von Justiz und den &bdquo;M&auml;rkten&rdquo;.<\/p><p>Alberto Ramos, portugiesischer Chef&ouml;konom f&uuml;r Lateinamerika bei Goldman Sachs, nahm kein Blatt vor den Mund. Falls gew&auml;hlt, k&ouml;nnte Lula <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45535\">die &bdquo;Reformen&rdquo; Temers<\/a> zur&uuml;cknehmen und die gegenw&auml;rtige Ausrichtung der Wirtschaftspolitik in eine andere Richtung steuern. &bdquo;Das w&auml;re ein ausreichender Grund f&uuml;r den Markt, die Kandidatur Lulas zu f&uuml;rchten&rdquo;. &bdquo;Die Verurteilung Lulas ist &sbquo;positiv&lsquo;, der Markt hat Angst vor Lula&rdquo;, gestand der Goldman-Sachs-Vertreter (Condena&ccedil;&atilde;o de Lula &eacute; &lsquo;positiva&rsquo;, mas torna elei&ccedil;&atilde;o ainda mais &lsquo;complexa&rsquo;, diz economista-chefe do Goldman Sachs &ndash; BBC Brasil, 25.Januar 2018).<\/p><p>Wie an anderer Stelle <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45473\">auf den NachDenkSeiten kommentiert<\/a>, ging die Rechnung von Justiz, Medien und Finanzmarkt, die sich mit Lulas Inhaftierung eine Vernichtung seiner Kandidatur durch W&auml;hlerabwanderung versprachen, nicht auf. Es passierte das Gegenteil. Doch kaum best&auml;tigten Umfrageerhebungen von Ende Juli, dass Lula mit 41 Prozent als Favorit s&auml;mtliche Herausforderer abgeh&auml;ngt hatte, meldete sich sein Henker, Richter S&eacute;rgio Moro, in einer sonderbaren &Uuml;bereinstimmung mit dem Chor von IWF und &bdquo;M&auml;rkten&rdquo; zu Wort. Auch die von ihm geleitete Einsatzgruppe &bdquo;Unternehmen Waschanlage&rdquo;&nbsp;sehe in den Wahlen ein Risiko f&uuml;r ihr &Uuml;berleben (Moro v&ecirc; resultado da elei&ccedil;&atilde;o como risco &agrave; Lava Jato &ndash; O Estado de S&atilde;oPaulo, 26. Juli 2018).<\/p><p>Nach Bekanntgabe von Lulas weiter ansteigendem <a href=\"https:\/\/www1.folha.uol.com.br\/poder\/2018\/08\/lula-lidera-intencoes-de-voto-seguido-por-bolsonaro-aponta-pesquisa-cnt.shtml\">Vorsprung in den Umfragen<\/a> schaltete sich vor wenigen Tagen die US-Agentur <em>Bloomberg<\/em> ein. &bdquo;Eine R&uuml;ckkehr der Linken in Brasilien ist der schlimmste Albtraum der Anleger&ldquo; (A Left-Wing Return in Brazil Is Investors&rsquo; Worst Nightmare &ndash; Bloomberg, 20. August 2018) warnte die wohl am erfolgreichsten mit B&ouml;rsen, Rating-Agenturen und der US-amerikanischen Finanzszene verzahnte &ndash; man darf auch sagen, verfilzte &ndash; Mediengruppe, die mit einem Jahresumsatz von 9,0 Milliarden Dollar (2014) auf Platz 22 der weltgr&ouml;&szlig;ten Medienunternehmen rangiert.<\/p><p>Zur Veranschaulichung, wer hinter Bloomberg steht. Unternehmensgr&uuml;nder und Ex-New-York-B&uuml;rgermeister Michael Bloombergs sogenanntes &bdquo;Netto-Verm&ouml;gen in Realzeit&ldquo; betrug am 21. August 2018 die unsittliche Summe von 52 Milliarden Dollar. Diese geballte <a href=\"https:\/\/www.forbes.com\/consent\/?toURL=https:\/\/www.forbes.com\/profile\/michael-bloomberg\/\">Finanz-<\/a> und <a href=\"https:\/\/therealnews.com\/stories\/doj-lends-a-hand-in-prosecuting-lula\">Justizmacht<\/a> ist in der Tat keine Lappalie und sie richtet sich gegen einen Mann, der im vierten Stock der Bundespolizei-Niederlassung und abgeschottet von allen anderen White-Collar-H&auml;ftlingen eine 15 m&sup2; gro&szlig;e &bdquo;Ehrenzelle&ldquo; mit Dusche belegt und &uuml;ber bess&lsquo;re Zeiten f&uuml;r Brasilien nachdenkt.<\/p><p><strong>&bdquo;Gef&auml;ngniszelle ist kein Wahlkomitee!&ldquo;: Schlagabtausch zwischen den UN und der brasilianischen Justiz<\/strong><\/p><p>Der Tag des Altpr&auml;sidenten und erneuten W&auml;hlerfavoriten beginnt mit der Morgengymnastik, die sich der 72-J&auml;hrige mit st&auml;hlerner Disziplin mindestens eine Stunde lang zumutet. Lula hat Anspruch auf drei Mahlzeiten pro Tag, die von einer beauftragten industriellen K&uuml;che zubereitet und an die Policia Federal geliefert werden. Die warmen Mahlzeiten, mittags und abends, bestehen in der Regel aus einem Nullachtf&uuml;nfzehn-Men&uuml;, mit Reis, Bohnen, Fleisch und Salat. Zum Fr&uuml;hst&uuml;ck werden ihm immerhin Kaffee, Brot und Butter serviert.<\/p><p>Mittwochs hat der Gefangene Anspruch auf Familien-Besuche, doch seine Anw&auml;lte, allen voran die Juristen Cristiano Zanin und Valeska Martins Zanin, d&uuml;rfen ihn zu jeder Tageszeit besuchen und einmal in der Woche darf Lula einen sogenannten &bdquo;geistigen Betreuer&ldquo; zu Besuch empfangen. Seit der Inhaftierung Lulas brechen allerdings auch die Besuche von weltweit renommierten, VIPs (<em>very important persons<\/em>) wie u.a. dem US-amerikanischen Schauspieler und Gewerkschaftsaktivisten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=fXOhNMF95Xg\">Danny Glover<\/a>, dem argentinischen Friedensnobelpreistr&auml;ger <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=EMcDFUpsM1s\">Adolfo P&eacute;rez Esquivel<\/a> nicht ab.<\/p><p>Der in M&uuml;nchen promovierte Franziskaner, weltbekannte Befreiungstheologe, mehrfache Buchautor und Lula-Familienfreund Leonardo Boff wurde dennoch mit Schikanen belegt. Ihm wurde der Einlass in Lulas Zelle mit der fadenscheinigen Begr&uuml;ndung untersagt, er habe ja sein Priesteramt aufgegeben. Parteifreunde und Strategen mehrten ihre Besuche und verbreiteten danach Botschaften des gefangenen Lula.<\/p><p>Anfang vergangenen Julis kam es zur ersten ernsthaften Konfrontation mit der rechtslastigen Justiz. Carolina Moura Lebbos, brasilianische Bundesrichterin und rechte Hand von Richter S&eacute;rgio Moro, wies 11 Antr&auml;ge von Medien ab, den inhaftierten Ehrenvorsitzenden der PT in seiner Zelle zu interviewen. Die Magistratin begr&uuml;ndete ihre Verf&uuml;gung mit dem umstrittenen Argument, es sei &bdquo;nicht m&ouml;glich, Lula die gleichen Rechte zuzugestehen, die B&uuml;rgern in Freiheit garantiert werden&ldquo;. Ferner, so Lebbos, schreibe das Gesetz der sogenannten &bdquo;Sauberen Weste&ldquo; vor, dass Verurteilte nicht an Wahlen beteiligt werden d&uuml;rfen (Ju&iacute;za n&atilde;o permite entrevistas e sabatinas de Lula na pris&atilde;o &ndash; Veja, 11.Juli 2018).<\/p><p>Das sah der UN-Ausschuss f&uuml;r Menschenrechte anders. Am vergangenen 17. August erlie&szlig; der Ausschuss eine Einstweilige rechtsverbindliche Verf&uuml;gung mit der Anweisung an die brasilianische Regierung, sie solle f&uuml;r die ordentliche, vor allem mediale Beteiligung Lulas an der Pr&auml;sidentschaftskampagne sorgen. Die Berichterstatterin und US-Juristin Sarah Cleveland erkl&auml;rte, dass Brasilien als Unterzeichner des Pakts f&uuml;r zivile und politische Rechte &bdquo;die Verpflichtung&rdquo; habe, die vorl&auml;ufige Ma&szlig;nahme legal umzusetzen, im Klartext: notwendige Ma&szlig;nahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, dass Lula seine politischen Rechte genie&szlig;en und aus&uuml;ben kann, w&auml;hrend er in Haft ist.&rdquo; Vertreter der Temer-Regierung und der US-freundlichen Justiz versuchen die eindeutige Verpflichtung zur &ldquo;Empfehlung&rdquo; umzubiegen, um sie damit nicht zu befolgen.<\/p><p>Mittlerweile greift umgekehrt der Protest gegen Lulas Inhaftierung auch in den USA um sich. Eine Reihe von Senatoren der Demokratischen Partei protestierten unter F&uuml;hrung Bernie Sanders&lsquo; gegen die Wahlbehinderung Lulas und fordern seine Freiheit. Die Pr&auml;sidentschaftswahlen in Brasilien erhalten eine neue Qualit&auml;t: die der internationalen Konfrontation und Isolierung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Curitiba, S&uuml;dbrasilien, im August 2018. Seit vergangenem 7. April sitzt der mit mangelnden Beweisen und h&ouml;chst umstrittener Rechtsbegr&uuml;ndung zu 12 Jahren Haft verurteilte, zugleich erfolgreichste und popul&auml;rste Pr&auml;sident Brasiliens aller Zeiten in einer zur Behelfszelle umgebauten Unterkunft der Regionalvertretung der brasilianischen Bundespolizei (Pol&iacute;cia Federal -PF). 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